Harald Martenstein Über die "Medienmeute" und die hohe Kunst der Recherche

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 26/2015

In letzter Zeit erreichen mich manchmal Anfragen von Menschen, die mich beschimpft haben und hoffen, dass jetzt eine Kolumne über sie erscheint und ihren Bekanntheitsgrad erhöht. Es tut mir leid, aber ich kann diesen Bitten nur in Ausnahmefällen entsprechen, ich werde einfach zu oft beschimpft. Ich tue das nur für ganz spezielle Freunde.

Vor einiger Zeit habe ich darüber geschrieben, dass mich ein Mensch seit Jahren mit Schmähungen überhäuft, ein gewisser Stefan Niggemeier. Der Ehrlichkeit halber muss gesagt sein, dass ich nicht der Einzige bin, der von dieser Plage betroffen ist. Er spricht von den Medienschaffenden, sofern sie andere Ansichten vertreten als die seinen, als von einer "Medienmeute". Zum Beispiel gehörten Günther Jauch oder der NDR zur "Medienmeute". Ob dieses Wort anders zu beurteilen ist als das Wort "Lügenpresse", wage ich nicht zu entscheiden. "Meute" ist schon irgendwie ein Tiervergleich. Aber so historisch belastet wie "Ratten" oder "Ungeziefer" ist das Wort wohl nicht. Es geht lediglich in eine ähnliche Richtung.

Zu den Lieblingsideen dieses Menschen gehört es, dass alle, die ein wenig anders denken als er, nicht recherchieren können und voneinander abschreiben. Davon, immer wieder diese These zu verbreiten, kann man offenbar leben. Nun sollte also in Kreuzberg Werbung verboten werden, die den Vorstellungen der Bezirkspolitiker nicht entspricht, ich habe davon berichtet. Da war ich nicht der Erste. Davor erschienen Texte in den Boulevardzeitungen Bild und B.Z. sowie ein Text von Niggemeier, den er wieder einmal mit ein paar Seitenhieben in meine Richtung verziert hatte.

Bild und Co. warf er "eine neue Desinformationsrunde" vor, Beweis: "Sie sprechen von einem Verbot im ganzen Stadtteil und erwähnen nur beiläufig, dass es ›vorerst‹ bloß um vier Plakatflächen geht, die dem Bezirk gehören." Nun, immerhin haben sie’s erwähnt, oder? Auf die Zahl "Vier" legt er deshalb so großen Wert, weil er damit belegen möchte, dass es sich um ein von sexistischen Reaktionären aufgebauschtes Scheinproblem handelt.

Da habe ich mir den Spaß gemacht, zum ersten Mal im Leben den Niggemeier zu spielen, und habe einen Kollegen überprüft, obwohl ich nicht sein Redakteur bin. Als Erstes checkt man natürlich immer die Zahlenangaben. Also, es geht nicht um vier Plakatflächen, wie er behauptet, sondern um 28, was auch wenig ist, aber immerhin siebenmal so viel. Um das herauszufinden, hätte er einfach nur den Pressesprecher des Bezirks anrufen müssen. Beim Suchen der Telefonnummer kann ich behilflich sein.

Das war, ich schwöre es, mein erster Faktencheck bei Niggemeier, und gleich ein Volltreffer. Ich habe mich gefragt, wie er überhaupt auf die Zahl Vier kommt. Ach so – die stand ja in der Bild-Zeitung. Kann es wirklich sein, dass dieser Luftikus ungeprüft Zahlen aus der Bild abschreibt, wenn sie ihm zufällig in den Kram passen? Ausgerechnet er?

Menschen machen Fehler. Ich möchte einem temperamentvollen jungen Kollegen nicht vorwerfen, dass er kein so ausgebuffter Rechercheur ist wie ich. Womöglich habe sogar ich schon mal diese Zahl "Vier" verwendet, was ist schon dabei. Aber ich habe dann angefangen, großflächig zu suchen, und verfüge inzwischen über einen soliden Vorrat an Niggemeierschen Fehlleistungen. Ich werde vermutlich darauf verzichten, von meinem Wissen Gebrauch zu machen, und zwar nur deshalb, weil ich so ein netter alter weißer Mann bin.

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels.

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Kommentare

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Naja, Herr Martenstein.Nicht ärgern. Beim Thema "Gender/Feminismus" nehmen es viele Menschen nicht so genau mit der Recherche. Denen wurde ja jahrzehntelang eingebläut, daß Frauen die besseren Menschen sind und das "He for she" was ganz tolles sei.... Das ist wie bei überzeugten FDJ-lern oder früheren Braunhemden - die wußten zwar im Zweifelfall, was für eine Ideologie hinter den Gedanken steckte, aber sie fanden es trotzdem so schön. Das ist ja in den Medien, die Niggemeier gerne und oft kritisiert, schon Gang und Gäbe - als Tagesspiegel-Redakteur dürfte Ihnen das ja bekannt sein. Da hat wohl etwas auf den guten Niggemeier abgefärbt, aber dann weiß man jetzt wenigstens, zu welchem Thema man auf andere Quellen ausweichen kann.

Endlich bringen Sie etwas Farbe in dieses einseitige Spiel. Wann geht dem Martenstein die Hutschnur hoch, haben sich bestimmt schon viele Leser_innen gefragt. Der Niggemeier recherchiert vielleicht aus diesem Grund nicht mehr. Bei Bild abschreiben, ist die letzte Konsequenz. Es fiel ihm sicher schwer, seinem Redakteur die Korrekturen zu verbieten, aber was macht man nicht alles, um Anerkennung zu erfahren und Ruhm zu ernten. Womit wir beim Gewichtsproblem wären. Da ringen oder boxen für Journalisten zu profan ist, bleibt nur das gemeinsame Erbsen zählen, bei Wasser und Brot.