Ich habe einen Traum Cassandra Wilson

"Der Song 'Death Letter Blues' bestärkt mich darin, nicht an den Tod zu glauben"
ZEITmagazin Nr. 23/2015

Es gibt einen Traum, der mich fast mein ganzes Leben lang begleitet hat: Ich fahre mit dem Auto in die Berge, über wunderschöne Hügel, dann wieder durch weite Ebenen. Mal bin ich allein, mal sitzt jemand auf dem Beifahrersitz. Es ist mein Auto, das beste Auto der Welt, eine Limousine aus Deutschland, außen und innen schwarz, mit einem wundervollen Achtzylindermotor. Gelegentlich höre ich dabei Musik, aber keine, die ich kenne. Es ist Musik aus einer anderen Welt, anders als alles, was ich jemals zuvor gehört habe. Eine Mischung aus allen möglichen Instrumenten. Verrückte Resonanzen, betörende Obertöne, himmlische Klangfarben. Wenn ich aufwache, versuche ich, mich an diese Musik zu erinnern. Manchmal schaffe ich es, ein paar Bruchstücke von ihr aufzuschreiben. Aber sie klingt dann nie so wie in meinen Träumen.

Im Traum komme ich niemals irgendwo an, ich habe keine Ahnung, wohin ich fahre. Vielleicht gibt es einen Teil von mir, der den Weg kennt. Vielleicht ist dies mein inneres Bild von mir selbst: auf der Straße des Lebens. Ich bin immer neugierig darauf, was hinter der nächsten Kurve kommt.

In meiner Kindheit wusste ich noch nicht, dass ich einmal eine Reisende sein würde. Als ich begann, Musik zu machen, hatte ich keine Ahnung, wie sehr Reisen ein Teil meines Lebens als Musikerin sein würde. Das bemerkte ich erst, als ich schon unterwegs war.

Ich bin in den Sechzigern aufgewachsen. Bis ich 14 Jahre alt war, ging ich nicht mit weißen Kindern zur Schule. Es war eine turbulente Ära, eine Zeit großer Veränderungen, in der unser Bewusstsein erwachte. Einer der Songs, die mich am stärksten geprägt haben, ist der Death Letter Blues von Son House, einem Sänger und Gitarristen, der wie ich aus Mississippi stammte. Es ist ein mächtiges Stück Musik. Jedes Mal, wenn ich es höre, lässt seine Erhabenheit mich innehalten. Es bestärkt mich darin, nicht an den Tod zu glauben. Ich glaube, wir durchlaufen Wandlungen: Wir reisen hin und her zwischen dem körperlichen und dem körperlosen Zustand.

Die letzten drei Jahre habe ich in New Orleans gelebt, während meine Mutter ihre Wandlung durchlief. Kurz bevor sie starb, schien es mir, als kommuniziere sie mit Wesen aus einer anderen Welt.

Wir konnten nicht sehen, was sie sah. Es gab da offensichtlich jemanden, der ihr half. Sie konnte nicht mehr sprechen. Aber ich sah es in ihren Augen, sie griff mit ihren Händen nach etwas in der Luft. Ich bin dankbar dafür, dass ich diese Zeit noch mit ihr verbringen durfte. Und nun gehe ich bald wieder auf Reisen. Ich wüsste gern jetzt schon, was hinter der nächsten Kurve kommen wird. In meinen Träumen sind es immer wieder atemberaubende Landschaften. Ich träume in Farbe. Und ich hatte noch nie schlechtes Wetter.

Cassandra Wilson, 59, ist mit ihrer warmen Altstimme eine der großen Jazz-, Blues- und Popsängerinnen der Gegenwart. Ihre Platte "New Moon Daughter" wurde 1996 mit einem Grammy ausgezeichnet. Kürzlich erschien ihr Album "Coming Forth By Day", eine Hommage an Billie Holiday, die im April 100 Jahre alt geworden wäre.

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