Das war meine Rettung "Mein Vater war ein Lebemann, der mit Models ausging"

Als Kind sehnte sich Frédéric Beigbeder nach seinem Vater – und fand einen Weg, weniger zu leiden. Von
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 19/2015

ZEITmagazin: Monsieur Beigbeder, wie steht es um Frankreich?

Frédéric Beigbeder: Jeden Tag, wenn ich Fernsehen schaue oder Zeitung lese, wird mir erklärt, wie schlecht es Frankreich geht. Das Land ist in der Krise, und die Franzosen sind unglücklich. Sie jammern, es gebe keine Arbeit, sie hätten keine Hoffnung. Sie spüren, dass Frankreich als Großmacht nicht mehr existiert, dass eine große Zivilisation im Sterben liegt. Vielleicht ist Frankreich schon 1940 gestorben: Nach elf Tagen kam die Niederlage gegen die Deutschen, von dieser Demütigung hat sich das Land nie erholt.

ZEITmagazin: Auch Sie haben Tiefen erlebt, vor allem, als Sie in der Werbebranche arbeiteten.

Beigbeder: Ich hatte mich mehr und mehr dem Feiern, dem Alkohol und den Drogen hingegeben, wahrscheinlich, um vor etwas davonzulaufen. Das war anfangs noch ganz lustig, als es nur ab und an passierte, aber als es exzessiv wurde, war es eher selbstzerstörerisch.

ZEITmagazin: Ist die Werbebranche wirklich so eine destruktive Welt?

Beigbeder: Sie macht einen verrückt. Die meiste Zeit bringt man Lügen unter Millionen von Menschen: Kaufen Sie dieses und jenes, und Sie werden glücklich. Aber ausgerechnet diejenigen, die allen erklären, wie man glücklich wird, sind selbst sehr unglücklich. Denn einerseits hat man enorme Macht, andererseits ist es letztlich total frustrierend, weil man den Kunden viel vorschlägt, was abgelehnt oder korrigiert wird. Das ist so, als ob jemand sagen würde: Leonardo, ich find die Idee mit dem Mädel, dieser Mona Lisa, ganz gut, aber warum hat sie so ein komisches Lächeln? Kann sie nicht mal einen Lachanfall bekommen? So läuft es in der Werbung. Am Ende ist man voller Hass und Wut.

ZEITmagazin: Wie sind Sie mit dem ganzen Frust umgegangen?

Beigbeder: Um mich abzureagieren, habe ich damals mein Buch 39,90 geschrieben. Das war meine Rache für all die Mona Lisas, die mir verboten wurden. Und ich habe eine Therapie angefangen. Über mehrere Jahre sind mir in Gesprächen mit einem Psychiater viele Dinge über meine Familie klar geworden, über die Scheidung meiner Eltern und die Abwesenheit meines Vaters, der fortging und den ich in meiner Kindheit kaum sah. Meine Mutter hat meinen Bruder und mich allein großgezogen. Mein Vater war ein Lebemann, der mit Models ausging und Luxusautos wie Bentleys und Aston Martins liebte. Ich habe ihn sehr bewundert, aber meine Kindheit war ziemlich traurig. Als ich acht Jahre alt war, begann ich mit dem Schreiben. Immer wenn ich ihn besuchte, nahm ich ein Heft mit, in dem ich alles aufschrieb, die gemeinsamen Essen, die Filme, die wir sahen, die Reisen, die wir machten. Schreiben bedeutete für mich, alles festhalten zu wollen. Seit diesen ersten Tagebüchern betrachte ich das Schreiben als Mittel, das Erlebte, das Vergängliche zu verewigen, absolut flüchtige Augenblicke in Stein zu meißeln. Darin sehe ich den Sinn von Büchern.

ZEITmagazin: Sie haben jetzt ein Buch über die Jugendliebe zwischen dem Schriftsteller J. D. Salinger und Oona O’Neill geschrieben, die später Charlie Chaplin heiratete. Was hat Sie an dieser gescheiterten Liebe fasziniert?

Beigbeder: Ich schreibe lieber traurige Liebesgeschichten, was eigentlich merkwürdig ist, weil ich momentan sehr zufrieden und glücklich bin. Das liegt übrigens indirekt auch an Oona O’Neill, weil sie mich zu meiner Frau Lara geführt hat. Aber von vorn: Ich wollte über Oona schreiben, weil ihr Leben ein bisschen meinem gleicht. Auch sie sah ihren Vater, den Dramatiker Eugene O’Neill, öfter auf Fotos als in der Wirklichkeit. Ich fing an, mich für sie zu interessieren, und reiste nach New Hampshire, um J. D. Salinger zu treffen, der 1940 in Oona sehr verliebt gewesen war. Später habe ich den Ort in der Schweiz nahe Montreux besucht, wo Oona und Chaplin ihre acht Kinder bekamen. Mein Rückweg nach Paris führte über Genf, und dort traf ich Lara. Es ist, als hätte mich Oona zu ihr geführt. Ich habe sie bei einer Vernissage kennengelernt, wir tranken Champagner, und ich sagte ihr, dass ich nur für diesen einen Abend in Genf sei und wir unbedingt Fondue essen gehen müssten. Nach dem Essen habe ich sie in eine Schwulenbar geführt. Ich dachte mir, dort bin ich garantiert der einzige Hetero, sie hat dann gar keine andere Chance, als mich zu küssen. Sie hat ein paar Tequila Shots getrunken, und es hat funktioniert.

Frédéric Beigbeder, 49, wurde in Neuilly-sur-Seine geboren. Er arbeitete zehn Jahre für eine Werbeagentur, ehe er im Jahr 2000 mit seinem Roman "39,90" über die Werbebranche berühmt wurde. Gerade erschien sein Buch "Oona und Salinger" (Piper)

Das Gespräch führte Louis Lewitan. Er ist Psychologe und gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, Evelyn Finger und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

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