John Lydon "Mein Gehirn ist eine Zeitbombe"

Als Sänger der Band Sex Pistols wurde John Lydon vor fast 40 Jahren zur Ikone der Punkbewegung und zum Schrecken aller Spießer. Nun hat er seine Memoiren geschrieben. Ein Interview von
ZEITmagazin Nr. 19/2015

In einem abgelegenen Landhaus in einer Hügellandschaft nahe Oxford sitzt John Lydon auf einem Designersofa. Konzentriert starrt er auf einen Flachbildfernseher, in dem gerade ein TV-Koch erläutert, wie ein Lachs fachmännisch zu zerlegen ist. Als Lydons Manager die Besucher ankündigt – "The Germans!" –, faucht der Chef: "Schnauze! Ich will das hören!" Das Anwesen bietet neben fußballtorgroßen Kaminen auch ein modernes Musikstudio, in dem Lydon, der als Sänger der Sex Pistols unter dem Namen Johnny Rotten weltberühmt wurde, ein neues Album mit seiner Band PiL aufnimmt. Lydon, dem zu Sex Pistols-Zeiten der Ruf vorauseilte, enorm reizbar zu sein, vermittelt immer noch eine Ahnung von dauerhaft schlechter Laune.

ZEITmagazin: Mister Lydon, vor 40 Jahren erklärten Sie mit Ihrer Punkband Sex Pistols dem Rock-Establishment den Krieg. Zuletzt verblüfften Sie die englische Öffentlichkeit mit Ihrem Auftritt in einem Werbespot für Butter. Geht das auch als Anarchie durch?

John Lydon: Absolut. Dass eine Butterfirma ausgerechnet auf mich als Werbeträger kommt, ist doch pure Anarchie. Gut, erst war ich skeptisch, und ich hatte die Befürchtung, dass in England mal wieder alle über mich herfallen. Andererseits bin ich mein Leben lang angefeindet worden. Und nun wurde ich zum ersten Mal anständig für den Trubel bezahlt.

ZEITmagazin: Trotzdem stellt man sich vor, dass ein Punkrocker wie Sie mit Werbung wenig anfangen kann.

Lydon: Irrtum – ich liebe die britische Werbung der frühen Siebziger, die war nämlich clever! Da wurde das Produkt oft einfach ignoriert. Eine tolle Haltung. Diese Tradition wollte ich wieder aufleben lassen. Ich nahm allerdings nicht an, dass das jemand verstehen würde. Aber als dann alle von meiner Butterwerbung begeistert waren, war ich doch sprachlos. So viel Jubel, weil ich Butterwerbung mache? Irre! Die Gage war kein Vermögen, aber immerhin konnte ich es mir danach leisten, meine Band PiL wieder zusammenzutrommeln. Und nun bin ich dabei, mit ihr ein neues Album einzuspielen.

ZEITmagazin: War der Clip auch für die Butterfirma ein Erfolg?

Lydon: Und wie! Ihr Umsatz stieg um 87 Prozent. Obendrein tat ich noch etwas Gutes für England, denn die Leute wurden daran erinnert, keine importierte Butter aus Dänemark oder Neuseeland zu kaufen, sondern die gute britische Butter. Was bin ich doch für ein toller Patriot!

ZEITmagazin: Laut einer BBC-Umfrage zählen Sie zu den "100 größten Briten" aller Zeiten. Seit einigen Jahren leben Sie in den USA. Warum eigentlich?

Lydon: Ich bin geflohen! Seit ich mit den Sex Pistols loslegte, wurde ich wie ein Staatsfeind behandelt. Die Polizei hat mich über Jahre hinweg terrorisiert. In London wurde regelmäßig mein Haus durchsucht. Das alles nervte einfach. Erst landete ich in New York, dann zog ich weiter nach Los Angeles, wo ich mich sofort wohlfühlte und nun sehr entspannt mit meiner Frau Nora lebe. Ich benötigte ein in jeder Beziehung wärmeres Klima. Wir zwei sitzen hier in England, es ist wieder mal kalt, und ich habe wirklich Angst, mich zu erkälten. Sonst habe ich eigentlich vor nichts Angst, aber Krankheiten und Viren machen mich panisch. Das sind die Spätfolgen meiner schlimmen Meningitiserkrankung als Siebenjähriger.

ZEITmagazin: Damals lagen Sie sieben Monate im Koma und wären beinahe gestorben. Sie überlebten, aber Ihr Gedächtnis war gelöscht.

Lydon: Ich hatte verlernt, zu lesen und zu sprechen. Als meine Eltern mich aus dem Krankenhaus abholten, erkannte ich sie nicht. Deshalb habe ich oft noch Angst davor, einzuschlafen und mit einem ausradierten Gedächtnis wieder aufzuwachen. Manchmal wache ich, von Panik geschüttelt, mitten in der Nacht auf und überlege, wie ich heiße. Ich hasse es zu jammern, ich erwähne das nur, weil so eine Erkrankung einen innerlich sehr widerstandsfähig werden lässt. Dass ich mal so ausschweifend über Gesundheit palavern würde, hätte auch keiner gedacht, oder?

ZEITmagazin: Sind Sie denn heute gesund?

Lydon: Meinen Sie innerlich oder äußerlich? Meine Hülle hat mit den Jahren gelitten. Aber mein Verstand ist so scharf wie nie. Viele Erinnerungen, die verschüttet schienen, sind zurückgekehrt. Es ist für mich eine erstaunliche Freude, dass ich seit einiger Zeit klare Erinnerungen an die meisten Ereignisse in meinem Leben habe.

ZEITmagazin: Sie wurden vor 40 Jahren mit den Sex Pistols als wütendster Mann des Punkrock berühmt und berüchtigt. Lodert Ihr Zorn noch, oder sind Sie heute entspannt?

Lydon: Entspannt? Was ist das? In meinem ganzen Leben war ich noch nicht entspannt! Ja, wenn ich ganz viele Pillen schlucke, die meine Daueranspannung lahmlegen, dann bin ich vielleicht auch mal kurz entspannt. Aber sehen Sie, mein Gehirn ist immer unter Strom, es tickt wie eine Zeitbombe. Aber das ist auf Dauer eben auch ganz schön anstrengend, vor allem wenn man älter wird. Aber ich bin immer noch bereit, sofort anzugreifen.

ZEITmagazin: Waren Sie eigentlich schon als Kind so streitlustig?

Lydon: Ich war ein schwieriges Kind. Ich hatte schon immer ein Problem mit Autorität. Ich mache meinen Mund auf, wenn mir etwas nicht passt. Im Religionsunterricht entfachte ich die Hölle auf Erden: "Entschuldigung, aber Sie können gar nicht beweisen, dass es einen Gott gibt!"; "Wunder gibt es nicht, wollen Sie mich verarschen?". Tja, damit kommt man in der Schule nicht weit. Allerdings war meine Wut immer mit Humor angereichert. Witz schlägt Wut um Längen. Das erkannte ich, als ich mit Humor den Prügeln unserer Schulhofschläger entkam. "Gib uns dein Taschengeld!", sagten sie, und ich antwortete: "Hab ich nicht dabei, aber kennst du diesen Witz?"

"I am an anti-christ / I am an anarchist", schrie John Lydon als Johnny Rotten für die Sex Pistols ins Mikrofon. © Graham Wood/Getty Images

ZEITmagazin: In Ihren Memoiren schreiben Sie, dass Sprache immer Ihre bevorzugte Waffe gewesen sei.

Lydon: Als ich damals lange im Krankenhaus lag, rettete mich die Bibliothek dort. Lange starrte ich einfach nur auf irgendwelche Seiten und versuchte, mich an die Bedeutung der Buchstaben zu erinnern. Literatur und Kunst brachten mich zurück ins Leben und halfen mir, mein Gedächtnis zu reaktivieren. Seitdem sind Bibliotheken für mich das Zentrum des Universums. Der Fähigkeit zu lesen verdanke ich das Gefühl, unabhängig zu sein. Sehr viel habe ich einem Englischlehrer zu verdanken, der mich zwar hasste, dessen Unterricht ich aber trotzdem liebte. Er erklärte mir sehr plausibel, worin die Magie des Lesens besteht. So kam ich zu Shakespeare. Wums! Shakespeare! Ich war sofort Feuer und Flamme. Wenn man den poetischen Beat von Shakespeare verstanden hat, gibt es kein Entkommen.

ZEITmagazin: Sie mussten schon früh Verantwortung übernehmen und sich um Ihre drei kleinen Brüder kümmern ...

Lydon: Es war einfach eine Notsituation, weil meine Mutter oft und lange krank war. Meine Eltern hatten für Selbstmitleid nichts übrig. Rückblickend war das das Beste, was sie mir mitgeben konnten. Das Leben ist zu kurz für Selbstmitleid.

ZEITmagazin: Was verbindet Sie noch mit dem London, in dem Sie aufwuchsen?

Lydon: Nichts. Vor zwei Jahren hat mich ein britisches TV-Team zu meinem Elternhaus gelockt, also zu der Sozialwohnung in Nordlondon, in der ich den größten Teil meiner Jugend verbracht habe. Da lebte mittlerweile eine sehr nette türkische Familie. Ich war vor allem überrascht, wie klein alles war. Ich hatte diese Drei-Zimmer-Sozialwohnung als riesig in Erinnerung, was vermutlich auch daran lag, dass ich die ersten Jahre meines Lebens in einer Zweizimmerwohnung mit Außentoilette verbracht hatte. Wer so aufwächst, versteht nicht, dass kein Geld da ist. Woher sollte man auch wissen, was einem fehlt, wenn man es nie zu sehen bekommt? Nur in der Fernsehwerbung sah ich Dinge, von denen klar war, dass sie unerreichbar sind. Mit zehn begann ich über die Welt jenseits unseres kleinen Viertels nachzudenken. Irgendwann wurde mir klar, dass es da draußen Menschen gibt, die viele Besitztümer haben, die sie mit Leuten wie uns nicht teilen wollen.

ZEITmagazin: Ihre Memoiren tragen den Titel Anger is an Energy, Wut ist Energie. Wann waren Sie zuletzt so richtig wütend?

Lydon: Früher explodierte ich ständig vor Wut wegen irgendwelcher Kleinigkeiten. Jetzt kanalisiere ich meine Aggressionen vernünftiger, nämlich nur noch in der Musik.

ZEITmagazin: War Zorn Ihr Motor, als Sie mit den Sex Pistols loslegten?

Lydon: Meine Songs sind und waren meine Wutschreie und meine Erlösung von all den Schmerzen. "Shout, shout, let it all out", sangen Tears For Fears mal, ein großartiger Song übrigens, der mein Leben perfekt beschreibt. Punk war ein Aufstand. Und Aufstände sind eine britische Tradition, die wir seit Jahrhunderten pflegen. Das Randalieren liegt uns im Blut. Viele Briten sind krankhaft dezent: Bloß nicht auffallen! Aber die zehn Prozent der Briten, die den Mund aufmachen, sind eine mächtige Gruppe. Wenn man mich überhaupt irgendwo einordnen muss, dann genau in diese Gruppe der Randalierer.

ZEITmagazin: Gegen wen richtete sich Punkrock damals eigentlich?

Lydon: Gegen alle, die uns als dumme Exzentriker abstempeln wollten. So wurden von der britischen Oberschicht schon immer die Leute abgetan, die sich nicht unterordnen wollten. Menschen aus der working class, die nicht dem britischen Kastensystem als Sklaven dienen mochten, wurden als Exzentriker belächelt und ignoriert – eine raffinierte Methode, selbstbewusste Individualisten und Systemkritiker zu verharmlosen. Das alles trieb uns an, als wir 1975 mit den Sex Pistols anfingen.

ZEITmagazin: Gab es einen bestimmten Moment, in dem Ihnen klar wurde, dass die Sex Pistols so richtig einschlagen würden?

Lydon: Dass wir diese Wucht hatten, war mir von Anfang an bewusst. Egal, wie heftig wir uns stritten: Immer wenn wir spielten, beim Üben, bei Konzerten oder im Studio, hatte ich das Gefühl, dass wir die Welt aus den Angeln heben können.

ZEITmagazin: Sie haben nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass die Sex Pistols keine Freunde waren.

Lydon: Wir konnten uns nicht ausstehen. Aber das war für mich eher ein weiterer Antrieb als ein Problem. Die Sex Pistols waren mein Ticket, einem Drecksleben zu entkommen.

ZEITmagazin: Auch Ihr Verhältnis zu Malcolm McLaren und Vivienne Westwood, den Strippenziehern hinter den Sex Pistols, war schlecht. Was genau war das Problem?

Lydon: Schlechtes Verhältnis? Wovon reden Sie? Wir hatten überhaupt keine Beziehung zueinander! Malcolm und Vivienne waren ein skrupelloses Paar, das mit unbedarften jungen Menschen wie uns völlig unverantwortlich umging. Aber jeder von uns in der Band scherte sich deshalb auch einen Dreck um die beiden.

ZEITmagazin: Den Zank mit Malcolm McLaren haben Sie öffentlich ausgetragen. Was werfen Sie Vivienne Westwood vor?

Lydon: Gar nichts! Sie konnte mich einfach nie ausstehen. Das gab sie mir von Anfang an unmissverständlich zu verstehen. Umso erstaunter nehme ich zur Kenntnis, dass sie seit einiger Zeit in Interviews darauf herumreitet, was für tolle Freunde wir damals gewesen seien. Faszinierend, die Senilität umnebelt wohl ihr altes Hirn, das ist die einzige Entschuldigung, die ich gelten lassen kann.

ZEITmagazin: Ihrem Buch zufolge herrschte in den Anfangszeiten der Sex Pistols in England eine Atmosphäre der Gewalt.

Lydon: Das Risiko physischer Gewalt lag ständig in der Luft. Wir hatten mit unserer Musik eine Grenze überschritten und die britische Gesellschaft herausgefordert. Die Gefühle, die ich zum Ausdruck brachte, waren den Ordnungshütern nicht geheuer. Ich war ein wütender Junge, zur rechten Zeit am richtigen Ort.

ZEITmagazin: Welche Bedrohungen nahmen Sie damals wahr?

Lydon: Es wurde überlegt, uns wegzusperren. Das war kein Verfolgungswahn. Im Parlament wurde darüber debattiert, wie mit uns zu verfahren sei. Das war aber auch ein eindrucksvoller Beweis dafür, wie wirkungsvoll Worte sein können: Ja, Songs können die Welt verändern. Und das ist doch sehr viel angenehmer, als aufeinander zu schießen.

ZEITmagazin: Wurde Ihnen die Aufregung manchmal auch zu viel?

Lydon: Nie, ich habe sie genossen. Ich kam ja aus dem Nichts, aus den Slums. Die Vorstellung, dass einer wie ich überhaupt irgendeinen Einfluss auf diese Gesellschaft haben könnte, die ich so hasste, war großartig. Je mehr Hass mir entgegenschlug, umso begeisterter machte ich weiter. Wer so schnell so viele verschiedene Menschen zur Weißglut trieb, musste etwas richtig gemacht haben. Jede Drohung gegen mich bestätigte, dass ich etwas zu sagen hatte, das es wert war, gesagt zu werden. Diese Energie hatte ich allein meinen Feinden zu verdanken, nicht meinen Fans.

ZEITmagazin: Energie in allen Ehren, aber das Geld ließ auf sich warten, oder?

Lydon: Das können Sie laut sagen! Eigentlich warte ich immer noch. Wenn man die Dinge so unbedarft angeht wie wir damals, wird kaum Geld dabei rumkommen. Wer reich werden will, sollte das anders anstellen. Meine innere Freiheit besteht vermutlich darin, dass mir all die Hinterlist und der Verrat nicht die Seele verbrannt haben. Ich wurde brutal über den Tisch gezogen. Aber das bereitet mir keine quälenden Albträume. Ich war eben schon immer anders als die meisten Menschen. Immerhin das erkannte Malcolm McLaren. Jemanden wie mich hatte er noch nie erlebt.

ZEITmagazin: McLaren beeindruckten Sie damals auch mit einem Pink-Floyd-T-Shirt, bei dem Sie über den Bandnamen mit einem Filzstift "I HATE" geschmiert hatten. Das muss doch heute ein Vermögen wert sein. Haben Sie das noch?

Lydon: Dummerweise ist das weg. Das hatte ich mal unserem Schlagzeuger Paul Cook geliehen, der sich damit aus dem Staub gemacht hat.

ZEITmagazin: Vielleicht hängt es ja gerahmt in irgendeinem Hard Rock Cafe.

Lydon: Um Himmels willen, bloß nicht! Meine Sachen von früher tauchen meistens irgendwann bei eBay auf. Ich bin immer wieder fassungslos, was da an altem Punkrock-Trödel verhökert wird. Für mich ist das eine widerwärtige Industrie von Parasiten, die deinen alten Kram zu Geld machen wollen.

ZEITmagazin: Gucken Sie manchmal, was von Ihren Sachen bei eBay zum Verkauf steht?

Lydon: Ich verschwende da nicht meine Zeit, aber ich habe Freunde, die mich auf einiges aufmerksam machen. Stellen Sie sich vor, da waren neulich sogar alte Unterhosen von mir zu ersteigern. Mir ist es ein Rätsel, wo sie die herhaben. Aber was soll man anstellen, wenn sie deine alten Unterhosen verkaufen? Anrufen und sagen: Die sind gar nicht von mir? Lieber nicht.

ZEITmagazin: Hat sich die britische Gesellschaft aus Ihrer Sicht in den vergangenen 40 Jahren verändert?

Lydon: Nichts hat sich verändert! Auch in diesem Jahrtausend gibt es noch tiefe Gräben zwischen den Klassen und riesige Einkommensunterschiede. Ich sage nicht, dass alle Menschen gleich viel besitzen müssen. Manchen Leuten steht mehr zu, weil sie mehr arbeiten, damit habe ich kein Problem. Aber diese drastische Armut ist durch nichts zu rechtfertigen, weder in England noch sonst wo auf der Welt. Wer akzeptiert, dass eine breite Bevölkerungsschicht ohne Geld und Bildung aufwächst, darf sich nicht über künftige Turbulenzen einer abgehängten Generation beschweren. Ich weiß genau, wie sich so eine Jugend anfühlt. Ich bin aus dem Teufelskreis des Selbstmitleids ausgebrochen und habe dafür gesorgt, dass in meinem Leben etwas passiert. Ich bin kein Genie, ich hatte nur das Glück, dass die Sex Pistols etwas Erfolg hatten.

ZEITmagazin: Sie haben mit den Sex Pistols und später mit PiL bemerkenswerte Platten produziert. Aber geredet wird vor allem über den Krawall, der Ihr Leben begleitet hat. Fühlen Sie sich als Künstler unterschätzt?

Lydon: Nein, das ist in Ordnung. Die meisten Menschen sind doch in extrem langweiligen Existenzen gefangen. Kein Wunder, dass die sich für meine Abenteuer interessieren. Aber mal im Ernst, wenn man als Musiker sofort sehr erfolgreich ist, wird das den Rest des Lebens prägen. Aber dieser Tatsache möchte ich gar nicht aus dem Weg gehen. Ich bin stolz auf jeden Radau mit den Sex Pistols.

ZEITmagazin: Nächstes Jahr werden Sie sechzig. Ab wann ist man zu alt für Punkrock?

Lydon: Nie! Ich randaliere ja immer noch.

John Lydon, 59, geboren in London, wurde 1975 Mitglied der Sex Pistols und nannte sich Johnny Rotten. Nach der Auflösung der Band 1978 gründete er Public Image Ltd. (PiL). In diesen Tagen erscheint seine Autobiografie "Anger is an Energy. Mein Leben unzensiert" (656 S., 24,99 €) bei Heyne Hardcore

Kommentare

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Nach Dschungelcamp nun also Butter-Werbung. Wohlgemerkt: Butter! Ein Produkt, das in der popkulturellen Mythologie wie kaum ein anderes für kleinbürgerliche Idylle, trautes Heim und Familie steht. Da sind sie also nun gelandet, die großmäuligen Rebellen aus den späten siebziger Jahren. Und erneut besitzt dieser biedere Kaffeehausrevoluzzer die Chuzpe, seine kommerziellen Marketingaktivitäten (um nicht zu sagen: seine Prostitution) mit Subversion und Cleverness zu rechtfertigen. Wir sollten ihm aber dafür danken, offenbart er doch damit wie miefig, wie spießbürgerlich, wie narzisstisch und von Selbstbetrug durchdrungen in Wahrheit dieses ganze Punker/Post-Punkermilieu ist. Fällt der Lack erst einmal ab, kommt sogleich ein ganz schnöder Bourgeois zum Vorschein. Fazit: Mit seinen illusionären Idealen ebenso auf ganzer Linie gescheitert wie dereinst schon diese geistig verwirrte 68er Generation. Mir kommt nur noch das Mittag hoch bei solchen Typen.

...Ja, soll er vielleicht Werbung für Luxusartikel statt Butter machen, das wäre Ihnen wohl lieber? Soll er sein Leben quasi so weiterführen, wie er es von Kindheit auf kennt? Natürlich nicht. Wer von unten kommt nimmt auch einmal die Chance wahr, ein besseres - nicht luxuriöseres - Leben zu führen, wenn es sich anbietet.

Die 68er Bewegung ("geistig verwirrt"?) genau wie die Punkbewegung haben zumindest versucht, auf politische und gesellschaftliche Probleme hinzuweisen. Wahrscheinlich war die Punkbewegung gar die letzte, denn was haben wir heute? Mir fällt da keine länger währende, aufmotzende (Jugend)bewegung mehr ein, vermutlich alles abgestumpft und erst recht angepasst.

Und wenn ich Ihren im abwertenden Ton gehaltenen Kommentar lese, würden Sie bestimmt nicht lange überlegen, böte man Ihnen an, bei den Royals oder anderen, wohlhabenden Leuten von einem "normalen" gar in ein Luxusleben zu wechseln, oder würden Sie Ihrer jetzigen Lebenseinstellung ewig treu bleiben?

Bei erwähntem Mittag: wenn das schon so auf den Magen schlägt, wie verkraften Sie all die anderen Fälle von Menschen, die plötzlich Ihre Ideologien hinter sich lassen. Einen Mangel an Wendehälsen gibt es ja gerade nicht...

Die Butter-Werbung geht in Ordnung: Witzig und ziemlich britisch...
Außerdem: Von irgendwas muss man ja seine Miete bezahlen.

John Lydon altert wenigstens würdevoller als unsere bierernsten (im Wortsinn) Toten Hosen oder andere Berufsjugendliche.

Schönes Interview, auch wenn man ganz deutlich spürt, dass er die Hälfte der Antworten das Blaue vom Himmel lügt ;-)

God save the Queen...