Männer! Ausgeschlafene Typen

DIE ZEIT Nr. 31/2015

In China war es dieser Alte, der im Spagat am Baum lehnte. Hochkant. Präziser: ein Bein am Boden, ein Bein in Richtung Himmel gereckt. Kopf an diesem Bein seitwärts abgelegt. Süße geschlossene Schlitzäuglein. Nein, das ist jetzt nicht rassistisch, man wird doch mal was Nettes über Männer sagen können, ohne dass jemand aufjault!

In Dubai fanden sich kleine Wanderarbeiter, dem Look nach aus Bangladesch oder eben Indien, die wie DDR-Würmchen in der Volkskrippe zur Mittagspause nebeneinander vor einem Hafenschuppen ausgelegt waren. Gleichmäßiges, tiefes Ratzen. In Afrika sieht man sie von Hauswänden oder dem Stamm einer Frangipani abgestützt, Augen zu, und weg sind sie. Im Kambodscha schaukeln die Hängematten gerade ein bisschen vor, ein bisschen zurück, man sieht mal ein Bein oder einen Arm raushängen, soll wohl ein wenig Kühlung einfangen. Schlafende Männer! Sie sind kein Urlaubsphänomen, sie kommen nicht nur in Bettenwerbung vor oder am Strand. Man begebe sich in einen ICE, dortselbst in einen 1.-Klasse-Wagen, wo ja unter der Woche immer noch so eine purdah society zu besichtigen ist, eine Handvoll Frauen, versteckt unter Männern, Männern, Männern. Zwei Dinge können einem dort auffallen. Einmal, wie zwei Typen leise über ihre iPad-Hülle von Prada plaudern (Sonderanfertigung, klaro). Und wie alle anderen im Wagen – tief schlafen. Männer in echten Anzügen. Typen, die wir uns gemeinhin vorstellen, wie sie mit stahlblauen Augen ihren Gegnern in die stahlblauen Augen blicken und sie so niederstarren. Und die jetzt daliegen, in der Beuge ihres ICE-Komforts, wie Kinder, die sich an eine Schulter lehnen und dem Nichts hingeben.

Ist mir ein Rätsel. Woher dieses Schlafbedürfnis? Im Zug, in der ersten Klasse! Zu viel Erfolg? Zu wenig? Flucht vor dem Laptop? Arbeiten sie außerhalb des Zuges so viel, weil sie im Zug so viel schlafen? Haben sie so anspruchsvolle Freundinnen, dass sie nachts nicht zur Ruhe kommen? Noch interessanter, wie schafft es der Mann, sich dem Schlafbedürfnis so hinzugeben? In der beschleunigten Moderne? Ist es eine Herrschaftsgeste – ich schlafe, also bin ich wer?

Es ist mir bekannt, dass es Männer gibt, die gar nicht schlafen, die nachts an die dunkle Decke gucken oder in die schwarzen Abgründe in ihrer Seele. Klar, man kennt sie. Die Hochsensiblen, Feinvibrierenden. Übrigens auch Frauen. Geben damit gerne an, vor allem Mütter, im Stile von: Habe-ich-mir-die-ganze-Nacht-Sorgen-gemacht. Ja, Mami. Dieses Gejammer blenden wir mal aus. Mütter schaffen es sowieso, jede Nacht weniger zu schlafen als Väter. Jede Woche einen Arbeitstag lang weniger gepennt als die Herren, dann aber Anti-Falten-Creme kaufen. In einem Land der Hausfrauen, wo sie einfach mal abliegen könnten, ohne vorher beim Chef die Erlaubnis zu beantragen, eine Liege aufzustellen!

Aber die Typen. Man stellt sich vor, dass die Offices dieser ICE-Helden hochaufgeräumt sind, wie blank geputzt ihre Schreibtische, die man durch Glastüren bewundern kann, alles so clean wie die Mad Men-Fassaden, an denen die Herren kopfüber und mit wehenden Schlipsen zu Boden flattern. Ob sie von solchen Not-Abgängen träumen, wenn sie daliegen und schlafen? Sind sie so entspannt, dass ihr Schlaf traumlos ist, einmal Frankfurt–München als Nirvana? Nie, dass man einen aufseufzen hörte. Kein Zähneknirschen. Kein Aufschrei aus den abgespeicherten Gemetzeln der letzten blutigen Meetings. "Zu wissen, daß ein Schlaf das Herzweh und die tausend Stöße endet, die unsers Fleisches Erbteil, ’s ist ein Ziel, aufs Innigste zu wünschen", seufzt Hamlet, sich verzehrend nach solcher Ruhe.

Es gibt Männer, die nicht den Hamlet geben, sondern sich die Ruhe einfach nehmen. Man muss sie beneiden.

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Kommentare

19 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Wo ist hier die zuletzt so hochgehaltene Gender-Studies-Verteidigung, die sich dagegen wehrt, plump augenscheinliche Erfahrungen einer Autorin derart primitiv - ja, sexistisch - auf ein Geschlecht zu reduzieren? Das wäre nur erträglich, wenn Frauen nicht Auto fahren könnten, in die Küche gehörten, und in Chefetagen nichts zu suchen hätten.

Abgesehen davon: ich arbeite als Mann 10-12 Stunden pro Tag, 7 Tage die Woche. Ich gehe selten vor Mitternacht ins Bett, meist erst 1-2 Stunden danach, und stehe morgens um 7 Uhr auf ... meine Frau könnte das nicht. Meine Schwägerin auch nicht. Mein Mitgesellschafter hingegen lebt ähnlich, nur dass er eher die frühmorgendlichen Stunden bevorzugt. Widerlegt das eine so plumpe Theorie wie sie hier von einer gewiss sich selbst als "emanzipiert" bezeichnenden Autorin hingerotzt wurde? Sie sind der Schandfleck jedweder emanzipatorischen Bewegung ... und Sie belügen sich damit vermutlich noch selbst.

Ja, sexistisch mag dieser Artikel durchaus sein. Damit spielt er und das macht ihn lesenswert. Das Nickerchen als vorwiegend männliche Paradedisziplin zu bezeichnen, ist in diesem Fall allerhöchstens positive Diskriminierung, die ja zumeist auf einem stillen bewundernden Neid begründet liegt.

Um selbst eine sexistische Bemerkung machen zu dürfen, möchte ich Ihre Argumentation als zutiefst weiblich bezeichnen. Von der eigenen Erfahrung auf eine Gesamtheit zu schließen, ist nämlich eher bei (westlichen) weiblichen Erwachsenen verbreitet. Zumeist wird eine solche Argumentation von männlichen Erwachsenen dann als "emotional" bezeichnet und abgeschmettert.

Sie sind in Ihrer 10-12 Stunde / 7 Tage die Woche Lebensmühle jedoch überhaupt nicht beneidenswert.