Humor Was gibt's denn da zu lachen? Auf der Suche nach dem hessischen Humor

Ein Aktienhändler in Karnevalskostüm an der Frankfurter Börse © Mario Vedder/Getty Images

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ZEITmagazin Nr. 23/2015

Den Humor der Hessen? Kannste vergessen. Hessische Komik gibt es ebenso wenig wie Hessen selbst. Als in Frankfurt lebender und nur leidlich geduldeter Wirtschaftsflüchtling muss ich’s ja wissen. Noch immer suche ich nach dem sagenhaften hessischen Witzvermögen – und habe noch nicht mal Hessen gefunden. Das kotelettförmige Bundesland ist ja eine reine Verwaltungsfantasie, vor 1945 gab es diesen Zuschnitt überhaupt nicht. Trifft man heute einen Kasseläner oder Wiesbadenser, einen Odenhinterwäldler oder Frankfodder, dann würde der sich niemals als Hesse bezeichnen. Naiverweise sprach ich in Frankfurt mal einen älteren Herrn auf seinen hessischen Dialekt an, da blaffte er mich an: "Isch spresch kaa Hessisch, des gibbt’s gaa ned, isch babbel Frankfodderisch." Aha.

Das Mysterium Hessen könne eben nur verstehen, mutmaßte einst Matthias Beltz, wer auch die "ethnische Sondersituation" dieses Völkchens kenne. "Die Hessen sind umzingelt von lauter Deutschen, haben keinen direkten Zugang zum Meer, zu den Alpen und zum Ausland und daher keinen Kontakt zur Freiheit", schrieb der 2002 verstorbene Kabarettist über seine Heimat. "Wer Hessen besuchen will, muss vorher durchs Fegefeuer der deutschen Autobahn-, Eisenbahn- und Flughafenkultur. Nur wenige, die hierherkommen, wollen hierbleiben. Das war schon während der Völkerwanderung so."

Ich indes harre unverdrossen aus, seit ich vor zwei Jahrzehnten begann, mich in der Frankfurter Pointenindustrie zu verdingen. An rustikaler Volksbelustigung mangelt es freilich nicht. "Lusdisch" ist der Hesse allemal, sei’s bei der traditionell verhärmten Frankfurter Fassenacht oder der strukturell verwandten lokalen Bühnencomedy. Wenn "das hessische Babbel- und Knotter-Ehepaar Karl-Heinz und Hiltrud" im hessen fernsehen für Schenkelklopfer sorgt, in Darmstadt bei der Klamotte Dadderich gejohlt wird, wenn Kabarettheimspiele mit Mundstuhl und Bodo Bach gefeiert werden, dann können selbst altgediente Lach- und Fachkräfte wie Badesalz oder die Rodgau Monotones (Erbarme, die Hesse komme!) nichts mehr ausrichten.

Aber womöglich mag in einer Gegend, in der Orte, ohne rot zu werden, Gründau-Lieblos oder Linsengericht-Eidengesäß heißen, in der es sogar ein bewohntes Wixhausen gibt (das sinnigerweise gleich bei Darmstadt liegt), wo dann auch noch allen Ernstes und regelmäßig ein "Blasorchester Wixhausen" zum fröhlichen Potpourri aufspielt – womöglich mag genau da der sublime Witz der Eingeborenen darin bestehen, dass sie "Handkäs" für ein Nahrungsmittel und den "Äppelwoi" genannten Hessenurin für ein Erfrischungsgetränk halten. Das Gegenteil behaupten darf man freilich nicht. Und über die Frankfurter Eintracht darf auch nicht gespottet werden, denn über Behinderte machen nicht mal die Hessen Witze. Zumal der handkäsweische Dialeggd zur Weitergabe von harten Informationen völlig ungeeignet ist. "Der umwerfende Charme der Frankfurter hat mich gleich für sie eingenommen", weiß der Zuwanderer Pit Knorr zu berichten, derzeit amtierender Direktor der Neuen Frankfurter Schule. "Erzähl ihnen die spannendste aller Geschichten oder den pfiffigsten aller Witze – am Ende wird man dich anstarren und sagen: Un, weidä?"

Frankfurt ist, ganz ohne Witz, die größte Stadt in Hessen und nach London das zweitgrößte Finanzzentrum Europas. In hohen Geldfördertürmen gehen die Banker dunklen Geschäften nach, als seriöse Einkommensquellen gelten Aktienkursmanipulation, Hütchenspiel und Kinderprostitution. Die internationalen Kapitalströme werden an- und abgezapft und aus lauter Gier und Unvermögen auch mal trockengelegt. Aber hey, ist doch wurscht, dann lässt man sich eben vom Steuerzahler retten.

Das klingt lustig, ist es aber nicht – und führt trotzdem zu Lachern. Denn Frankfurt ist auch die deutsche Hauptstadt der Satire. Das lässt sich leicht beweisen, denn nur in Frankfurt gibt es die Neue Frankfurter Schule. Hier, wo zwischen Gier und Geist maximale Reibung entsteht, schafft die Satire Entlastung durch Entlarvung, durch Verhöhnung statt Versöhnung. Sie ist dafür verantwortlich, dass die Stadt am Main die höchste Satirikerdichte des Bundesgebiets vorweisen kann. Weil Hessens heimliche Hauptstadt vor allem eine Hauptstadt des Scheiterns ist.

Nach der missglückten Paulskirchen-Revolution von 1848 wurden Politsatiren überlebenswichtig, die seit je sehr freigeistige Handels-, Messe- und Bürgerstadt Frankfurt avancierte zum Medien- und Verlagszentrum. Und nachdem es 1948 abermals nicht klappte, deutsche Bundeshauptstadt zu werden (aus dem voreilig hochgezogenen Plenarsaal sendet heute der Hessische Rundfunk), verquickte man den durch die Philosophen der Frankfurter Schule (Horkheimer, Adorno, Heinz Schenk) institutionalisierten Hang zum Meckern und Kritisieren mit Witz und Dollerei – und diese Kritik mit komischen Mitteln nennt man gemeinhin Satire.

So wurde Hessens einzige Metropole zum Gründungssitz von Deutschlands erfolgreichster Boygroup. Seit über fünfzig Jahren höhnt und spottet sie nun, die Neue Frankfurter Schule, seit im Jahr 1962 die erste Nummer der Zeitschrift Pardon erschien. Das legendäre Satireblatt ging 1979 im Nachfolgeorgan Titanic auf, wo Jahr für Jahr eine neue perspektivlose Generation zu Berufszynikern und Vollerwerbsnestbeschmutzern ausgebildet wird. Und die Alten? Auch die witzeln wacker weiter. Bis heute veröffentlicht der NFS-Mitbegründer Hans Traxler als viel gefragter Autor, Zeichner und Illustrator mehrere Bücher pro Jahr, seine Kollegen Pit Knorr, Eckhard Henscheid, F. W. Bernstein und Bernd Eilert versorgen Bühnen und Verlage mit Pointen und Polemik, allein ihre Kollegen Chlodwig Poth, Robert Gernhardt, F. K. Waechter und Bernd Pfarr sind derzeit in einer Art Ruhestand.

So hat diese Hochschule der Hochkomik in der Stadt der Dichter und Banker eines ganz sicher erreicht: dass es erstmals in Deutschland eine anhaltende Komik-Kontinuität gibt. Das Qualitätsmerkmal hat Robert Gernhardt vorgegeben: "Hell und schnell" soll er sein, der Witz, und eine Niveaudebatte wird niemals geführt. Am Main hat die Satire also Folgen, und die komischen Höhepunkte dieses Treibens kann man täglich außer montags in der Caricatura belachen, dem Frankfurter Museum für Komische Kunst.

Die Zeichner, Maler, Cartoonisten, Dichter, Romanciers, Polemiker und Lyriker der NFS – sie begleiteten durchgehend und ohne Unterbrechung die Vor- und Frühgeschichte der Bundesrepublik, versorgten schon Nachkriegsleser mit Trümmerwitzen, später Spontis mit Sprüchen und heute noch Kids mit Komik, Kritik und Klamauk. Dazu fabrizierten sie Filme und Theaterstücke, TV- und Radiosendungen, dichteten Volksgut, ärgerten die Schlechten und brachten die Guten zum Lachen, holten die Institution der Lesung aus verstaubten Buchläden und vermufften Stadtbüchereien und machten sie zu gut besuchten Unterhaltungsveranstaltungen. Dies alles zusammengerechnet: eine in der Welt völlig singuläre Großgruppenleistung. Man kann suchen und forschen, wie man will – und wird keine annähernd vergleichbar produktive Runde finden. Nirgends. Hessen sei Dank – oder auch gerade nicht.

Oliver Maria Schmitt, 49, war von 1995 bis 2000 Chefredakteur der "Titanic" in Frankfurt

9 Kommentare

Die annern sinn ja bloß neidisch uff unser Frankfoddertum. Ahja gehd doch haam zu eurer Berlinä Muddi wenns eusch hier ned gefälld. Wir habbe die Bangge, wir habbe die Hisdorie, was wolld ihr eischendlisch? Wir habbe also Rindsworschd un Äbbelwei, von so ennem Luggsus könnt ihr nur dräume in eure undsivilisierde Breussescheissdregg da. Ihr kennd kaa Woddga dringge weil ihr Weischeier seid, unn ihr kennd kaa Schobbe petze weil ihr Pussies seid. Best Worscht in Town? Her uff, da heuld ihr doch wie klaane Mädsche.

Ja, wir sinn umdsingeld von laudä Deudsche, unn Godd mach dass wir die Debbe looskriesche - de Adenauer had verhinderd dass wir Haupdstadd wern unn heud ernnd ihr die Früschde. Ja, hädd ihr bloß. Heuld doch.

Ei Kall, libbe Babba, dann erklären Sie Frankfodder (und der Autor am besten gleich dazu), warum ausgerechnet die unantastbare Diva vom Main, die Frankfurter Eintracht und ihre Vorvereine, spätestens seit 1911, im Vereinswappen den Reichsadler, noch dazu im (ursprünglich schwäbischen, sodann) preußischen (Hohenzollern-)Weiß-Schwarz tragen?!

Erbarme, die Hesse komme ... Sagen natürlich nicht selbige, sondern ihre geplagten Nachbarn, die mit Recht von den "gottlosen Hessen" reden - seit Landsknechts Zeiten, als abtrünnige Hessen (wie etwa der Münsterer Bischof Franz von Waldeck, Vater von 8 Kindern, aber von derselben Frau) sich in den Pikendienst stellten. Das wiederum hing damit zusammen, dass die Hessen das Prinzip der altfränkischen Realteilung übernommen (nein, erfunden!) hatten - was stracks zum hessischen Kleinhof führte (ein Fenster, ein Misthaufen) und deshalb die jüngeren Söhne humorlos als Kampfvieh in alle Welt hinaustrieb ("Der Hesse" - eine köpfende Horrorfigur in Neu-England). "Umgeben von Deutschen" - ha, welche Geschichtsklitterung! "Die Hessen" gab es schon viel früher, als die Nachrichten noch auf Altsprachlich verlesen wurden: "Chattoi", danach Chatti, dann lautverschoben "Hassi" - und da sind sie dann stehen geblieben, auf halbem Wege zu "Haschu Haschisch in den Taschen, haschu immer was zu naschen". Die hessischen Eichen, wohin sich anbetend (Idefix der älteste hessische Hund, die Kümmerform eines chattischen Molossers) die Spinner zur Prozession reihten, waren dahin, gefällt von baumhassenden Angelsachsen. Und das älteste hessische Produkt?! "Spuma chattica" (Martial) - "Hessenschaum", zur Rotfärbung römischer Damenwuschel - überbracht vom ältesten "Hessischen Landboten". Eigentlich waren die Hessen immer radikal - dagegen nahmen sie aber Holzapfelsaft zu sich. Sauer macht lustig ...

Wer in Deutschland humorvoll schreibt,wird nicht ernst genommen.
und wer sich dann auf´s komische Genre spezialisiert verfällt oft dem Spiessbürgergeschmack.wie z.B. hier Hessenurin oder auch Fussballer
sind Behinderte.Da ist ja selbst Gysi mit seinen Zwangswitzen niveauvoller
;)

Ageplackter?

Ageplackter?
Als Einheimischer möchte ich aufs Schärfste widersprechen. Es gibt, je nach Geburtsort, Alter und sozialer Schicht des Sprechers,
Eigeplackte
Oigeplackte
Ingeplackte
Iängeplackte
Engeplackte sowie
Eangeplackte.

Aber niemalsnienimmerkeine Ageplackten.

En schiene Gruß aus de Wearreraa
dingensda

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