Alkohol Von den süßen Momenten des Rauschs

© Sergio Membrillas
ZEITmagazin Nr. 31/2015

Jemand erzählte mir, er trinke abends nach der Arbeit nur ein Glas Wein in der Bar, vor dem Essen, dann gehe er nach Hause. Er sei Spanier, so mache man das in seiner Heimat. Die spanischen Berlin-Besucher, die sich nachts vor meiner Haustür übergeben, halten das offensichtlich anders. Aber gut. Theorien, die man sich zu sich selbst und zu seiner Kultur überlegt, haben nicht immer etwas mit der Praxis zu tun. Das ist nicht nur in Spanien so.

Ich jedenfalls denke: Nach dem ersten Glas fängt der Spaß erst an. Das erste Glas ist wunderbar. Aber das zweite auch. Und das dritte. Und die Nachzügler: Jedes ist auf seine Weise etwas ganz Besonderes und liebenswert. Eine Mutter hat keine Lieblingskinder.

Diese Art des Denkens verrät, dass ich zu der Gruppe von Leuten gehöre, deren Trinkgewohnheiten die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung als "riskant" beschreibt. Es ist ja auch wirklich nicht richtig. Vor allem erreiche ich jetzt langsam ein Alter, in dem es für eine Frau auf Monate ankommt. Wie ein Schulkind, das von sich sagt, es sei nicht sechs, sondern schon sechseinhalb, sagt eine Frau: Ich bin 37. Aber erst vor zwei Monaten geworden! Allein deshalb sollte ich vernünftigerweise die Finger vom Wein lassen.

Aber da fällt mir ein: Es ist ja der Witz am Rausch, dass er gegen die Vernunft ist. Der Rausch belebt die Gedanken, macht einen spontan und gesellig, wie man eben auch in nüchternem Zustand gern wäre. Für wenige süße Momente erscheint das Menschsein wunderbar und mühelos.

Sicher, ein Bier muss auch gut schmecken. Aber ich würde behaupten: Seine "psychoaktive Wirkung" (Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung) ist wichtiger als der Geschmack. Neulich war ich zu einem Dinner eingeladen. Es gab zu jedem der acht Gänge ein anderes Bier: mal mit Kürbis-, mal mit Holundergeschmack. Das sei Craft-Beer, hieß es. Ich bin aber nicht sicher, was es genau damit auf sich hat, denn ich wurde immer ganz unkonzentriert, sobald die anwesende Bier-Sommelière auch nur den Mund aufmachte, um mir und den anderen Gästen zu erläutern, was eine Schüttung und eine Hopfengabe ist. Ich habe mir wohl aus vielen Jahren Lateinunterricht die Fähigkeit bewahrt, nicht zuzuhören, wenn mir jemand etwas Kompliziertes und zugleich Überflüssiges erklärt.

Der Rausch war in religiösen Gesellschaften in den festen Rahmen von Ritualen eingewoben. Ich glaube, es ging darum, Gott zu bitten, die Entgrenzung zu gestatten, aber einen vor ihren Verheerungen zu bewahren. Wir sind davon heute gar nicht so weit entfernt: Wir leben in einer Wissensgesellschaft, und wir brauchen unnützes Wissen, um beim Biertrinken den beunruhigenden Gedanken zu ertragen, dass wir alle, wenn wir nicht aufpassen, im Nullkommanichts zu Saufköppen werden könnten.

Kommentare

13 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Schon komisch, womit hier mancher zu punkten gedenkt: Fachwissen, welches Essen zu Chateau d'Yquem passen könnte und ähnlich feinsinniges Geschwurbel.
Dabei hat Frau Raether doch nur profanes im Sinn gehabt: Wenn's schmeckt kann's nicht verkehrt sein. Gilt für Wein ebenso wie für Bier...nur verschone man mich beim Bier mit irgend einer Kürbisplörre inklusive "Bier-Sommeliere".
Muß kalt sein, muß Schaum haben, muß Hopfen,Malz und Gerste enthalten. Und wenigstens 4.8% Alkohol.
Alles andere ist Murks.

Danke für's lesen.