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Schönheit Ich bin keine Französin – und das ist auch gut so

ZEITmagazin Nr. 21/2015
Warum will man Frauen weltweit einreden, sie müssten sein wie die Pariserinnen? Von

Neulich war auf dem Cover der französischen Vogue ein Model im schwarzen Ledermantel zu sehen. Daran ist nichts auszusetzen. Im Editorial erklärte Chefredakteurin Emmanuelle Alt, zum Mantel habe sie Romy Schneider in Das Mädchen und der Kommissar von 1971 inspiriert. Selten sei Romy Schneider so schön gewesen wie in diesem Film. "Sie war Deutsche", schreibt Alt, "doch ihre Schönheit, ihr Chic ließen sie wie eine Französin erscheinen." Dass Romy Schneider aus Österreich kam, wollen wir der Vogue-Chefin nachsehen. Viel interessanter: Alt, selbst eine Ikone des französischen Chics, meint offenbar, Sinnlichkeit sei ein urfranzösisches Merkmal. "Die Französin allein", schreibt sie, "ist des großen Spiels der Verführung mächtig." Ach so. Was für ein Pech für mich, dass ich nicht Französin bin. Immerhin habe ich einen französischen Vornamen und ein paar Verwandte in Frankreich. Aber ob das reicht?

Komme, was wolle, richtige Franzosen sind stolz auf ihr Land. Gauloises werden mittlerweile in den USA hergestellt, aber immer noch mit französischer Lebensart beworben: "Liberté toujours". Air France hat eine neue Kampagne lanciert: "France is in the air". Ein verliebtes Paar schaukelt durch die Lüfte. Wahrscheinlich versuchen die Franzosen bald, sich die Eleganz als Herkunftsbezeichnung schützen zu lassen: Nur was aus Frankreich kommt, darf sich dann elegant nennen.

Der Typus der nonchalant betörenden Französin hat eine lange, lebendige Tradition: Gesellschaftsdamen am Hof von Ludwig XIV., Catherine Deneuve, Charlotte Gainsbourg, Marine Vacth aus Jeune et jolie, die in Jeans auf dem roten Teppich erscheint. Französinnen werden als sinnlicher, weil natürlicher angesehen. Das Idealbild steht im Kontrast zur amerikanischen Schönheitsperfektionistin, die sich laut Klischee die Unterarme waxen und die Lippen aufspritzen lässt. Darüber kann eine Französin nur die Augen verdrehen: Die Haare trägt sie ungewaschen und ungekämmt, Rasur betreibt sie in Ausnahmefällen, schminken muss sie sich auch nicht. Sie fällt morgens bildschön aus dem Bett, und das trotz exzessiven Tabakkonsums.

Anna Ewers, gerade eines der erfolgreichsten Models, kommt aus Freiburg. Sie wird als "neue Brigitte Bardot" gefeiert und inszeniert. Gleiches widerfuhr vor 25 Jahren Claudia Schiffer, die aus Rheinberg am Niederrhein stammt. Zwei deutsche Frauen, die als attraktiv bezeichnet werden, weil sie wie eine Französin aussehen. Wer denkt sich so etwas aus? Auf den Verkaufstischen für Literatur zu Frauenmode finden sich haufenweise Ratgeber zur Enträtselung des mystischen Chics, häufig von Französinnen selbst geschrieben. Lässig, stilvoll, charmant, all das kannst du werden, wenn du dich nur französisch genug benimmst. Frauen wird damit wieder einmal das Gefühl gegeben, sie müssten was an sich ändern und bearbeiten. Ist die Transformation vollzogen, hat man dann aber immerhin eine Rechtfertigung für schlechte Gewohnheiten und verwildertes Aussehen – ungeachtet der Tatsache, dass man mit ungewaschenen und ungekämmten Haaren schnell auch einfach ungewaschen und ungekämmt aussehen kann.

Dünne Frauen ohne Schminke und mit Zigarette im Mundwinkel trifft man überall. Und meine Cousine aus Lille will sich jetzt die Haare färben und hat neulich drei Flaschen Bier einem Glas Rotwein vorgezogen. Es gibt Frauen, die wie ein Bond-Girl aussehen, und andere, die in Turnschuhen aus dem Haus gehen. Jede von ihnen strahlt auf ihre Art und Weise Eleganz und Sinnlichkeit aus – oder eben nicht. Was sollte das mit ihrer Nationalität zu tun haben?

Kommentare

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Ach, lassen Sie den Franzosen doch ihre Eleganz. Die Deutschen beanspruchen für sich halt das Ordnungs- und Fleißmonopol, was auch nicht immer zutrifft, wie Sie z.B. mit der Recherche zu Ihrem Artikel beweisen: Romy Schneider hatte nie die österreichische, sondern nur die deutsche Staatsangehörigkeit, obwohl sie in Wien geboren wurde und ihr Vater Österreicher war (vielleicht haben Sie das mit Sissi verwechselt?)

Nun ja, ich bin ein irgendwie mittelalter Mann - und weiß Gott zu welcher Art von Aussagen mich das qualifiziert... Na, sagen wir es so: das mit "den" Tragödien - die gibts wahrlich überall und wenn es dennoch, auch oder sowieso mit Humor geht, dann ist das überall die schönste Sache der Welt...
Bon, und können nicht auch Männer ganz schön theatralisch sein - oder?

"Warum will man Frauen

"Warum will man Frauen weltweit einreden, sie müssten sein wie die Pariserinnen? "

Wer tut das denn?

Ok, Frau, sorry, "Madame" Alt aus Frankreich.

Dass das ein allgemeingültiges Schönheitsideal ist, kann man nicht behaupten. Selbst Frau Alt erwähnte ja das gängige amerikanische Schönheitsideal, das sicher weiter verbreitet ist.

Und dass Anne Ewers oder Claudia Schiffer manche an Birgitte Bardot erinnern, hat ja nun mit der Nationalität überhaupt nichts zu tun, sondern mit einer äußerlichen Ähnlichkeit.

Alles ganz schön weit hergeholt.

Oh Gott, vielen Dank für diesen Artikel! Es stimmt, dass man damit bombardiert wird. Wie man sich anziehen soll, welche Diät man machen soll, wie man seine Kinder erziehen soll, alles geht in Frankreich besser. Sollen sich Frauen aus allen anderen Ländern als Versager fühlen?
Kriege ich eigentlich dann, wenn ich alles gemacht habe, auch einen gut aussehenden Franzosen zur Belohnung?? Nur so aus Interesse...