Das war meine Rettung "Mein unerfüllbarer Wunsch wäre, weitere 20 Jahre zu arbeiten"

Fast wäre die Flucht George Weidenfelds vor den Nazis gescheitert. Ein Weinkrampf seiner Mutter half. Ein Interview von

ZEITmagazin Nr. 21/2015

ZEITmagazin: Lord Weidenfeld, Sie haben einmal gesagt, ohne Frauen wäre Ihr Leben anders verlaufen. Haben Sie stets die richtigen kennengelernt?

George Weidenfeld: Vom Ende her betrachtet, würde ich sagen, dass ich die richtige Frau geheiratet habe. Mit Annabelle Whitestone bin ich seit 21 Jahren verheiratet, sie hat mir den Glauben zurückgegeben, ein guter Ehemann sein zu können. Wir ergänzen uns prächtig. Meine drei Ehen zuvor sind gescheitert. Annabelle habe ich beim 80. Geburtstag meines Freundes Teddy Kollek in Jerusalem kennengelernt. Sie stammt aus einem katholischen Milieu und hat darauf bestanden, zum Judentum überzutreten.

ZEITmagazin: Frauen haben Ihnen auch beruflich Türen geöffnet. War Ihr Wiener Charme dabei hilfreich?

Weidenfeld: Ich liebe die Gesellschaft von Frauen sehr, ihr Mitgefühl, ihre Sensibilität. Als Kind war ich oft einsam, später waren mir Frauen sehr gute Beichtmütter, mit ihnen konnte ich intime Gespräche führen, während es mit Männern stets nüchterne Beziehungen waren. Durch die Herzogin von Westminster bin ich in die britische Gesellschaft eingeführt worden. Die einflussreiche Flora Solomon wiederum hat mich mit den wichtigen zionistischen Kreisen bekannt gemacht. Sie war eine Mutterfigur in meinem Leben.

ZEITmagazin: Sie waren ein Flüchtling, als Sie in Großbritannien ankamen. Nach dem Einmarsch Hitlers durften Sie als Jude in Österreich nicht weiterstudieren.

Weidenfeld: Montagfrüh um sieben Uhr haben SA und Polizei meinen Vater verhaftet. Wenige Stunden später durfte ich nicht mehr in die Wiener Universität, wo ich Jura studierte, also lief ich zur Diplomatischen Akademie, wo ich auch eingeschrieben war, dort war ich nur noch zu Prüfungen zugelassen. Ein junger Mann bemerkte meinen Kummer. Es war Kurt Waldheim, der spätere Bundespräsident Österreichs. Er wusste, dass sich die Vorlesungen wiederholten, und gab mir seine Vorjahresskripte. So konnte ich meine Prüfungen machen. Er war meine Rettung, das habe ich ihm nie vergessen. Die zweite Rettung verdanke ich meiner Mutter. Mit ihr war ich in der britischen Botschaft, wegen der Einreisepapiere. Der Beamte forderte Garantien, dass ich den Engländern nicht zur Last falle, da hat meine Mutter einen Weinkrampf bekommen und gefleht. Der Beamte ließ sich erweichen und stempelte mir ein dreimonatiges Durchreisevisum.

ZEITmagazin: Sie kamen bei einer tiefgläubigen protestantischen Familie in London unter, die Sie wie ihren Sohn behandelte. Ihre Eltern konnten später nachkommen.

Weidenfeld: Mein Gastvater las in der Times ein Inserat der BBC, die für einen neuen Propagandadienst Kandidaten mit Fremdsprachenkenntnissen suchte. Meine Eltern hatten mich weltläufig erzogen, ich beherrsche mehrere Sprachen, und meine Großmutter hat mir ein geradezu messianisches Selbstbewusstsein vermittelt. Trotzdem habe ich mich erst nicht getraut, eine Bewerbung abzuschicken. Ich habe mich dann mit 19 Jahren als jüngster Bewerber durchgesetzt. Das war der Anfang vom Aufstieg.

ZEITmagazin: Welche Bedeutung haben Loyalität und Treue in Ihrem Leben?

Weidenfeld: Ich bin zur Staatsgründung 1948 nach Israel gegangen, um für Chaim Weizmann, den ersten Präsidenten, als Kabinettschef und Berater zu arbeiten, obwohl ich zuvor mit Nigel Nicolson einen Verlag gegründet hatte. In dieser Zeit habe ich viele Kontakte geknüpft und später auch die Erinnerungen fast der gesamten israelischen Führung veröffentlicht. Nigels Vater Harold hatte ich aber versprochen, zurückzukommen. Die Familie hatte uns finanziell Rückhalt gegeben, und ich konnte sie nicht im Stich lassen. Es fiel mir sehr schwer, Israel aufzugeben. Grundsätzlich tue ich viel für meine Freunde, aber ich erwarte, dass sie Gleiches für mich tun. Harold Wilson, der spätere Premierminister Großbritanniens, war 1945 mein erster Autor, er wollte unbedingt sein Buch New Deal for Coal zur Parlamentswahl veröffentlichen, also haben wir das Tag und Nacht gedruckt. Als er gewählt wurde, hat er mich als Europa- und Nahost-Berater engagiert. Später ernannte er mich zum Sir und Lord.

ZEITmagazin: Warum wirken Sie trotz Ihrer erfüllten Verlegerkarriere so rastlos?

Weidenfeld: Ich habe mich schon immer mehr als Ideenmann gesehen. Mein Leben ist endlich, doch ich möchte noch vieles anstoßen, deshalb leide ich an Torschlusspanik. Mein unerfüllbarer Wunsch wäre, weitere 20 Jahre zu arbeiten. Es gibt so viel zu tun.

Lord George Weidenfeld, 95, musste aus Wien nach London fliehen. Dort arbeitete er als Journalist für die BBC und gründete 1945 den Verlag Weidenfeld & Nicolson, in dem etwa Vladimir Nabokovs aufsehenerregender Roman "Lolita" erschien

Das Gespräch führte Herlinde Koelbl. Sie ist Fotografin und gehört neben dem Psychologen Louis Lewitan, Evelyn Finger und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

1 Kommentar

Man spürt hier noch den Hauch von einer der Welten, die die Nazis in Deutschland zerstört haben. Eine Kultur, die der heutigen fehlt - nicht weil sie heute noch so gelebt werden könnte, sondern weil sie heutigen Kulturen auf vielerlei verschlungenen Wegen Aspekte mitgegeben hätte, deren Fehlen wir heute - u.a. durch solche Interviews - nur noch erahnen können.

Schade dass die Interviews so kurz sind - dennoch Dank an Herlinde Koelbl

Neuere Kommentare anzeigenNeuere
Ältere Kommentare anzeigenÄltere