Video: In den Keller hinab

Alles muss runter

ZEITmagazin Nr. 31/2015 — Von und

Wann waren Sie das letzte Mal in Ihrem Keller? Sehen Sie – es wird Zeit, dass der geringste unter den Räumen neu entdeckt wird. Folgen Sie uns in die Unterwelt.

Da ist die Treppe. Da sind die Stufen. Da ist der Lichtschalter. Der Weg nach unten ist eigentlich ganz einfach. Dann kommt die Tür. Hinter der Tür wird es schwierig.

Hinter der Tür sind die Kisten, die Beutel und Säcke, die Tüten, das Trimmrad, der Schlitten und das Planschbecken. Die VHS-Kassetten, die Lampe mit dem Fransenschirm, die Stadtpläne von London, Paris und Goslar, der Röhrenfernseher, der Handstaubsauger, die Küchentür und die Katzenstreu, der Standaschenbecher, die Golfschläger, der nie benutzte Sandwichtoaster und die an den Schnürsenkeln zusammengebundenen Tennisschuhe. Die Luft schmeckt nach Staub.

Wenn man jetzt umkehrt und wieder nach oben geht, ist das Schlimmste überstanden. Allerdings ist es noch da.

Mensch und Keller können gut miteinander leben, solange sie sich in Ruhe lassen. Innerhalb des Hauses ist der Keller der geringste unter den Räumen. Er ist sogar noch unter der Garage. Anspruchslos erfüllt er seine Aufgabe. Er fragt nicht – wie das Wohnzimmer –, ob der Tisch zum Sofa passt. Er fragt nicht mal, was noch reinpasst. Er lässt sich besinnungslos vollmöbeln. Er wird nicht täglich geputzt wie die Küche, kaum je gesaugt. Der Keller nimmt alles klaglos hin. Aber eines Tages beginnt er zu sprechen.

Der Mensch betritt den Keller und hört plötzlich eine Stimme. Sie spricht im Konjunktiv. Man müsste mal. Man sollte vielleicht. Man hätte doch längst. Und man könnte eigentlich. Dies ist der Moment, in dem es ernst wird. Der Keller ist die Problemzone des Hauses: Das Abgelegte, Aufgehäufte, Reingepresste wird zum Vorwurf. Das Verdrängte kehrt unerledigt wieder. Es will bewältigt werden.

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Der Keller speichert nicht nur die aussortierten Dinge, sondern auch alles Wollen, alles Wünschen, alles Scheitern, alles Verwerfen, das sie hierher gebracht hat. Die Schuhe mit den Absätzen, die zum Laufen nicht taugten. Die Ski, daneben die Krücken. Das Saxofon, der Diaprojektor, die Spanisch-CD-ROM, der nur einen Sommer in der Küche geduldete Entsafter. Alles für teures Geld gekauft. Und alles noch gut.

Oder noch ziemlich gut, wie das möglicherweise vollständige Puzzle. Ziemlich gut ist der Sessel mit den Flecken, das Landschaftsbild mit der kaum sichtbaren Delle, das Sideboard in Wurzelholzoptik. Der Kassettenrekorder hat bis zuletzt einwandfrei funktioniert. Er steckt leider nicht in einer Plastiktüte; nun ist er mit Körnchen paniert. Man kann ihn abwischen und sofort anschließen, vielleicht verkaufen, die Originalverpackung mit dem Styropor und der Anleitung muss noch irgendwo sein, dahinten, zwischen den Kartons. Findet sich alles, später.

"Noch gut" und "für später" – das sind die Terrorvokabeln des Besitzens, die da unten erklingen, wenn der Mensch dem Keller antwortet. Aber spontanes Wegwerfen nach ewigem Eintuppern – wie soll das gehen? Und da brummt auch noch die Kühltruhe mit dem Tiefgefrorenen.

Der Keller ist ein Überflussbecken. Langsam steigt der Pegel an. Aber wehe, das Becken ist voll. Es gibt keinen Keller für den Keller. Im Haus ist er die Endstation.

Der klügste Mensch im Raum ist der Raum. David Weinberger

Nur wenige Dinge schaffen es aus der Unterwelt zurück ans Licht. Es sind die Saisonarbeiter unter den Gegenständen, die Gartenstühle, der Christbaumständer oder der Schneeschieber. Sie sind privilegiert und dürfen in die Garage umziehen, wenn ihren Besitzern das Rauf und Runter zu mühsam wird. Dem Keller haftet wegen seiner Unordnung etwas Provisorisches an. Aber dieser Eindruck täuscht. Was im Keller landet, ist für das Haus verloren. Was den Keller verlässt, muss auch das Haus verlassen. Die Frage ist bloß, auf welchem Weg, mit welchem Ziel.

Der Flohmarkt und eBay, das sind die Erlösungsfantasien des Besitzenden. Ihnen liegt die Vorstellung zugrunde, dass etwas umso wertvoller wird, je länger es lagert. Der Keller wird durch bloßes Dasein und verstreichende Zeit zur Schatzkammer, die geplündert wird, falls noch Geld zum Urlaub fehlt. Sogar eine Fernsehserie ist diesem Thema gewidmet, der Trödel-King.

Im WDR rufen Familien den Trödel-King, um ihre versunkene Habe begutachten zu lassen. Der alte Ofen, der bringt bestimmt noch 500 Euro! Die Beatles-Gartenzwerge mit den Pilzköpfen und die tadellos erhaltende Bismarck-Büste sind gewiss schon Raritäten! Der Trödel-King vernimmt Experten zum rechten Preis und bietet die Ware Sammlern an. Der Ofen: Bringt bloß 150 Euro, dazu 100 für das Rohr. Findet sich kein Interessent, bleibt der Flohmarkt. Die Gartenzwerge, alle zusammen für 20. Das nachgemachte Meissener Porzellan für 10, der Kupferstich, ein Hirsch vor Bäumen, geht weg für acht. Die Leselampe gibt’s gratis dazu. Was man für Design gehalten hat, ist oft nur Deko.

Und noch immer steht das Fondueset im Keller, der Heizlüfter, der Luftbefeuchter. Das Zeugnis mit der 4 in Mathe und, sieh an, die Urkunde vom Sportfest 1986 – war das nicht, als ...?

Ein Erinnerungsspeicher liegt vor einem, mit Objekten, die Geschichten in sich tragen, die man längst vergessen hatte. Erloschene Lieben lodern auf, wenn die Briefe plötzlich wieder da sind, die man aufgehoben hat. Warum bloß? Für diesen Moment?

Ein Stuhl, ein Fahrrad ein Ball: Braucht man nicht mehr, ist aber noch gut. © moschni/photocase.de

Man weiß aber auch: Wegwerfen wird man sie nicht. Im Keller verwirklicht sich das Nebeneinander von Heiligem und Profanem, von Tagebuch und Römertopf. Wo sonst verklumpt sich Sein und Haben wie hier? Und wenn Kultur Bewahren heißt, ist dann der Keller nicht ein Tempel der tiefergelegten Kultur? Womöglich könnte man mit dem Inhalt all unserer Keller das ganze Land möblieren, eine B-Version des Wohnens und Besitzens.

Der klügste Mensch im Raum ist der Raum, hat der amerikanische Technikphilosoph David Weinberger gesagt. Und kein Raum des Hauses weiß so viel über die Bewohner wie der Keller. Man kann in ihm lesen wie in einem Buch. Welch ein Leben in Kartons und Schachteln und Säcken! Und zwischen den Kartons und Schachteln und Säcken. Der Keller ist auch das Schattenreich suspekter Mitbewohner. Es müssen nicht Ratten oder Mäuse sein. Geht das Licht an, huschen die Silberfischchen unter das aufgestaute Gut. Sie gehen an Textilien, an Baumwolle oder an den Leim der Bucheinbände und hinterlassen ihr Zeichen: kleine Schabefraßlöcher.

Der Hunger dieser Insekten ist nicht so groß, dass sie das Gelagerte gänzlich wegknabbern und verdauen würden. Sie verändern die Qualitätsstufe "noch gut" aber zuverlässig in Richtung "Lochgut".

Es gibt so gut wie keine Wissenschaft vom Keller. Genau eine deutsche Magisterarbeit zum Thema haben wir finden können, verfasst an der Philosophischen Fakultät der Berliner Humboldt-Universität. 1998 hat die Kulturwissenschaftlerin Miriam G. Möllers 190 Seiten "zum Fortwirken des natürlich gewachsenen Unterirdischen im Keller des 20. Jahrhunderts" geschrieben. Die Fragestellung weist in mythische Tiefe. Von aufsteigenden Schatten lesen wir, von sagenhaft Unheimlichem, vom Totenreich Keller, von der "Schwellen- und Vertikalerfahrung". Salopp gesagt, besteht die Schwellen- und Vertikalerfahrung darin, dass man in den Keller geht. Und der Keller nach Möllers birgt mehr als Krempel und Kriechtiere, nämlich eine "Bilderwelt von ausgezeichneter Vielfalt und Ambivalenz".

Einerseits ist er lebensspendende und lebenserhaltende Höhle, die dem Menschen seit frühester Zeit als Wohnstätte, als Zufluchtsort, Lagerplatz oder Kultstätte gedient hat. Von dort zu den ungeöffneten Umzugskisten mit Taucherbrillen, Schwimmflossen und der Streichholzschachtelsammlung ist es aus kulturwissenschaftlicher Sicht ein winziger Schritt. Andererseits ist die Höhle in Verruf geraten. Wer an der tradierten Form des Wohnens festhält, gilt seit dem Neolithikum als Sonderling. Die Höhle rückte in den Bereich des Mysteriösen und Bedrohlichen. Riesen, Bestien und Ungeheuer hausen seither im Keller, Zwerge interessanterweise auch, vielleicht wegen der Deckenhöhe, im Übrigen Gespenster, Götter und Hexen. Bären oder Wölfe sind im Untergeschoss zwar nicht zu erwarten und können von der Liste des Schreckens getrost subtrahiert werden, aber auch ohne sie fehlt es nicht an Dämonen.

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Der Keller kann auch als das Unterbewusste des Hauses verstanden werden. Der Psychoanalytiker C. G. Jung hat das 1909 im Schlaf erkannt: "Ich träumte, ich sei ›bei mir zu Hause‹, in einem behaglichen Wohnzimmer, das im Stil des 18. Jahrhunderts eingerichtet war. (...) Ich stieg (...) in den Keller hinunter und sah dort eine Tür, durch die man zu einer Steintreppe gelangte, welche in ein großes Gewölbe führte. Der Fußboden war mit großen Steinplatten ausgelegt, und die Wände sahen sehr alt aus. (...) Ich wurde immer aufgeregter. In einer Ecke entdeckte ich einen Eisenring auf einer Steinplatte. Ich hob die Platte hoch und bemerkte eine weitere schmale Steintreppe, die zu einer Art Höhle führte, scheinbar einem prähistorischen Grab, in welchem zwei Schädel, mehrere Knochen und zerbrochene Tonscherben lagen. Dann erwachte ich."

Der polnisch-amerikanische Schriftsteller Mark Z. Danielewski greift dieses Motiv 91 Jahre später in seinem Science-Fiction-Roman Das Haus auf: Der Fotograf Will Navidson möchte mit seiner Familie in einem alten Haus auf dem Land Ruhe finden. Mit der Ruhe ist es vorbei, als er beim Vermessen des Gebäudes feststellt, dass es drinnen um einige Millimeter größer ist als draußen. Hinter der Wohnzimmerwand entdeckt er einen Korridor, der zum Ziel stundenlanger Expeditionen wird. Immer neue Gänge tun sich auf. Er gelangt schließlich in eine große Halle mit einer Wendeltreppe, die sich hinunterwindet ins Nichts.

"Wir haben ein paar Fackeln runtergeschmissen, aber ich hab sie nicht unten ankommen hören. Ich meine, wo’s doch drin so leer und kalt und still ist und alles, da hörst du wirklich ’ne Stecknadel fallen, aber die Finsternis hat die Dinger einfach verschluckt." – "Das ist so tief, Mann, das ist beinah wie im Traum ist das."

Ein Albtraum von einem Keller, in dem alles verschwindet, was man darin zurücklässt: Welch Verkehrung der Alltagserfahrung. Beschwert einen der eigene Keller mit seiner unerbittlichen Erhaltung von Masse und Energie (plus Feuchtigkeit, minus Schabefraß), verstört einen der Keller, der das Gelagerte rückstandslos in sich hineinschreddert. Was in der Wirklichkeit sein Gutes hätte, das Haus mit eingebauter Sperrmüllabfuhr, wird in der Fiktion zum Horror schlechthin.

Zwischen den Leinen: Dieser Keller verrät mehr als nur die Vorliebe der Besitzerin für grafisch gemusterte Schlafwäsche. © wunjeld/photocase.de

Auf dem schmalen Grat zwischen Forschung und Lebenskunst balanciert die Grazer Alltagskultur-Zeitschrift Kuckuck. In einem Heft stellt der Marburger Ethnologe Alexander Edmund Rissmann seine sehr unkonventionelle Arbeit vor. Er inspiziert Keller, von denen er gehört hat. Aus den Begehungen mit den Eigentümern entstehen zauberhafte Wortprotokolle, nicht selten in Mundart.

Rissmann: Wo isch jetzt der Schutthaufen?

Erste Frau: Da in dem, in dem, da! Da drin. Da hab I amal [einmal] rum’kruschtelt g’habt, hehe. Da hinda in dem Loch. Hehe. Ja, in dem Loch. Schau, find’sch no a Trum – von am Ding. A Trum find’sch au no ohne Kopf (hustet). Da hab I halt amal kruschtelt da drin.

Zweite Frau: Des isch so a Lourdes-Madonna.

Erste Frau: Da isch alles, was so an Müll ... guck amale, die alte Schier, no, guck amal. Schau mal Schuhe. Hiahe. Meiiii.

Rissmann beschreibt eine "Atmosphäre der longue durée unter dem Haus", in der sich ein Haufen Ballast ansammelt, mit dem man sich lieber nicht konfrontiert.

Im Keller spiegeln sich aber nicht nur die Befindlichkeit und die Ablagerungen des Ichs, sondern auch die Veränderungen der Gesellschaft.

Mit der Einführung der Kartoffel war der Kartoffelkeller erfunden, ein Update des Vorratskellers. Mit der Verbreitung des Ofens hielten die Kohlen Einzug (und die Ofenlaus). Dann kamen die Bomben und trieben die Menschen in den Luftschutzkeller. Nach dem Krieg erfolgte die Umwidmung zum Partykeller, James-Last-Platten machten die Musik. Nonstop-Dancing! Aufs Feiern folgte der Hobbykeller. Selbst ist der Mann. Später kam auch die Frau dazu, und sie setzten sich gemeinsam in die eingebaute Sauna. Totale Neudeutung, Schwitzen statt Frieren, aber immer noch feucht. Und dann, im Spätkapitalismus, der Weinkeller.

Eine wichtige Voraussetzung für diese Evolution war die Elektrifizierung. Die Waschküche brauchte den Strom so sehr wie die Modelleisenbahn.

Der Regisseur Ulrich Seidl hat kürzlich einen Dokumentarfilm gedreht, in dem er in die Keller österreichischer Dörfer schaut. Er findet Nazis, Waffen, Sadomaso. Das hatte man irgendwie erwartet. Nicht allein wegen der Kombination Österreich und Keller, nicht bloß wegen Josef Fritzl und Natascha Kampusch, sondern weil es einfach naheliegt: Was im Keller passiert, geschieht dort vermutlich aus gutem Grund. Wer sich in den Keller zurückzieht, will den Blicken entzogen sein.

Eine Szene aus Ulrich Seidls Dokumentation"Im Keller": Manfred Ellinger und seine Frau sind regelmäßig auf Jagdurlaub in Kenia. Ihre Trophäen sammeln sie im Keller. © Neue Visionen Filmverleih

Der Keller ist, in Zeiten wachsender Transparenz, gläserner Wände und Decken, bodentiefer Fenster und sogenannter Smart Homes, die über die Gewohnheiten der Hausbewohner Daten erheben, der letzte Ort des Heimlichen. Er ist gewissermaßen das Dark-Net des Hauses.

In ihm wird es, metaphorisch gesprochen, immer finsterer, während es oben im Haus immer lichter wird. Denn auch der Dachboden verändert sich. Er ist nicht länger höherer Stauraum, sondern Ziel häuslicher Expansion. Er ist ausgebaut, wird gerade ausgebaut oder könnte demnächst ausgebaut werden. Als Zimmer für die heranwachsenden Kinder oder als Atelier für die Ambitionen des Ehepartners.

In der Zeichenlehre des Erfolgs ist das Dachgeschoss inzwischen etwas, in das man sich hochwohnt. Da nimmt man sogar die Schrägen in Kauf. Passende Regale lassen sich ja anfertigen. Auf ins Penthouse mit Dachgarten und begehbarer Außentreppe! Und ist er nicht sagenhaft, dieser Ausblick?

Die ursprüngliche Faszination des Dachbodens war eine andere. In der Literatur finden Jungen den Zauberumhang des Großvaters, Gelehrte die vergessenen Aufzeichnungen eines dahingeschiedenen Genies. Oder die Putzfrau entstaubt einen bisher unbekannten Rembrandt – Kostbares unter weißem Tuch, das jemand einst darübergehusst hat. Anders als im Keller ist es auf dem Dachboden ja trocken, solange es nicht hereinregnet.

Hat der Keller noch Zukunft? Vielleicht häuft der moderne Mensch gar nicht mehr so viel Lebensballast an? Der flexible Zeitgenosse, wie ihn Managermagazine und Einrichtungsfibeln entwerfen, besitzt immer weniger, und das, was er besitzt, wählt er sorgsam aus. Simplify your life! Das wurde bereits in den Neunzigern zum Imperativ. Möbelzeitschriften präsentieren seither mönchisch eingerichtete Wohnungen, in denen kaum mehr steht als ein Tisch, ein Bett, alles weiß, vielleicht noch eine Blume in einer Vase, ansonsten: klare Formen, kein Überfluss.

Für das Lebensgefühl dieser energisch antrainierten Askese ist der Keller eine unanständige Versuchung – wie der Zigarettenautomat vor der Tür des Endlichnichtrauchers. Der Keller ist das Tor zurück in die Aufhebgesellschaft, in den überwunden geglaubten Materialismus.

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Der Besitz von morgen hingegen verflüchtigt sich. Bücher, die eben noch in Regalen standen, liegen nun auf Festplatten. Unterlagen, die eben noch Leitz-Ordner sprengten, verschwinden in USB-Sticks. Die CD-Sammlung steckt im Smartphone oder in der Cloud, jenem digitalen Oberstübchen, das die Menschheit sich derzeit ausbaut, als sei es ein virtuelles Dachgeschoss. Über unseren Köpfen schwebt geistiges Eigentum, so allgegenwärtig wie ungreifbar, so unauslöschlich wie fragil. Denken Sie mal darüber nach! Allerdings gibt es nach wie vor Dinge, die sich weder entmaterialisieren lassen noch in übervolle Keller passen, die analogen Erbstücke der Großeltern etwa. Wohin mit der noch guten Kompaktanlage, dem Großen Brockhaus, den Messingtöpfen, den Kristallgläsern, der Anrichte?

Dafür gibt es seit einigen Jahren die Self-Storage-Center. Sie bilden ein paradoxes Durchgangsstadium auf dem Weg vom Besitz zum Nichtbesitz. In den großen Städten, an den Ausfallstraßen, ragen immer mehr dieser Klötze auf. Es sind Keller, die in den Himmel wachsen. Von außen sehen sie aus wie riesige Container, mit Sicherheitszaun und Beladezone. Innen: schmale Flure, nummerierte Türen, Videokameras auf Schritt und Tritt.

In einem Self-Storage-Center lässt sich Speicherplatz mieten, der nicht mehr als Stellfläche, sondern als Rauminhalt berechnet wird, was gleich ins Geld geht. Die kleinste Einheit, ein Kubikmeter – also ein Meter mal ein Meter mal ein Meter –, kostet in Hamburg zum Beispiel 39 Euro im Monat. Jede noch so teure Mietwohnung ist ein Schnäppchen dagegen.

Interessanterweise inszeniert sich der Premiumspeicher mehr als Lager denn als Keller. Keine dunklen Löcher, keine Holzverschläge mit Maschendraht, kein Wasser aus der Wand, kein Ungeziefer, dafür Neonlicht und Metall wie im Hochsicherheitstrakt. Das Self-Storage-Center wirkt wie ein Straflager für Langzeitgegenstände.

Diesem Eindruck steht die kurze Verweildauer vieler Inhalte entgegen. Weil das Lager so teuer ist, wirkt es auf die Psyche des Besitzenden wie ein hoch bezahlter Therapeut. Schon nach wenigen Monaten kann die Miete den gefühlten Wert der Dinge übersteigen. Das Geld tritt an die Stelle des Schmerzes und beschleunigt die Trennung von Erbstücken, für die man eh keine Verwendung hat.

Manch ein Self-Storage-Center versucht den arbeitsaufwendigen Mieterwechsel zu reduzieren, indem es sich für sensible Güter auf Dauer empfiehlt. Pickens in Hamburg, ein Pionier der jungen, aufstrebenden Branche, bietet externe Weinkeller an. Großartige Pointe: Die Luft wird befeuchtet, das Muffige also hydroelektrisch nachgebildet. Asseln immerhin werden – bisher jedenfalls – keine ausgesetzt.

Manche Sachen sind auch erst ein Jahr alt, da hat der Mann eine neue Frau, und die mag die Farbe nicht. Hüseyin Kücükkaya

Zu Hause, im notorisch unterbezahlten Keller, ist es nicht das Geld, sondern die Enge, die das letztlich provisorische Behältnis sprengt. Es ist mehr Zeug da, als die Eigentümer des Zeugs Zeit haben, sich zu kümmern. Der Flohmarkt-Gedanke ist schön, nützt im Konjunktiv aber herzlich wenig. Es gibt nichts Gutes, außer man tut es, steht in dem Kästner-Bändchen, das obenauf liegt.

Auch eBay verlangt nach einer Serie von Handlungen. Fotografie, Objektbeschreibung, Verpackung, zur Post bringen, Geld eintreiben. Schon gibt es dienstbare Geister, die unsere Sachen bei eBay für uns versteigern wollen. Man findet sie im Kleingedruckten der Anzeigenblätter. Sie verlangen natürlich eine Provision.

Dem launigen Herunterhandeln unter freiem Himmel steht das Meistbieterprinzip auf der Auktionsplattform entgegen. Außerhalb des Netzes schreien die Verkäufer die Exzellenz ihrer Waren heraus, im Netz gilt es, Regressforderungen abzuwehren. Davor schützt das Schlechtreden am besten. Noch Gutes wird bewusst unter Wert verkauft, am besten sogar als "defekt", damit sich hinterher niemand beschweren kann.

Nachdem alle Möglichkeiten der potenziellen und tatsächlichen Weiterverwendung ausgeschöpft sind, schlägt dann die Stunde des Sperrmülls. Bei Anruf Abfuhr. Männer in grellen Jacken fahren vor, nicht selten schon morgens früh um sieben. In Hamburg kommen beispielsweise Hüseyin Kücükkaya und Musa Pehlivan, seit mehr als 20 Jahren in diesem Job. Meist werden sie und ihr Team herzlich begrüßt. Die Kundschaft liebt die gestandenen Männer, welche sie ohne großes Aufhebens von ihrem ins Haus hineinkonsumierten Ballast befreien. Jedoch fürchten die Kunden sie auch. Ihr Erscheinen signalisiert den nun unwiderruflichen Abtransport. Wie gut, dass die Männer nicht zum Diskutieren neigen. Sie erinnern an Masseure, die über die Art ihres Zugriffs, den Moment des Zupackens, jede Widerrede inhibieren. Zugleich verfügen sie über das nötige Feingefühl.

"Das Sofa ist 50 Jahre alt, aber noch gut", zitiert Kücükkaya eine täglich gehörte Einschätzung. In Deutschland ist eben alles auf Dauer angelegt, auch das Wohnzimmer – vielleicht ein kollektiver Reflex auf das Flächenbombardement, das gerade erst vor 70 Jahren endete.

Das Problem der angehäuften Gegenstände ist freilich ihre Haltbarkeit. Wären sie kaputt oder irreparabel, fiele die Trennung leichter. So plagt die Besitzer ein schlechtes Gewissen. Das Sofa war ein genügsames Haustier. Jetzt ist es mürb und schwach und soll geschreddert werden. Wie grausam und undankbar ist das doch.

Kücükkaya und Pehlivan lösen das Problem auf ihre Weise. Das betagte Sofa stellen sie in den guten Lkw, in jenen Wagen, der sich später in einem städtischen Second-Hand-Kaufhaus entlädt. Sie schwingen sich auf den Bock, winken den Sofa-Eignern vielleicht noch aus dem heruntergelassenen Fenster zu und setzen ihre Sammelfahrt durch die Stadt fort.

Hinter der übernächsten Ecke aber halten die beiden Lastwagen des Teams, und das Sofa wird aus dem guten Lkw in den gefräßigen gewuchtet, und das Möbel wird in der Presse zu Kleinholz, das im Müllheizkraftwerk landet. In Form von Strom oder Wärme kehrt es vielleicht noch einmal nach Hause zurück, um ein letztes Mal Behaglichkeit zu stiften.

Jeder Keller hat einen Ausgang: Ein Mädchen steht an der Tür eines Spielorts von "Escape Game" in Budapest. Hier lassen sich Touristen freiwillig einsperren und müssen rausfinden. © Laszlo Balogh/Reuters

"Manche Sachen sind auch erst ein Jahr alt", sagt Kücükkaya, "da hat der Mann eine neue Frau, und die mag die Farbe nicht." In so einem Fall ist "noch gut" keine Kategorie. Da muss rasch gehandelt werden. Legt man etwas Geld drauf, kommen die Müllwerker gleich am nächsten Tag und holen das erotisch negativ besetzte Mobiliar.

Früher wurde, was aus dem Keller flog, an die Straße gestellt. Sperrmülltag hieß das dann, und das ganze Viertel sah aus, als wäre Flohmarkt, bloß kosteten die Waren nichts. Inzwischen holen die städtischen Arbeiter die Sachen lieber direkt aus dem Keller ab, für den Wiederverkauf in kommunalen Hartz-IV-Läden etwas Brauchbares zu bekommen, bevor die eBay-Geier es davongetragen haben.

In den Kellern halten sich die Müllwerker nicht lange auf. Sie packen die Dinge, die ihnen avisiert wurden, und schon sind sie aus dem Haus. Sie haben keinen Sinn für die Poesie des Souterrains. In der Waschküche eines Mehrfamilienhauses könnten sie sonst hinter Klarsichtfolie den "Waschplan" sehen, in den die Bewohner ihre gewünschten "Waschzeiten" eintragen, um ein Gerangel vor den Maschinen zu verhindern. Dazu der Hinweis der Hausverwaltung, einen geplanten Waschtag, der nicht in Anspruch genommen wird, bitte deutlich auszuradieren, "damit sich die richtige Weitergabe des Waschküchenschlüssels nicht verzögert". Man ahnt, welche Dramen zwischen 30˚ und 60˚ sich hier schon abgespielt haben.

Wenn es Kellerdinge aus dem Hause schaffen, was wird aus ihnen? Sie kommen ins Secondhandkaufhaus, in dem das "noch" am Guten bedrückend spürbar wird. Sind die Gegenstände dem verklärenden Blick ihrer Eigentümer entronnen, leuchten die Makel geradezu auf. Jede Beule, jede Schramme wird zum ästhetischen Manko. Wer etwas kaufen möchte, darf in keiner Weise zimperlich sein.

Unklar ist, was die Käufer mit dem Erworbenen anrichten. Teilweise mögen die Waren in die Wohnungen gelangen, wo sie an die Stelle vorhandener Gegenstände treten, die dann ihrerseits in den Keller absinken. Oder sie kommen gleich in den Keller, wo sie später wieder ausgemustert werden und aufs Neue in den Markt gelangen.

Insoweit diese Güter ständig gekauft und wiederverkauft werden, liegt ein tatsächliches Recycling vor, ein ewiges Kursieren der Gegenstände. Wir könnten von vollendeter Nachhaltigkeit schwärmen oder kräftig fluchen: Wir werden die Dinge einfach nicht los.