© Ellen von Unwerth/ 2b Management

Ellen von Unwerth Märchenstunde

Ellen von Unwerth inszeniert für uns ihre Version von "Aschenputtel". Die Bühne ist ihr Heimatort Laubach in Hessen. Ein Interview von
ZEITmagazin Nr. 23/2015

Ellen von Unwerth identifiziert sich mit dem Aschenputtel. Hier erklärt sie, warum.

ZEITmagazin: Frau von Unwerth, Frankfurt am Main ist Ihr Geburtsort. Bis Sie zehn Jahre alt waren, haben Sie in Laubach nahe Gießen gelebt.

Ellen von Unwerth: Daran habe ich intensive Erinnerungen. In Laubach habe ich mit meinen Freundinnen immer in der Gegend vom Schloss gespielt und bin am Schlossteich herumgetollt. Das Ganze hatte etwas Geheimnisvolles, weil der Schlossherr noch dort wohnte. Den haben wir aber nie richtig gesehen, er ist nur manchmal an einem Fenster vorbeigehuscht, das war immer ein bisschen unheimlich. Ich fühle mich dem Ort heute noch sehr verbunden.

ZEITmagazin: Ihre Bilderstrecke fürs ZEITmagazin steht unter dem Motto "Aschenputtel". Können Sie sich mit dem Märchen identifizieren?

Von Unwerth: Als ich erfuhr, dass die Brüder Grimm aus Hessen kommen und das Märchen hier aufgeschrieben haben, war das für mich die perfekte Mischung: Hessen – Aschenputtel – ich. Ich bin in Laubach als Waisenkind bei Pflegeeltern aufgewachsen und musste gelegentlich auch die Kirche putzen und die Kirchenbänke abstauben. Ein bisschen fühlte ich mich damals schon wie Aschenputtel.

ZEITmagazin: Wie oft kehren Sie in Ihre alte Heimat zurück?

Von Unwerth: Alle fünf bis zehn Jahre schaue ich noch einmal vorbei, ich kenne dort leider niemanden mehr. Aber ich habe unserem Team hier all die Orte gezeigt, an denen ich als Kind gespielt habe. Die meisten Häuser sind ja noch sehr ursprünglich und sehen heute genauso aus wie damals. Und das kleine Fachwerkhaus, in dem ich aufgewachsen bin, ist auf einem der Fotos zu erkennen – da wirkt es wie ein Spielzeughaus, aber als Kind kam es mir natürlich riesengroß vor. Ich bin dann auch am Dorfbrunnen vorbeigelaufen, da saßen damals die ganzen Bad Boys herum, vor denen ich als Kind schreckliche Angst hatte. Und all die geheimnisvollen Ecken rund um das Schloss habe ich wiederentdeckt. Den Schlossherrn habe ich jetzt endlich persönlich kennengelernt und mit ihm und seiner Frau geplaudert.

ZEITmagazin: Was sollte man in Laubach unbedingt anschauen?

Von Unwerth: Zunächst natürlich das Schloss mit seinen barocken Hauben und Rundtürmen. Auch der Schlosspark mit seinem Schwanenteich ist großartig und der Wald mit seinem Entdeckungspfad – das "Grüne Meer". Vom Schloss aus kann man zu den alten Fachwerkhäusern spazieren, die früher Bauernhöfe waren.

ZEITmagazin: Sie sind viel in der Welt herumgekommen. Hat der Begriff Heimat für Sie noch Bedeutung?

Von Unwerth: Heimat, das ist eigentlich überall ein bisschen. Es gibt mittlerweile so viele Orte, die ich gut kenne und wo ich auch Freunde habe, dass es für mich schwer zu sagen ist, welcher Ort davon der wichtigste ist. Ich bin überall glücklich und auch immer traurig, wenn ich wieder wegmuss. Es gibt aber einen kleinen Ort in der Normandie, den ich besonders gerne mag. Das ist vielleicht der Ort, an dem ich am ehesten Ruhe finde und abschalten kann.

ZEITmagazin: Sie sind eine der gefragtesten Modefotografinnen der Welt. Vermissen Sie gelegentlich die Ruhe einer Kleinstadt?

Von Unwerth: Natürlich tut es manchmal gut, sich einfach nur zurückzulehnen oder beispielsweise im Garten zu arbeiten, das liebe ich sehr. Aber nach zwei bis drei Tagen habe ich dann schon wieder genug und vermisse das Leben in der Großstadt. Vielleicht kommt eines Tages der Zeitpunkt, an dem ich mehr Ruhe brauche, aber noch ist es nicht so weit.

ZEITmagazin: Und dann stünde die Rückkehr nach Hessen an?

Von Unwerth: Nein, das glaube ich nicht. Lieber Berlin oder Umland, aber Hessen nicht mehr. Ich blättere die Seiten meines Lebens um und gehe nicht mehr zurück. Ich blicke nach vorn.

Ellen von Unwerth, 1954 in Frankfurt am Main geboren, arbeitete lange als Model, bevor sie in den achtziger Jahren zu fotografieren begann und bald für internationale Hochglanzmagazine arbeitete. Die Fotografin entdeckte unter anderem das deutsche Topmodel Claudia Schiffer. Unwerths Stil ist sexy und verspielt, wegen der kühlen Erotik ihrer Fotos gilt sie als weiblicher Helmut Newton

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