Stilkolumne Beige heißt jetzt Holz

© Peter Langer
ZEITmagazin Nr. 25/2015

Es gibt eine Farbe, die auf junge Leute einmal sehr negativ wirkte. Wenn man sie trug, war man geliefert. Man schien automatisch um Jahrzehnte zu altern, die Haare wirkten plötzlich grau. Die Rede ist von Beige, der Farbe der Rentner. Die beige Funktionsweste war ihre Uniform – und markierte einen Kleidungsstil, der als komplett unmodisch galt: Er ließ einen mit dem Hintergrund verschmelzen, machte einen also fast unsichtbar. So mochte natürlich niemand aussehen, weshalb der Ruf von Beige immer schlechter wurde. In den letzten Jahren war die Farbe dann selbst bei Pensionären aus der Mode gekommen.

Nun ist Beige wieder da – allerdings ist es kein "Beige" mehr. Beige heißt jetzt Holz und darf unter diesem Namen sogar auf Pumps von Saint Laurent und einer Leinen-Handtasche von Victoria Beckham erscheinen. Bei Loewe sind die Stricktops beige – äh, holzfarben. Und Tod’s hat Mokassins in der Farbe im Angebot.

Und siehe da: Der Farbton macht selbstverständlich überhaupt nicht alt. Von J. W. Anderson gibt es sogar ein Top in Holzfarbe, das an eine Weste erinnert und das dennoch kein bisschen rentnerhaft wirkt. Im Gegenteil: Holzfarben gelten als frisch, man assoziiert mit ihnen die Schönheit der Natur. So viel kann eine einfache Umetikettierung bewirken. Diese Töne kommen als Teak, Haselnuss, Mahagoni, Birnbaum, Maroni und Birke daher, eine völlig neue Assoziation für das gute alte Beige. Die vergangenen Saisons waren geprägt von Moostönen, nun ist auch der Baum in der Mode angekommen.

Hier vollzieht sich etwas, das sich in anderen Bereichen der Gesellschaft bereits durchgesetzt hat. Früher galt das Reformhaus als Ort für Menschen, denen ihr sexueller Ehrgeiz nicht mehr so recht anzumerken ist. Heute ist der Nachfolger des Reformhauses – der Bio-Supermarkt – für bestimmte gesellschaftliche Schichten alternativlos. Weleda und Demeter waren einst die Lieblinge von Anthroposophen, jetzt sind sie Lifestyle-Symbole. Es ist zu erwarten, dass die Mode nicht bei Ökofarben innehält. Bald werden auch die Stoffe ökologisch inspiriert sein. Vor wenigen Jahren noch war Ökologie in der Mode eine Randerscheinung, nun gelten bereits Jutetaschen, naturbelassene Baumwolle und Birkenstock-Sandalen als stilvoll. Bleibt zu hoffen, dass das Bedürfnis nach mehr Ökologie bei der Bekleidung ebenfalls nachhaltig ist – und nicht einfach nur eine Mode.

Foto: Holzfarbene Mokassins von Tod's, 315 Euro

Kommentare

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Bitte nicht!
315 € für ein Paar k...braune Schlappen! Wer das macht, dem ist nicht zu helfen. Überhaupt: K...braun, was soll daran gut sein? Man war so froh, dass dieser Anklang an menschliche Ausscheidungsprodukte endlich zurückgedrängt war. Die Modefarben der letzten Jahre waren ok, petrol zum Beispiel ist immer wieder ein erfrischender Anblick. Alles, wirklich alles,außer k...braun.