Tim Wiese Die Kampfmaschine

Als Torwart war Tim Wiese einer der Besten, dann stürzte er ab. Seine größte Herausforderung beginnt erst jetzt. Von
ZEITmagazin Nr. 21/2015

Bevor er aus dem Auto steigt, zieht er sich die Kapuze über den Kopf, dann läuft er los. Die Hände hat er in die Jackentaschen gepresst und die Ellbogen nach außen gestemmt, er geht durch die Menschenmenge, als wolle er jeden, der sich ihm entgegenstellt, aus dem Weg rammen. Er ist 1,96 Meter groß und breit wie eine Tür.

Er betritt das Stadion, steigt eine Treppe nach oben. Ein langer Flur, überall Leute. Stehtische, Biergläser, der Geruch von Currywurst. Er streift die Kapuze vom Kopf und setzt die Sonnenbrille ab, die er getragen hat, um nicht erkannt zu werden. Sein Gesicht ist gebräunt und ein wenig voller als zu der Zeit, in der man es ständig in der Sportschau sah. Die Augen sind jetzt klein und misstrauisch. Es ist, als warte er auf irgendeine Reaktion, ein Erkennen, einen Aufschrei. "Wiese, Wiese!", haben sie früher gerufen aus tausend Kehlen, wenn er den Rasen betrat, der hinter den Scheiben grün leuchtet.

Aber jetzt passiert nichts.

An einem Tag im März steht Tim Wiese in einem der VIP-Bereiche des Bremer Weserstadions. Vor ein paar Jahren war er hier Torhüter, außerdem war er Nationalspieler. Auf der Linie unschlagbar, ein Elfmeterkiller, für die Fans der "Riese Wiese". Sieben Jahre lang hielt er für Werder Bremen, bis er 2012 zu einem anderen Verein wechselte, zur TSG Hoffenheim in den Kraichgau. Plötzlich schien da ein anderer Wiese im Tor zu stehen, einer, der die Bälle nicht mehr kriegte. Nach fünf Monaten wurde er aussortiert, selten ging eine Fußballkarriere so schnell zu Ende. Jetzt ist Wiese 33 Jahre alt und eine Art Frührentner.

Er macht sich auf die Suche nach seinem VIP-Platz. Wenn er geht, schlenkern seine Arme nicht nach vorne und nach hinten, sondern zur Seite, er sieht ein bisschen furchteinflößend aus, so breit ist er geworden. Er geht jeden Tag ins Fitnessstudio. 117 Kilo wiegt er, als Fußballer waren es 90. 27 Kilo zusätzliche Muskelmasse. Es sieht so aus, als habe Tim Wiese verzweifelt den Riesen in sich gesucht. Zumindest von außen betrachtet ist der Riese jetzt wieder da, in seiner Statur, in der durchgedrückten Brust und auch in dem Gang, der sagt: Mich kann niemand stoppen. Aber wie geht es Wiese wirklich? Wie steckt man so einen Tiefschlag weg? Und was hat er jetzt vor?

Zuletzt hat man von Wiese im Herbst 2014 gehört, als er verkündete, er wolle Wrestler werden. Es schien grotesk, aber irgendwie passte es auch zu ihm, der sich schon als Profi die langen Haare geölt und nach hinten gekämmt und einen giftgrünen Lamborghini Aventador gefahren hat. Selbst im Fußball, der Bühne der gestählten und tätowierten Körper, fiel so einer auf. Und Wiese hat Beifall und Aufmerksamkeit immer aufgesogen, als könne er ohne Bewunderung nicht leben. Er hat dazu beigetragen, ein mediales Bild von sich zu schaffen, das in Balance gewesen ist, solange er sportlich erfolgreich war. Aber heute fragt man sich, ob es den Riesen Wiese jemals wirklich gegeben hat.

Im Winter hat Wiese sich mehrmals mit dem Reporter getroffen und sich zu erklären versucht. Er ist ein Mann, der für seine Statur mit einer verblüffend leisen Stimme spricht. Auf Wrestling kam er nur, weil ihn jemand aus der Branche ansprach. "Ich bin anscheinend der Typ für so was." Er grinst. Er hat sich geschmeichelt gefühlt, und für eine gute Show war er ja schon immer zu haben. Wrestling ist kein Sport, sondern eine Inszenierung: Die Männer tragen grelle Kostüme, der Sieger steht schon vorher fest. Es gibt ein Video, darauf ist Wiese im November bei einer Wrestling-Veranstaltung in Frankfurt zu sehen. Er ist nur als Zuschauer da, aber er steigt in den Ring und reißt die Arme hoch, er trägt ein Muskelshirt und kostet den Jubel aus.

Hat er die "Wiese, Wiese!"-Rufe vermisst? "Aja, klar." Für viele ist er ein gefallener Star, der sich lächerlich macht, aber ihm ist das egal. "Wegen dieser Wrestling-Sache drehen ja alle völlig durch", sagt er stolz.

Sein Problem ist nur: Bis 2016 darf er gar nichts machen. Erst dann endet sein Vertrag mit Hoffenheim. Sie haben sich auf eine Abfindung geeinigt, so lange darf er nicht als Profisportler arbeiten. Wenn man ihn fragt, ob er glaubt, er könne noch mal ins Tor zurückkehren, sagt er: "Man muss Realist sein" – so als habe er sich damit abgefunden, dass es vorbei ist. An anderen Tagen, wenn er bessere Laune hat, behauptet er, es sei doch kein Problem, sich die Muskeln in ein paar Monaten wieder abzutrainieren. Dann wäre er wieder einer der Besten. Im Übrigen könne er ja auch Torwarttrainer werden. Eigentlich wirkt er ratlos. Er hat genug Geld auf der Bank, um nie wieder arbeiten müssen, aber Nichtstun geht auch nicht. Er hielte es nicht aus.

Kurz bevor Wiese seinen Platz auf der VIP-Tribüne erreicht, erkennt ihn dann doch jemand: Ein Mann bittet ihn um ein gemeinsames Foto. Wiese stellt sich neben ihn und lächelt. Danach geht er nach draußen, Block O3, Reihe 3, Nummer 12, noch sind die Plastikschalensitze neben ihm leer. Ganz unerwartet ist er völlig allein. Er holt sein Handy heraus, macht ein Foto von sich und betrachtet es zufrieden.

Seit Wiese aus Hoffenheim weg ist, hat er Fußballstadien gemieden. Voriges Jahr erst ist er nach Bremen zurückgezogen, hier ist er nach der "schweren Zeit" in Hoffenheim wieder zur Ruhe gekommen. In Bremen hatte er seine besten Jahre: Der Verein war erfolgreich, und Wiese wurde geliebt, obwohl er gar nicht aus Bremen ist; er stammt aus dem Rheinland. Jetzt hat er hier ein Haus gekauft, in dem er mit seiner Frau und seiner kleinen Tochter lebt. Seine Frau arbeitet seit Kurzem wieder, als Kinderpsychologin, halbtags. An zwei Tagen in der Woche geht sie morgens aus dem Haus, seine Tochter muss in die Schule. Wiese muss nirgendwohin.

Nur ein einziges Mal hat er sich ein Bundesligaspiel angesehen, seit er selbst nicht mehr spielt. Jemand hatte ihn eingeladen, und Wiese ließ sich in die Tiefgarage des Weserstadions fahren und schlich dann in eine Loge. Zum ersten Mal ist er hier auf der VIP-Tribüne jetzt wieder mittendrin. In dem Rumoren, dem Gejohle und Getrommel, den großen Erwartungen, die aufsteigen aus dem Kessel, der so ein Stadion eigentlich ist. In Bremen hat er die Erwartungen erfüllt. Für Wiese sind die eineinhalb Stunden im Stadion der Versuch, sich seinen Erinnerungen zu stellen. Er ist hier, um Abschied zu nehmen und einen Blick zurück zu riskieren, der vielleicht schmerzt.

Er sitzt jetzt in der Bremer Fankurve direkt hinter dem Tor, seinem alten Arbeitsplatz. Die besten Fußballer Europas liefen gegen ihn an, die Drogbas, Raúls und Ronaldinhos. Bremen spielte damals in der Champions League. Es war Wieses große Zeit. Wie fühlte er sich da, im Tor? "Ich war immer ruhig. Ich dachte, mir kann keiner was."

Dann ging er nach Hoffenheim, um noch mal einen Sprung zu wagen, mit einer Top-Mannschaft, so sah es zumindest aus, für noch mehr Geld. Nach neun Spielen in Hoffenheim war alles vorbei. Wieses schneller Absturz erzählt auch etwas über den Druck, der heute im Profifußball herrscht.

Wiese hat den Reporter zuvor in das Fitnessstudio eingeladen, in dem er trainiert. Er hat keinen Pressesprecher, er macht jetzt die PR, die er selbst für richtig hält. Über seine Krise zu sprechen fällt ihm schwer, er will sich lieber präsentieren, das Studio erscheint ihm als der perfekte Schauplatz: eine kleine Halle in einem Industriegebiet gleich hinter der Bremer Stadtgrenze, Wiese wohnt ganz in der Nähe. Alles ist neu hier, es riecht nicht mal nach Schweiß. Wiese trainiert jeden Tag genau eine Stunde lang: montags Brust und Arme, dienstags Schulter und Beine, mittwochs den Rücken, donnerstags den Bauch, freitags Rücken und Arme. Er hat seinem Leben wieder eine Ordnung gegeben, eine Trainingsroutine, wie er sie im Fußball gewohnt war.

Wiese liegt auf einer Bankpresse, die Stange mit den Gewichten über sich. Erst mal nur 50 Kilo, zum Warmmachen. "Jeden Tag nach dem Aufstehen das nächste Ziel", brummt er. Bei ihm ist sein Trainer Heiko Dörfer, ein ehemaliger Bodybuilder, der sagt, in den neunziger Jahren habe er in Johannesburg den Titel eines Mister Universum geholt. Neben Wiese wirkt Dörfer klein und schmächtig. Auf Dörfers Hals ist ein Totenkopf tätowiert, der eine Krone trägt.

Seit fünf Monaten stemmt Wiese nun bereits Gewichte, Dörfer hat ihm den Trainingsplan geschrieben. Als Fußballer durfte Wiese es mit den Muskeln nicht übertreiben, die er schon immer geliebt hat, zu unbeweglich wäre er geworden. Damit sie ordentlich wachsen, nimmt er 6.000 Kalorien am Tag zu sich. So viel kann niemand essen. Deshalb muss Wiese neben Nudeln und Fleisch, neben Haferflocken, die er mit Öl anrührt, neben Bergen von Müsli zum Frühstück alle zwei Stunden auch noch einen Kohlenhydrat-Shake hinunterwürgen. Süßes, dickflüssiges Zeug mit künstlichem Geschmack. Es ist eine Qual, aber Wiese zieht das durch.

"Das Potenzial ist brutal da", sagt Dörfer. "Tim ist ja auch Narzisst. Wenn er aus seinem Lamborghini steigt, dann kotzen die Leute." – "Eigentlich finden die Leute das ja geil", korrigiert Wiese keuchend.

Wiese hat jetzt einen Plan B, falls das mit dem Wrestling nichts wird. Er könnte es ja auch als Bodybuilder versuchen. Dörfer murmelt etwas von "nationalen und internationalen Wettkämpfen". Er will Wiese 2016 zur norddeutschen Amateur-Meisterschaft anmelden. Wiese verdoppelt die Zahl der Eisenscheiben an der Bankpresse. 130, 135 Kilo Körpergewicht will er bald auf die Waage bringen. Noch mal fast 20 Kilo mehr. Dazu muss er hart trainieren. "Erst noch ein bisschen drauflegen, dann meißeln." Er meint: Adern und Muskeln sollen unter der Haut hervortreten. Dass er vom Titel eines Mister Olympia träumt, der größten Auszeichnung eines Bodybuilders, rutscht ihm eher so raus.

Wiese weiß, was auf ihn als Bodybuilder zukommt: zwei Wochen vor dem Wettkampf jeden Tag acht bis zehn Liter Wasser trinken. Ein paar Tage davor dann reduzieren auf zwei Liter, Entwässerungstabletten. Die Haut fällt ein, die Muskeln treten hervor. Gesund ist das nicht, aber Wiese will auch vorbereitet sein, falls mal wieder jemand anruft und den neuen Wiese haben will, den mit den Muckis. Werbung, Film, alles möglich, nur keine Chance verpassen. "Wenn was ist, zack, bin ich da." Tatsächlich meldet sich bald darauf eine Fitnesskette, und Wiese reist nach Berlin, um für die Eröffnung neuer Sportstudios zu werben.

Begleitet und beobachtet man Tim Wiese ein paar Monate lang, hat man schnell das Gefühl, dass er einfach weitergelaufen ist auf dem Weg, den er immer gegangen ist. Höchstleistung, Anerkennung. Ist er dabei, sich zu verrennen?

Seit seinem achten Lebensjahr hat Tim Wiese nichts anderes getan, als Fußball zu spielen. In der Nähe von Köln ist er geboren und aufgewachsen, sein erster Verein heißt DJK Dürscheid. Zum Training fährt ihn seine Mutter, weil sein Vater sich nicht für Fußball interessiert; der hat eine Werbeagentur. Eine bürgerliche Familie mit Haus am Stadtrand, Wiese ist das einzige Kind. Er setzt alles auf Sport. Zu einem Realschulabschluss reicht es nebenbei noch, eine Ausbildung macht er nie.

In einer Jugendmannschaft von Bayer Leverkusen wird er als Talent entdeckt. Anfangs ist er Stürmer, aber eine Achillessehne wächst nicht richtig mit und schmerzt, da stellt man ihn ins Tor. Hier ist er schneller als andere, er hat die Reflexe. Mit 21 spielt er in der Ersten Bundesliga beim 1. FC Kaiserslautern, wo er die harte Schule des Torwarttrainers Gerry Ehrmann durchläuft, eines ehemaligen Torwarts und Bodybuilders. Wiese redet bis heute mit Bewunderung über ihn. Ehrmann setzt auf Muskeln und Sprungkraft. Es ist ein Training, das manche Torwarttrainer heute als altmodisch ansehen, weil der Mann im Tor jetzt auch mitspielen können soll, wie es der Nationaltorwart Manuel Neuer macht, der weit vors Tor hinausläuft. Aber um das Jahr 2002 ist der Fußball noch nicht so weit. Als Wiese drei Jahre später nach Bremen wechselt, verdient er bereits eine Million Euro im Jahr.

Bremens Torwarttrainer ist damals Michael Kraft, ein jovialer Mann, heute um die 50. Wenn er über Wiese redet, spürt man, dass er ihn mag. Unter den drei Torhütern, die Werder Bremen damals beschäftigte, fiel Wiese auf: "Er war ein ganz heißer Junge, er hatte einen eisernen Willen. Mit seinen Reaktionen war er weit in der Spitze in Deutschland." Kraft hat gelitten, als er mitbekam, wie schlecht es Wiese in Hoffenheim erging. "Ich hätte mir gewünscht, der Torwarttrainer von Hoffenheim hätte mich damals angerufen und mich gefragt: ›Wie tickt der?‹ "

Torwart ist der härteste Job im Spitzensport Fußball. Der Druck ist besonders hoch. Mehr noch als die anderen Spieler muss ein Torwart "mentale Fitness" mitbringen, so nennen das die Trainer: Er darf 90 Minuten lang keine Schwäche empfinden, er muss alle Ängste wegdrängen. Ein Feldspieler kann abtauchen, wenn er verunsichert ist, er läuft sich einfach seltener zum Anspielen frei. Jede Unsicherheit des Torwarts kann ein Gegentor bedeuten, eine Niederlage besiegeln. Enttäuschte Fans machen immer den Torwart verantwortlich. Viele Torhüter halten dem Druck ihre Wut entgegen. Brüllend laufen sie auf der Linie hin und her, wie es der ehemalige Nationaltorwart Oliver Kahn tat, den Wiese sein Vorbild nennt. Auch Wiese wirkte im Tor oft wie ein angriffslustiges Tier. Wer dem Druck standhält, wer hart und zäh genug ist, der wird ein Star.

In Kahns Autobiografie Ich geht es Seite um Seite nur um die Frage, wie man eigene Fehler wegsteckt. Den Frust, die Niedergeschlagenheit, die Selbstzweifel. Wie man trotzdem konzentriert bleibt und stoisch weitermacht. Wie man also Fehler hinnimmt und nicht an ihnen zerbricht. Vielleicht ist Wieses Problem auch, dass er sich nie auf diese Weise der Frage gestellt hat, was eigentlich seine Schwächen sind.

Im Weserstadion fällt plötzlich ein Tor – für Bremen. Auf der VIP-Tribüne springen alle auf, nur Wiese bleibt ungerührt sitzen. Er sagt, er bereue es nicht, aus Bremen weggegangen zu sein, aber vielleicht will er nur nicht zeigen, wie viel ihm all das hier bedeutet hat.

Als Wiese im Sommer 2012 nach Hoffenheim kommt, trifft er auf einen Verein, der große Pläne hat. Wiese ist nur einer von mehreren Spielern, die jedes Jahr Millionen kosten, die Mannschaft ist geschätzt 85 Millionen wert. Am Ende der Saison will man einen der ersten sechs Plätze in der Tabelle erreichen. Nur die Spitzenclubs spielen in der Champions oder Europa League, wo das große Geld ist. Zum neuen Mannschaftskapitän ernannt wird der Torwart aus Bremen, den alle für unverwüstlich halten. Er ist jetzt der, der die Mannschaft repräsentiert.

Gleich das erste Spiel ist eine Katastrophe. Im DFB-Pokal, wo auch kleine Vereine mitspielen, verliert Hoffenheim 0 : 4 gegen den Berliner Athletik Klub 07. Einen Regionalligaverein, für den neben schlecht bezahlten Vertragsfußballern auch Studenten und Handwerker kicken. Die nächsten drei Spiele in der Ersten Bundesliga sind ebenfalls Niederlagen. Wiese faustet ins Leere und greift an Bällen vorbei, die er früher gehalten hätte. Dann tauscht der Trainer Markus Babbel ihn aus, Wiese sitzt nicht einmal mehr auf der Ersatzbank. Offiziell ist er verletzt. In einem Interview sagt Hoffenheims Manager Andreas Müller, der durch die Krise seinen Job verloren hat: "Tim war in keiner guten Verfassung. Er beschrieb uns seinen Zustand. Da gab es keine andere Wahl, als ihn herauszunehmen." Es ist eine der wenigen öffentlichen Andeutungen darüber, wie es Wiese wirklich ging.

Schwächen zuzugeben ist im Profifußball fast unmöglich. Als sich der depressive Nationaltorhüter Robert Enke vor sechs Jahren das Leben nahm, schworen zwar alle, dass sich etwas ändern müsse. Seitdem gibt es eine Hotline für Leistungssportler in Lebenskrisen. Am Klinikum Aachen, wo die Anrufe auflaufen, behandelt man jedes Jahr ein halbes Dutzend Fußballprofis aus der Ersten Bundesliga mit schweren psychischen Erkrankungen, Depressionen, Sucht. Torhüter fallen hier vor allem mit Angststörungen auf. Einer der wenigen Fußballer, die seit Enkes Tod psychische Probleme eingestanden, während sie noch spielten, war Andreas Biermann vom FC St. Pauli. Er ließ sich wegen Depressionen behandeln. Hinterher nannte er seine Offenheit einen Fehler: Nach seiner Rückkehr wurde sein Profivertrag nicht verlängert.

Ein ehemaliger Hoffenheimer, der Wieses Absturz aus der Nähe erlebt hat, erzählt, dass dieser nach den ersten Niederlagen ängstlich und fahrig gewirkt und mit zuckenden Mundwinkeln im Tor gestanden habe. Auch Streitereien habe es gegeben, unter anderem um die richtige Spielweise. Wiese sagt, das stimme nicht.

In der Halbzeitpause im Weserstadion bestellt er sich an einer der Biertheken eine Cola. "Früher hab ich hier nie bezahlt", sagt er, als er Geld dafür hinlegen soll. Vielleicht war es doch keine gute Idee, hierherzukommen. Jede Erinnerung daran, dass seine Zeit lange vorüber ist, scheint ihn zu schmerzen.

In der zweiten Halbzeit geht er nicht mehr zu seinem Platz. Er bestellt ein Bier und dann noch eins. Er strahlt wie ein Junge, der sich traut, etwas Verbotenes zu tun. Als Profi hat er ja nie Bier trinken dürfen. Je länger er aber an der Theke unter den Fußballfans steht, desto mehr scheint er sich zu fragen, was er hier eigentlich verloren hat.

Über die Krise in Hoffenheim sagt Wiese: "Wir waren alle total verunsichert. Es ging einfach gar nichts mehr." Was hat ihn so aus der Bahn geworfen? Er verschränkt die Arme, am liebsten würde er dazu gar nichts sagen. "Manchmal klappt es halt nicht." Getroffen hat ihn, dass ihn bei den Spielen sogar die Fans des eigenen Vereins beschimpften, die in ihm nicht den Star, sondern einen Großkotz sahen. "Da denkste schon, mein Gott! Da kommt kein Fußballer mit klar."

Anfang 2013 absolviert er sein letztes Spiel. Es endet 0 : 3. Hoffenheim lässt ihn danach noch eine Weile trainieren, alleine, ohne die Mannschaft: eine Demütigung.

Es gibt eine Anekdote über Wiese. Sie stammt aus der Zeit, als er als Teenager in Leverkusen spielte. Einmal kommt er zum Training ohne T-Shirt unter der Jacke, und der Jugendtrainer schickt ihn wieder fort. Wiese muss zwei Kilometer nach Hause laufen, um ein T-Shirt zu holen, er ist gekränkt und kommt nicht wieder. Er schwört sich sogar, nie wieder Fußball zu spielen. Nur weil Freunde ihm zureden, er sei doch bekloppt, wenn er jetzt aufgebe, macht er weiter. Über den Trainer sagt Wiese bis heute: "Der hat mich nicht gemocht." Ein Indiz für eine erstaunliche Empfindlichkeit, vielleicht der Schlüssel zu Tim Wiese.

Sein ehemaliger Trainer Michael Kraft sagt: "Innerlich ist er nicht der Knallharte. Er ist sehr sensibel und braucht eine Umgebung, die ihm Sicherheit gibt."

Tim Wiese legt auch heute noch Wert darauf, dass er damals bei Hoffenheim nur wegen einer Verletzung ausgesetzt habe. Er möchte für die Nachwelt der Riese bleiben, der er wohl nie gewesen ist.

Nach dem Spiel, im Auto, sinkt er erschöpft ins Polster. Er ist lange still. Bremen hat verloren, es war ein aufregendes Spiel, das selbst die Bremer Fans begeistert hat. "Mir egal, wer gewinnt", brummt Wiese nur.

Gerade hat er sein Muskeltraining zurückgefahren, und er ernährt sich wieder normal. Wenn er in den Spiegel blickte, gefiel er sich nicht mehr: die Haut wächsern, das Gesicht aufgedunsen. Das Gewebe zog zu viel Wasser. Er will jetzt mit dem harten Training eine Pause machen, vielleicht bis zum Herbst. Bodybuilding gefällt ihm doch nicht so gut, hat er festgestellt. Aber Wrestling, das könnte wirklich etwas für ihn sein, sagt er.

Kommentare

8 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Aus Fußball-Geheimdienst-Kreisen war folgendes zu erfahren: Tim Wiese arbeitet doch an einem Comeback als Torwart. Seine Nahrungsaufnahme und Gewichtszunahme ist so berechnet, dass er, wenn sein Vertrag in Hoffenheim endet, eine Breite von ca. 4,00 Metern erreicht haben wird. Sein Manager verhandelt bereits mit dem FC Bayern, Real Madrid und dem FC Barcelona, alle drei Vereine sind bereit eine hohe Millionengage zu zahlen. ;-)

Ein schön geschriebener Artikel.
Bezüglich Tim Wiese bleibt m.E. festzuhalten: Er war ein erstklassiger Torwart mit unglaublichen Reaktionen. Warum es letztlich in Hoffenheim nicht klappte, das lag sicherlich nicht an Wiese allein.
Zwar dürfte seine Zeit im Profifußball vorbei sein, aber Tim Wiese ist ERST 33 Jahre - da kann man noch viel mit seinem Leben anfangen. Hierzu wünsche ich ihm und seiner Familie viel Erfolg!

Der Schreibstil des Artikel gefällt mir eigentlich ganz gut. Aber die Deutung der sportlichen Fakten....
"von 90 auf 117 kg, 27kg Zuwachs..." (in 2 (?) Jahren),
"130, 135 kg will er ... auf die Waage bringen",
"die Haut wächsern, das Gesicht aufgedunsen",
und dann als Bildunterschrift:
"Wiese baut Muskeln auf mit Kohlenhydrat-Drinks"
Das ist naiv. Wiese dopt, was das Zeug hält, zumal sein Trainingsplan durchaus auch für ambitionierte Freizeitsportler machbar ist.
Doping ist illegal und massiv gesundheitschädlich.

Ein kritisches Wort dazu hätte dem Artikel gut getan und ihn "rund" gemacht.