Harald Martenstein Über die blöden Deutschen

Von
ZEITmagazin Nr. 22/2015

Die Redaktion hat mir die Aufgabe gestellt, einem Flüchtling Deutschland zu erklären, dafür stehen mir 1.640 Zeichen zur Verfügung. Ich halte diese Aufgabe für unlösbar. Ich könnte in 1.640 Zeichen vielleicht erklären, wie man ein Butterbrot zubereitet, unsere kulinarische Spezialität. Gleichwohl befolge ich die Anweisung. Ich werde nicht 1.639 oder 1.641 Zeichen schreiben, nein, ich schreibe 1.640. Das ist typisch deutsch. Dieses Devote, Kleinkarierte.

Wir sind fleißig, aber der Genuss kommt oft zu kurz. Wir Deutschen sind ungerecht, vor allem zu den Frauen. Diese armen Geschöpfe. Die Einkommensschere klafft bei uns immer weiter auseinander, die Armen werden immer ärmer, seit Jahrhunderten schon. Wir haben Vorurteile, aber hallo! Wir teilen nicht gern. Feige sind wir auch. Es gibt nur eine Sache, die in noch mieserem Zustand ist als unser Humor: Unsere Sexualität ist ein Desaster. Die Infrastruktur können Sie vergessen, Brücken, Straßen, Schulen, alles scheiße. Wir sind kinderfeindlich und altenfeindlich. Wir kaufen keine Aktien, obwohl es klug wäre, warum? Weil wir blöd sind. Wir ernähren uns ungesund, deshalb das Übergewicht. Wir bekommen auch schnell Sonnenbrand, falls wir blond sind. Apropos blond: Es gibt immer mehr Nazis, sie sind überall. Unsere Musik klingt wie Schweinegezadder – ich bin gespannt, wie man das Wort übersetzt. Gut sind die Butterbrote.

Deutschland ist wohlhabend, relativ friedlich und sicher, davon haben Sie gehört, es ist vielleicht auch was dran. Sie werden aber schnell Deutsche kennenlernen, die von ihrem Land eine negative Meinung haben, solche Menschen sind bei uns zahlreicher als anderswo.

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

Kommentare

12 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren