© Simret Berhane

Die furchtbar komplizierte Normalität

ZEITmagazin Nr. 22/2015 — Von , , , , und
Endlich eine Wohnung finden, ständige Behördengänge, neue Schulfächer, der Umgang mit der Angst und die Sache mit der Jobsuche: Fünf Geschichten aus dem Alltag von Flüchtlingen

1 — Eine Wohnung finden

"Ich habe eine Wohnung?"

Das Erste, was meine Frau, meine Tochter und ich von Berlin sahen, war eine Bushaltestelle in Neukölln. Dort setzten uns im August 2013 die Schleuser ab. Wir wussten erst einmal gar nicht, wo wir waren. Ich sprach einen Mann auf Englisch an, der antwortete auf Arabisch. Das hat uns sehr überrascht. Die ersten sechs Monate lebten wir in einem Flüchtlingsheim in Pankow. Wir teilten uns Küche und Bad mit 60 Menschen. Vor den Duschen gab es nur durchsichtige Türen, also haben wir nachts geduscht, wenn die anderen schliefen. Unsere Nachbarn waren laut und tranken viel Alkohol. Mir kam der Gedanke, dass es besser wäre, sich ein Zelt auf dem Spielplatz gegenüber aufzubauen. Ich dachte, so kann ich nicht existieren, ohne Arbeit, ohne Wohnung.

Nach den ersten drei Monaten dürfen Flüchtlinge in Berlin sich selbst eine Wohnung suchen. Aber ich kann kaum Deutsch und kann daher auch nicht mit den Hausverwaltungen telefonieren. Im Heim gab es für 300 Menschen drei Sozialarbeiter, die dabei helfen konnten. Zuerst hat mein Schwager, der in Berlin lebt, mehrere Monate lang für uns nach einer Wohnung geschaut. Aber es klappte nicht. Für viele Wohnungen ist eine Provision fällig. Ich habe aber kein Geld. Einige Wohnungen hatten Schimmel an den Wänden. Oder die Hausverwalter wollten keine Ausländer als Mieter. Wir bekamen nur Absagen.

Mohamad Isa und Familie

Zum Glück lernten wir eine Deutsche von der Flüchtlingsinitiative "Pankow hilft" kennen. Sie telefonierte sechs Wochen lang täglich für uns, fragte eine Hausverwaltung nach der anderen. Die meisten sagten sofort ab. Nach insgesamt fast einem Jahr in Deutschland fanden wir endlich eine Hausverwaltung, die uns nahm. Es war ein sonniger Tag, als wir mit unserer deutschen Helferin im Büro der Hausverwaltung saßen und die Frau sagte: "Ich habe etwas für Sie!" Eine Zweizimmerwohnung in Berlin-Gropiusstadt. Ich konnte es kaum glauben, fragte immer wieder: "Ich habe eine Wohnung?"

Aber dann bezahlte das Jobcenter die Miete und die Kaution für die Wohnung lange nicht. Weil wir von Pankow nach Gropiusstadt gezogen waren, war nun ein anderes Jobcenter für uns zuständig. Jeden Tag fürchtete ich, dass wir wieder ausziehen müssen. Noch sind wir auf Arbeitslosengeld angewiesen, weil ich bisher keine Arbeit gefunden habe. Wir mussten nach dem Umzug also einen kompletten Neuantrag stellen. Das dauerte. Ich saß mit meiner Frau vor den Papieren: Hauptantrag auf Alg II, Anlage WEP, Anlage KI, Anlage KDU. Die Papiere sind so kompliziert, dass selbst Deutsche sie nicht immer verstehen. Jetzt sind wir sehr glücklich in unserer Wohnung. Aber ohne die Hilfe von Deutschen ist es für Flüchtlinge fast unmöglich, eine zu finden. Viele Bekannte von uns leben seit Jahren in Heimen. So kann man nicht in Deutschland ankommen.

Mohamad Isa, 37, und seine Frau Hiba Balaoni, 29, sind aus Damaskus. Er war Geschichtslehrer, seine Frau Abteilungsleiterin in einer Fabrik

Protokoll Birgit Gust / Jana Simon

2 — Ohne Eltern, ohne Kontakte

"Alles, was Sie tun, ist besser als nichts"

Als ich Fatoumata * 2011 zum ersten Mal begegnete, wusste ich fast nichts über sie. Nur, dass sie 15 Jahre alt war und mit dem Flugzeug aus Guinea gekommen war. Ohne Eltern, ohne Kontakte. Sie saß auf einem Stockbett in einem Aufnahmelager am Rande der Stadt. Sie war gehemmt, sie sah mich nicht mal an.

Kurz zuvor hatte ich mich beim Kinderschutzbund gemeldet, weil dort ehrenamtliche Vormünder gesucht wurden. Als das Telefon klingelte und ich gefragt wurde, ob ich Fatoumata betreuen könne, dachte ich: Das schaffe ich nicht. Ich spreche kein Französisch. Sie sprach kein Deutsch. Sie hatte damals heftige Migräne und konnte nachts oft nicht schlafen. Ich bin Mutter von zwei Kindern, aber ich bin keine Psychologin. Mein Ansprechpartner vom Kinderschutzbund sagte: Alles, was Sie tun, ist besser als nichts.

Als Vormund muss man seinen Schützling mindestens einmal im Monat treffen, man hilft bei Behördengängen und Arztterminen. Ich habe Fatoumata zur Ausländerbehörde und zum Jugendamt begleitet, wir haben uns etwa einmal in der Woche gesehen. Sie kam zum Abendessen vorbei, wir sind zusammen ins Kino und in den Zoo gegangen. Ich arbeite freiberuflich, das war ein Riesenvorteil, weil die Behörden oft nur vormittags geöffnet haben. Ich habe eine Wohngruppe für Fatoumata gesucht, eine Anwältin und eine Psychologin, die Französisch spricht. Es gibt viele tolle Einrichtungen für Flüchtlinge. Aber man muss die erst mal finden.

Ich war auch dabei, als 2012 über Fatoumatas Asylantrag entschieden wurde. Wir saßen in einem kahlen Raum, die Beamtin wollte alles genau wissen: Wer hat dir das Geld für die Flucht gegeben? Wo hast du im Flugzeug gesessen? Welche Farbe hatte die Uniform der Stewardess? Am Ende hat sie zu Fatoumata gesagt: Ich glaube dir nicht. Dabei hatte Fatoumata den entscheidenden Teil der Geschichte noch gar nicht erzählt: dass sie beschnitten ist. Dass ihr Stiefvater sie zwangsverheiraten wollte und dass bei einer Hochzeit eine weitere Beschneidung droht. Von Fatoumatas Frauenärztin weiß ich, dass eine Beschneidung lebensgefährlich ist. Viele Frauen verbluten dabei. Fatoumatas Mutter hatte ihr daher zur Flucht verholfen. Hätte ich Fatoumata nicht dazu ermutigt, hätte sie davon nicht erzählt. Am Ende durfte sie bleiben.

Vor einem Jahr ist sie volljährig geworden – sie braucht jetzt keinen Vormund mehr. Wir besuchen uns trotzdem noch regelmäßig und telefonieren ab und zu. Ich glaube, es geht ihr richtig gut. Sie ist kein schüchternes Mädchen mehr, sie ist jetzt eine blühende junge Frau. Die Migräne hat nachgelassen, sie kann ruhiger schlafen – wenn ihr Baby sie nicht weckt. Fatoumata ist vor Kurzem Mutter geworden. Der Vater kommt auch aus Guinea. Er wohnt in Bremen und arbeitet als Schlosser. Als die Wehen einsetzten, fuhr kein Zug mehr nach Hamburg. Fatoumata bat mich dann, bei der Geburt dabei zu sein. Das hat mich gerührt.

Imke Fähnders, 44, ist freiberufliche Übersetzerin. Fatoumata wohnt mit ihrem Baby im Süden von Hamburg in einer Mutter-Kind-Einrichtung

* Name geändert

Protokoll Caterina Lobenstein

3 — Der einzige Syrer in der Klasse

"Geometrie habe ich erst in Deutschland verstanden"

In meiner Klasse bin ich der einzige Syrer und auch der einzige Flüchtling. In Syrien hatte ich bessere Noten, hier ist es wegen der Sprache schwieriger. Es kommt immer noch vor, dass ich einzelne Wörter nicht verstehe, dann muss ich Freunde fragen.

Mein liebstes Fach ist Mathematik, darin bin ich sehr gut. Geometrie habe ich aber erst in Deutschland richtig verstanden. Neu waren für mich Politik, Erdkunde, Chemie, dafür war ich in Syrien noch zu jung – und natürlich Deutsch. Die Grammatik fällt mir leicht, aber Gedichte zu analysieren ist schwer. In Politik traue ich mich nicht immer, mich zu melden; da muss man seine eigene Meinung sagen, und das bin ich nicht gewohnt.

Ich finde, hier sind die Lehrer besser als in Syrien, und die Regeln sind anders. Wenn man in Syrien seine Hausaufgaben nicht gemacht hatte, bekam man Schläge mit dem Zollstock oder der Lehrer schlug einem mit der Hand ins Gesicht. Für uns war das normal, niemand unternahm etwas dagegen. Hier muss man nur nachsitzen, wenn man etwas angestellt hat. Ich musste das auch schon mal, weil ich Papier durchs Klassenzimmer geworfen hatte. In Syrien gab es ab und zu Schlägereien auf dem Schulhof. Wenn sich hier Schüler nur laut streiten, kommen gleich die Lehrer. Es gibt sogar eine Stunde, in der wir lernen, wie man Konflikte löst.

Vor Kurzem war ich auf einem Geburtstag eingeladen. Mein Freund Sami ist 13 geworden. Er ist Türke, aber hier geboren. Wir sind eine Clique, nur Jungs. Robin, Dustin, Bastian, Daniel, Emilio, Luca, ich habe bereits viele deutsche Freunde. Nach der Schule spielen wir immer Fußball.

Was ich an Syrien und meiner Heimatstadt A-Hasakah vermisse, ist, dass wir nachts gegen zwölf Uhr noch auf der Straße Fußball spielen konnten, weil da keine Autos fuhren.

Diyar Kassem, 14, besucht die 6. Klasse einer Gesamtschule in Mönchengladbach. Er ist seit 2011 in Deutschland

Protokoll Elisabeth Bauer

4 — Mut zur Therapie

"Die Bilder der Flucht kamen immer wieder"

Als ich in Deutschland ankam, hatte ich Albträume und konnte nichts essen. Ich träumte, dass eine Bombe auf unser Haus in Herat fällt oder dass mein Bruder entführt wird. Deswegen hat mir ein Arzt eine Überweisung zu einem Psychologen ausgestellt, und eine Deutsche, die ich über das Sozialamt kennengelernt hatte, hat eine Psychologin für mich gefunden.

In Afghanistan gibt es keine Psychologen. Über persönliche Probleme redet man nicht. Niemand darf erfahren, wenn es einem schlecht geht. Sonst denken die Leute, dass man verrückt ist.

Fareshta Karimi hatte anfangs Angst, in Therapie zu gehen.

Ich habe dort studiert und an einer Schule gearbeitet, mein Vater hat mich dabei unterstützt. 2009 wurde er umgebracht. Er war reich und wurde erpresst. Wir wurden schon lange bedroht, vor allem ich, weil ich als Frau arbeiten wollte und für Frauenrechte gekämpft habe. Dazu gab es Probleme, weil wir Schiiten sind, die meisten Leute in Herat sind Sunniten. 2011 sind wir geflohen, zuerst mein Mann und ich, später meine Mutter und meine vier Geschwister. Ich wurde in Griechenland von meinem Mann getrennt. Als ich in Deutschland ankam, war ich ganz allein. Ich wusste drei Monate lang nicht, ob mein Mann, meine Mutter und meine Geschwister überhaupt noch leben. Zum Glück habe ich meine Familie wiedergefunden.

Ich hatte anfangs Angst, dass die Psychologin glauben könnte, ich sei verrückt. Aber sie sagte gleich beim ersten Termin, dass es anderen auch so gehe wie mir, und schlug mir vor, an einer Gruppentherapie teilzunehmen. Die Bilder der Flucht kamen immer wieder: Menschen, die ins Wasser fallen und um ihr Leben schreien; Schleuser, die Menschen schlagen und zurücklassen, wenn sie nicht stark genug sind.

In der Therapie waren wir sieben Frauen, die alle Persisch als Muttersprache hatten, und eine Dolmetscherin. Es war für mich sehr schwierig, vor den anderen zu erzählen, was mit mir los ist. Vom Heimweh zu sprechen oder von den Problemen beim Einschlafen. Aber die anderen Frauen sagten oft: "Mir geht es auch so." Es tat mir gut, zu merken, dass ich nicht verrückt bin und dass meine Gefühle mit meiner Flucht zu tun haben. Die Psychologin hat uns Tipps gegeben, wie wir uns entspannen können und wie man mit dem Heimweh fertigwird. Ich habe mir zum Beispiel eine Fahne von Afghanistan an die eine Seite meines Bettes gehängt und eine deutsche Fahne an die andere. So habe ich mir selbst versichert, wo ich herkomme und wo ich jetzt bin. Nach drei Monaten brauchte ich keine Hilfe mehr.

Meine kleine Schwester und meine Mutter gehen immer noch zu einer Psychologin, es hilft ihnen sehr. Meine Brüder wollen das nicht. Einer sagte mir, dass er seine Probleme in seinem Herzen lässt. Vielleicht denken Männer, dass sie sonst schwach sind. Es braucht Mut, um über sich selbst zu sprechen.

Fareshta Karimi, 24, lebt in Hamburg. Sie besucht einen Sprachkurs und möchte später afghanischen Kindern und Frauen helfen

Protokoll Judith Scholter

5 — Die schwierige Jobsuche

"Zum Chef sagte ich: Ich spreche sieben Sprachen"

Den Deutschen ist Arbeit sehr wichtig. Am Anfang dachte ich, mit der Frage "Was machst du?" meinen die Leute: "Wie geht es dir?" Aber tatsächlich fragen sie nach dem Beruf.

In Afghanistan hatte ich alles: Führerschein, Auto, ein abgeschlossenes Studium der Betriebswirtschaft. Ich arbeitete für eine Gesundheitsorganisation, finanziert von der Europäischen Union und den Amerikanern. Eines Tages kam ein Drohbrief: Warum arbeitest du für die Ungläubigen? Mehrmals versuchten die Taliban, mich zu erschießen. Damit ich Geld für meine Flucht habe, hat mein Vater unser Haus verkauft. Drei Monate lang war ich unterwegs, bis ich in München ankam, wo mein Schwager lebt. Aber ich durfte nicht bei ihm wohnen, sondern musste in eine Unterkunft in der Oberpfalz ziehen. Erst nach acht Monaten wurde mir Sprachunterricht gewährt. Meine Lehrerin, eine 70-jährige Rentnerin, hat mir sehr geholfen, ich nenne sie Mama.

Spiegelbild: Arman Niamat Ullah

Nach dem Sprachkurs ging ich in die Flüchtlingsklasse der Berufsschule. In nur neun Monaten habe ich dort einen Abschluss gemacht, der dem Hauptschulabschluss entspricht, mit der Note 1,1. Jetzt fängt mein Leben an, dachte ich. Weil ich ein Praktikum in einer Pizzeria gemacht hatte, bewarb ich mich bei der Restaurantkette Vapiano in München, und sie nahmen mich. Aber das Landratsamt sagte, dass ich nicht in München, sondern nur in Cham arbeiten dürfe. Ich war verzweifelt.

Als ich letzten August eine Aufenthaltserlaubnis bekam, habe ich vor Glück geweint. Über einen Bekannten erfuhr ich von einem Kurs für Wachpersonal bei der Industrie- und Handelskammer. Ich lernte Gesetze, Sicherheitstechnik und wie man sich in einem Notfall verhält. Danach fing ich bei einem Sicherheitsdienst an. Aber als ich den Nachtzuschlag einforderte, der mir zustand, hat die Firma mich nicht weiterbeschäftigt. Also wieder von vorn: 30 Bewerbungen, Absagen oder keine Antwort.

Zur nächsten Firma bin ich einfach hingefahren und habe dem Chef gesagt: "Jemand hat mir erzählt, Sie suchen Mitarbeiter." Der Chef antwortete: "Bringen Sie morgen Ihre Unterlagen." – "Hab ich schon dabei", sagte ich. "Und ich spreche sieben Sprachen: Paschtu, Dari, Farsi, Hindi, Englisch, Deutsch, etwas Arabisch." Das fand der Chef gut, denn seine Firma bewacht Einrichtungen für minderjährige Flüchtlinge. Dort half ich nebenbei auch als Dolmetscher aus. Es lief super – dachte ich. Aber noch in meiner Probezeit bekam ich die Kündigung. Mein Chef sagte, er sei zufrieden mit mir, aber ein Betreuer im Wohnheim fand wohl, ich hätte teilweise zu emotional reagiert. Und wenn der Kunde sich beschwert, kann mein Chef mich nicht weiterbeschäftigen.

Ich möchte einen Film über meine Flucht drehen. Deutsche Filmstudenten haben mir gesagt: Das kannst du nie finanzieren. Aber ich bin mit nichts aus Afghanistan hierhergekommen. Ich schaffe das.

Arman Niamat Ullah, 24, lebt in München. Er hat in Pakistan Betriebswirtschaft studiert und sucht gerade wieder einen neuen Job

Protokoll Franziska von Malsen