Stefan Kleins Wissenschaftsgespräche "Schon als Kind habe ich über Außerirdische nachgedacht"

© NASA, ESA/Hubble and the Hubble Heritage Team

Wie könnte Leben fern der Erde aussehen? Wann werden wir ihm begegnen? Und müssen wir uns vor ihm fürchten? Der Kosmologe Ben Moore weiß die Antworten. Ein Interview von

ZEITmagazin Nr. 30/2015

Ein nacktes Paar steht vor einer Weltraumkapsel; die rechte Hand des Mannes ist zum Gruß erhoben. Ich war vielleicht acht Jahre alt, als ich diese Zeichnung in einem Buch meiner Eltern entdeckte, und sie beeindruckte mich tief. Dieses Bild sollte Außerirdischen erklären, wer wir Menschen sind. Es war auf einer Metalltafel eingraviert, die an Bord der amerikanischen Raumsonde Pioneer 10 in den interstellaren Kosmos reiste – der erste Versuch der Menschheit, mit fremden Intelligenzen in Verbindung zu treten. Das war 1972.

Dass es auch anderswo im Universum Leben geben könnte, erschien damals schwer vorstellbar. Heute dagegen spreche alles für Millionen belebte Planeten im All, sagt Ben Moore, der als Kosmologe an der Universität Zürich die Ursprünge der Welt untersucht. Wir treffen uns in einer Ausstellung über Kosmologie in den alten Kulturen im Zürcher Museum Rietberg, wo der aus England stammende Moore gerade Gastwissenschaftler ist. Zur Begrüßung überreicht mir dieser vielseitige Forscher ein Album mit sphärischer elektronischer Tanzmusik, das er gerade als Gitarrist eingespielt hat.

Stefan Klein: Herr Moore, erinnern Sie sich an die Pioneer-Zeichnungen?

Ben Moore: Natürlich. Ich mochte allerdings noch lieber, was die Amerikaner mit der Voyager-Mission ins All geschickt haben: Dieses 1977 gestartete Raumschiff hatte eine goldene Schallplatte mit Geräuschen und Musik von der Erde dabei!

Klein: Inzwischen haben Pioneer und Voyager unser Sonnensystem verlassen. Sie sind gut 15 Milliarden Kilometer in den Weltraum vorgedrungen. Aber die Chance, dass fremde Intelligenzen diese galaktische Flaschenpost finden, liegt ungefähr bei null, fürchte ich.

Moore: Sicher, derzeit erscheinen diese Botschaften sinnlos. Und doch finde ich es inspirierend, sich vorzustellen, dass wir etwas so weit fortgeschickt haben. Es ist doch eine Schande, dass sich noch keine Menschen auf eine solche Reise gemacht haben.

Klein: Wann haben Sie zum ersten Mal über Außerirdische nachgedacht?

Moore: Als Kind. Damals liefen in der BBC die Clangers, eine Serie über mausähnliche Wesen, die in Mondkratern leben, dort nach Goldmünzen suchen und dabei Pfeifgeräusche machen. Später kam Doctor Who mit seiner Zeitmaschine, die aussieht wie diese alten englischen Polizei-Notrufzellen. Er kämpft mit den Daleks, kriegerischen Außerirdischen. Vor denen habe ich mich gefürchtet. Später habe ich alle Science-Fiction-Klassiker gelesen. Im Moment versuche ich, selbst einen Roman zu schreiben.

Klein: Dass Science-Fiction Jungen auf den Geschmack der Wissenschaft bringt, klingt fast wie ein Klischee.

Moore: Schon viele Wissenschaftlerkarrieren haben mit Raumschiff Enterprise begonnen. Ich fand es anregend, mir auszumalen, was es in unserer Galaxie alles geben könnte, jenseits unseres Sonnensystems. Nach meinem Studium hätte ich dann beinahe bei British Aerospace angefangen. Ich träumte davon, Weltraumraketen zu konstruieren.

Klein: Warum taten Sie es nicht?

Moore: Das lag an meinem Vater. Er war Förster. Als Jugendlicher ging ich mit ihm hinaus in die Wälder. Er hatte nie eine Universität besucht, aber er hinterfragte alles. Wie kommt der Saft in die Blätter der Bäume, warum ist der Abendhimmel rot, warum gibt es die Erde? Er las über Schwarze Löcher, und sogar über Quantenmechanik dachte er nach. Als ich 14 war, haben wir zusammen den Doppelspaltversuch aufgebaut, mit dem man zeigen kann, dass Elementarteilchen Materie und Welle zugleich sind. Er wollte das merkwürdige Hell-dunkel-Muster hinter den beiden Schlitzen selbst sehen und verstehen, woher die Photonen eigentlich wissen, welchen Weg sie nehmen sollen. Eigentlich verstehe ich das bis heute nicht. Jedenfalls wollte ich die Rätsel des Universums lösen, über die ich damals mit meinem Vater gesprochen habe.

Womöglich gibt es Leben irgendwo hinter dem Konusnebel im Sternbild Einhorn. © NASA, Holland Ford (JHU), the ACS Science Team and ESA

Klein: Aber heute machen Sie weder Experimente, noch stellen Sie Beobachtungen an, wie Astronomen es tun. Stattdessen simulieren Sie die Entstehung des Universums mit dem Computer. Was kommt dabei heraus?

Moore: Wir versuchen zu verstehen, wie sich die Dinge im Kosmos entwickelt haben. Die Entstehung einer Galaxie, eines Sonnensystems oder eines Planeten lässt sich in Gleichungen nachvollziehen, die Sie von Hand nicht lösen können. Aber mit Supercomputern geht es. Beispielsweise sind die Galaxien im Universum nicht zufällig verteilt, sie folgen einem Muster, dem kosmischen Netz. Dieses Muster hat seinen Ursprung in den Bedingungen während des Urknalls. Als Doktorand arbeitete ich in einer Gruppe, die sich die Frage stellte, ob man, vom Urknall ausgehend, ein Universum berechnen könne, das dem unseren ähnelt. Und das konnten wir. Heute interessiere ich mich dafür, wie Planeten entstehen.

Klein: Gläubige Menschen würden sagen, Sie versuchen dem Schöpfer über die Schulter zu sehen.

Moore: Gott – was meinen Sie damit? Wer an Gott glaubt, hat doch gar keinen Grund, sich für solche Forschung zu interessieren. Das Universum gehorcht Regeln. Was mich schon seit Jahren umtreibt, ist die Frage, ob es trotzdem so etwas wie Zufälligkeit gibt. Wenn sie existieren sollte, dann läge das an der Quantenmechanik ...

Klein: ... den seltsamen Phänomenen, denen man in der Physik der Atome und noch kleineren Teilchen begegnet.

Moore: Wenn es echte Zufälligkeit gibt, wird es uns nie gelingen, unsere Zukunft und unsere Vergangenheit zu berechnen. Unser Sonnensystem zum Beispiel ist erschreckend chaotisch. Während der letzten Wochen untersuchte einer meiner Studenten am Computer, wie es entstanden sein mag. Sobald er nur einen kleinen Asteroiden ein wenig verschob, bildete sich ein anderes Sonnensystem. Vermutlich hätte es in diesem Fall die Erde niemals gegeben.

Klein: Das hieße, wir verdanken unsere Existenz einem unglaublichen Zufall.

Moore: Ja, unser Leben verdankt sich dem Zufall. Aber auch ohne einen Planeten wie die Erde bekommen Sie in den meisten Fällen ein oder zwei Planeten in einem Abstand von der Sonne, der Leben noch zulässt. Auf der Oberfläche solcher Planeten kann es beispielsweise Wasser geben. Nur sind die chemische Zusammensetzung, die Größe und die Gravitation wohl anders als bei uns. So hätte sich unter diesen Bedingungen vielleicht anderes Leben gebildet. Und selbst wenn in unserem Sonnensystem nichts dergleichen geschehen wäre, wenn es die Erde also nicht gäbe, dann gibt es einen ähnlichen Planeten bestimmt anderswo.

Klein: Was macht Sie so sicher?

Moore: Die Tatsache, dass die Erde im All nichts Besonderes ist. Eigentlich ahnten das schon die alten Griechen.

Klein: Immerhin ist die Erde der einzige Ort im ganzen Universum, von dem wir wissen, dass er belebt ist.

Moore: Aber das könnte sich bald ändern. Letztes Jahr haben Astronomen erdartige Himmelskörper gefunden, Felsplaneten, die ihre Sonne in einem ähnlichen Abstand umkreisen wie wir die unsere. Der nächste ist nur zwölf Lichtjahre entfernt. Allein in unserer Galaxie muss es mindestens zehn Milliarden solche erdartigen Welten geben! Einige werden sich im Detail von unserer Erde unterscheiden, aber wir wissen: Jeder Stern ist von Wasser, Kohlenstoff und den anderen üblichen Elementen umgeben. Und mit Weltraumspektrometern werden wir bald in der Lage sein, Sauerstoff und andere Spuren des Lebens in der Atmosphäre dieser Planeten zu finden. In wenigen Jahrzehnten könnten wir außerirdisches Leben entdecken.

Klein: Was würde sich dann ändern?

Moore: Wir würden verstehen, was das Leben eigentlich ist. Wir würden eine bessere Vorstellung davon gewinnen, wie es entstand, woher wir selbst kommen. Den Menschen würden für viele Themen der Religion und Philosophie die Augen geöffnet. Sie würden die Sehnsucht entwickeln, das Universum besser kennenzulernen. Vermutlich würden sie Raumschiffe bauen wollen, um die fremden Welten zu besuchen.

Klein: Erst einmal muss man sie finden. Wie entdeckt man überhaupt Planeten in einem fernen Sonnensystem? Sie leuchten ja nicht.

Moore: Aber durch ihre Schwerkraft zerren sie an ihrer Sonne. Deshalb torkeln Sterne ein bisschen, wenn ein Planet sie umläuft. Diesen Effekt können Astronomen sehen. Außerdem deckt der Planet manchmal das Sternenlicht ab, wie bei einer Sonnenfinsternis. Solche Beobachtungen zeigen: So gut wie jeder Stern am Nachthimmel wird von Planeten umkreist.

Klein: Und was lässt Sie hoffen, auf manchen dieser Planeten sei Leben entstanden?

Moore: Moleküle ziehen einander an. Eben dadurch bilden sich Planeten – aber auch Strukturen, die sich selbst vervielfältigen können. Und mehr braucht es nicht, um das Leben in Gang zu bringen: Strukturen, die sich selbst vermehren und dabei Information an die nächste Generation weitergeben. Bei uns sind solche Strukturen entstanden. Warum also nicht in anderen Welten?

Die Galaxie NGC 6240 ist eine kosmische Schönheit, vermutlich voller Leben. © NASA, ESA, the Hubble Heritage (STScI/AURA)-ESA/Hubble Collaboration, and A. Evans (University of Virginia, Charlottesville/NRAO/Stony Brook University)

Klein: Weil andere Welten anders sein könnten. Sie selbst schreiben, wie viel zusammenkommen muss, um einen Planeten bewohnbar zu machen. Beispielsweise verdanken wir unsere Existenz nicht nur der Sonne, sondern auch dem Mond. Ohne ihn würde sich die Erde nicht so stabil um ihre Achse drehen.

Moore: Der Mond hat mich immer schon fasziniert. Seit den neunziger Jahren wissen wir, dass einsame Planeten ohne Monde kippen können. Plötzlich befindet sich der Nordpol dort, wo vorher der Äquator war. Damit ändert sich natürlich das Klima dramatisch, und weil das immer wieder geschieht, kann sich komplexes Leben kaum bilden. Was die Erde vor diesem Schicksal bewahrte, war die Kollision mit einem anderen Planeten vor 4,5 Milliarden Jahren. Dieser Himmelskörper, der so groß wie der Mars gewesen sein muss, schleuderte bei seinem Aufprall eine gewaltige Gesteinsmasse aus der Erde heraus. Daraus wurde der Mond.

Klein: Wir hatten unverschämtes Glück.

Moore: Könnte man meinen. Aber vor ein paar Jahren hat einer meiner Doktoranden dieses Ereignis im Computer simuliert. Er kam zu dem Ergebnis, dass solche Kollisionen in jungen Sonnensystemen häufig stattgefunden haben müssen. Einer von zehn erdähnlichen Planeten muss irgendwann mit einem marsgroßen Planeten zusammenstoßen und kommt so zu einem Mond. Und dann kann das Klima so stabil werden, dass sich mit der Zeit große, sehr intelligente Geschöpfe entwickeln. Darum könnte ich mir vorstellen, dass es in vielen Sonnensystemen hochkomplexes Leben gibt.

Klein: Blicken wir doch noch einmal ganz an den Anfang vor knapp vier Milliarden Jahren zurück. Wir wissen nicht, was genau auf der Erde geschah, als das Leben begann. Was wir allerdings wissen, ist, dass diese junge Erde ein äußerst lebensfeindlicher Ort war.

Moore: Ja, riesige Asteroiden und radioaktive Strahlung bombardierten damals unseren Planeten. Und der Mond war zehnmal näher als heute und muss gigantische Flutwellen ausgelöst haben, durch die Leben nur schwer entstehen könnte. Darum glaube ich auch nicht daran, dass das Leben in einer Ursuppe im Ozean entstand. Vielmehr frage ich mich, ob es nicht in einem Asteroiden zu uns gekommen ist.

Klein: Sie meinen, dass wir Abkömmlinge von Außerirdischen sind?

Moore: Wenn Sie so wollen. Das Innere von großen Asteroiden ist eine ideale Brutstätte: Es ist lehmig, feucht und von radioaktiver Strahlung abgeschirmt. In Asteroiden, die auf der Erde aufschlugen, wurden Tausende komplexe organische Moleküle gefunden: Vorstufen der Erbsubstanz DNA, sogar Zucker. Während ein solcher Asteroid Millionen, vielleicht Milliarden von Jahren die Sonne umkreiste, hätte in seinem geschützten Inneren Leben entstehen können.

Klein: Woher sollte es Energie und Nahrung beziehen?

Moore: Das Innere eines jungen Asteroiden ist warm, denn dort gibt es radioaktiven Zerfall. Nicht alles Leben ist auf Sonnenlicht angewiesen. Kürzlich ist man mehrere Kilometer tief unter der Erde auf Mikroben gestoßen, die im Fels leben und ihre Energie aus dem radioaktiven Zerfall des Gesteins beziehen. Ganze Nahrungsketten in den Ozeanen der Erde beruhen auf Schwefel. Und Expeditionen in die tiefsten Gräben des Pazifiks stießen auf einen geradezu unglaublichen Reichtum von Organismen. Selbst Fische tummeln sich dort. Unter der Eisschicht der gefrorenen Ozeane der Monde von Jupiter und Saturn herrschen übrigens ähnliche Bedingungen. Auch dort könnte es Leben geben.

Klein: Fred Hoyle, ein prominenter Kollege und Landsmann von Ihnen, behauptete schon in den achtziger Jahren, Mikroben seien aus dem Weltraum auf die Erde geregnet. Er behauptete sogar, das Aids-Virus sei aus den Weiten des Alls zu uns gelangt! Im Übrigen, so Hoyle, könnten auch höhere Zivilisationen im Weltraum das irdische Leben entworfen und auf der Erde eingesät haben. Mir scheint, Hoyle wollte ironisch zeigen, wie wenig wir von der Herkunft des Lebens verstehen. Er wurde belächelt. Fürchten Sie nicht, dass es Ihnen ebenso ergehen könnte?

Moore: Hoyle hat diese Reaktionen nicht verdient. Es ist durchaus möglich, dass sich Leben von einem Planeten zum nächsten verbreitet. Wir wissen, dass Trümmer vom Mars auf der Erde gelandet sind. Und nicht nur Mikroben können eine lange Reise durchs All überleben. Vor ein paar Jahren sind winzige Bärtierchen mit einem Satelliten in den Weltraum geflogen. Dort waren sie ungeschützt dem Vakuum, der extremen Kälte des Alls und der kosmischen Strahlung ausgesetzt. Nach ihrer Rückkehr zur Erde waren die Bärtierchen nicht nur wohlauf, sondern vermehrten sich sogar.

Klein: Wie sehen Bärtierchen aus?

Moore: Wie Astronauten aus einer anderen Welt. Sie messen nur einen halben Millimeter, haben acht Beine, und man könnte meinen, dass sie einen Raumanzug tragen. Ein natürliches Frostschutzmittel in ihren Zellen verhindert, dass sie bei großer Kälte zerbrechen. In einer Umgebung ohne Wasser dehydrieren sie. Sie rollen sich dann zusammen und trocknen vollständig ein, als wären sie tot. Tatsächlich kommt der Stoffwechsel beinahe zum Erliegen. Aber sie warten nur darauf, dass sie sich wieder mit Wasser vollsaugen können. Dann leben die Bärtierchen auf, als wäre nie etwas gewesen. Sie sind die perfekten Weltraumreisenden.

Klein: Sie wollen sagen, dass die Bärtierchen aus dem All zu uns gekommen sein könnten?

Moore: Sind sie nicht. Ihre Erbsubstanz zeigt ihre Verwandtschaft mit allem anderen irdischen Leben.

Klein: Und so seltsam sie anmuten – ich würde erwarten, dass außerirdisches Leben noch viel fremdartiger ist.

Moore: Das ist durchaus denkbar. Sie müssen allerdings nicht in fernen Welten suchen, um exotische Lebensformen zu finden. Ich habe immer über die Vielfalt hier auf der Erde gestaunt. Fast alle Arten, die Umwelt wahrzunehmen, sind auf unserem Planeten verwirklicht. Es gibt Insekten mit einer Art von Zahnrädern an den Sprungbeinen, Ruderfußkrebse mit Teleskopaugen und Tiefseefische, die statt einer Augenlinse eine Art Vergrößerungsspiegel haben. Allerdings benutzt kein einziges Tier Radiowellen, um sich zu verständigen. Warum eigentlich nicht? Außerirdische könnten einen Sinn für solche Signale haben.

Klein: Unsere Nerven sind zu träge. Mit Leitungen aus Protein, Fett und Wasser kann man keine Funksignale senden.

Moore: Nerven aus sehr dünnem metallischem Draht wären besser. Damit hätten wir viel kürzere Reaktionszeiten. Und wir könnten in Lichtgeschwindigkeit denken! Dass das Leben auf der Erde keine Nerven aus Draht verwendet, ist eigentlich ein spektakuläres Versäumnis.

Klein: Ich glaube, dass es viele solcher Versäumnisse gibt. Die Evolution sucht nie nach der optimalen Lösung. Sie geht von dem aus, was es gibt, und verbessert es. Was abseits des Vorhandenen liegt, kann sich niemals entwickeln, auch wenn es vorteilhaft wäre. Darum konnte die Natur ihre Geschöpfe nie mit Drahtnerven ausstatten – aber in anderen Welten könnte das Leben einen anderen Lauf nehmen. Dann würden Außerirdische vielleicht aus anderen Bausteinen bestehen.

Moore: Ja. Man braucht Moleküle, die Information speichern, eine Flüssigkeit und ein Baumaterial. Aber das müssen nicht Wasser und Kohlenstoff sein. Silizium in Verbindung mit flüssigem Methan ginge auch. Vielleicht entdecken wir in anderen Welten auch Roboterleben. Ich glaube, wenn die Evolution voranschreitet, werden irgendwann Maschinen entstehen, die sich selbst reproduzieren.

Sind die da draußen vielleicht sogar intelligenter als wir? Der Pferdekopfnebel im Sternbild Orion © NASA, ESA, and the Hubble Heritage Team (AURA/STScl)

Klein: Aber gibt es denn ein Gesetz, wonach außerirdisches Leben besonders hoch entwickelt oder gar intelligent zu sein hat? Leben anderswo könnte auch auf einer simplen Stufe stehen bleiben.

Moore: Ich denke, Intelligenz ist allgegenwärtig. Ist das Leben erst einmal in Gang gekommen, ergibt sie sich automatisch. Gehirne entstanden, damit Tiere Sinneseindrücke besser verarbeiten können – ein evolutionärer Vorteil. Und je größer die Gehirne werden, desto mehr kann man mit ihnen auch andere Dinge anfangen, als nur Signale von Auge, Ohr und Nase auszuwerten.

Klein: Die erfolgreichsten Geschöpfe kommen ohne Hirn aus. 90 Prozent der Biomasse auf unserem Planeten sind Mikroben. Wir Menschen sind nur die Sahne auf der Torte.

Moore: Ja, aber intelligente Wesen können sich in einer Nische behaupten. Sonst wären wir nicht da. Und irgendwann könnten andere Geschöpfe mit Gehirn das Kommando übernehmen. In einer Million Jahren hat vielleicht der Oktopus das erfolgreichste Raumfahrtprogramm.

Klein: Und was wollen Tintenfische im All?

Moore: Ich meine damit einfach, dass sie in der Zukunft einen sehr hohen Entwicklungsstand erreicht haben könnten. Es würde aber nicht jeder intelligenten Spezies gleichermaßen leichtfallen, diesen Stand zu erreichen. Nehmen Sie zum Beispiel die Elefanten. Sie haben größere Gehirne als wir, Erinnerungsvermögen und sind äußerst mitfühlend. Nur fehlen ihnen die Hände – daher keine Raumfahrt. Die hochintelligenten Delfine hätten das gleiche Handicap.

Klein: Vor allem zeigen die Delfine, wie schwer es für uns ist, eine andersartige Intelligenz zu erkennen. Ihre Lebensweise ist uns so fremd, dass wir nicht einmal wissen, wie klug sie wirklich sind. Würde die Menschheit eines Tages tatsächlich auf intelligente Außerirdische treffen, hätte sie erst recht dieses Problem.

Moore: Wir sind vielleicht gar nicht allzu weit davon entfernt, die Sprache der Delfine zu entschlüsseln.

Klein: Wirklich? Ich kenne niemanden, der Klicklaute versteht.

Moore: Das meine ich auch nicht. Wir müssten das Gehirn der Delfine kartieren und herausfinden, wie es funktioniert. Und das können wir tun.

Klein: Ich weiß nicht, ob das genügt, um sich mit ihnen zu unterhalten. Denkbar scheint mir, dass es so kommt wie in dem Science-Fiction-Klassiker Solaris von Stanisław Lem: Die Menschen begegnen auf einem fernen Planeten einer anderen Intelligenz, aber alle Versuche einer Verständigung scheitern. Ihr Verstand ist nicht in der Lage, das andere Wesen zu begreifen.

Moore: Vielleicht haben wir auch deswegen noch kein intelligentes Leben gefunden, obwohl wir nun schon seit Jahrzehnten mit Radioteleskopen den Himmel nach Funksignalen absuchen: Wir suchen möglicherweise an den falschen Stellen mit der falschen Technik. Eine außerirdische Zivilisation könnte sich ganz anderer Arten der Kommunikation bedienen, die wir leider nicht kennen.

Klein: Nehmen wir einmal an, ein Kontakt mit Außerirdischen käme zustande. Was würden Sie ihnen denn sagen wollen?

Moore: Ich würde vor allem Fragen stellen, die Aliens bitten, mir ihr Wissen zu erklären: Was ist Dunkle Materie? Wie funktioniert das Bewusstsein? Und was kann ich tun, damit mein Bewusstsein nicht nur 80, sondern 1.000 Jahre lebt? Die Frage ist allerdings, was wir täten, wenn wirklich Außerirdische auf dem Weg zu uns wären. Ich fürchte, dann müssten wir ihr Raumschiff rechtzeitig vor der Landung zerstören.

Klein: Sie misstrauen den Absichten möglicher Besucher?

Moore: Wir wissen ja nicht, ob sie uns besser behandeln würden, als wir die Tiere behandeln. Deswegen ist es auch dumm, wahllos Nachrichten in den Weltraum zu funken. Neuerdings kann ja jeder per Crowdfunding für fünf Dollar eine SMS in Richtung benachbarter Sterne absetzen. Allerdings glaube ich, dass es nicht so schlimm kommt. Denn eine Zivilisation, die von einem Stern zum anderen reisen kann, muss auf einer stabilen und friedlichen Gesellschaft beruhen. Wer Krieg führt, hat keine Mittel, um ernsthaft Raumfahrt zu betreiben. Außerirdische, die zu uns reisen können, sollten deshalb in jeder Hinsicht höher entwickelt sein als wir. Solche Aliens möchte ich gerne treffen.

Stefan Klein und Ben Moore (rechts) © Simon Habegger

Ben Moore, geboren 1966 in England, ist Direktor für Theoretische Physik an der Universität Zürich. 2014 erschien sein Buch "Da draußen – Leben auf unserem Planeten und anderswo". Als "Professor Moore" veröffentlicht er Tanzmusik

Stefan Klein, geboren 1965, ist Biophysiker und Autor. Zuletzt erschien von ihm das Buch "Träume: Eine Reise in unsere innere Wirklichkeit". Für das ZEITmagazin führt er regelmäßig Gespräche mit Wissenschaftlern

Kommentare

79 Kommentare Seite 1 von 8 Kommentieren

Irgendwie rührend. In vielerlei Hinsicht ist Prof. Moore doch ganz der kleine Junge geblieben... diese ungebrochene Grandiosität. Und wenn er "ausserirdisches" Leben braucht, um zu verstehen, was das Leben eigentlich (sic!) ist, soll er es -frei nach Theodore Rozak- doch da suchen, wo jedes noch so unbedarfte Wesen sie findet, nämlich da, wo die Freude am hellsten leuchet ;-)! Und wenn Prof. Moore glaubt, dass wer an Gott glaubt, keinen Grund hätte, sich für Kosmologie zu interessieren, sitzt er -und möglicherweise nicht nur hier- einem fetten Irrtum auf.

Gruss

The Moose

Wer an Gott glaubt, geht von vornherein von einer Voraussetzung aus, für die es nicht die geringsten Hinweise gibt. Zumal, wenn es ein theistischer Gott ist, der irgendwie auffällig menschliche Eigenschaften haben soll, trotz seiner vermeintlichen Allmacht. Religion und Wissenschaft unter einen Hut kriegen zu wollen, ist Blödsinn. Entweder, man forscht ergebnisoffen oder man biegt sich die Realität so hin, dass sie zum "Glauben" passt. Letzteres tun sowohl die "gemäßigten" Theisten, als auch die Fundamentalisten, nur in verschiedener Ausprägung. Das einzige, was noch eine gewisse philosophische Qualität besitzen mag, wobei auch dies lediglich eine unelegante Hypothese wäre, ist der deistische Ansatz. Den Theismus hingegen kann man angesichts des heutigen Wissensstandes als obsolet entsorgen.

#4  —  11. August 2015, 9:31 Uhr
Redaktionsempfehlung Redaktionsempfehlung

Leute, das wirklich Unfassbare ist, das auf der Erde in 5 Milliarden Jahren genau ein einziges Mal, zu einem völlig außergewöhnlich irrwitzigen Moment Leben entstanden ist. Bis heute konnte das in keinem Labor nachvollzogen werden. Alle frühen Experimente Leben zu erzeugen gelten heute als völlig gescheitert. Heute, am 11.08.2015, ist es unverständlicher denn jemals zuvor, wie überhaupt Leben entstehen kann. Das ist das größte Rätsel des gesamten Universums.

Also: die Wahrscheinlichkeit, dass da draußen weiteres Leben ist, ist ganz dicht an Null!

"Also: die Wahrscheinlichkeit, dass da draußen weiteres Leben ist, ist ganz dicht an Null!" Finden sie es nicht ein bisschen anmaßend solche Behauptungen aufzustellen? Die Wahrheit ist, das niemand weiss wie wahrscheinlich das Entstehen von Leben ist und welche Voraussetzungen genau dafür nötig sind (obwohl es einige plausible Szenarien und Modelle dafür gibt). Daher kann man weder sicher sagen, dass das die Entstehung von Leben extrem unwahrscheinlich ist, noch dass es eine Zwangsläufigkeit darstellt. Das die Nachstellung im Labor bisher nicht geklappt hat, kann wohl kaum als Beweis für ihre Hypothese dienen.