Ryan Gosling "Ich bin Feminist"

ZEITmagazin Nr. 20/2015
Ryan Gosling ist nicht nur ein Frauen-, sondern auch ein Männertyp. Jetzt hat der Schauspieler zum ersten Mal Regie geführt. Von

"Hi, hier ist Ryan." Es ist ein Freitagnachmittag im April, als das Telefon klingelt und Ryan Gosling sich am anderen Ende der Leitung meldet. Es soll noch einmal um den Film gehen, seinen Film, Lost River. Es ist fast ein Jahr her, dass wir uns in Cannes getroffen haben, am Tag nach der Weltpremiere seines Regiedebüts. Es war kein leichter Tag für ihn, die Kritiker hatten den Film auseinandergenommen. Jetzt sitzt Gosling, 34 Jahre, seit über zwei Jahrzehnten im Entertainment-Geschäft, in seinem Hotelzimmer in Austin, Texas. Irgendetwas am Telefon funktioniert nicht, aber ansonsten: "I’m fine, thank you." Am Tag zuvor wurde sein Film in Austin gezeigt, und seine Erleichterung darüber ist deutlich zu hören. "Ich bin wirklich froh, dass er endlich überall anläuft und sein Publikum findet." Vergangene Woche war Ryan Gosling in Frankreich und in England, auch dort läuft Lost River mittlerweile, von Ende Mai an ist er in Deutschland zu sehen. Er hat gekämpft und nicht aufgegeben, ganz so, wie man es von vielen Filmfiguren kennt, die er spielt. "Ich habe jetzt das Gefühl, wirklich alles für den Film getan zu haben." Und nach einer kurzen Pause, zu hören ist nur das leise Rauschen der Telefonverbindung: "Es war nicht leicht auszuhalten, dass die gesamte Presse, die der Film lange Zeit hatte, nur auf dieser einen Vorführung beruhte." Dieser einen verdammten Vorführung vor einem Jahr.

Es gibt keine passendere Kulisse als Cannes während der Filmfestspiele, um mit einem der größten Hollywoodstars über sein Leben und über seine Arbeit zu reden. Während sich auf der Croisette, der berühmten Strandpromenade, die Menschenmassen langsam durch die Frühsommerhitze bewegen, sitzt Ryan Gosling im Schatten der Dachterrasse eines Luxushotels.

Am Vorabend hatte Lost River Premiere. "Ich habe im Publikum gesehen, wer da alles saß, berühmte Regisseure, berühmte Schauspieler", sagt er. "Ich habe mich gefühlt wie in einem Traum, in dem du nackt zur Schule gehst – und dann fallen dir auch noch alle Zähne aus."

Am Tag danach trägt Gosling ein hellblaues, gestreiftes Hemd, im gleichen Hellblau wie die Augen. Die Ärmel hochgekrempelt, dazu ein dunkelblaue Hose, leicht abgewetzte Lederschuhe, um den Hals eine dünne Silberkette, am Handgelenk eine alte Uhr, dunkelblonde Haare, Dreitagebart. Ryan Gosling weiß, dass er seit Jahren als männliches Sexsymbol gilt. "Niemand wächst ja als Sexsymbol auf", sagt er, "insbesondere nicht in Kanada. Wir Kanadier glauben nicht an so etwas wie Sexsymbole." Er lächelt. "Aber es ist natürlich interessant, wenn man merkt, dass die Leute einen plötzlich anders wahrnehmen. Es hat auch damit zu tun, welche Rollen man spielt. Manche Figuren in Filmen hinterlassen einen derart starken Eindruck, dass sie einen in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit einfach übernehmen." Er macht eine kurze Pause. "Du wirst zu deiner Rolle. Es ist wirklich eine merkwürdige Erfahrung. Es gibt plötzlich da draußen ...", er deutet jetzt in Richtung Croisette, "... diesen Menschen mit meinem Namen, der mir nicht mehr gehört. Dieser Mensch gehört dem Publikum. Ich treffe ihn an den merkwürdigsten Orten, wie hier in Cannes. Und ich weiß immer: Irgendwo da draußen ist er. Er ist mein Doppelgänger." Er verwendet dafür das deutsche Wort: He is my doppelgänger. "Er ist mein böser Zwillingsbruder. In Interviews treffe ich ihn auch immer, und immer macht er Ärger."

Ärger heißt auf Englisch trouble. In einem Zeitungsartikel stand einmal, dass Trouble als Kind sein Spitzname war. "So haben sie mich genannt, das stimmt. Heute trauen sie sich das nicht mehr." Was würde passieren, wenn sich doch einer trauen würde? "Ich würde ihm eine ..." Er sagt den Satz nicht zu Ende, ballt eine Faust und schlägt damit gegen die Innenfläche seiner anderen Hand. Und lächelt dazu dieses souveräne Ryan-Gosling-Lächeln, das ihn berühmt gemacht hat. Sein Gesichtsausdruck hält jetzt genau die Balance zwischen "nur ein Spaß, alles halb so wild" und "wenn es ernst wird, bin ich da".

Am Abend zuvor wurde es ernst. In einem der Kinopaläste an der Croisette wurde Lost River gezeigt, der erste Film, bei dem er Regie geführt und das Drehbuch geschrieben hat. Es gehört zu den Regeln von Cannes, dass die Kritiker den Film bereits am Nachmittag sehen und dann sofort ihre ersten Kurzkritiken im Netz veröffentlichen, kurz vor der Premiere am Abend. Es sind spontane Reaktionen, oft nur ein paar Sätze, schnell getippt. Während also das geladene Publikum über den roten Teppich langsam in den Saal geht, kann man bei Twitter verfolgen, wie die Kritiker den Film zerreißen, zu wirr, zu konturenlos, zu ambitioniert, heißt es, ohne funktionierende Story, prätentiös. David Lynch ohne David Lynch.

Lost River erzählt die Geschichte einer alleinerziehenden Mutter, die mit ihren zwei Kindern in einer verlassenen Gegend von Detroit lebt und verzweifelt versucht, genug Geld zu verdienen, um ihr Haus vor dem Abriss zu bewahren. Christina Hendricks, bekannt aus der Serie Mad Men, spielt die weibliche Hauptrolle, Ryan Goslings Freundin Eva Mendes eine Nebenrolle.

Obwohl Ryan Gosling selbst nicht mitspielt, ist der Film nicht nur das Regiedebüt eines berühmten Schauspielers: Es ist auf besondere Art das Selbstporträt eines jungen Manns. Denn Ryan Gosling ist zwar nie zu sehen, aber in jeder Szene zu spüren.

Die Bilder und die Musik erinnern an Drive, den Film aus dem Jahr 2011, mit dem Gosling endgültig zum Star wurde und an dem er so intensiv mitgewirkt hat, dass er sogar den Regisseur ausgesucht hat.

Auch zu Detroit, dieser von der Wirtschaftskrise geplagten Stadt, hat Ryan Gosling eine besondere Beziehung. "Als kleiner Junge in Kanada habe ich immer von Amerika geträumt", sagt er. "Detroit war die nächste große Stadt auf der anderen Seite der Grenze." Nicht nur das: "Detroit hat für mich Amerika verkörpert, das T-Modell von Ford, Motown, Techno, Eminem."

Erst mit 30 ist Gosling zum ersten Mal in Detroit gewesen, er hat dort mit George Clooney den Film Die Iden des März gedreht. Seitdem ist er immer wieder dorthin gereist, oft allein, mit einer Digitalkamera im Gepäck. Aufstieg und Niedergang der Stadt faszinieren ihn, weil sie eben auch für sein Verhältnis zum ganzen Land stehen, wie schnell es nach oben gehen kann und wieder nach unten. Und er ist Profi genug, um hinzuzufügen: "Die Stadt erfindet sich jetzt gerade neu, es ist wieder richtig aufregend da." Mit anderen Worten: Nach jedem Ab kann es wieder ein Auf geben.

Es sind nicht nur die Ästhetik, der Sound und die Szenerie des Films, es ist die Handlung von Lost River, die eng mit seinem Macher verbunden ist. Denn auch Ryan Goslings Mutter hat ihn allein großgezogen. Donna Gosling war Sekretärin, verdiente nie viel Geld und musste immer kämpfen, um für ihren Sohn Ryan und ihre Tochter Mandi sorgen zu können. Und so wie sich Christina Hendricks in Lost River den ganzen Film über unsympathische Männer vom Leib halten muss, so erinnert sich Ryan Gosling an seine eigene Kindheit. "Meine Mutter ist eine sehr schöne Frau. Die Männer waren wie Wölfe, sie haben ihr oft hinterhergepfiffen, es war ein Albtraum. Meinen Vater haben wir selten gesehen, er hat immer gearbeitet." Die Männerfiguren in Lost River erzählen davon. Der einzige positiv gezeichnete Mann ist ein Taxifahrer, der nur eine Rolle am Rande spielt.

Im Abspann dankt Gosling seiner Mutter und seiner Schwester. "Meiner Mutter geht es heute gut. Sie hat endlich eine Ausbildung zur Lehrerin gemacht. Während unserer Schulzeit hat sie meine Schwester und mich ein Jahr zu Hause unterrichtet, und sie war die beste Lehrerin, die ich je hatte." Und seine Schwester? Mandi Gosling arbeitet als Casting-Director in Los Angeles. "Haben Sie das 24-Stunden-Video zu Pharrell Williams’ Song Happy gesehen? Das ist das Werk meiner Schwester. Alle Leute, die darin zu sehen sind, hat sie gefunden." Jetzt strahlt er zum ersten Mal über das ganze Gesicht, er ist stolz.

Ryan Gosling und die Frauen, eine besondere Geschichte, in der das Internet eine entscheidende Rolle spielt. Als Ende des vergangenen Jahrzehnts Facebook populär wurde, tauchten dort plötzlich sogenannte Memes auf, kleine Bildchen mit einem Foto von Gosling, dazu Zeilen wie Hey Girl. Sie stammten von einem Blog mit dem Titel Fuck Yeah! Ryan Gosling, das nichts anderes tat, als süße Porträtfotos von Ryan Gosling mit Sprüchen zu versehen. Die Memes wurden weltweit millionenfach geteilt, Ryan Gosling wurde der erste Social-Media-Hollywoodstar. Bis heute wird Ryan Gosling wieder und wieder auf Hey Girl angesprochen, erst vor Kurzem auf dem Festival "South by Southwest". "Wenn du in einem Film etwas wie › I’ll be back‹ sagst, wird dir das Zitat ewig zugeschrieben, und das verstehe ich", hat er geantwortet, in Anspielung auf das berühmte Zitat von Arnold Schwarzenegger in Terminator. "Aber", hat er hinzugefügt, "ich habe das überhaupt nie gesagt!"

Es ging damals längst nicht mehr nur darum, was er gesagt hatte – sondern darum, was über ihn gesagt wurde. Ryan Gosling war eine Projektionsfläche geworden. Es war die Zeit, als er in romantischen Komödien wie Crazy, Stupid, Love mitgespielt hatte. In einer Szene des Films zieht er sein T-Shirt aus, und die Schauspielerin Emma Stone sagt: "Ist das dein Ernst? Du siehst aus wie gephotoshoppt." Die beiden haben dann keinen Sex, sie reden nur – was die Popularität von Gosling noch weiter steigerte.

Und dann passierte etwas Überraschendes: Er wird von Feministinnen entdeckt. 2011 geht das Blog Feminist Ryan Gosling online, eine Parodie auf das Fuck Yeah! Ryan Gosling-Blog – und wird zu einem noch größeren Internetphänomen. Das Blog ist die Idee einer Studentin, die feministische Zitate mit Gosling-Porträts zunächst an ihre Kommilitoninnen geschickt hat, weil sie ihnen das Lernen leichter machen wollte. Deshalb lauten die Botschaften, die sich mit Ryan-Gosling-Fotos nun über Facebook verbreiten: "Hey Girl! Derrida sagt, Sprache kann die Geschlechtertrennung überwinden, aber uns beide kann nichts trennen." Warum das so gut funktioniert? Weil es zu den Geschichten passt, die man von Ryan Gosling damals lesen konnte. "Als ich klein war, hatte ich nicht viele Freunde", sagt er in einem Interview. "Meine Schwester war meine beste Freundin und meine Heldin. Ich glaube, ich denke wie ein Mädchen." Als kleiner Junge hatte er Ballettunterricht.

Weiß er, dass er oft als Feminist beschrieben wird? "Ha!", sagt er und beugt seinen Oberkörper kurz nach vorn. Ist er einer? "Ja, ich bin ein Feminist, aus eigener Erfahrung. Ich kann aus meiner Familie berichten: Frauen sind besser als Männer." Er meint damit auch: Meine Mutter und meine Schwester sind besser als mein Vater, weil sie, im Gegensatz zu ihm, immer für mich da waren.

Mit zwölf nimmt Ryan Gosling in Kanada an einem Casting für die Disney-Sendung Mickey Mouse Club teil. Er bekommt einen Zweijahresvertrag. Dafür muss er nach Florida ziehen, "aber mein Vater wollte das nicht". Mutter und Schwester entschließen sich, mit Ryan zu gehen, der Vater bleibt in Kanada, die Ehe der Eltern zerbricht.

Von 1993 an tritt er beim Disney Channel mit anderen Kindern auf. Sie sind damals ebenso unbekannt wie er und heute genauso berühmt: Christina Aguilera, Justin Timberlake und Britney Spears. In ihrer gemeinsamen Freizeit, hat Gosling einmal erzählt, habe er mit Britney Spears öfter Basketball und Flaschendrehen gespielt.

Zwei Jahrzehnte später, in Cannes auf der Dachterrasse, muss er lachen, wenn er auf den Mickey Mouse Club angesprochen wird. "Das wurde ja erst im Nachhinein zu einem Riesending, wegen all der Leute, die berühmt geworden sind. Als wir die Show damals gemacht haben, war sie gar nicht besonders beliebt." Nach zwei Jahren wird sie abgesetzt, Gosling zieht zurück nach Kanada und unterschreibt beim Fernsehen einen Sechsjahresvertrag, für einen Teenager ein Knebel-Deal. Heute schüttelt er darüber den Kopf: "Ich habe diesen Leuten gehört." Er spielt in drei Serien mit – und alle werden wieder abgesetzt. Der Vertrag wird vorzeitig aufgelöst. Ryan Gosling ist arbeitslos und will weg vom Fernsehen, hin zum Film. "Mir war klar: Wenn ich dieses Spiel so weitermache, sitze ich irgendwann in einer Falle, aus der ich nicht mehr rauskomme." Die Falle eines Ex-Kinderstars, der kein Kind mehr ist. Besonders die Tatsache, dass er die Hauptrolle in der Serie Young Hercules gespielt hat, steht ihm im Weg. Niemand will einen Young Hercules in ernst zu nehmenden Rollen besetzen. Und dann kündigt ihm auch noch sein Agent.

Woher hat er damals das Selbstvertrauen gehabt, nicht aufzugeben? "Ich glaube, weil ich so jung war. In dem Alter denkst du nicht weiter nach, du hast ja kaum Erfahrungen gemacht. Ich hatte bei anderen gesehen, dass sie es geschafft haben, und dachte: Das schaffst du auch."

Er kämpft, geht zu Castings, spielt schließlich in kleinen Produktionen erste Rollen. Der Wendepunkt kommt 2001. In Inside a Skinhead spielt Gosling einen jüdischen Neonazi, erhält euphorische Kritiken, der Film gewinnt den großen Preis der Jury des Sundance Film Festival. Es folgt die Phase der romantischen Komödien wie Wie ein einziger Tag. 2011 laufen dann innerhalb eines Jahres gleich drei große Erfolge mit ihm im Kino: Crazy, Stupid, Love, Die Iden des März mit George Clooney und vor allem Drive. Ryan Gosling spielt einen namenlosen Mechaniker, der sich nachts als Fluchtfahrer für Überfälle anheuern lässt. Er redet kaum, sieht umso besser aus und rast mit seinem Auto durch das nächtliche Los Angeles. Im Film trägt er eine silberne Jacke mit aufgenähtem Skorpion auf dem Rücken, sie wird zu einem Modetrend.

Drive wird das, was Bullitt für seine Zeit war: cooler Film mit coolem Typen und coolen Autos. Gosling behält sein Filmauto, einen 1973er Chevy Malibu, nach den Dreharbeiten. Spätestens seit Drive und dem ein Jahr später gedrehten The Place Beyond the Pines, hier spielt er einen Motorradfahrer, gilt Ryan Gosling nicht mehr nur als Frauen-, sondern auch als Männertyp. Als der George Clooney der nächsten Generation. Das Magazin Time kürt ihn zur "Coolest Person of the Year".

Das ist die eine Seite von Ryan Gosling: der Star, dem die halbe Welt zu Füßen liegt. Von der anderen Seite, von einem Künstler, der Geschichten erzählen will, kann der Regisseur Noaz Deshe berichten. Deshe, 39, geboren in Israel, lebt seit zehn Jahren in Berlin, Ryan Gosling hat ihn dort oft besucht, gemeinsam sind sie durch die Stadt geradelt, haben über Filme gesprochen, an Projekten gearbeitet. Vor elf Jahren schon, Gosling war Anfang zwanzig, haben die beiden versucht, gemeinsam einen Film zu machen. Gosling war zuvor in Uganda gewesen und hatte dort ehemalige Kindersoldaten besucht, die in der Armee des berüchtigten Generals Joseph Kony gewesen waren. Er war berührt von ihrem Schicksal. "Wir wollten unbedingt einen Film über sie machen," sagt Deshe, "Ryan sollte Regie führen. Aber wir bekamen den Film einfach nicht finanziert." Gosling weiß heute, warum. "Es war zu früh in meiner Karriere. Ich war noch nicht in der Position, um ein solch schwieriges Thema durchzusetzen. Wir haben das Geld nicht zusammenbekommen." Deshe und Gosling haben seitdem nie den Kontakt verloren. Als Deshe, inspiriert von ihrem nie realisierten Kindersoldatenfilm, selbst nach Afrika ging und seinen eigenen Film drehte, war sein Freund Ryan für ihn da. White Shadow erzählt vom Schicksal verfolgter Albinos. Deshe hat den Film auf Goslings Laptop zu Ende geschnitten, und als Gosling eine Fassung sah, fragte er: "Wie kann ich helfen?" Er wurde Executive Producer des Films. "Ryans Name hat Türen geöffnet", sagt Deshe. Der Film wurde auf dem Sundance Film Festival gezeigt, gewann einen Preis in Venedig. "Der Film ist so großartig geworden", sagt Gosling, "ein schwieriges Thema, so einfühlsam und besonders erzählt." Sein Freund Noaz Deshe sei für ihn enorm wichtig gewesen in den letzten Jahren, für sein Verständnis von Kino ganz allgemein. "Und er hat mich immer dazu ermutigt, meinen eigenen Film zu machen."

In Cannes, am Abend der Premiere, gibt es im Saal Standing Ovations für Ryan Gosling. Jeder hier hat längst mitbekommen, wie die Kritiker reagiert haben, und so hat das rhythmische Klatschen etwas Solidarisches: Wir halten zu dir, egal, was die schreiben. Auch Wim Wenders sitzt im Publikum. Am nächsten Tag, auf der Dachterrasse, erzählt Gosling, dass er während der Dreharbeiten gefragt wurde: Wim Wenders sei gerade in Detroit, ob es okay sei, dass er am Set vorbeischaue würde? Natürlich habe er sich gefreut, sagt Gosling, "aber da führst du zum ersten Mal in deinem Leben Regie, und plötzlich kommt ein Großmeister wie Wim Wenders vorbei und schaut dir einen Tag lang zu, wie du dich so in seinem Beruf schlägst. Damit musst du erst einmal zurechtkommen." Vor einem Jahr in Cannes hat Gosling etwas trotzig gesagt: "Ein Film muss nicht jedem gefallen, aber jeder Film entwickelt sein eigenes Leben, wenn er sein Publikum findet." Gosling hat alles getan, was er tun konnte, und sich bei öffentlichen Auftritten seitdem ganz auf Lost River konzentriert. Und tatsächlich fallen viele Kritiken mittlerweile anders aus als in der ersten Aufregung. Die New York Times schwärmt von einer "ganz eigenen poetischen Sensibilität", die britische Sunday Times schreibt, dass man sich der Kraft des Films kaum entziehen könne, "er sieht wunderbar aus".

Um für den Film zu werben, hat Gosling sogar etwas getan, was er auf keinen Fall mehr hatte tun wollen. In Cannes hatte er noch gesagt: "Ich gehe nicht mehr ins Internet. Es ist ein Minenfeld! Das ist eine der besten Entscheidungen, die ich je getroffen habe." Ein Jahr später, am Telefon, lacht er bei dem Thema. "Ja, ich bin zurück auf Twitter. Ich hatte wirklich lange das Gefühl, das Internet ist einfach nur ein unheimlicher Ort, von dem ich mich fernhalten sollte." Da spricht einer, der zu viel boshaft Erfundenes über sich gelesen hat. "Aber jetzt war es großartig, zurückzukommen, um direkt mit denen zu kommunizieren, die sich für den Film interessieren."

Mit Eva Mendes hat er mittlerweile eine Tochter, Esmeralda. Sie ist im vergangenen Herbst auf die Welt gekommen. Als nach der Vorführung von Lost River beim "South by Southwest"-Festival vor Kurzem einer der Schauspieler auf der Bühne sagte: "Wir waren schon vor den Dreharbeiten Fans von Ryan", hob Eva Mendes kurz ihre Hand, nahm das Mikro und sagte: "Ich bin der wahrscheinlich größte Fan in diesem Raum!" – "Das war wirklich süß", sagt Ryan Gosling am Telefon.

Wie geht es mit ihm weiter, jetzt, da Lost River in der Welt ist? Er will weiter Regie führen, "ich habe einige Eisen im Feuer". Und natürlich arbeitet er wieder als Schauspieler. Einen Film mit dem Regisseur Terrence Malick hat er schon gedreht, ebenso den Krimi Nice Guys mit Russell Crowe und Kim Basinger. "Und gerade drehe ich in New Orleans mit Brad Pitt The Big Short, später fliege ich zurück zum Set." Dann erzählt er noch, dass er in Verhandlungen sei über eine Fortsetzung von Blade Runner, dem Science-Fiction-Klassiker von 1982. "Blade Runner ist einer meiner absoluten Lieblingsfilme. Diese Welt wieder zu besuchen und die Geschichte weiterzuerzählen wäre eine große Ehre. Ich hoffe sehr, dass es klappt." Dann muss er los, "take care, bye-bye".

Bis heute wird Ryan Gosling regelmäßig in Disneyland gesichtet, auch mit Eva Mendes war er schon da. Er, der seine Karriere bei Disney begonnen hat, fühle sich dort wohl, sagt er. "Ich mag die Vorstellung, dass jemand einen Traum hatte und ihn so verwirklicht hat, dass wir alle in ihm spazieren gehen dürfen."

Kommentare

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Smarter Typ, smarter Film, smarter Artikel. "Lost River" hat in der Tat Schwachstellen und läuft nicht immer ganz rund, bietet aber eine intensive Erzählung und atemberaubende Bilder. Würde mich nicht wundern, wenn der Streifen beim wiederholten Ansehen deutlich gewinnt. Und ich bin gespannt, was Goslings nächste Regiearbeit wird ... mal ganz abgesehen davon, dass "Blade Runner 2" mit ihm natürlich ein echter Clou wäre