Lorna Ishema "Sprache wird zu einer Kette von Möglichkeiten"

© Billy & Hells
ZEITmagazin Nr. 22/2015

Es gibt einen Traum, der begleitet mich seit meinem sechsten Lebensjahr. Darin gehe ich ganz allein zum Bäcker, um Brötchen zu holen. Das war die weiteste Strecke, die meine Eltern mich alleine gehen ließen. Die Verkäuferin reicht mir die Brötchen über die Theke, ich gebe ihr das Geld und will mich bedanken – bringe aber kein Wort über die Lippen. Die Leute in der Schlange hinter mir fangen an zu tuscheln, während ich immer wieder ansetze und doch stumm bleibe. Dieser Traum vom Verlust meiner Sprache folgte mir lange, anfangs noch als eine Art Albtraum. Aber mit den Jahren habe ich ihn als Aufforderung gedeutet, mich mehr und genauer mitzuteilen. Als Kind fühlte ich mich oft hilflos und verzweifelt, wenn ich missverstanden wurde und nicht die richtigen Worte fand. Aber in dem Alter nimmt man Sprache noch leichter auf, und sie wird zu einer Kette von Möglichkeiten. Rückblickend half die Sprache mir, hier meinen Platz zu finden und ein Teil der Gesellschaft zu sein. Ich hatte nie vor, Schauspielerin zu werden, das ist eher aus Versehen passiert. Aber ich wollte schon immer eine Haltung haben und gehört werden. Ich wollte wahrgenommen werden. Das ist, glaube ich, ein grundlegendes menschliches Bedürfnis.

Lorna Ishema, 25, ist in Uganda geboren und kam mit fünf nach Deutschland. Sie ist die erste Schauspiel-Stipendiatin der Deutschlandstiftung Integration und Ensemblemitglied am Deutschen Theater in Berlin.

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