Männer! Streng der Nase nach

© Nerd1/photocase.de
DIE ZEIT Nr. 18/2015

Da ist ein Blühen, Wehen, Sehnen – Männer! Das ist ein Frühlingshinweis. Hab ich lange dran herumgedoktert, an diesem Frühling. Die lihindähähn Lüfte sihind ähärwaacht, bei Sibylle, der geduldigsten aller geduldigen Gesangslehrerinnen ("Schon besser, Susanne!"). Übrigens Uhland. Wir dachten, es wird nie was, aber jetzt macht das Wetter mit, die Wähählt wihird schöööner, sogar in Hamburg, o frihischeher Duft! Nun ja. Mal frisch, mal nicht. Mein lieber Herr Uhland. Am Wochenende, in der Kaffeeschlange am Kiosk, die Elbe lag in der Sonne, was war das? Eher Geruch als Duft. Über dem Kaffee. Reichte bis über das Wasser. Irgendwas, dunkler als Mokka. Nasser Hund? Hund, der sich in was Nassem gewälzt hat? Tote Maus? Möwenreste?

Es war dieser Typ. Sah aus wie Hipster, war aber nicht hip, jedenfalls dusch-scheu. Hätte ja die Brille abnehmen müssen zum Duschen. Entweder man sieht nichts, oder man muss sie trocken wischen, was sind das für Alternativen, Mutti, oder weißt du was?

Ich bin ratlos. Neulich im Flieger. Sehr viel Geruch, ich meine, für einen, der mit Aluköfferchen unterwegs ist. Und auf dem Weg zum Gate durch die ausgedehnteste Flakonsammlung nördlich der Alpen kurven muss, wo man doch gar nicht umhinkommt, hinterher wie Blümchen abzustrahlen, wenn man endlich bei B33 angekommen ist.

In der Kirche. Der Mann mit der gelben Cordhose. Bei Männern mit Cordhosen bin ich vorsichtig, zwar meine Altersklasse, womöglich betucht, aber muss es immer Cordtuch sein? Dieser affige Ring auf dem kleinen Finger. Sieht doch nur süß aus, wenn man schwul ist und auch sonst süß, sagen wir, wie Jean Cocteau mit seinen Mädchenfingerchen, und auf dem zartesten das Liebespfand von Cartier, der dreifache Knoten aus Gold. Ich bin sicher, Cocteau roch gut, weil er auf dem Markt in Milly-la-Forêt jede Woche ein Kilo Pfefferminzbonbons kaufte, wer jede Woche ein Kilo Pfefferminzbonbons lutscht, riecht doch noch in jedem Fältchen frisch und grün.

Aber die anderen, die keine Pfefferminzbonbons lutschen oder ungern duschen, sagen wir, Lehrer, solche, von denen meine Buben behaupteten, man könne mit geschlossenen Augen riechen, welcher von diesen Typen gerade vorne stehe. Was ist da los? Folgende Überlegungen. Drei Hypothesen.

1. In jedem Mann steckt das Tier. Man muss bei Tiervergleichen vorsichtig sein, aber der Hund (sorry) wälzt sich ja in der toten Maus, um seinen Stammesbrüdern und natürlich den anderen, den riesigen Boxern, den scharfen Vizslas et cetera zu signalisieren, sicherheitshalber aus großer Entfernung, was für ein scharfer Hund er selber ist. Reine Sicherheitsmaßnahme. Bleib mir vom Leib! Wirkt auch bei Indianern und in der Kaffeeschlange.

2. Lockstoffe. "Nicht mehr waschen!", soll Napoleon aus Russland an Joséphine in Malmaison telegrafiert haben, "Krieg gleich aus. Komme!" Bevor Waxing in wurde, war duftiges Gebüsch in (vor Jahrhunderten!). Wir wissen nicht, was Madame zurücktelegrafierte, ob sie kleine, ungewaschene Männer liebte. Fakt ist, der Geruch der Männerachsel soll Frühlingsstimmung stimulieren, aber wer kommt da schon immer hin? Mit der Nase! Eben. So kommt der Duft zur Nase.

3. Dieses ganze gehetzte Leben. Keine Zeit für gar nichts. Wer nicht schläft, kann auch nicht duschen. Wer nicht duscht, hat auch keine Zeit, den Anzug aus der Reinigung zu holen. Man möchte es nicht dramatisieren, aber sicher ist, ein sich genüsslich im Schaumbad rekelnder Mann, der alle 20 Minuten a bissl heißes Wasser nachlaufen lässt, gehört nicht zur Palette moderner Männlichkeit. Selbst die Reklame für Badewannen zeigt immer nur Mädels im neuen Wannendesign. Ich finde, das ist altmodisch und muss anders werden!

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

Kommentare

30 Kommentare Seite 1 von 7 Kommentieren