Gesellschaftskritik Über den späten Schweinsteiger

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ZEITmagazin Nr. 26/2015

Bastian Schweinsteiger, so tönt bereits manch Fußballguru, habe einen Fehler begangen, den viele begehen, von denen es heißt, sie gehörten zu den ganz Großen: Er habe den richtigen Zeitpunkt verpasst aufzuhören. Als Nationalspieler – und als Mitglied der deutsch-spanisch-bayerischen Interessenvereinigung Bayern München. Als leuchtendes Beispiel wird dem Mann, den sie Schweini nannten, sein Mitspieler Philipp Lahm vorgehalten: auf dem Höhepunkt – Weltmeister – aus der Nationalmannschaft zurückzutreten, um im Verein länger durchhalten zu können. So macht man das! Das mag ja sein – aber der Schweinsteiger, der es anders macht, ist genau der Schweinsteiger, den wir lieben!

Der Rückzug Lahms wirkt ähnlich kalkuliert wie die Karriereschritte, mit denen er sich selbst einst vom rechten Spielfeldrand in die Mitte verschob. Kühle Kalkulation lässt den aufrechten Fußballfan aber völlig kalt. Dem ist fast egal, ob Lahm noch spielt oder nicht. Nicht so bei Schweinsteiger.

Einige Leute meinen, Schweinsteigers Zukunft als Edelfan seiner Tennis spielenden Freundin Ana Ivanović hätte bereits beginnen müssen, als Ex-Star, der nebenbei in den USA oder Katar noch ein paar Milliönchen erkickt. Doch sie unterschätzen just die Eigenschaften, die den Fußballer Schweinsteiger auszeichnen wie keinen anderen deutschen Spieler: seine Leidensfähigkeit und seinen Siegeswillen. Der immer wieder gefoulte Schweinsteiger, der immer wieder aufsteht und sein Team zum Ziel führt – das ist die Erzählung des WM-Finales von Rio im letzten Jahr. Das Bild, das vom Triumph hängen blieb, ist weder das Siegtor von Götze noch Lahm mit dem Pokal: Es ist das Bild vom blutenden Schweinsteiger, vom Leidensmann.

Dieser Artikel stammt aus dem ZEITmagazin Nr. 26 vom 25.06.2015.

Ein Jahr später leidet er wieder, nur anders: nicht mehr schnell genug, ausgebrannt, zu viel schöne Ana und zu wenig gewonnene Zweikämpfe – so lauten im Kern die Vorwürfe. Und ist er nicht schon grau an den Schläfen? Doch die Leiden des nicht mehr ganz so jungen S. haben noch eine dritte Dimension: Die Fans leiden mit. In einer Zeit, in der Spieler systematisch zur perfekt funktionierenden Lahmhaftigkeit erzogen werden, sehnen sie sich nach dem Unverfälschten – und Typen, die das vermitteln. Wir finden: Gut, dass Schweinsteiger noch dabei ist!

Kommentare

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Als Fan der Nationalmannschaft ist es mir am wichtigsten, dass "die Mannschaft" gut spielt. Ich wünsche mir die besten Spieler auf den Platz. Ich gebe allerdings zu, dass ein Spiel mit Schweinsteiger interessanter auf mich wirkt. Wird er diesmal schneller sein? Kommen seine Pässe diesmal an? Hält er durch, oder wird er sich verletzen?
Aber auch die Spiele mit Lahm faszinieren mich, grade weil er so perfektioniert wirkt. Lahm gibt mir Sicherheit. Jeder pass kommt an, niemand wird ihn überlaufen und keiner kommt an ihm vorbei. Wenn es doch geschieht, bin ich genauso verblüfft, wie wenn Schweinsteiger alle seine Pässe unterbringt. Beide wirken faszinierend auf mich, beide stechen aus der Masse heraus. Mir erscheint es logisch, dass Lahm sich auf die Ziele im Verein konzentriert. Genauso logisch erscheint es mir, dass Schweinsteiger nach den Sternen greift.
Ich wünsche beiden ihre Ziele zu erreichen und freue mich über jedes Spiel, in dem die beiden noch zum Zug kommen. Egal ob NM oder CL.