Andre Levy Malen statt zahlen

Der Illustrator Andre Levy macht aus Münzen kleine Kunstwerke.
ZEITmagazin Nr. 26/2015

Normalerweise schenken wir Münzen wenig Beachtung. Wenn sie Glück haben, lassen wir sie in der Hosentasche klimpern, doch meist pferchen wir sie im Portemonnaie ein, sind froh, wenn wir sie loswerden, und nennen sie abschätzig "Kleingeld". Aber es gibt diese seltenen Momente, in denen man eine Münze in der Hand hält und sich fragt: Wurde mit ihr vielleicht der erste Kaffee zu Beginn einer Liebe bezahlt? Oder der letzte, bei dem man sich trennte? Musste sie lange im Sparschwein ausharren, um schließlich in das ersehnte Fußballtrikot umgewandelt zu werden? Wurde sie mal gestohlen, erbettelt, versoffen, verwettet? Womit wurde sie verdient? Und wie sieht es im Innern eines Fahrkartenautomaten aus?

Jede Münze birgt solche Geschichten, manche erfahren wir nie, manche haben wir selbst erlebt. Deshalb freuen wir uns, wenn wir in irgendeiner Schublade ausländische Münzen finden, eine Öre, ein Pound oder ein paar Pesos. In unseren eigenen Gedankenautomaten eingeworfen, spendieren sie uns Erinnerungen, Fernweh, Sehnsucht nach Abenteuern. Leider passiert uns das nicht mehr so oft, seit es den Euro gibt und wir im Urlaub mit den gleichen Münzen bezahlen wie zu Hause. Vielleicht hat Andre Levy deshalb auf seinem Instagram-Account, wo er seine bemalten Münzen unter dem Titel Tales You Lose zeigt, so viele Follower. Als der Illustrator, 36, vor vier Jahren aus São Paulo nach Frankfurt zog, schaute er sich die Münzen, die ihm hier unterkamen, genau an, "und wenn Köpfe drauf waren, fragte ich mich, wer das sein könnte, was die Geschichte dahinter ist". Weil Metall ja eher schweigsam ist, ließ er seiner Fantasie freien Lauf und begann, die Münzen zu bemalen. So entstanden Mini-Kunstwerke aus einer fremden Welt.

Seine Münzen lassen in unseren Köpfen ganz neue Länder entstehen. Länder, in denen Conchita Wurst statt Queen Elizabeth Staatsoberhaupt ist, Karl Lagerfeld statt Thomas Jefferson die Unabhängigkeit erklärt hat, für die Captain Marvel als Gewichtheber Medaillen gewinnt und in denen Homer Simpsons Donut zur harten Währung wird. Verrückte, lustige und ziemlich aufregende Länder müssen das sein. Wir würden nur zu gern mal hinreisen.

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Eine interessante Idee - nur Vorsicht bei Münzen aus der Türkei:

"Geld[...] oder Briefmarken zu bemalen oder dieselben zu zerknüllen ist ein absolutes Tabu, denn fast alle tragen ein Porträt von Staatsgründer Kemal Atatürk"

http://www.smavel.com/rei...

Ich erinnere mich noch an einen Fall einer Touristin, die ihn auf einer Postkarten-Briefmarke bemalte - die Staatsanwaltschaft forderte da sogar Gefängnis...