Harald Martenstein Über Ernährungsweisen und Paarungsverhalten

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ZEITmagazin Nr. 16/2015

In einer Gesellschaft, in der alle gleich denken, sich gleich verhalten, gleich verdienen, womöglich auch noch ähnlich aussehen, würde ich mir vorkommen wie in einem Horrorfilm. In den Partnerbörsen versuchen sie ja immer, gleichartige Menschen zusammenzuführen. Ich finde, wenn man unbedingt einen Partner haben möchte, der in jeder Hinsicht genauso tickt wie man selber, braucht man keine professionelle Hilfe. Da ist Masturbation immer noch die unkomplizierteste Lösung.

Ich habe etwas über gleichklang.de gelesen, die "Kennenlern-Plattform für umweltbewegte, tierliebe und sozial interessierte Menschen". Die haben 15.000 Mitglieder, zwei Drittel davon sind Frauen. Viele von ihnen sind Vegetarierin oder Veganerin. In dem Artikel stand, dass 85 Prozent der Veganer sich eine Beziehung nur mit einem anderen Veganer vorstellen können. Menschen, die sich anders ernähren, seien "einfach nur furchtbar ekelhaft". Zitiert wird unter anderem die Gleichklang-Kundin Katharina B., 33, aus Berlin. Sie hatte früher auch Sex mit Männern, die Fleisch essen. Nach dem Essen mussten diese Männer immer einen Liter Wasser trinken, bevor sie sich küssen ließ. Trotzdem war der Koitus für Katharina sehr unbefriedigend: "Ich fühlte mich wie das Schlachtvieh selbst, mit viel Gier verschlungen." Katharina wollte sich während des Liebesaktes eher wie ein Grünkernbratling fühlen, mittelgrob geschrotet. Nur wenige Männer verfügen über so differenzierte Liebestechniken, zumal, wenn sie vorher einen Liter Wasser heruntergestürzt haben.

Gleichklang hat außerdem mithilfe einer Umfrage herausgefunden, dass 77 Prozent seiner Mitglieder bei der Partnersuche auf politische Übereinstimmung großen Wert legen. 63 Prozent der Wähler der Linkspartei würden zum Beispiel niemals etwas mit einem Anhänger der CDU anfangen, umkehrt ist die Abneigung ähnlich ausgeprägt. Anhänger von SPD, Grünen und Linkspartei könnten, in jeder Kombination, erotisch gut miteinander, allerdings nur in der Theorie. Sie müssen sich ja auch ähnlich ernähren.

Ich frage mich, wieso es vor diesem komplizierten Hintergrund überhaupt noch Fortpflanzung gibt in Deutschland. Ich bin ja bei der Partnersuche politisch und ernährungsmäßig relativ prinzipienlos, nur zu viel Knoblauch wäre ein Problem. Intelligenz, ein gefälliges Äußeres, ein einnehmender Charakter, Tierliebe, Toleranz, vielleicht noch Abitur und der Führerschein, falls ich abends zu viel getrunken habe, mehr muss es nicht sein. Dabei besitze ich selber keineswegs alle dieser Eigenschaften. Ich bin vielleicht nicht sehr tolerant. Aber ich würde jederzeit eine Partnerin akzeptieren, die toleranter ist als ich. Nun, ich kann in Deutschland nicht alle Kinder machen. Ich tue schon, was ich kann.

Interessanterweise gibt es nur eine Partei, deren Anhänger in Liebesdingen nach allen Seiten offen sind, dies ist die SPD. Neun von zehn Sozialdemokraten würden sich, ohne mit der Wimper zu zucken, sowohl mit CDU-Anhängern als auch mit Grünen, Liberalen, Konservativen oder den Freunden der Linken paaren, nicht einmal die CSU ist ein erotisches Tabu. Dieses Paarungsverhalten ist, wie jeder Evolutionsbiologe mir bestätigen wird, ein kleiner evolutionärer Vorteil, den die SPD hat. Wenn das Potenzial an möglichen Sexualpartnern größer ist, müsste es auch mehr Nachwuchs geben. Insofern sollte der SPD, trotz ihrer Umfragewerte, vor der Zukunft nicht bange sein. Politische Einstellungen werden von Eltern auf ihre Kinder übertragen, dazu gibt es viele Studien.

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels.

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18 Kommentare

Man kann es Ficken oder Vögeln nennen, man kann aber auch vom "Paarungsverhalten" sprechen. Die beiden ersten Begriffe, zugegeben, klingen etwas vulgär, der dritte dagegen klingt so gewollt witzig wie der Humor eines neueren deutschen Spielfilms. Für mich klingt das nach einem Schreiben, das so tut, als hätte es die 60ger und 70ger Jahre und die damit verbundene sexuelle Liberalisierung nicht gegeben, oder genauer, als hätte es diese Liberalisierung zwar gegeben, aber als sie wäre bei dem Autor irgendwie nicht richtig angekommen. So stelle ich es mir vor, wenn man auf eine Party geht, wo alle Drogen nehmen und man dann hinterher stolz erzählt, man habe zwar gezogen, aber nicht inhaliert. Wer so lebt, das ist mein Verdacht, der war zwar immer mit dabei, er hat aber keine Erfahrung gemacht. So ähnlich lesen sich für mich die Texte von Martenstein, wie Berichte aus der Vorvergangenheit. Irgendwie witzlos.

Lieber Herr Martenstein, Sie tun mir leid. Sie schreiben Glossen für Deutsche. Das kann nicht gut gehen. Jede Woche hagelt es auf Ihre pointierten Einlassungen Kommentare, die immer wieder nur eines beweisen: Ihre Leser nehmen sich selbst sehr sehr ernst. Ihnen trotz allem weiterhin viel Erfolg!

Ich bin Psychologe bei Gleichklang und Mitbegründer von Gleichklang. Ich freue mich über diesen Artikel. Denn er fördert unsere Bekanntheit. Fünf Anmerkungen: (1) Maximal 1% der Bevölkerung in Deutschland leben vegan, bei Gleichklang sind es 6%, ca. 3% - 5% der Menschen leben in Deutschland vegetarisch, bei Gleichklang sind es etwas über 25%. Die Mehrheit der Gleichklang-Mitglieder sind also keine Vegetarier oder Veganer, allerdings wollen zusätzlich noch einmal knapp 40% gerne künftig Vegetarier oder Veganer werden. Vegetarier und Veganer sind bei Gleichklang nicht in der Mehrheit, genießen aber einen sehr guten Ruf, (2) Keine zwei Menschen sind gleich, aber für eine Partnerschaft ist es förderlich, wenn in zentralen Werten Übereinstimmung besteht. Dies führt nicht zu Langeweile, sondern fördert gemeinsames positives Erleben, (3) Eine tragfähige Partnerschaft ist kein Horrorfilm, sondern einer der wichtigsten Faktoren des Lebensglücks, (4) Bei Gleichklang suchen Menschen nicht nur nach Partnerschaften, sondern ebenso nach Freundschaften und Reisegemeinschaften. Auch hierfür ist es wichtig, dass eine möglichst hohe Grundübereinstimmung besteht, (5) Anders als bei den großen Partnerbörsen geht es bei Gleichklang vorwiegend um eine Übereinstimmung tiefer gehender ethischer Werte, einschließlich politisch-gesellschaftlicher Grundüberzeugungen. Je stärker Menschen solche Grundüberzeugen haben, umso lieber möchten sie einen Menschen kennenlernen, der ähnlich denkt.

Ich bin auch Mitglied bei "Gleichklang", esse gerne Fleisch und Knoblauch, und habe dort schon einige Frauen getroffen. Alle entsprachen sie nicht den Martenstein'schen Beschreibungen. Das mag aber daran liegen, dass man seine eigenen fleischlichen Gelüste und die der gesuchten Person angeben kann. Vielleicht bin ich deswegen nie auf Radikal-Veganerinnen oder -Vegetarierinnen gestoßen.

Das Problem beim SPD Nachwuchs wird sein, dass ich mir mit der -sagen wir mal- politischen Wahllosigkeit in der Partnerwahl einhergehend auch vorstellen kann, dass sich die sozialdemokratische Einstellung nicht unbedingt dominant vererbt.
Das müsste natürlich noch empirisch belegt werden, aber wenn sich bestimmte politische Einstellungen als dominant erweisen, ist vielleicht eine grössere Sorgfalt bei der Partnerwahl gar nicht so verkehrt... (so sie denn zur Gründung der Nachkommenschaft gedacht ist. Politisch dominant anders tickende Partner also nur bei Safer Sex ?)

"Menschen, die sich anders

"Menschen, die sich anders ernähren, seien "einfach nur furchtbar ekelhaft""

Genau, eine weit verbreitete Sicht unter den misanthropischen, frömmelden Veganern, die nur diesen Weg gewählt haben, um sich als etwas besseres zu sehen.

Freaks gibt es überall, wenn diese Katharina existiert (ich bin mir da nicht so sicher), dann gehört sie dazu. Aber das passt ja nicht ins Weltbild.

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