© Stefan Nimmesgern

Das war meine Rettung "Das Ziel des Lebens ist nicht unbedingt das Glück"

Cornelia Funke entschied sich gegen den planbaren Erfolg, weil sie Gemütlichkeit für gefährlich hält. Ein Interview von
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 24/2015

ZEITmagazin: Frau Funke, Sie sind in Dorsten auf ein Gymnasium der Ursulinen-Nonnen gegangen. Was haben Sie dort gelernt?

Cornelia Funke: Ich verdanke der Schule sehr viel. Die rebellischen roten Nonnen von Westfalen haben mich beeindruckt und geprägt. "Hört nie auf, selber zu denken", wurde uns gesagt. Sie haben uns vermittelt, dass auch Mädchen alles im Leben erreichen können.

ZEITmagazin: Im Deutschunterricht haben Sie sicherlich geglänzt.

Funke: Ich hatte nie den Ehrgeiz, gute Noten zu schreiben. Ich erinnere mich, dass ich in Deutsch mal den besten Aufsatz geschrieben hatte, aber weil er so maßlos am Thema vorbei war, bekam ich eine schlechte Zensur. Da hat die ganze Klasse für mich rebelliert und gesagt, das ist aber ungerecht! Als ich 15 oder 16 Jahre alt war, fiel meinem Deutschlehrer auf, dass ich ungewöhnlich und anders schreibe. Er hat meine Begeisterung für Literatur ausgelöst.

ZEITmagazin: Wie wichtig waren Ihnen Bücher in dieser Zeit?

Funke: In Dorsten selbst fühlte sich alles immer klein an. Darum bin ich mit meinem Vater oft zur Bücherei gegangen, wir kamen dann immer beide mit Bücherstapeln unterm Arm zurück. Die Bücherei war für mich der Himmel auf Erden, und Bücher waren mein Fenster zur Welt. Bücher bieten Kindern die unglaubliche Möglichkeit, sich selber eine Welt zu erschließen. Als Kind muss man ja ständig Regeln beachten, man kann nicht einfach in die Welt hinaus und Astronaut werden, wie ich das mit elf Jahren sehr ernsthaft wollte. Ein Traum, den ich übrigens aufgab, weil mir gesagt wurde, dass man zum Militär muss, um Astronaut zu werden. Und im Gehorchen war ich nie gut.

ZEITmagazin: Fällt es Ihnen heute auch noch schwer, Autorität zu akzeptieren?

Funke: Ich akzeptiere keine Art von Autorität, ohne sie zu hinterfragen. Ich fand es als Kind sehr verstörend, wie sich dieses Volk fraglos einer Autorität unterworfen hatte, die so offensichtlich unmoralisch war. Ich habe oft verflucht, als Deutsche geboren zu sein. Bis ich irgendwann merkte, dass man als Deutscher keine Illusionen über die menschliche Natur hat. Das Wissen, wie leicht Menschen ihre Nachbarn denunzieren, Kinder ihre Eltern anzeigen, Liebe uns zu Mittätern macht – all das liefert wertvolle Einsichten und kann immun machen gegen jede Ideologie.

ZEITmagazin: Von außen sieht es so aus, als ob Sie alles erreicht hätten. Gibt es etwas, woran Sie gescheitert sind?

Funke: Ich bin einige Male gescheitert, aber ich habe immer versucht, daraus zu lernen. Ich glaube inzwischen, dass das Ziel des Lebens nicht unbedingt das Glück ist. Das Leben gleicht wohl eher einem Hürdenlauf: Die schweren Zeiten gehören dazu. Als ich die Tintenwelt-Trilogie abgeschlossen hatte und mit einer neuen Buchreihe anfing, der Spiegelwelt-Serie, waren meine Leser erbost und fragten: Warum schreibt sie denn nicht noch ein Tintenbuch? Aber für mich war das einer der wichtigsten Momente meiner Karriere. Ich musste mich fragen: So, du kannst jetzt den bequemen Weg gehen und schreibst noch ein Tintenbuch – oder du sagst Nein. Ich habe mich gegen den planbaren Erfolg entschieden. Vier Jahre lang habe ich Bücher geschrieben, die keiner wollte, weder meine Leser noch mein Verlag. Es hört sich etwas pathetisch an, zu sagen: Wenn man sich treu bleibt, zahlt es sich aus. Aber in meinem Leben hat es sich oft bewiesen. Jedes Mal, wenn ich mich für den unbequemeren Weg entschied, war die Ernte besonders reich.

ZEITmagazin: Was meinen Sie damit?

Funke: Sich etwas Schwieriges zuzutrauen befreit innerlich, und schafft man es, dann traut man sich plötzlich alles zu. Es ist, als ob das Leben einem ab und zu einen goldenen Schlüssel reicht, der klebrig ist von Angst. Doch wenn man die Angst überwindet und ihn benutzt, ist die Belohnung unglaublich. Bevor ich 40 war, war ich ein richtiger Reisemuffel, ich fand schon eine Fahrt von Hamburg nach Frankfurt unerquicklich und wollte eigentlich nirgendwohin. Diese kleinen Ängste, dieses "Ich will jetzt nicht weg, ich habe es gerade so gemütlich und so sicher", das sind oft die lästigsten. Ich habe selber lange so gelebt, ohne zu merken, dass dadurch die geringste Änderung des Vertrauten zum Stress wird. Ich halte inzwischen Gemütlichkeit und Sicherheit für die gefährlichsten Dinge im Leben überhaupt. Je öfter man sich Veränderungen und neuen Situationen aussetzt, desto mutiger und stärker wird man.

Cornelia Funke, 56, ist mit weltweit mehr als 20 Millionen verkauften Büchern die erfolgreichste deutsche Kinderbuch-Autorin. Ihre Tintenwelt-Trilogie machte sie berühmt, zuletzt erschien "Reckless. Das goldene Garn". Funke lebt in Los Angeles

 Das Gespräch führte Louis Lewitan. Er ist Psychologe und gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, Evelyn Finger und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

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