Harald Martenstein Über Ehrlichkeit in der Öffentlichkeit

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Monica Lierhaus hat erzählt, wie sie sich als Behinderte wirklich fühlt. Sofort hagelte es böse Kommentare. Müssen wie in Zukunft unsere Gefühle einer Norm anpassen? Von
ZEITmagazin Nr. 31/2015

Die frühere Sportreporterin Monica Lierhaus ist behindert. Sie hat eine Gehirnoperation machen lassen, dabei ging etwas schief. Ohne die Operation wäre sie wahrscheinlich gestorben. In einem Interview hat sie gesagt, dass sie, wenn sie die Zeit zurückdrehen könnte, auf diese Operation verzichten würde. Dann wäre sie heute tot, oder? Dazu sagt Monica Lierhaus: "Egal. Dann wäre mir vieles erspart geblieben."

Wenn ich so etwas lese, also, wenn ein Mensch ehrlich zu sein scheint und ungeschützt redet, dann weiß ich schon vorher, was passieren wird. Einige Zitate aus dem Internet gefällig? "Sie stellt das Leben von Menschen mit Behinderung infrage." – "Sie zeichnet ein falsches Bild." – "Sie wertet das Leben von Behinderten ab." Und natürlich darf die Mutter aller Internetkommentare nicht fehlen – diese Formulierung finden Sie im Netz unter so gut wie jedem Text, der in irgendeiner Weise von Belang ist. Sie lautet: "Einfach armselig."

Wenn ich irgendwo Chef wäre, würde ich eine Rubrik mit dem Titel "Leute verteidigen" einführen. In jeder Ausgabe müsste ein Mensch gegen diese Art von Dreck verteidigt werden, gegen dieses "Einfach armselig". Lierhaus redet über sich, über ihre Verzweiflung, und das ist halt etwas anderes als ein Kirchentagserbauungsartikel. Irgendwo habe ich dieses hübsche Wort gelesen, Kirchentagserbauungsartikel. Ich habe keine Ahnung davon, wie es ist, behindert zu sein. Aber schön ist es bestimmt nicht. Man braucht Mut, Kraft und Optimismus, vermute ich, und von diesen Eigenschaften hat nicht jeder genug. Jeder Mensch ist anders. Der eine Behinderte verbittet sich Mitleid, der oder die andere will in den Arm genommen und getröstet werden, und keiner dieser Wünsche ist richtig oder falsch. Müssen wir in Zukunft unsere Gefühle einer Norm anpassen?

Wenn Leute auf die Frage "Wie geht es Ihnen?" nicht die Wahrheit antworten dürfen, wenn sie lügen sollen, alles prima, alles supi, dann haben wir es mit einer durch und durch verlogenen Gesellschaft zu tun. In diese Richtung bewegen wir uns. Im Fernsehen wird pausenlos zur Toleranz aufgerufen. Aber damit ist in der Regel nicht die Toleranz mit denen gemeint, die, wie Monica Lierhaus, "ein falsches Bild zeichnen". Die Intimitätsgrenzen existieren nicht mehr, die Leute gehen zu Big Brother und stellen ihre privaten Pornos ins Netz, das ist okay. Aber wenn eine Frau sagt, dass sie lieber tot wäre, dann muss sie über sich lesen, sie sei "einfach armselig".

Also, ich war voll dabei, mich aufzuregen, als ich im Internet auf diesen Kommentar stieß, einen guten Kommentar. "Ich frage mich, woher diese große Sehnsucht kommt, anderen Menschen vorzuschreiben, was sie zu denken und zu sprechen haben. Ist es nicht eine notwendige Voraussetzung für einen gesellschaftlichen Diskurs, dass Menschen ehrlich ihre persönliche Sichtweise äußern, ohne sich darum zu scheren, ob sie nun die Agenda von anderen Menschen untergräbt? Kann man sich wirklich wünschen, dass abweichende Meinungen nicht mehr öffentlich geäußert werden?" Ja, wie ist dieser Dämon auf die Welt gekommen? Ich glaube, den gab es schon immer. In jedem steckt ein Diktator, auch in mir. Ich habe auch schon Leute fertiggemacht. Wir sind frei und nutzen unsere Freiheit, um andere zu unterdrücken, ist das die traurige Wahrheit? In meinen düstersten Momenten bin ich wirklich für die Wiedereinführung der absoluten Monarchie. Ich bin einfach armselig.

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels.

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Kommentare

41 Kommentare Seite 1 von 7 Kommentieren

Vielleicht ist die große Meinungsvielfalt im Internet einfach zu Viel für den Einen oder die Andere um diese immer auszuhalten. Die Welt soll doch so sein, wie ich sie sehe, da sind all die anderen Berichte und Meinungen manchmal ganz schön anstrengend.
Dann ist es einfacher "Lügenpresse" zu schreien, als sich mit den Inhalten eines Berichtes zu beschäftigen.
Und so ist es wohl auch mit privaten Meinungen, die aus dem "üblichen" Rahmen fallen. Wegschimpfen und die Welt ist wieder in Ordnung.
Gut, das Herr M. darauf hinweist, das wir das aushalten sollten und vielleicht sogar darüber Nachdenken ...

Ist es nicht auch Teil des sinnvollen gesellschaftlichen Diskurses, wenn wiederum die Kommentatoren ihre Meinung offen sagen?

Was auch nicht die Lösung sein kann: Jeder, der sich ehrlich äußert, wird vor Anfeindungen geschützt. Chauvinistische Politiker: "Ja nun, ich bin halt ein alter geiler Bock. Und sie hatte mächtige Hupen" - ah, ok, das ist ehrlich, also unangreifbar. Der Chefarzt mit dem Hygieneproblem im Haus: "Manchmal wird mir das alles zu viel" - ok, ok, no problem. Der drogensüchtige Promi: "Ich bin halt gerne high" - supi, dann ist ja alles in Ordnung.
Einfach armselig :-)

Vielleicht war es etwas zu allgemein formuliert. Ehrlichkeit sollten wir schätzen, so lange wir niemand anderen verletzt haben. Ehrlichkeit macht auch sexuelle Übegriffe oder Fahrlässigkeit nicht sympathischer. Aber Lierhaus hat niemanden verletzt. Sie hat auch nicht für alle Behinderten gesprochen oder Behinderte aufgefordert, sich umzubringen, obwohl man das bei manch heftigen Kommentaren meinen konnte.

"Ich frage mich, woher diese große Sehnsucht kommt, anderen Menschen vorzuschreiben, was sie zu denken und zu sprechen haben."

Naja, alle sollten möglichst die Welt so sehen wie wir! Wir glauben fälschlicherweise, wenn wir Andere überzeugen, könnte dass uns oder zumindest unsere persönliche Wahrnehmung "der Welt" bestätigen...
Und wir sind in unserer Sicht auf die Dinge ganz schön festgefahren: http://bit.ly/1nL4g1k