Harald Martenstein Über gefährliche Witze

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ZEITmagazin Nr. 29/2015

In England und den USA gibt es die schöne Tradition, Reden mit Scherzen zu würzen. Die Scherze dürfen ruhig frech und ein wenig anzüglich sein. Als der Nobelpreisträger Sir Tim Hunt in Südkorea vor jungen Wissenschaftlerinnen gesprochen hat, begann er so: "Es ist seltsam, dass ein chauvinistisches Monster wie ich gefragt wurde, vor Wissenschaftlerinnen zu sprechen. Lassen Sie mich von meinen Problemen mit Frauen erzählen. Drei Dinge passieren, wenn sie im Labor sind: Du verliebst dich in sie, sie verlieben sich in dich, und wenn du sie kritisierst, fangen sie an zu heulen. Vielleicht sollten wir getrennte Labore für Männer und Frauen einrichten? Spaß beiseite, ich bin beeindruckt von der wirtschaftlichen Entwicklung Koreas. Und Wissenschaftlerinnen spielten dabei zweifellos eine wichtige Rolle. Wissenschaft braucht Frauen, und Sie sollten Wissenschaft betreiben trotz all der Hindernisse und trotz solcher Monster wie mir."

Daraufhin brach ein Shitstorm los, wegen Sexismus. Hunt wurde gezwungen, als Professor zurückzutreten, auch aus der Royal Society wurde er ausgestoßen. Es hat ihm nichts genützt, dass er sich entschuldigt hat. Als der Londoner Bürgermeister Boris Johnson sich vor ihn stellte und den "unerbittlichen Moloch politische Korrektheit" anprangerte, wurde auch Johnson sofort bedroht. Eine Abgeordnete sagte: "Johnson macht sich schuldig im Sinne des Antidiskriminierungsgesetzes." Hunt arbeitete übrigens in der Zellforschung, seine Forschungsergebnisse retten vielleicht Tausenden von krebskranken Frauen das Leben. Jetzt ist er erledigt, Berufsverbot, und kann niemanden mehr retten.

Mich wundert, dass keiner die Parallelen zwischen diesem Fall und den Anschlägen auf Charlie Hebdo gesehen hat. Natürlich ist es ein Unterschied, ob man Leute erschießt oder ob man sie nur beruflich vernichtet. Aber in beiden Fällen geht es darum, dass Menschen es nicht ertragen, wenn über etwas Scherze gemacht wird, das sie für unantastbar halten. Und in beiden Fällen wird mit äußerster Unbarmherzigkeit vorgegangen, um ein Klima der Angst zu schaffen. Und die Akteure sind nicht "der" Islam oder "der" Feminismus, sondern radikale Gruppen.

Nein, noch deutlicher ist vielleicht die Parallele zum Amerika der McCarthy-Ära, als auf alles Linke eine Hexenjagd veranstaltet wurde und als jeder zum Kommunisten gestempelt wurde, der sich mit einem Buch von Bert Brecht erwischen ließ. Warum gibt es gegen eine so offensichtliche Ungerechtigkeit wie im Fall Hunt in den Medien keinen sogenannten Aufschrei? Der Fall berührt ja den Kern unseres Berufes, die Freiheit des Wortes. Und dabei spielt es keine Rolle, ob man den Scherz von Hunt für dumm oder misslungen hält. Man kann nicht sagen, in Zukunft sind nur noch gute Witze erlaubt, schlechte sind verboten. Wenn falsche Meinungen oder falsche Witze in Zukunft den sofortigen Jobverlust zur Folge haben, dann gibt es für freie Medien keine Basis mehr.

In der ZEIT wird über die Glaubwürdigkeitskrise der Medien diskutiert. Ich glaube, diese Krise hängt auch mit solchen Fällen zusammen. Wenn wieder mal ein Shitstorm tobt, dann heulen zu viele von uns mit den Wölfen, statt den Bedrängten beizustehen, unabhängig davon, ob man ihre Ansicht teilt oder nicht. Wir verteidigen unsere Werte nicht, wir haben die Hosen voll, aber ich vermute, dass die meisten unserer Leserinnen und Leser etwas mehr Mut von uns erwarten. Der Forscher Hunt, dem die Menschheit manches verdankt, ist erledigt. Wer ist der oder die Nächste?

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels.

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Kommentare

128 Kommentare Seite 1 von 14 Kommentieren

Sehr berechtigter Artikel, der auf eine echte Gefahr für Meinungsfreiheit und Rechtsordnung hinweist. Gerade die explizite Parteilichkeit von Medien (wie z.B. des "Guardian" im Falle Hunts) wird dabei problematisch - werden weitreichende Forderungen nach Sanktionen erhoben, selbst wenn Fakten falsch oder verzerrt dargestellt sind.
http://blogs.faz.net/deus...

Der Trend schwappt aus den USA nach Großbritannien, hoffentlich setzen wir bei uns weiterhin auf rechtsstaatliche Verfahren und verfassungsmäßige Grundrechte, und nicht darauf, wer den jeweilig "offiziös" richtigen Sprachregelungen und Ideologien anhängt.

Dieser Artikel ist wichtig und richtig.
Nur leider ist er im Zeitmagazin unter der wöchentlichen Rubrik von Hr. Martenstein am völlig falschen Platz.
Der Artikel ist durch die Überschrift "Martenstein" sozusagen diskriminiert da viele Leser, und vor allem die, die ihn lesen sollten, ihn aus diesem Grund leider "überlesen".
Warum kann ein solcher Artikel in einer der größten deutschen Wochenzeitungen nicht einen ihm gebührenden und ernst zu nehmenden Platz in Politik- oder Gesellschaftsressort einnehmen sondern wird diskriminierend als "Spaß" im Feuilleton veröffentlicht?

Was zählen schon ein paar Hundert Menschenleben, wenn es um politische Korrektheit geht? Jeder moderne Mensch weiß, dass ein sexistischer Witz auf alle Zeiten unentschuldbar ist und mit dem Ausschluss aus der Gemeinschaft der Zivilisierten bestraft werden muss. Und zwar so lange, so lange das Übel nicht ausgerottet ist
Ich glaube inzwischen, Martenstein wird immer in der Vergangenheit verhaftet bleiben.

Sexismus in der hier dargestellten Form ist kein wirkliches "Übel", da gibt es ganz andere Themen. Z.B. die zunehmende Tendenz und Bereitschaft vieler, das Recht auf freie Meinungsäusserung zu diskreditieren und zu untermninieren. Sexismus wie hier dargestellt ist einfach schlechtes Benehmen. Im konkreten Beispiel eben sehr schlechtes Benehmen. Und das ist nicht ausrottbar. Jemandem, der am Ende einer Party seinen Gastgebern besoffen in die Schuhe kotzt, verordnet man schließlich auch kein Berufsverbot. Man lädt ihn maximal nicht mehr ein. Im Übrigen billige ich den ganzen "Seximismus-ProtagonistInnen" erst dann wirklich seriöse Motive zu, wenn sie sich auch gegen den allgegenwärtigen Sexismus gegen Männer wenden. Oder ist es keine Sexismus, wenn Männer in etwa jedem dritten Werbespot als Volltrottel dargestellt werden? Oder wenn alleinerziehende Mütter die Notwendigkeit männlicher Rollenvorbilder für Ihre heranwachsenden Söhne negieren? Den meisten Akteurinnen geht es doch weder um Gleichberechtigung noch um die Sexismus-Frage, sondern ganz simpel um mehr Macht für Frauen. Einige werden jetzt sagen "das ist dasselbe". Denken Sie nach, gnädige Frauen, denken Sie nach und sie werden feststellen, dass es nicht daselbe ist.