"Islamischer Staat" Der Junge, der in den Krieg ging

Samuel, 21, aus Sachsen reiste zum IS nach Syrien. Nach drei Monaten kehrte er zurück. Ist er gefährlich? Von
ZEITmagazin Nr. 19/2015

Dreimal die Woche muss sich Samuel bei der Polizei melden. Es ist ein Donnerstagabend im Frühjahr, er zieht die schwarze Wollmütze über seine rotblonden Haare, die Jeans hängt ein wenig im Schritt, in seinen Ohren stecken Kopfhörer. Der Vater wartet im Auto. Es ist schon dunkel, als Samuel einsteigt. Vor dem Hof der Familie steht ein Polizeiwagen, er steht jetzt öfter dort. Der Vater fährt Samuel zum Polizeirevier von Dippoldiswalde in Sachsen. Es liegt direkt am Markt in einem Haus aus dem Mittelalter. Samuel grüßt den Beamten am Empfang, der bringt ein Formular, notiert die Zeit, Samuel unterschreibt und verlässt die Wache. Er fröstelt, der Wind ist frisch. Später will sich Samuel noch mit Freunden in Dresden treffen.

Wer ihn in diesem Augenblick beobachtet, kommt nicht auf die Idee, dass Samuel drei Monate lang in einem der brutalsten und grausamsten Kriege der Gegenwart war. Samuel ist 21 Jahre alt, ein Sachse, ein Deutscher ohne "Migrationshintergrund". Er ist nach Syrien gegangen, um im "Islamischen Staat" (IS) zu leben, und ist nun heimgekehrt wie etwa 200 andere Deutsche auch. Samuel ist einer, den die Sicherheitsbehörden dieses Landes einen "Gefährder" nennen. Einer, gegen den ein Verfahren wegen Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat im Ausland läuft. Einer, bei dem ein ganzes Land sich nun fragt: Ist er desillusioniert, traumatisiert, geläutert oder gefährlich?

Wie es nach außen scheint, muss es sich nicht im Inneren anfühlen. Manches, was Samuel erzählen wird, ist nicht nachprüfbar. Was ist sichtbar, und was bleibt verborgen?

Ein Abend im vergangenen November. Ein Besuch bei Samuels Eltern in Dippoldiswalde. Vor drei Tagen hat sich Samuel das erste Mal wieder gemeldet. Aus Syrien. Der Vater sitzt in der Wohnküche des alten Bauernhofes, als die Mail eingeht. Samuel schreibt: Die Eltern sollten sich keine Sorgen machen, es gehe ihm gut, er sei "bei den besten Menschen". Die Familie hat seit zehn Wochen nichts mehr von Samuel gehört. Es sind Wochen, in denen die Eltern fast verrückt werden, nur noch mit Tabletten ihren Alltag bewältigen können und der Vater sich krankschreiben lassen muss. Es sind Wochen, in denen ihre einzige Hoffnung auf Claudia Dantschke liegt, der Islamismusexpertin und Leiterin der Beratungsstelle Hayat in Berlin, die sich um Eltern kümmert, deren Kinder ausgereist sind, und die immer versichert: "Er wird sich wieder melden. Sie melden sich alle."

Es sind Wochen, in denen die Eltern versuchen, sich an Vorzeichen für Samuels Weggang zu erinnern, und an alle Freunde schreiben, ob sie wüssten, wie Samuel zur Gewalt stehe. Wochen, in denen sie sich fragen: Ist unser Sohn ein Dschihadist?

Der Gedanke kommt ihnen ungeheuerlich vor. Er stellt auch ihr Leben infrage.

Der Vater ist fünfzig, ein kleiner, athletischer Mann, Verwaltungsleiter einer Schule, die Mutter ist ein Jahr jünger, Angestellte in einer Apotheke, schmal, ihr rotblondes Haar trägt sie kurz. Im Schrank steht das Bürgel-Service aus Thüringen – blau mit weißen Pünktchen, an der Wand kleben Fotos von Berggipfeln, die die Eltern gemeinsam mit ihren vier Kindern erklommen haben. Eine blonde Familie in kurzen Hosen lächelt in die Kamera. An der Wand hängt auch ein Kreuz, Samuels Eltern und Geschwister sind tiefgläubige Christen. Die Eltern blicken sich an. "Wann haben wir mitbekommen, dass Samuel im Koran liest?", fragt der Vater die Mutter. Sie schweigt, sie erinnert sich nicht mehr genau daran. Es war eine allmähliche Veränderung, eine Entwicklung, die vor etwa zwei Jahren begann.

Da tritt Max in Samuels Leben, zwei Jahre jünger als er, aus dem Nachbarort, groß, gut aussehend, eloquent. Er kann stundenlang reden, so lange, bis der stille Samuel nur noch nickt. Kennengelernt haben sich die beiden schon ein paar Jahre zuvor auf einem Stadtfest. Seinen Eltern stellt Samuel Max nie vor. Aber einmal im Sommer 2013 trifft bei Samuel ein Paket für Max ein. Die Eltern öffnen es zufällig, und darin liegt eine Softair-Pistole, eine Druckluftwaffe. Samuel hat sie für Max bestellt, weil Max noch nicht 18 ist. Die Eltern zwingen Samuel, sie zurückzuschicken, und verbieten ihm den Umgang mit Max. "Wir glauben, dass das nicht der richtige Freund für dich ist." Danach gibt es für sie keinen Max mehr. Stattdessen kommt nun ein Florian öfter zu Besuch, stellt sein Moped vor dem Haus ab, fährt mit Samuel in den Urlaub nach Tunesien, hat den Koran gelesen, will Samuels jüngere Schwester auf dem Sofa zum Islam bekehren, isst mit der Familie Abendbrot und diskutiert mit dem Vater über Religion. Florian ist stets sehr freundlich. Die Eltern schöpfen keinen Verdacht. Dass Florian Max ist, erfahren die Eltern erst nach der Ausreise der beiden nach Syrien. Samuel lässt seine Eltern im Ungewissen. Absichtlich.

Im Oktober 2013 zieht Samuel nach Jena, um Sportwissenschaften zu studieren, er will Lehrer werden. Die Eltern sehen ihn alle drei bis vier Wochen, vieles beobachten sie nun aus der Ferne. Die Frage ist: Wie viel können Eltern noch von ihren erwachsenen Kindern wissen?

Was die Eltern wissen, ist, dass Samuel den Koran liest, dass er sein Titelbild auf Facebook ändert: Früher war es der Elektro-Musiker Paul Kalkbrenner, jetzt ist es ein reich verzierter Einband des Korans. Sie wissen auch, dass er im Frühjahr 2014 zum Islam konvertiert, dass er auf der Suche ist, viele Fragen hat. Wenn er sie am Wochenende und in den Ferien besucht, will er mit ihnen diskutieren, sie von seinem Glauben überzeugen. Die Eltern waren in der DDR in der kirchlichen Opposition aktiv, haben sich für freie Wahlen eingesetzt. Nun versucht ihr Sohn sie vom Wählen abzuhalten. Demokratie, ein System für Ungläubige. Manchmal kommt die Mutter von der Arbeit nach Hause, und Samuel wartet schon in der Küche, fordert sie auf, ihm zuzuhören, mit ihm Videos anzusehen von Islamwissenschaftlern, aber auch von Pierre Vogel, einem der einflussreichsten islamistischen Prediger Deutschlands. Die Mutter will guten Willen zeigen, ihren Sohn nicht zurückstoßen. "Ihm zuliebe habe ich das angeschaut."

Als die große Schwester Samuel zum Studienanfang 2013 ein Paket mit Lebensmitteln schenkt, lehnt er ab, das meiste davon darf er nicht mehr essen: Currywurst, Gummibärchen, Salami. Als der zwei Jahre ältere Bruder Jakob mit Freunden im Garten grillt, setzt sich Samuel an einen eigenen Tisch, auf dem kein Alkohol steht. Er betet nun fünfmal am Tag, seine Hosen krempelt er hoch bis über die Knöchel. Als die Mutter ihn darauf anspricht, antwortet er, die Knöchel zu bedecken sei haram, verboten. Wenn die Familie am Tisch sitzt und betet: "Komm, Herr Jesus, sei unser Gast", findet Samuel das lächerlich. Also wählt der Vater, wenn Samuel dabei ist, ein anderes Tischgebet. Je toleranter die Familie reagiert, desto weiter scheint Samuel zu gehen, desto mehr scheint er den Respekt zu verlieren.

Der Höhepunkt ist erreicht, als Samuel ein paar Wochen vor seiner Abreise nach Syrien im vergangenen Sommer beim Abendessen nicht nur seinen Teller ableckt, sondern auch seinen Vater dazu auffordert. Es darf kein Krümel übrig bleiben. Die Eltern sind zum ersten Mal sprachlos. Mohammed, der Prophet, habe auch den Teller abgeleckt, sagt Samuel. "Aus heutiger Sicht hat er sich im Vergleich zu seinem bisherigen Leben radikal verändert, aber wir haben das als strenggläubig eingestuft", sagt der Vater. Die Eltern denken, das seien die religiösen Regeln, an die sich Samuel halten müsse. Sie werden nicht laut, sie streiten nicht, sie akzeptieren es. Religiosität ist in der Familie tief verankert, vielleicht fällt es ihr deshalb so schwer, Samuels Irrweg zu erkennen und ihn zu kritisieren. Sie sehen die Zeichen einer Radikalisierung, aber können sie nicht richtig deuten.

Nur einmal hat der Vater so etwas wie eine Vorahnung. Im Fernsehen schaut er eine Sendung, in der ein Mann von seinem Sohn erzählt, der viel Geld vom Konto abgehoben habe und dann mithilfe von Schleusern nach Syrien gereist sei. Kurz darauf fehlt auch auf Samuels Konto Geld. "Da hatte ich das erste Mal Angst", sagt der Vater. Aber Samuel hat eine Erklärung dafür, und seine Mutter beruhigt ihren Mann: "Sammy fährt doch nicht in den Krieg!"

An einem Sonnabend im März 2015 sitzt Samuel auf dem Bett und schreibt sich auf Facebook mit einer Freundin. Seit er wieder zu Hause ist, wohnt er in seinem alten Zimmer bei den Eltern. Durchs Fenster blickt er in den Garten, dahinter beginnen die Felder. Von der Disney-Bettwäsche grinst das Schwein Pumba aus dem Film König der Löwen. An der Wand hängen Medaillen vom Tischtennis, im Regal stehen die Bücher vom Deutsch-Abitur: Dürrenmatt, Grass und Hesse. Die Schrankwand, die Steinsammlung, die Auslegware – wenn es einen Superlativ von normal gäbe, träfe er auf dieses Zimmer zu.

Kaum etwas deutet darauf hin, dass ein Riss durch Samuels Wirklichkeit geht: der Koran, in Leder gebunden, im Schulterbeutel, der blauschwarze Rucksack, bedeckt mit rotbräunlichem Staub der syrischen Wüste, und der Zettel an der Tür auf Arabisch. Samuels jüngere Schwester hat ihn geschrieben. "Schön, dass Du wieder da bist", steht darauf.

Zum Gespräch setzt Samuel sich in die Wohnküche, seine Eltern bleiben dicht neben ihm. Er trägt einen kurzen Bart, sein Haar hat er wie Justin Bieber seitlich über die Stirn frisiert, immer wieder streicht er es mit den Händen glatt. Sein Äußeres ist ihm wichtig. Samuel ist klein, schmal und redet so leise, dass man ihn kaum versteht. Das Klischee von einem Dschihadisten sieht anders aus. Samuel will erzählen, seine Sicht, seine Version. Aber seinen Nachnamen oder sein Bild mag er nicht in der Zeitung sehen. Er fürchtet die Reaktionen der Öffentlichkeit und die der Islamisten.

Einen Tag bevor er fortgeht, am Donnerstag, dem 4. September 2014, übt Samuel mit seinem Freund Max in einem Schießstand im Nachbarort Paulsdorf zielen. Eine Tatsache, die nun schwierig zu erklären ist. Es sieht aus, als hätten sie für den Krieg trainieren wollen. Samuel streitet das ab. Für die Sicherheitsbehörden entspricht es dem gängigen Muster von Salafisten, die nach Syrien ausreisen. Samuel sagt heute, das Schießen sei schon lange zuvor geplant gewesen und habe nichts mit Syrien zu tun. Samuel schießt zum ersten Mal. Max trifft gut, er besitzt bereits einen Jagdschein und hat sich privat Waffen besorgt. Als die beiden sich später verabschieden, liegt Max’ Seesack mit den Waffen auf dem Moped. Dort will Samuel sie zum letzten Mal gesehen haben. Die beiden verabreden sich für den nächsten Tag in Dresden. Dann soll es losgehen.

Max’ Waffen sind verschwunden. Bis heute. Zwei Pistolen und vier Maschinenpistolen. Die Polizei sucht nun nach ihnen. Samuel sagt, er habe keine Ahnung, wo sie sein könnten.

An jenem Abend im September betrachtet Samuel seinen Vater, der auf der Couch schläft. Er prägt sich sein Gesicht ein. Er denkt, er sieht ihn zum letzten Mal. Am nächsten Morgen, Freitag, den 5. September 2014, hilft er seiner Mutter, den Stall des Hofes zu streichen. Es ist eine Geste. Dann packt er seinen Rucksack: Pullover, dicke Jacke, zwei Paar Schuhe, eins nimmt er wieder heraus, zu schwer. Eine weitere Tasche füllt er mit Schokolade, Bonbons, Chips. Er will sie spenden. Mit Süßigkeiten zieht Samuel in den Krieg.

Er verabschiedet sich nicht von seinen Eltern oder Freunden, das wäre zu auffällig. Er sagt, er gehe für zehn Tage zur Koranschule nach Dresden. Am Freitagnachmittag fährt er dann tatsächlich nach Dresden zu einem Freund aus dem Islamischen Zentrum. Sie kochen gemeinsam, später stößt Max dazu. Samuel sagt, der Freund habe nichts von ihren Plänen gewusst. Der Freund bestätigt das gegenüber dem ZEITmagazin, er denkt, die beiden wollen in München Freunde besuchen und vielleicht später nach Mekka pilgern.

Samuel und Max schlafen wenig in jener Nacht, sie sind aufgeregt, und sie überlegen sogar, wen sie noch von einer Ausreise überzeugen könnten. Die Belohnung im Paradies erhöhe sich, je mehr Menschen man mitbringe, haben sie gehört. Samuel sagt: "Ich wollte mich nicht dem Islamischen Staat anschließen. Ich wollte Familien helfen. Aber der schnellste Weg nach Syrien geht über das Gebiet des IS." Und er fühlt sich auserwählt. "Mohammed hat irgendwie mal gesagt, in der Endzeit werden sich in diesem Gebiet die besten Muslime versammeln. Zu denen wollte ich gehören."

Am Samstag steigen die beiden in den Zug Richtung München. Samuel sagt, Max habe die Nummer des Kontaktmannes in der Türkei im Handy gespeichert. Diesen Kontakt habe Max von einem Asylbewerber aus der Nähe von Dresden, den er zuvor in einem Bus kennengelernt habe. Die Geschichte klingt abenteuerlich. Den Asylbewerber gibt es tatsächlich, er kennt Max und Samuel. Den Behörden gegenüber streitet er ab, Verbindung zum IS zu haben.

Beim Umsteigen in Nürnberg dreht Max auf dem Bahnsteig ein Video, in dem er sich von seiner Mutter verabschiedet, er sei für längere Zeit im Urlaub.

Am Abend nehmen Samuel und Max den Bus um 22.30 Uhr von München nach Istanbul, 32 Stunden durch Österreich, Italien, Bulgarien. Aufgehalten werden sie nirgendwo. Samuel erzählt, in Istanbul habe Max die Kontaktnummer gewählt. Der Mann am anderen Ende kann nur Türkisch, sie reichen den Hörer dem Taxifahrer weiter. Sie sollen den Bus nach Gaziantep nahe der syrischen Grenze nehmen. Sie fahren 15 Stunden durch die Türkei, wieder telefoniert Max am Busbahnhof, ein weiterer Taxifahrer übersetzt. Sie bekommen den Namen einer Einkaufsstraße. Dort sollen sie auf einen silberfarbenen Wagen warten. Nach wenigen Minuten hält ein silberner Mercedes. Samuel und Max steigen ein. Sie fahren an den Rand der Stadt zu einem zweistöckigen Haus. In der Garage steht sehr viel Gepäck. In Samuels Erinnerung sitzen und liegen in der zweiten Etage des Hauses etwa 40 Männer aus der ganzen Welt auf Matratzen: Ägypter, Tunesier, Indonesier. Ein Wartezimmer des globalen Dschihad.

Gegen Mittag werden Samuel und die anderen von einem Kleinbus abgeholt. Samuel und Max sind die einzigen Konvertiten, sie fallen auf. Später wechseln alle noch einmal den Bus. Vor der syrischen Grenze werden sie hinausgelassen. Ihre Fahrer kontrollieren, ob türkische Grenzer in der Nähe sind. Dann rennen Samuel und die anderen die 50 Meter nach Syrien. Dort warten sie. Nach 30 Minuten treffen zwei Pick-ups mit bärtigen Männern ein. Es ist Montag, der 8. September. Samuel ist am Ziel.

Wenn man Samuel heute fragt, was in ihm vorgegangen ist, als er Familie und Heimat verlässt und in ein Kriegsgebiet zieht, hat er keine Worte. Er schweigt, ringt um Sätze. "Man ist schon aufgeregt. Man weiß ja nicht, wohin es geht", sagt er schließlich. Es klingt unbeholfen. Oft lächelt er auch an Stellen, die nicht lustig sind. Was er erzählt und wie er es tut, steht häufig in keinem Verhältnis zueinander. Es kann Unsicherheit sein oder der Versuch, das Erlebte absichtlich von sich fernzuhalten. Es bleibt der Eindruck eines jungen Mannes im Zwiespalt, der für seine Gefühle und das Erlebte keine Ausdrucksmittel hat.

Dass etwas nicht stimmt, bemerken Samuels Eltern bereits am Samstagabend, noch bevor Samuel in Syrien ankommt. Die Eltern von Max rufen sie an und fragen, ob sie wüssten, wo Samuel sei. Max’ Mutter erzählt von dem Abschiedsvideo, und sie macht sich Sorgen, weil Max’ Waffen verschwunden sind. Sie will zur Polizei gehen und eine Vermisstenanzeige aufgeben. Nebenbei erfahren Samuels Eltern, dass Florian Max ist.

Der Vater versucht vergeblich, Samuel auf dem Handy zu erreichen. Am Mittwoch, dem 10. September, klingelt die Polizei bei den Eltern in Dippoldiswalde. Am selben Abend kommt eine kurze Nachricht von Samuel. Er schreibt, es gehe ihm gut, die Familie solle sich keine Sorgen machen. Er habe seinen Pass abgegeben und werde nicht mehr heimkehren. "Das war ein Stich ins Herz", sagt der Vater heute in der Wohnküche. Samuel blickt auf die Tischdecke. Er sagt, er sei sich damals schon nicht ganz sicher gewesen. Sein Vater sieht ihn von der Seite an: "Das hättest du ruhig schreiben können. Das wäre eine ganz andere Situation gewesen." Es ist das einzige Mal, dass der Vater so etwas wie Kritik an seinem Sohn äußert.

An jenem Mittwochabend im September unternimmt die Familie etwas sehr Kluges. Über Facebook postet der Vater einen Aufruf an Samuels Freunde: "Wer Samuel überzeugen will, wieder zurück nach Hause zu Familie und Freunden zu kommen, der versuche bitte per Mail mit ihm in Kontakt zu treten, denn sein Weg kann nur in den Tod führen. (...) Nur so haben wir eine kleine Chance, ihn jemals lebend wiederzusehen." Und die Freunde schreiben, sie unterstützen die Eltern. Nur ganz wenige von ihnen wollen heute über Samuel und ihr Engagement für ihn reden – zu heikel. Dieser Aufruf ist der erste Schritt in Richtung Samuels Rückkehr.

Während die Eltern zu Hause in Verzweiflung versinken, wird Samuel nach Dscharabulus gebracht. Eine Stadt an der Grenze zur Türkei, die seit dem Sommer 2013 vom IS kontrolliert wird. Die erste Woche verbringt Samuel dort in einem Haus im Zentrum. Auf Google Earth kann er das Gebäude zeigen. Samuel erzählt, dass darin so viele Freiwillige wohnen, dass sie auf dem Dach schlafen müssen. Die Männer kommen von überallher: aus Kanada, den Niederlanden, Frankreich, Russland, Saudi-Arabien. Samuel muss seinen Pass und sein Handy abgeben. Er empfindet das als normale Vorsichtsmaßnahme. Er schreibt schnell noch die Nachricht an seine Eltern. Damit endet sein Kontakt zur Außenwelt für fast drei Monate. Ob er da noch glaubt, dass er Not leidenden syrischen Familien helfen wird, oder ob er das überhaupt jemals geglaubt hat, ist schwer einzuschätzen.

Nach einer Woche ziehen Samuel, Max und die anderen in eine ehemalige Schule außerhalb von Dscharabulus um. Dort leben 600 bis 700 Männer, alle Freiwillige aus dem Ausland. Samuel wohnt in einem Zimmer mit 15 anderen, acht stammen aus Deutschland. Es ist ein Auffanglager des IS, wo entschieden wird, was mit den Männern in Zukunft geschehen soll.

Das Gelände ist umzäunt, auch das kann Samuel auf Google Earth zeigen. Vor dem Tor stehen Wachen mit Maschinengewehren. Samuel und die anderen dürfen nicht mehr hinaus, im Prinzip sind sie freiwillige Gefangene. Der "Emir", der Leiter des Aufnahmelagers, macht eindeutig klar, wer das Gelände verlasse, werde wie ein Spion behandelt.

Gebetet wird im langen Flur der Schule, die Männer haben nicht viel zu tun. Sie lernen Arabisch. Die mitgebrachten Süßigkeiten essen Samuel und Max selbst. Sie werden bekocht, und manchmal hält ein Auto vor der Schule, der Fahrer verkauft Snacks, Red Bull und Pepsi-Cola. Der IS, der größte Feind der Vereinigten Staaten, trinkt Pepsi-Cola.

Samuel wird zweimal befragt. Im ersten Gespräch geht es nur um seinen Namen, die Herkunft, das Alter und die Qualifikation. Das zweite Gespräch dauert länger. Der IS-Mann fragt Samuel auf Englisch, was er in Syrien vorhat. Er stellt ihn vor die Wahl: Möchte er sofort an die Front und in der ersten Reihe kämpfen mit einem Sprengstoffgürtel um den Bauch? Oder möchte er lieber mit einem Auto in eine Menge fahren und sich dann in die Luft sprengen oder Sonstiges – wie als Arzt oder Koch arbeiten? Er könne auch eine Spezialausbildung machen und lernen, wie man Bomben baue. Es klingt wie ein Multiple-Choice-Test des Grauens. Samuel antwortet nicht. Wenn diese Reise je ein Abenteuer war, dann ist es in diesem Augenblick zu Ende.

Samuel erscheint das erste Mal erschüttert. "Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Ich war baff", sagt er heute. So habe er sich das nicht vorgestellt. Es klingt ein wenig zu naiv. Von Familienhilfe für Bürgerkriegsgeschädigte oder Wiederaufbau von Häusern ist keine Rede. Während Samuel dies erzählt, serviert seine Mutter in Dippoldiswalde selbst gebackenen Apfelkuchen. Sie kann nichts dafür, aber es wirkt bizarr, wie die Szene einer Theateraufführung über das friedliche, bürgerliche Deutschland. Und der Sohn spielt darin die Tretmine.

Samuel sagt, dass viele sich für den Kampf entschieden hätten. Auch sein Freund Max. Da muss es passiert sein, dass Samuel und Max den Kontakt verlieren. Der Freund redet kaum noch mit ihm, weiht ihn nicht in seine Pläne ein. Eines Tages betritt Samuel das Zimmer, als Max gerade dabei ist, seine Sachen zu packen. Er sagt, er gehe kämpfen. Samuel fragt ihn, ob das der richtige Weg sei, warum sie nicht eher darüber gesprochen hätten. Sein Freund schneidet ihm das Wort ab. Samuel sieht dabei zu, wie Max mit 15 anderen in einen Bus klettert und fröhlich abfährt, seinem vermutlichen Tod entgegen. Nun ist Samuel allein. Gern würde man Max’ Version hören. Es geht nicht. Er ist noch immer dort. Und seine Eltern mögen nicht reden.

Samuel schildert die Stimmung in der Schule wie die in einer Sekte. Seinen Namen hat er abgelegt, er heißt jetzt Abu Salah. Eine Zeit lang denkt auch er nicht mehr an zu Hause, nachts unterhält er sich mit einem anderen Deutschen über das Paradies. Sie malen es sich aus: luxuriöse Ruhebetten, butterweiche Früchte, schöne Frauen. Die völlige Glückseligkeit. "Das bestärkt einen so, dass man sich fast wünscht zu sterben", sagt Samuel. Der Märtyrertod bedeutet in ihrer Welt die höchste Stufe im Paradies. Daran glaubt Samuel: "Als Märtyrer zu sterben ist mir aber gar nicht in den Sinn gekommen."

Derweil ist die Wirklichkeit in der alten Schule weit vom Paradies entfernt. Einmal schießt der Emir mit ein paar Männern in die Luft, alle sollen aus ihren Zimmern kommen. In der Tasche eines jungen Mannes wurde ein Handy gefunden. Samuel und die anderen müssen vor dem Gebäude warten. Sie hören Schreie, der Mann wird gefoltert, später wird er weggefahren. Eine Demonstration der Macht. "Ich denke, sie haben ihn umgebracht", sagt Samuel. Der Satz wirkt in Dippoldiswalde wie ein Erdstoß. Nur Samuel zeigt keine Reaktion. Es ist einer dieser Augenblicke, in denen man sich fragt, was das alles mit ihm macht.

Ende September häufen sich die Angriffe der USA und ihrer Verbündeten gegen die Terrormiliz. Nachts kreisen Flugzeuge über der Schule, Samuel und die anderen müssen immer wieder das Haus verlassen, und einmal schlägt eine Bombe direkt neben der Schule ein. Der Krieg offenbart seine hässliche Fratze. Die Lage wird immer bedrohlicher. Samuel wird gefragt, ob er in Syrien bleiben oder im Irak kämpfen möchte. Diejenigen, die sterben wollen, melden sich für den Irak. Samuel will noch nicht sterben.

Kommentare

53 Kommentare Seite 1 von 10 Kommentieren

Na toll,
Er wollte in der wunderbaren Welt des islamischen Staates leben.
Wieso ist er nicht dort geblieben?
Jeder der dort hin reist ist Teil der Vernichtungsmaschinerie, jeder ist im Bilde über das was dort passiert.
Und nun lässt man solche perfiden Geister wieder ins Land?
Als wäre nicht passiert?

Es ist aber was passiert, es ist nahezu unmöglich das dieser, ach so arme kleine Junge, nicht selbst Christen und Jesiden massakriert hat.
Aber der deutsche Staat ist ja nachsichtig.

[...]

Gekürzt. Bitte bleiben Sie sachlich. Danke, die Redaktion/tv

Wieso hat man Leute wie Piere Vogel so lange in Deutschland agieren lassen ?
Desweiteren wurde lange in Moscheen gegen Ungläubige gehetzt, das hätte alles im Vorfeld verhindert werden können. Leute, die das ansprechen, werden in die rechte Ecke gestellt. U.a. ist das auch ein Grund, warum die Leute in Dresden auf die Straße gehen. Das wollen wir alles in unserem Land nicht haben.

Mir ist schleierhaft, wie man dermaßen radikalisiert werden kann. Das schlimmste dabei ist die Zeit. Es hat nicht ewig lange gedauert, es ging vergleichsweise rasend schnell. Als ob ihm eine Gehirnwäsche erteilt wurde.

Das macht einem Angst.

Und es zeigt mir, dass alles gegen Islamisten getan werden muss. Es bringt ganz offensichtlich nichts, alles zu erdulden, wie es die Eltern lange Zeit getan haben.

Interessanter Bericht. Bisschen viel Pathos und etwas wenig kritisches Hinterfragen zum letzten Teil der Geschichte. Es ist zwar immer schwer aus Eindrücken Dritter zu urteilen, es würde mich nicht, wundern, wenn er tatsächlich als Schläfer geschickt wurde, weil man ihn unten im Krieg mit seiner Persönlichkeit nicht brauchen kann.

Eines sticht aber recht deutlich hervor. Der Junge ist kein übertölperter Jugendlicher, der wegen einer chancenlosen Zukunft sein Heil im Krieg suchte. Er wurde von Kindesbeinen an von seinen Eltern religiös indoktriniert. Der Wechsel zur anderen Religion - die eigentlich ohnehin den selben Gott hat - war nicht viel mehr, als eine Straße zu überqueren.

Unsere Gesellschaft sollte endlich lernen, neben unseres moralisch / ethischen Verhaltens- und wertekodex keine anderen Gesellschaftsordnungen zu tolerieren. Das gilt für alle Religionen. Nur wenn wir aufhören, unsere Kinder gleichzeitig in Parallelwelten aufzuziehen, formen wir sie zu selbstbestimmten Menschen, die nicht Gefahr laufen, irgendwelchen diffusen und lächerlichen Versprechungen hinterherzulaufen.

Auch ich sehe eine Ursache in der für mich schon ziemlich extremen Religionsbezogenheit der Eltern. Andererseits ist es ja, wie auch im Artikel geschrieben, eine sehr radikale Auflehnung und Provokation ggü den Eltern, die 'falsche' Religion anzunehmen. So sehr wie Samuel versucht, seine Eltern zu bekehren (und sie zu provozieren!), so sehr scheinen die Eltern das "halte die andere Wange hin" verinnerlicht zu haben. Gleichzeitig zur zu hohen Toleranz zeigen die Eltern aber auch extremes Unverständnis auf, und "bombardieren" ihren Sohn weiterhin mit Bibelzitaten.

Mir fällt vor allem Samuels Wunsch nach klaren Regeln und Normen auf, und die Diskrepanz zur Erziehung seiner Eltern. Einerseits ist er verwundert über die Strafe im Fall Edathy. Aber sein Vater zahlt die Geldstrafe für einen Drogendelikt.
Verwundert über die Radikalisierung bin ich irgendwie nicht...