Flüchtlinge Elf Quadratmeter Deutschland

© Jörg Burger
Eine Alleinerziehende aus Frankfurt am Main nimmt einen syrischen Flüchtling bei sich zu Hause auf. Sie will helfen – er ist dankbar. Wie kommen sie miteinander aus? Von
ZEITmagazin Nr. 22/2015

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Amir * ist noch in dem Flüchtlingsheim in Magdeburg, in dem er vier Monate gelebt hat, als er Sarahs * Adresse in einen Computer eingibt. Mit Google Earth nähert er sich zum ersten Mal ihrem Leben, er zoomt an die Straße in Frankfurt am Main heran: Das Haus, in dem Sarah wohnt, steht mit vielen anderen in einer Reihe neben rechteckigen Gartenflecken. "Da ist es ganz ruhig", denkt er. So hat er sich Deutschland vorgestellt.

Es ist Januar, und Amir wird bald bei Sarah einziehen, bei einer Deutschen, die er gar nicht kennt. Erst vor ein paar Wochen hat er sich bei der Organisation "Flüchtlinge willkommen" angemeldet, die er im Internet entdeckt hatte; sie beschafft Flüchtlingen Privatunterkünfte, denn die Heime sind überfüllt. Amir will nach Frankfurt, weil er dort syrische Freunde hat. Und Sarah schrieb, sie habe ein Zimmer frei. Wann er kommen wolle? Er antwortete: nächste Woche.

Dass die Deutschen ein großzügiges Volk sind, dachte Amir schon in Syrien. Dort hat es sich herumgesprochen, dass syrische Flüchtlinge in Deutschland gut behandelt werden und bleiben dürfen. Vom umkämpften Aleppo hat Amir sich nach Beirut durchgeschlagen. Dort schaffte es der ehemalige Geschäftsmann, sich ein Visum für Italien zu besorgen. Dann nahm er ein Flugzeug nach Rom und später den Zug nach Norden. Eigentlich müssten ihn die Deutschen nach Italien zurückschicken, EU-Recht, doch sie erkannten ihn als Flüchtling an. Amir wird geradezu euphorisch, wenn er über Deutschland spricht: so viel Großzügigkeit! Warum ihn allerdings nun auch noch Sarah bei sich zu Hause aufnehmen will, versteht er immer noch nicht ganz.

Über sie weiß er lediglich, dass sie Anfang 30 ist, einen sozialen Beruf ausübt und mit ihrer dreijährigen Tochter allein lebt. Noch ein Rätsel: Wo ist denn ihr Mann?

Amir hat in seinen Mails viel von sich erzählt, um Sarah die Bedenken zu nehmen, die sie doch sicher hat, er schrieb auf Englisch. Dass er 48 Jahre alt ist, seine Frau und seine zwei Kinder in Aleppo zurücklassen musste und sie bald nachholen will. Mithilfe seiner Frankfurter Freunde hofft er eine Wohnung zu finden. In zwei Monaten müsste das doch zu schaffen sein. So lange, schrieb er Sarah, wolle er bei ihr bleiben. "Trinkst Du Kaffee?", schrieb sie zurück. "Brauchst Du eine Kaffeemaschine in Deinem Zimmer?" Er antwortete: "Mach Dir nicht so viele Gedanken."

Was Deutschland mit der Aufnahme der Flüchtlinge im Großen vorhat, werden Amir und Sarah in den nächsten Wochen im Kleinen ausprobieren: wie das ist, wenn Fremde aufeinandertreffen.

"Wir verbringen hier nur die Nacht zusammen"

An einem Tag im Februar sitzt Amir abends auf Sarahs Sofa im Wohnzimmer, das zugleich ihr Schlafzimmer ist. Das Kind schläft nebenan. Amir erzählt von seiner Arbeit, den Reisen nach China, Japan, Korea, auch Deutschland hat er schon mal besucht. Als Berater begleitete er Inhaber von Textilfirmen. Sein Englisch ist gut, er lacht viel, er möchte gar nicht erst den Eindruck erwecken, auf Hilfe angewiesen zu sein. Sarah, eine kleine blonde Frau, hockt auf ihrem Bett und betrachtet Amir scheu.

Ihre Wohnung liegt im Erdgeschoss: 60 Quadratmeter, zwei Räume. Das Haus gehört einem Siedlungsverein. Hier wohnen einfachere Leute als Amir, der studiert hat. Sarah ist Sozialpädagogin, sie zog wegen der günstigen Miete her. Zu jeder Wohnung gehört ein Mansardenzimmer. Elf Quadratmeter. In Sarahs Kammer, ihrem Gästezimmer, lebt Amir seit sechs Wochen. Außer einem schmalen Bett unter dem einzigen Fenster gibt es einen Schrank, ein Regal, eine aufgebockte Tischplatte und einen Kühlschrank, den Sarah schnell noch besorgt hat. Bleibt gerade genug Platz, sich umzudrehen. Es ist nicht erlaubt, in dem Zimmer jemanden wohnen zu lassen, aber das hat Sarah Amir verschwiegen.

"Wir verbringen hier nur die Nacht zusammen", sagt Amir – mit dem Witz ringt er Sarah ein Lächeln ab. "Es ist relativ unkompliziert", antwortet Sarah. Sie spricht sehr langsam, als denke sie über jeden Satz lange nach. Es klingt, als fühle sie sich doch nicht ganz wohl mit dem Gast. Amir kommt eigentlich nur zum Duschen herunter. Er fragt dann immer, ob er duschen dürfe, und jedes Mal sagt sie, er müsse gar nicht fragen. Hinterher schleicht er auf Zehenspitzen wieder die Treppe hoch. Er versucht sich unsichtbar zu machen, weil er nicht zur Last fallen will. Amir hat graue Schläfen und dunkle Tränensäcke unter den Augen. Sein Pullover ist abgetragen, und wenn er sich draußen vor der Tür eine Zigarette anzündet, zittern seine Hände. Von seinem alten Leben als Geschäftsmann ist ihm nur seine Weltläufigkeit geblieben, vielleicht kehrt er sie deshalb so heraus. Wenn er in Sarahs Gegenwart über sie spricht, nennt er sie "Frau Sarah" oder "die großartige Sarah".

Als er hier ankam, hatte er einen Teddybären für Sarahs Tochter unterm Arm. Sie tranken Tee zusammen. Endlich konnte er Sarah fragen, warum sie ihn hier hat einziehen lassen, und sie sagte: "Was ich hier für dich tue, sollten andere auch für mich tun, wenn ich an deiner Stelle wäre." Sarah ist Idealistin. Die Einwände ihrer Freunde, es sei doch nicht klug, als Alleinerziehende einen Fremden aufzunehmen, hat sie abgewehrt. Kurz bevor Amir eintraf, bekam sie dann aber doch Angst: Würde da ein traumatisierter Kriegsflüchtling bei ihr einziehen? Sie war erleichtert, zu sehen, was für ein umgänglicher und gebildeter Mann er ist.

Einmal hat sie für ihn Spaghetti gekocht. Sie fragte, ob er Muslim sei. Ja, sagte er. Diese Terroristen vom "Islamischen Staat" in Syrien seien jedoch keine richtigen Muslime, schob er gleich nach – als hätte sie ihm Vorwürfe gemacht. Welcher Religion denn sie angehöre? Er staunte darüber, dass sie gar nicht religiös ist. Irgendeine Art von Religion zu haben sei doch wichtig, sagte er. Sarah solle ihrer Tochter doch mal aus der Bibel vorlesen. Sie entgegnete, das sei nicht seine Angelegenheit. Jetzt, da sie im Wohnzimmer davon erzählen, klingt es lustig, aber damals sind sie kurz davor gewesen zu streiten.

Bald wird Amirs Familie eintreffen

Amir hat dann endlich gewagt, zu fragen, wo eigentlich der Vater ihrer Tochter sei. Frauen, die aus freien Stücken alleine leben, gebe es in Aleppo nicht. Sarah sagte, sie habe sich von dem Vater ihrer Tochter bereits vor der Geburt getrennt; er wolle seine Tochter bis heute nicht sehen. Für Amir war das eine schockierende Nachricht. Sarah sollte bei ihren Eltern leben, findet er, und es ist klar, dass er ihre Lebensweise für falsch hält. "Uns Syrern ist die Familie wichtiger als den Deutschen", sagt er stolz. Sarah schweigt dazu.

Da klingelt Amirs Handy, und er verschwindet nach draußen. Gerade hat er Sarah erzählt, dass seine Familie bald eintreffen wird. Seine Frau und die Kinder sind in Beirut, er hat Visa für sie bekommen. Familiennachzug heißt das hier in Deutschland. Nicht mal mehr eine Woche ist Zeit, um eine Wohnung zu finden. Sarah macht sich Sorgen: Sie sieht in dem Zimmer da oben schon eine ganze Familie aufeinanderhocken. "Für ein, zwei Tage wäre das schon okay", sagt sie mit gepresster Stimme. Einen Moment lang scheint es so, als bereue sie ihren Idealismus.

Ein paar Wochen später, ein sonniger Frühlingstag. Amir klingelt an Sarahs Tür. Sie haben sich eine Weile nicht gesehen, und er legt Schokolade auf den Tisch für die Tochter. Er hat es tatsächlich geschafft, eine Wohnung zu finden, bevor seine Familie kam, und ist ausgezogen. Seine syrischen Freunde haben gebürgt und ihm Geld geliehen. Die Familie lebt jetzt ohne Möbel, alle schlafen auf dem Boden. Auf die Übernahme der Miete durch das Jobcenter wartet Amir noch. "Ich vermisse dich", sagt er zu Sarah. Da, wo er herkommt, ist der Satz nur eine Nettigkeit, aber sie guckt irritiert und nickt nur. Er fragt noch, ob er sich den Kühlschrank aus seinem Zimmer ausleihen könne.

Kurz bevor er ging, sprach ihn eine aufgebrachte Nachbarin an: ob er da oben wohne? Das sei verboten. Er antwortete, das gehe sie gar nichts an. Er wollte Sarah schützen. In den zwei Monaten, in denen sie zusammengelebt haben, hat er sie ins Herz geschlossen, aus reiner Dankbarkeit, aber nahegekommen sind sie sich nicht. Sarah ist froh, ihn getroffen zu haben, aber jetzt ist sie erleichtert, dass er weg ist, sie will keinen Ärger mit dem Vermieter.

Der Abschied dauert nur zehn Minuten. Amir geht noch einmal hoch ins Zimmer, er hat da Zigaretten vergessen. Er blickt sich um in der Enge. Er mochte es hier, sagt er, sein erstes eigenes Stück Deutschland.

* Die Namen in dem Artikel wurden geändert


Kommentare

33 Kommentare Seite 1 von 6 Kommentieren

Ich habe mit dem Gefühl des Nationalstolzes so meine Probleme, aber als ich diesen (übrigens toll geschriebenen) Artikel las, überkam's mich doch: "Ja! So sind wir Deutschen: Großzügig und anständig!" So fühlt sich also Nationalstolz an! Schönes Gefühl!

Leider trügerisch - wie es eben in der Natur dieses Gefühls liegt: Wenige nehmen Flüchtlinge in ihrer Wohnung auf. Selbst, ob man sie im großen, abstrakten Deutschland um sich haben will, wird seitenweise diskutiert. Und einige Verrückte haben schon Streichholz und Benzinkanister ausgepackt. So sind wir Deutschen eben auch. Leider. Und da verlässt er mich wieder, mein Nationalstolz und lässt mich mit meinem abgeklärten Standartzynismus wieder alleine. Aber heimlich denke ich: "Ich wäre gern so stolz auf Deutschland!"

Da muss man (leider) zustimmen.
Aber mal ganz wert- und vorurteilsfrei betrachtet: Kann man wirklich auf (s)ein Land stolz sein? Auf irgendeine Sache oder Gemeinschaft, für deren Existenz oder zu deren Zugehörigkeit man wenig bis nichts beitragen kann?
Gemäß dieser Überlegung halte ich Nationalstolz für einen sehr irreführenden Begriff. Und die meisten, die ihn für sich "vereinnahmen", meinen vielleicht etwas ganz anderes?
Stolz bin ich, wenn ich mit Anstrengung etwas geschafft habe oder durch mein Zutun etwas gelungen ist.
Gemeinschaftsgefühl, die (Lebens-)Umstände, demokratische Teilhabe ... all das kann mich froh machen hier zu leben. Aber ich werde wohl niemals Stolz für meine Nation empfinden können. Diejenigen, die es vorgeben zu tun, mögen mal versuchen es zu definieren. Mich würde sehr interessieren, was sie mit "Nationalstolz" wirklich meinen.

Das war sehr interessant zu lesen. Man konnte schon früh ahnen, dass eventuell mehr zwischen den Menschen steht als sie vorher vermuteten. Ich habe selbst syrische Bekannte, und man kann kulturelle und religiöse Unterschiede nicht leugnen. Das führt im besten Fall dazu, dass man sich austauscht und voneinander lernt. Auch das Erkennen und Akzeptieren von Unterschieden ist ein positiver Effekt. Im schlechtesten Fall findet man nicht zueinander oder gerät in einen Konflikt auf Grund der Unterschiede.
Natürlich wäre das mit jedem anderen fremden Gast (aus Schweden oder Bayern oder Offenbach) auch so oder zumindest ähnlich.
Trotzdem (oder gerade deswegen) war das eine respektable Entscheidung der Frau.