Stilkolumne Göttliche Kleiderordnung

© Peter Langer
Aus der Serie: Stilkolumne ZEITmagazin Nr. 30/2015

Die Kirche ist zurzeit ein bisschen außer Mode: Die Zahl der Kirchenaustritte ist in Deutschland so hoch wie nie, und Ostdeutschland gilt mit nur acht Prozent Gläubigen sogar als das Gebiet mit der weltgrößten Atheistendichte. Doch während das Klerikale immer mehr aus unserem Leben verschwindet, erobert es gleichzeitig neue Gebiete, etwa den Laufsteg.

In den aktuellen Kollektionen lässt sich ein neuer Minimalismus beobachten, dessen Stilvorbilder hinter Klostermauern leben. Bei Hermès etwa gibt es ein schwarzes Mantelkleid mit einem über den Knöcheln endenden Saum, das stark an die Oberbekleidung von Nonnen erinnert. Ähnliches bieten die Kollektionen von Lemaire, Victoria Beckham, Stella McCartney und Jil Sander. War der Sommer noch bauch- und schulterfrei, sieht die Herbstmode eine Züchtigkeit vor, als müsse man jetzt für all die nackte Haut Buße tun.

Um christliche Kleidungstraditionen zu verstehen, lohnt es, ab und zu mal in der Bibel zu lesen. So heißt es im 1. Petrus-Brief (5,5): "Sodann, ihr Jüngeren: ordnet euch den Ältesten unter! Alle aber bekleidet euch im Umgang miteinander mit Demut! Denn Gott tritt den Stolzen entgegen, den Demütigen aber schenkt er seine Gnade." Man soll sich also mit neuen Werten bekleiden, wenn man sich Jesus Christus anschließt. Wer getauft ist, so das Versprechen, legt den alten sündigen Menschen ab. Gleichzeitig legt man ein neues Gewand an und bekleidet sich, bildlich gesprochen, mit Christus.

Bei den Nonnen des Zisterzienserordens bedeutet das zum Beispiel, ein knöchellanges weißes Kleid mit langen Ärmeln zu tragen. Im Streben nach Einfachheit benutzte man früher ungefärbte Schafwolle. Durch beständiges Waschen wurde diese immer heller. Ergänzt wird das weiße Ordenskleid durch ein schwarzes Schulterkleid, Skapulier genannt, das ursprünglich einmal als Arbeitsschürze gedacht war. Außerdem tragen die Zisterzienserinnen noch einen Gürtel und einen schwarzen Schleier.

Obgleich das Nonnenkleid für christliche Werte steht, hat sein Auftauchen in der Mode wohl wenig mit dem Wiedererstarken spiritueller Gesinnungen zu tun. Eher mit dem Gegenteil: Weil die christliche Kleiderordnung heute eine immer geringere Rolle spielt, kann die klerikale Garderobe von Modedesignern zitiert und mit neuen Werten versehen werden. So gesehen ist Mode die Religion unserer Zeit.

Foto: Mantelkleid von Hermès, 2.300 Euro

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Am Wochenende waren wir zum Kaffeetrinken in einem berühmten Luxushotel in Baden Baden. Die Besucher im Restaurant waren zu 90% voll verschleierte Frauen. Schwarz von Kopf bis Fuß, Arme und Gesicht auch. Das waren keine Nonnen, schick sah das auch nicht aus, es war 40° und die Stoffe dieser Verhüllungen waren schwer und in mehreren Lagen. Sah das züchtig aus? Keine Ahnung, gruselig eher.