Gesellschaftskritik Über den Männerzopf

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ZEITmagazin Nr. 29/2015

Matt Damon trägt sein Haar neuerdings lang und zum Zopf gebunden. Unter dem Stichwort "Hollywood hair" sammelte Vanity Fair überschwängliche Pressekommentare zu Damons "rockiger neuer Frisur": "Der attraktive Mime bindet seine ausgewaschenen blonden Locken in einem Pferdeschwanz zurück und lässt sie üppig den Nacken hinabfallen." Oder: "Lockig, dick, üppig, eine wippende Mischung aus dem Haar eines Piraten, eines sexy Hippie-Barista und aller Cheerleader-Kapitäninnen."

Bis Mitte der Neunziger hatte – Führerscheinfotos von heute um die 40-Jährigen beweisen es – praktisch jeder Typ, der irgendwie anders aussehen wollte, lange Haare, von Axl Rose über Ricky Martin bis zu den Jungs auf dem Schulhof. Danach waren sie plötzlich ab. Ausnahme: Heavy-Metal-Fans oder Computer-Nerds, vereinzelte Strähnen hängen auch noch im Alt-68er-Milieu schlaff herunter. Also in Biotopen, die in Sachen Stil nicht zwingend richtungsweisend sind.

Für Männerhaar galt immer: War der Zopf ab, kam er nicht wieder, und wer bis 20 kein langes Haar hatte, bei dem blieb es kurz. Matt Damon wirkte mit seinem korrekten Kurzhaar ja stets, als sei er immer noch Private Ryan. Dass ausgerechnet er jetzt, mit Mitte 40, die Haare lang trägt, ist erstaunlich. Noch erstaunlicher: Er sieht aus, als wäre er direkt aus dem Jahr 1995 in die Gegenwart gebeamt worden und dabei nur um zehn statt 20 Jahre gealtert.

Dieser Artikel stammt aus dem ZEITmagazin Nr. 29 vom 16.07.2015.

Unsere Prognose lautet: Der Zopf kommt zurück. Die Achtziger und Neunziger sind modisch ja längst wieder da, es fehlten nur noch die langen Haare. Männer, die mit Mitte 40 noch volles Haar haben, werden es als ultimatives Statussymbol entdecken: Was ist schon ein Porsche im Vergleich zur Zurschaustellung eines prächtigen Zopfes? Die Tage des Undercuts, mit dem Männer so wirken, als sei ihre Nazi-Uniform gerade in der Wäsche, sind gezählt. Stattdessen werden bald alle aussehen wollen wie Damon: wie der lässige Dad, der auch mal Teilzeit macht und mit sich im Reinen ist.

Damons Zopf, glauben Sie, verrate lediglich, dass er demnächst einen, sagen wir, Sozialarbeiter in der Bronx spielt? Die Haare im Nacken als Spoiler-Alarm? Kann sein. Aber der Trend, das hat das Vorzeigen des Zopf-Fotos unter weiblichen Redaktionsmitgliedern ergeben, ist nicht mehr aufzuhalten. Die Welt ist wieder bereit für langes Männerhaar. Lassen Sie es raus. Und kleben Sie sich diese Kolumne neben den Spiegel. Sie werden sie brauchen. In der Übergangsphase.

Kommentare

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Lange Haare sind okay, waren aber auch nie wirklich verschwunden, insofern wirkt das hier übertrieben i. S. der Dramaturgie. Dazu brauch man nicht mal anfangen, Beispiele aufzuzählen, für mind. zeitweilig langhaarige Männer der letzten 20 Jahre - Schauspieler natürlich inklusive. Gab's immer. Und um doch einen Namen zu nennen, trug nicht David Beckham zwischenzeitlich auch mal Zopf? War zwar etwas aufwendiger geflochten, aber ich erinnere mich zu gut, dass schon da so mancher große Zeichen und eine baldige Rückkehr der kollektiven Männermatte wähnte. Um nicht zu sagen, dass man die Story hier und so man lediglich den Namen austauscht quasi 1:1 in den damaligen Kontext übersetzen könnte. Aber der Impact seiner Zeit hielt sich in engen Grenzen. Es wird dies Mal nicht anders sein.

Wie gesagt, lange Haare sind i. O., aber von mir aus sei die Frage gestattet, ob es denn dann auch unbedingt (immer) der Pferdeschwanz sein müsste. Nicht nur, weil ganz besonders der Pferdeschwanz - bei Männern - m.E. in erster Linie eh ne Typenfrage ist, bestimmte Typen anzieht und daraus nicht selten Stereotypen produziert (Matt Damon z.B. erinnert mich auf dem Bild auf gruselige Weise an einen meiner Oberstufenlehrer - der sah *exakt* so aus). Letztlich bleibt's natürlich eine Frage des Geschmacks - ein Zopf ist relativ einfach und praktisch - aber meins wär's nicht. Gerade mit langen Haaren kann man, je nach Natur des Haares, doch soviel machen, da muss nicht jeder mit Zopf rumlaufen.

Lange Haare machen eben auch jünger. Bärte dagegen oft älter. Und beides hatte immer mal wieder Phasen wo es mal mehr, mal weniger angesagt war. Im Moment rennen mehr junge Männer mit Bärten in der Landschaft herum als ohne. Ein Teil davon um doch etwas mehr Männlichkeit in das sonst inzw. völlig verweichlichte moderne Männerdasein zu bringen. Andere weil es einfach dazugehört zum Dasein eines Soja Latte schlürfenden coolen Hipster. Ist doch alles nur Mode und eigenes Schönheitsempfinden. Tut niemand weh. Also braucht man darüber auch keine Grundsatzdiskussioen