Yanis Varoufakis "Ich wurde als gefährlicher Dummkopf dargestellt"

Wie ist das, wenn man ganz Europa gegen sich aufgebracht hat? Ein Gespräch mit dem ehemaligen griechischen Finanzminister Yanis Varoufakis Ein Interview von , und

ZEITmagazin Nr. 31/2015

Mittwoch vergangener Woche, es ist heiß in Athen, schrille Stimmen, durch Megafone verstärkt, hallen durch die Stadt. Die Griechen demonstrieren gegen neue Reformpakete, über die an diesem Tag im Parlament abgestimmt wird.

Verabredet ist ein Interview mit dem ehemaligen Finanzminister Yanis Varoufakis in dessen Wohnung. Er ist weiterhin Abgeordneter und muss im Parlament über die neuen Reformen in der griechischen Justiz und im Bankwesen mitentscheiden. Deshalb wird das Gespräch in das Hotel Titania verlegt. Varoufakis kommt dann direkt aus dem nahen Parlament, er fährt mit seinem Motorrad vor, wieder einmal.

Das Hotelrestaurant ist voll, es ist Mittagspause – Fotografieren ist hier schwierig, wir könnten ihn am nächsten Tag in seiner Wohnung fotografieren, sagt Varoufakis. Viele der Gäste begrüßen ihn, der Hotelmanager lädt ihn zum Kaffee ein. Es sind Szenen wie diese, die Varoufakis in der Welt bekannt gemacht haben. Als einen Mann, der nicht in die geordnete, streng hierarchische Welt der Finanzpolitik zu passen scheint. Ein Mann, der polarisiert.

In der ZEIT Nr. 29/15 vom 16. Juli hat der ehemalige Dozent für Wirtschaftswissenschaften seine von vielen stark kritisierten Thesen zu Griechenland und Europa ausgeführt – jetzt wollen wir wissen: Wie hat er als Außenseiter den Politikbetrieb erlebt? Wer ist der Mensch hinter den Thesen? Wie macht Varoufakis weiter nach seiner Niederlage als Finanzminister? Es ist sein erstes Gespräch mit einem deutschen Magazin nach seinem Rücktritt.

Varoufakis ist gut gelaunt, er trägt Jeans, ein schwarzes Hemd, er will sofort anfangen. Nachher muss er wieder ins Parlament zurück, zur Abstimmung. Er ist eigentlich ein Gegner der Hilfsprogramme, für die diese Reformen Grundlage sind. Später in der Nacht stimmt er dem Reformpaket aber zu. Eines ist Yanis Varoufakis auf jeden Fall: unberechenbar.

ZEITmagazin: Herr Varoufakis, haben Sie Spaß daran, zu provozieren?

Yanis Varoufakis: Nein, ich bin kein Provokateur. Aber ich liebe es, Diskussionen zu führen.

ZEITmagazin: Sie haben die europäische Sparpolitik gegenüber Griechenland als "finanzielles Waterboarding" und "Terrorismus" bezeichnet.

Varoufakis: Manche mögen das als provokativ empfinden. Das ist aber eine akkurate Beschreibung der Wirklichkeit. Die CIA hat Waterboarding bei Verhören angewendet, um ihre Opfer gefügig zu machen. Erst kurz vor dem Ersticken ließ man sie wieder Luft holen. Das ist eine nahezu perfekte Beschreibung für die Politik der Troika in meinem Land seit fünf Jahren. Man gibt uns gerade so viel Geld, dass wir nicht pleitegehen, aber nie genug, um wirklich überleben zu können. Die Wahrheit zu sagen ist keine Provokation.

ZEITmagazin: Das heißt, die anderen Politiker lügen, wenn sie sagen, dass Griechenland vor allem selbst schuld an seiner Lage sei?

Varoufakis: Das können Sie so sagen. Ich will das lieber nicht weiter kommentieren. Als ich in die Politik gegangen bin, habe ich mir geschworen: Wenn ich anfange, wie ein Politiker zu denken, trete ich zurück. Ich werde mich nicht um meiner politischen Karriere willen verbiegen. Wenn die Wahrheit zu sagen bedeutet, dass ich aus der Regierung fliege oder aus dem Parlament geworfen werde oder ins Gefängnis gehen muss, dann ist das so.

ZEITmagazin: Sie übertreiben. Außerdem gibt es in der Griechenlandkrise erstaunlich viele Wahrheiten.

Varoufakis: Ich sage auch nicht, dass ich in jedem Fall recht habe. Ich war immer bereit, in den Verhandlungen über nötige Reformen einerseits und nötige Hilfspakete andererseits Kompromisse zu schließen.

ZEITmagazin: Sie haben einmal gesagt, in Ihrer Zeit als Finanzminister seien Ihre schlimmsten Befürchtungen bestätigt worden. Wie haben Sie sich die Welt der Politik denn vorgestellt?

Varoufakis: Ich habe nicht erwartet, dass die Treffen mit den anderen europäischen Finanzministern freundlich verlaufen werden. Aber ich habe geglaubt, dass wir am Ende einen Kompromiss finden, den beide Seiten akzeptieren können. So war es aber nicht.

ZEITmagazin: Warum nicht?

Varoufakis: Europa verleugnet seit 2008 die wahren Ursachen der griechischen Krise. Es ist wie in dem Shakespeare-Drama Macbeth: Ein Verbrechen führt zum nächsten Verbrechen, eine Lüge führt zur nächsten Lüge. Wir haben jetzt schon viel zu hohe Schulden und sollen trotzdem neue Kredite aufnehmen. So etwas kann ich nicht unterstützen. Ich darf doch kein Geld annehmen, wenn ich weiß, dass ich es nie zurückzahlen kann.

ZEITmagazin: Warum, glauben Sie, hat man es Ihnen dann vorgeschlagen?

Varoufakis: Da müssen Sie die anderen europäischen Finanzminister fragen. Wir haben uns entschieden, unser Volk in einem Referendum darüber abstimmen zu lassen. Darüber haben sich die anderen Minister furchtbar aufgeregt. Einer von ihnen, einer von den Schlaueren, ich werde seinen Namen hier nicht nennen, sagte etwas Bemerkenswertes: Yanis, ich kann nicht glauben, dass du vorhast, über eine derart komplizierte Angelegenheit das griechische Volk entscheiden zu lassen. In diesem Moment dachte ich: Oh mein Gott! Jetzt wird die Demokratie abgeschafft. Das Recht auf politische Mitbestimmung gilt unabhängig davon, wie klug oder wie gut informiert jemand ist.

ZEITmagazin: Nach dieser Logik gäbe es in Europa eine Volksabstimmung nach der anderen, und alle würden sich gegenseitig blockieren.

Varoufakis: Das ist Wolfgang Schäubles Argumentation. Er sagt: Wahlen verändern nichts, weil sie einmal geschlossene Vereinbarungen nicht außer Kraft setzen können. Das ist kein schlechtes Argument, aber dann müssten wir sagen: Wenn ein Staat in Europa zu hohe Schulden hat, werden die Wahlen so lange ausgesetzt, bis die Schulden zurückgezahlt sind. Dann lasst die Technokraten aus Brüssel Europa regieren. Das wäre ehrlich. Die Frage ist nur, ob wir ein solches Europa wollen.

ZEITmagazin: Ihr Freund und Nachfolger als Finanzminister Euklid Tsakalotos hat aber gerade dem nächsten Hilfspaket zugestimmt.

Varoufakis: Ich bin immer noch sehr eng mit Euklid befreundet. Wir sind wie Brüder. Der Unterschied ist: Er ist Mitglied der Regierungspartei. Ich nicht. Die Parteiräson ist für ihn wichtiger als für mich. Aus diesem Grund bin ich auch kein Parteimitglied: Ich will meine Freiheit nicht aufgeben.

ZEITmagazin: Eignet sich denn ein Außenseiter als Politiker?

Varoufakis: Ja, ich bin ein Außenseiter. Ich habe lange in den USA und Australien gelebt. Aber manchmal können nur Außenseiter wirklich erkennen, was schiefläuft, weil sie den nötigen Abstand haben.

ZEITmagazin: Sie fahren Motorrad, tragen nie Krawatten und gelten als Sexsymbol. Das entspricht nicht gerade dem gängigen Bild eines Finanzministers.

Varoufakis: Das ist korrekt. Warum soll ich mich anpassen, mich an althergebrachten Konventionen orientieren? Mich interessiert das nicht. Wir können die Demokratie nur erneuern, wenn wir die herrschenden Regeln hinterfragen.

ZEITmagazin: Ihr Beharren darauf, anders zu sein, woher kommt das?

Varoufakis: Ich war schon immer so. Als ich Anfang der achtziger Jahre an der Universität von Essex in Großbritannien Wirtschaftsmathematik studierte, war ich zum Beispiel der Generalsekretär der Vereinigung der schwarzen Studenten. Ich wurde von ihnen selbst darum gebeten. Weil ich bei ihren Treffen stets aufgestanden bin und gesagt habe: "Wir Schwarzen ..." Alle haben gelacht. Und ich sagte: "Genossen, schwarz zu sein ist eine Frage der Einstellung, nicht der Hautfarbe." Wir Griechen sind die Schwarzen Europas.

ZEITmagazin: Wie haben die anderen europäischen Finanzminister auf jemanden wie Sie reagiert?

Varoufakis: Es war traurig. Wenn Sie dabei gewesen wären, hätten Sie es auch traurig gefunden. Es ist ein Desaster, was Europa in dieser Runde angetan wird.

ZEITmagazin: Inwiefern?

Varoufakis: Nur ein Beispiel: Einmal hat Jeroen Dijsselbloem, der Präsident der Euro-Gruppe, eine Abschlusserklärung herausgegeben, der ich nicht zugestimmt hatte. Danach beraumte er ein Treffen an, zu dem alle Finanzminister außer mir eingeladen waren. Ich habe ihn gefragt: "Jeroen, darfst du das? Wir Griechen sind immer noch Mitglied der Euro-Zone!" Ich wollte wissen, ob das rechtlich überhaupt möglich ist. Dann brach Panik aus. Die Sitzung wurde unterbrochen, es wurde hektisch telefoniert. Irgendwann tauchte ein sehr netter Beamter auf und sagte, die Euro-Gruppe existiere juristisch überhaupt nicht. Es handle sich um eine informelle Runde. Deshalb könne der Präsident eine solche Entscheidung treffen. Denken Sie einmal darüber nach! Die Währungsunion wird von einem undurchsichtigen Gremium regiert, das niemandem Rechenschaft schuldig ist und dessen Sitzungen nicht protokolliert werden. Meiner Ansicht nach ist das ein Anschlag auf die Demokratie.

ZEITmagazin: Jeroen Dijsselbloem hat öffentlich gesagt, Sie seien aus freien Stücken gegangen.

Varoufakis: Das stimmt nicht. Aber ich will Ihnen eine andere Geschichte erzählen: In einer meiner ersten Sitzungen in Brüssel als Finanzminister habe ich meinen Kollegen gesagt: Wir Griechen haben eine Lösung für unser Schuldenproblem gefunden und würden gern darüber diskutieren. Ich werde gleich eine E-Mail an alle in der Runde mit den Details schicken. Dann erklärten einige Brüsseler Technokraten, dass wir uns untereinander keine Unterlagen zuschicken können, weil in einigen Ländern – auch in Deutschland – diese Unterlagen sofort den Parlamenten vorgelegt werden müssen und damit an die Öffentlichkeit gelangen. Wie wollen Sie die richtigen Entscheidungen treffen, wenn Sie sich nicht einmal unter den Ministern offen austauschen können? Die Vertreter der kleinen Länder haben ohnehin immer nur auf Schäuble geschaut, um herauszufinden, wie sie reagieren, ob sie reden oder besser schweigen sollen.

ZEITmagazin: Dafür hat man Ihnen vorgeworfen, Sie würden in dieser Runde dozieren wie ein Professor in seinem Seminarraum. Sind Sie als Theoretiker zu weit von der Praxis entfernt gewesen?

Varoufakis: Einmal habe ich versucht, eine Diskussion über unsere Haushaltspolitik zu führen, und habe darauf hingewiesen, dass es schädlich für unsere Wirtschaft ist, wenn wir zu viel sparen, und dass das wiederum Folgen für unsere Schulden hat. Da gibt es ja einen Zusammenhang. Am nächsten Tag musste ich dann in den Zeitungen lesen, ich hätte die anderen Minister behandelt wie meine Studenten. Aber wo sollen wir denn über ökonomische Fragen diskutieren, wenn nicht im Kreis der Finanzminister? Ich habe dann meine Vorschläge der Troika vorgetragen, und die hat gesagt: Die Deutschen werden das nie akzeptieren. Damit war die Debatte beendet.

ZEITmagazin: Wie würden Sie Ihr Verhältnis zu Wolfgang Schäuble beschreiben?

Varoufakis: Es war exzellent.

ZEITmagazin: Das glauben wir Ihnen nicht.

Varoufakis: Die Stimmung bei unserem ersten Treffen in seinem Berliner Büro war frostig. Aber nach einiger Zeit taute er auf, und später hatten Wolfgang und ich dann auch viele sehr gute Gespräche.

ZEITmagazin: Sie haben einmal gesagt, dass Ihre Eltern in den sechziger und siebziger Jahren jeden Abend Deutsche Welle gehört haben. Wie hat das Ihr Verhältnis zu Deutschland beeinflusst?

Varoufakis: Meine Mutter war sehr germanophil. Sie verehrte die deutsche Literatur, die deutsche Philosophie. Sie hat sogar am Goethe-Institut in Athen eine Ausbildung zur Deutschlehrerin gemacht. Während der griechischen Militärdiktatur bin ich praktisch mit dem Radioprogramm der Deutschen Welle aufgewachsen. Das war eine Stimme der Freiheit. Unter Willy Brandt und Bruno Kreisky waren Deutschland und Österreich für meine Eltern so etwas wie eine spirituelle Heimat. Ein Ort, an dem ihre Vorstellungen von Demokratie und Gerechtigkeit verwirklicht zu werden schienen. In den siebziger Jahren verbrachten wir regelmäßig die Sommermonate in den deutschen und österreichischen Alpen. Es gibt noch einen Familienfilm, in dem ich mit Freunden fließend deutsch spreche. Inzwischen habe ich es leider fast verlernt. Ich habe auch versucht, meine enge Verbundenheit mit Deutschland der deutschen Bevölkerung zu vermitteln.

ZEITmagazin: Das scheint Ihnen wohl nicht gelungen zu sein.

Varoufakis: Das fürchte ich auch. Die Medien haben mich von Anfang an als diesen Verrückten hingestellt, der den Deutschen ans Geld will. Meine Worte haben die deutsche Öffentlichkeit nie erreicht.

ZEITmagazin: Schmerzt Sie das?

Varoufakis: Sehr. Das ist für mich eine der größten Enttäuschungen meiner Amtszeit.

ZEITmagazin: In Erinnerung geblieben ist hierzulande vor allem die Talkshow von Günther Jauch, in der ein Video zu sehen war, in dem Sie den Deutschen Ihren ausgestreckten Mittelfinger gezeigt haben sollen. Es gab große Aufregung darüber, ob das Video echt ist. Ganz ehrlich: Haben Sie es getan?

Varoufakis: Ich weiß es nicht mehr genau, aber ich kann es mir nicht vorstellen. Jemandem den Mittelfinger zu zeigen ist nicht meine Art.

ZEITmagazin: Wie kann es sein, dass Sie sich nicht mehr daran erinnern?

Varoufakis: Ich habe drei Leute gefragt, die damals dabei waren. Einer hat gesagt, ich habe den Finger gezeigt, die beiden anderen meinten, ich habe es nicht getan. Außerdem war es die Aufzeichnung eines Vortrags, den ich 2010 gehalten habe. Und meine Kritik galt damals nicht der deutschen Bevölkerung, sondern der deutschen Regierung. Sie hat uns den größten Kredit der Menschheitsgeschichte aufgezwungen, obwohl schon damals klar war, dass wir ihn niemals zurückzahlen können.

ZEITmagazin: Sie stammen aus einer Familie, die sich stets politisch eingemischt hat. Hat Sie das geprägt?

Varoufakis: Sehr. Ich weiß noch, wie ich als Kind meinen Onkel im Gefängnis besuchte. Ich war der Einzige aus der Familie, der ihn sehen durfte, weil ich noch so jung war. Er war fast zwanzig Jahre lang der Chef von Siemens in Griechenland. Nach dem Militärputsch im Jahr 1967, da war er noch Siemens-Chef, schloss er sich einer bürgerlichen Widerstandsgruppe an und baute Bomben – keine wirklich gefährlichen Bomben, aber er wurde festgenommen und 1971 zum Tode verurteilt. In der Haft hat er Modellflugzeuge gebaut und darin Nachrichten für meine Tante versteckt. Meine Aufgabe war es, sie nach draußen zu schmuggeln. Eines dieser Modellflugzeuge besitze ich noch immer.

ZEITmagazin: Und Ihr Vater war wegen seiner Überzeugungen in einem Lager inhaftiert.

Varoufakis: Mein Vater wurde in Kairo geboren, aber mein Großvater war Grieche. Mein Vater kam erst nach dem Zweiten Weltkrieg nach Griechenland. Es war die Zeit des Bürgerkriegs, Linke und Rechte bekämpften sich bis aufs Blut. Mein Vater studierte Chemie und wurde zum Studentenführer gewählt, auf ihn konnten sich die linken und rechten Studenten einigen. Mein Vater kam von außen und gehörte keiner Seite an.

ZEITmagazin: Ein Außenseiter wie Sie.

Varoufakis: Genau. Während dieser Zeit gab es eine große Hungersnot in Griechenland, und trotzdem wollte die Universitätsverwaltung die Studiengebühren erhöhen. Mein Vater ging zum Rektor und protestierte höflich dagegen. Als er das Büro verließ, wurde er von der Geheimpolizei festgenommen. Im Gefängnis schlug man ihn zusammen. Er sollte eine Erklärung unterschreiben, dass er dem Kommunismus abschwöre. Dann könne er gehen. Er schaute sich diese Erklärung an und sagte: Ich bin kein Kommunist, aber werde diese Erklärung trotzdem nicht unterschreiben. Er war der Meinung, die Überzeugungen eines Menschen gehen niemanden etwas an. Daraufhin kam er für dreieinhalb Jahre in das Lager. Mein Vater hört gern klassische Musik. Mit einer Ausnahme: Johann Strauss. Zu dessen Musik wurde er gefoltert. Erst in jenen Jahren ist mein Vater Kommunist geworden. Er hat immer zu mir gesagt: Ich bin kein Held! Aber er hat Widerstand geleistet. Auch jetzt erleben wir wieder eine Form des politischen Terrorismus. Man hat unsere Banken geschlossen, um uns dazu zu bringen, weiteren Sparmaßnahmen zuzustimmen. Obwohl bereits mehr als ein Viertel der Bevölkerung arbeitslos ist. Aber das hat nicht funktioniert. Die Mehrheit der Griechen hat beim Referendum gegen diese Politik gestimmt. Weil wir nicht alles mit uns machen lassen. Es gibt eine Kultur des Widerstands in Griechenland.

ZEITmagazin: Trotzdem konnten die griechischen Reichen über Jahrzehnte das Land ausplündern. Warum haben Sie dann als Finanzminister nichts dagegen unternommen?

Varoufakis: Weil ich dazu in der kurzen Zeit überhaupt nicht in der Lage war. Das Geld der Reichen ist nicht mehr in Griechenland. Es liegt in Frankfurt, in London, in Lausanne, in New York. Um da heranzukommen, brauchen Sie detaillierte Kontoinformationen. Aber die habe ich von unseren Partnern in den anderen Ländern nicht bekommen. Zugleich musste ich rund um die Uhr verhandeln, um die Staatspleite zu verhindern.

ZEITmagazin: Wir haben uns gewundert, dass Sie als Minister dennoch Zeit dafür hatten, Ihre Mails persönlich zu beantworten.

Varoufakis: So habe ich es immer gemacht. Ich lehne es ab, mich zu verändern, nur weil ich jetzt Politiker bin.

ZEITmagazin: Das müssen doch etwa 500 E-Mails am Tag gewesen sein?

Varoufakis: Es waren sehr viele. Ich schlafe wenig. Ich habe bis vier Uhr morgens gearbeitet und bin um sechs wieder aufgestanden.

ZEITmagazin: Haben Sie nie daran gedacht, einen Presseberater zu engagieren?

Varoufakis: Doch, habe ich. Aber ich hatte kein Geld.

ZEITmagazin: Sie waren der Finanzminister.

Varoufakis: Ist das Ihr Ernst? Griechenland ist bankrott. Wir hatten noch nicht einmal Geld für Toilettenpapier. Als ich Minister wurde, bin ich in ein praktisch leeres Ministerium gezogen. In meinem Stockwerk – da waren nur ich und mein Laptop.

ZEITmagazin: Es gab keine Computer?

Varoufakis: Nein, nichts. Null.

ZEITmagazin: Hatten Ihre Vorgänger die Computer mitgenommen?

Varoufakis: Offensichtlich. Oder sie hatten nie welche. Im Ministerium war keine Menschenseele. Die Vorgängerregierung hatte die Beamten rausgeworfen und sich stattdessen mit Beratern umgeben. Als die Regierung gehen musste, gingen auch ihre Berater. Es hat mich eine halbe Stunde gekostet, eine Internetverbindung in meinem Büro zu installieren. Ich brauchte auch dringend Mitarbeiter. Wenn ich vorher in der Politik oder im Parlament gewesen wäre, dann hätte ich schon Leute gehabt. Aber ich kam direkt aus Texas nach Athen.

ZEITmagazin: In den USA waren Sie seit 2013 Wirtschaftsprofessor. Wie haben Sie Ihre ersten Tage in der Politik erlebt?

Varoufakis: Ich hatte überhaupt keine Zeit zum Nachdenken. Ich bin dauernd umhergeflogen. Griechenland war dabei zu kollabieren. Am Tag meines Amtsantritts wollte ich mir einen Überblick über die Staatsfinanzen verschaffen. Wir haben dafür Excel-Tabellen, die zeigen, wie viel Geld noch da ist. Eine Zahl für jeden Tag, die zwölfte Zahl war rot. Das bedeutete, in zwölf Tagen wäre Griechenland bankrott gewesen.

ZEITmagazin: Sie mussten schnell Geld auftreiben.

Varoufakis: Ja. Und ich musste herausfinden, wer in meinem Ministerium korrupt ist und wer nicht, wem ich vertrauen kann und wem nicht. Aber der Troika hat mein politischer Kurs sowieso nicht gepasst. Sie sollten die Mails lesen, die ich bekommen habe. Man hat mir gedroht ...

ZEITmagazin: Womit?

Varoufakis: Dass sie das Hilfsprogramm beenden und die Banken schließen werden. Ich habe gesagt: Das ist ein Notfall, Griechenland ist kein normales Land. Wollt ihr einen gescheiterten Staat in Europa? Aber darauf wurde nicht eingegangen.

ZEITmagazin: Wollen Sie sagen, Ihrer linken Regierung wird in Europa keine Chance gegeben?

Varoufakis: Auf dem letzten Rettungsgipfel in Brüssel wurde mein Premierminister vor die Wahl gestellt, die Sparauflagen zu akzeptieren oder aus der Währungsunion auszutreten. Er hatte im übertragenen Sinn nur noch die Wahl, sich umzubringen oder umgebracht zu werden. Das wird in die europäische Geschichte als ein sehr trostloser Moment eingehen.

ZEITmagazin: Seit Wochen kommen die Griechen nicht mehr an ihr Geld, dürfen auf der Bank nur noch 60 Euro pro Tag abheben. Waren Sie zu stur?

Varoufakis: Ich habe die Banken nicht geschlossen. Das waren andere.

ZEITmagazin: Und die Fotoserie in der französischen Zeitschrift Paris Match, wo Sie und Ihre Frau wie ein High-Society-Paar posieren? War das der Lage angemessen oder einfach Eitelkeit?

Varoufakis: Ich war damals in Paris, und der Verlag, in dem meine Bücher erscheinen, schlug mir zwei Interviews vor: eines für ein Philosophiemagazin und eines für Paris Match. Ich wusste nicht, was Paris Match ist. Deshalb wollte ich auf jeden Fall den Text autorisieren. Die Journalistin schickte mir den Text, und er war sehr gut. Dann hat die Redaktion angerufen und gesagt, dass sie bei mir zu Hause Fotos machen wollen. Sie hatten dafür drei Stunden eingeplant. Meine Frau hat noch gesagt, das sei keine gute Idee. Ich hatte überhaupt keine Zeit, mich damit zu beschäftigen. Ich bin bei den Fotoaufnahmen nur 15 Minuten dabei gewesen, weil ich einen Termin mit dem Premierminister hatte. Die haben ihre Fotos gemacht, und ich habe nicht weiter darauf geachtet. Das war ein Fehler.

ZEITmagazin: Wenn Sie bescheidener aufgetreten wären, hätten Sie politisch mehr erreicht?

Varoufakis: Als ich im Ministerium ankam, standen da zwei gepanzerte BMW. Ich habe die Anweisung gegeben, sie zu verkaufen. Ich bin immer zweite Klasse geflogen. Aber darüber hat niemand geschrieben. Die Leute haben über die Fotos in Paris Match geschrieben. Ein sehr hochrangiger amerikanischer Politiker hat mir einmal gesagt: Machen Sie sich darauf gefasst, dass man Sie als Person diskreditieren wird.

ZEITmagazin: Mit welchem Ziel?

Varoufakis: Man wollte nicht, dass ich gehört werde. Ich wurde als gefährlicher Dummkopf dargestellt. Zum Beispiel gab es nach dem Finanzministergipfel in Riga Medienberichte, ich sei von meinen Kollegen als Spieler und Amateur bezeichnet worden. Erst hinterher wurde das richtiggestellt. Aber da hat es niemanden mehr interessiert. Dagegen können Sie als kleiner Grieche nichts tun.

ZEITmagazin: Sind Sie auch deshalb zurückgetreten?

Varoufakis: Nein. Nach dem Referendum ist mir klar geworden, dass meine Regierung ein neues Hilfsprogramm mit neuen Sparauflagen verabschieden will. Und ich war dagegen.

ZEITmagazin: Sind Sie gegangen, oder mussten Sie gehen?

Varoufakis: Ich bin gegangen. Aber Alexis Tsipras war darüber erleichtert, weil ich einer Einigung mit der Troika im Weg stand.

ZEITmagazin: Tsipras und Sie standen sich auch persönlich nahe. Er hat Sie in die Regierung geholt. Sind Sie noch immer befreundet?

Varoufakis: Es ist keine gute Zeit für Freundschaften in unserem Land. Viele Beziehungen gehen gerade in die Brüche wegen politischer Differenzen.

ZEITmagazin: Sind Sie gescheitert?

Varoufakis: Das würde ich nicht sagen. Ich glaube, dass wir heute der Wahrheit näher sind als bei meinem Amtsantritt im Februar. Wir haben die Krise Griechenlands auf die internationale Bühne gehoben. In ganz Europa wird die Situation unseres Landes nun viel besser verstanden. Wir haben gezeigt, dass Politiker einfach die Wahrheit aussprechen können, ohne auf die Konsequenzen zu achten. Das ist nicht nichts.

ZEITmagazin: Aber Griechenland geht es heute schlechter als noch vor fünf Monaten, dafür sind auch Sie verantwortlich ...

Varoufakis: Auf der einen Seite haben Sie vollkommen recht, auf der anderen Seite liegen Sie vollkommen falsch. Wissen Sie, was die Menschen auf der Straße zu mir sagen? Sie klopfen mir auf die Schulter und rufen mir zu: Du hast uns unseren Stolz und unsere Würde zurückgegeben. Das kann man nicht in Euro und Cent aufrechnen. Nicht ich habe die Banken geschlossen. Und warum das alles? Weil wir es gewagt haben, unser Volk über einen Vorschlag der Troika abstimmen zu lassen. Dafür wurden wir bestraft.

ZEITmagazin: Was machen Sie jetzt, scheiden Sie aus der Politik aus?

Varoufakis: Wie können Sie so etwas sagen? Ich bin Mitglied des Parlaments. Ich wurde als Abgeordneter mit den meisten Stimmen in Griechenland gewählt. Ich bin ein Politiker. Man muss keinen Ministerposten haben, um Politiker zu sein. Ich werde als Abgeordneter bessere politische Arbeit leisten als als Minister. Und ich schreibe, veröffentliche Bücher, höre Musik, deutsche Musik – Nina Hagen war die Heldin meiner Jugend. Ich verehre Nina Hagen.

ZEITmagazin: Nina Hagen?

Varoufakis: Sie war in Griechenland ein großer Star, als ich jung war.

ZEITmagazin: Sie ist jetzt ziemlich abgedreht.

Varoufakis: Das ist doch gut so!

Yanis Varoufakis, 54, geboren in Athen, war bis Anfang Juli 2015 griechischer Finanzminister. Der Ökonomieprofessor lehrte in Athen und in Austin, Texas, bevor er im Januar in der linken Regierung des Ministerpräsidenten Alexis Tsipras Minister wurde. Nach dem griechischen Referendum über die Reformpolitik Anfang Juli trat er von seinem Posten zurück. Varoufakis lebt in Athen mit seiner zweiten Frau, der Künstlerin Danae Stratou

Dieses Interview wurde am 22.07.2015 in Athen geführt.

46 Kommentare

Gianis Varoufakis ist gescheitert. Jetzt tritt er nach. Keine Gelegenheit lässt er aus, die Medien wortreich wissen zu lassen, warum nur er allein die Lösung des griechischen Problems kennt. Alle anderen haben keine Ahnung. Dabei hat er nicht einmal die einfachste Tatsache erkannt: dass man nur so viel Geld ausgeben kann, wie man einnimmt - und dass man bei seinen Ausgaben sparen muss, wenn man keines mehr bekommt. Das versteht jeder Schüler, der mit seinem Taschengeld zurechtkommen muss, nur Herr Varoufakis nicht. Die ZEIT hat ihm in den letzten beiden Wochen zwei große Artikel gewidmet; ich finde, das reicht. Bitte bieten Sie diesem Traumtänzer keine Bühne mehr.

Seltsamer Star der deutschen Linken
Auch bei wohlmeinendem Lesen seines ( wievielten) Interviews bleibt sein wirrer politischer Kurs nicht enträtselbar. Warum er die Finanzverwaltung nicht reformiert und die ausstehendem Steuern in seiner Amtszeit nicht eingetrieben hat, stattdessen 500 mails bis in die Nacht mit seinen linken Freunden ausgetauscht hat-,bleibt ein Rätsel. Sein Ego hat wenigstens nicht unter dem Diktat der Troika und des "Terroristen" Schäuble gelitten. Die weitere Verelendung der Mittel- und Unterschicht in GR sowie ein gnadenloser Wirtschafts - BIP- und Wohlstandseinbruch in der Zeit des 6 monatigen Syriza-Experiments sind natürlich nur Kolletaralschäden und dem bösen Neoliberalkapitalismus zuzurechnen.

Sie sollten das Interview genauer lesen bevor Sie ihren Kommentar dazu zum Besten geben.
Wenn Sie schon die Bombenbauerei seines Onkels (übrigens nicht seines Vaters) als Reaktion gegen eine grauenvolle Juntaepoche in Griechenland als terroristische Praxis konnotieren, dann bekennen Sie sich doch bitte ebenso kritisch zu den hier in Deutschland, bis in den Bundestag hineinreichenden, ritualisierten Erinnerungspraktiken anlässlich der (leider aus meiner Sicht!!) gescheiterten Bombenattentate der Widerstandsgruppe um die Stauffenbergbrüder am 20. Juli 1944 oder des Georg Elser seinerzeit in München. Wenn ich Ihrer Logik folge, dann sind all diese Herren „Terroristen“. Mit Verlaub: So eine Denkweise finde ich reduktionistisch und unterentwickelt.

Zu Ihrer Äußerung über „sein“ Demokratieverständnis. Ich habe in dem ganzen Interview keine Passage entdecken können, in der Varoufakis dem dt. Parlament irgendeine wichtige Entscheidung oder Information vorenthalten wollte. Ich frage mich wo sonst, wenn nicht in einem Setting unter europäischen Finanzministern griechische Vorschläge „diskutiert“! werden sollten. So zumindest ist der Wortlaut im Interview. Es handelte sich um den Vorschlag einer Erläuterung oder Diskussion über Lösungsvorschläge von griechischer Seite aus. Und die Reaktion Brüsseler Technokraten können Sie nun bitte genauer lesen. Sie verdrehen Äußerungen und das ist gefährlich und anmaßend.

Herr Varoufakis hat manchmal schon ein komisches Verständis einiger Sachen. Sein Vater baute also Bomben. Aber nur die "ungefährliche" Sorte. Was soll denn das? Es gibt keine "ungefährlichen" Bomben. Und Leute die Bomben bauen werden normalerweise Terroristen genannt. Komisch das er das nicht versteht....

Auch sein demokratieverständnis ist etwas seltsam. Wenn sich Minister von demokratischen Staaten treffen um Entscheidungen zu fallen - dann müssen diese also Regeln unterworfen werden - z.B. die Regel dass immer alle miteinander reden müssen und nie ohne ein Mitglied. Wieso? Warum sollte das auf "Demokratie" beruhen?

Wenn er als Finanzminister von Griechenland dem Finanzminister von Deutschland ein Dokument zuschickt dass die offizielle Verhandlungsbasis von Seiten Griechenlands ist - dann sieht er kein Problem darin dem demokratisch gewählten Parlament eines Landes das Informationsrecht zu entziehen und dieses Dokument vorzuenthalten.... Aha.

Demokratie scheint für Ihn immer das zu sein was ihm gerade nützt.

Ein ausgewogener Kommentar für mich als Nicht-Wirtschaftsfachfrau. Er zeigt eine Menge Aspekte, er alarmiert über den inakzeptablen Zustand der EU als undemokratisch orientierungsloser Hochbezahlten Club, der anscheinend einem Leithammel hinterher hechelt aus Mangel an demokratischen Regeln. Er zeigt die menschliche Seite Varufakis' und erzählt interessante Details aus den wenigen Monaten, die Europa verändert haben, d.h. den Menschen in Europa gezeigt haben, dass die EU nicht das ist, was sie stets vorgibt zu sein.

Nur weil die kleinen Länder sich an Schäuble orientieren "hecheln" sie Ihm nicht hinterher. Die Eurogruppe ist gross. Wenn sich 16 Finanzminister treffen, kann nicht jeder immer seine eigene Meinung zu jedem Thema sagen (wenn jeder nur 5 Minuten redet bräuchte man über eine Stunde nur damit jeder eine einzige Wortmeldung hatte). In solchen Situation muss man Koalitionen bilden, und wenn sie die kleinen Länder und ihre Interessen von Deutschland gut vertreten fühlen - warum sollten sie die Sitzung mit eigenen Wortmeldungen stören? Da ist es oft besser geschlossen hinter einer Person zu stehen als mit eigenen Wortmeldungen potentielle Lücken zu zeigen.

Auch in Bezug auf Demokratie hat her Varoufakis nicht viel verstanden scheint mir. Die EU ist keine Demokratie! Sie ist ein Bund demokratischer Staaten. Das ist der Unterschied - deshalb kann er sich bei Sitzungen der Eurogruppe nicht auf Demokratie beziehen. Es ist eine gute Frage ob die EU eine Demokratie sein sollte - aber in diesem Fall gäbe es die Eurogruppe gar nicht - sondern Griechenland würde mit der EU-Regierung verhandeln. Wenn man dann von "verhandeln" reden wollte - in den meisten föderalen Ländern wird zwischen Bund und Ländern nicht viel verhandelt wenn ein einzelnes Bundesland drastisch ausschert.

Umgekehrt wollte er dem deutschen Parlament offizielle Dokumente der griechischen Regierung die an den deutschen Finanzminister gingen vorenthalten - dem deutschen Parlament sein Informationsrecht vorzuenthalten.

Sie sollten das Interview nochmals lesen, nicht er war es, der die Unterlagen dem deutschen Parlament vorenthalten wollte, sondern die "Brüsseler Technokraten", offensichtlich wollen die Brüsseler Beamten die demokratisch gewählten Parlamente umgehen, um ihre "eigene Politik" zu betreiben. (Vielleicht hätten die Parlamentarier, ja seine Vorschläge besser gefunden als die der Eurokraten)
Ihr sonstiges Politik-Verständnis scheint auch nicht gerade sehr demokratisch zu sein, das geht wohl mehr in die Richtung: "Führer befiehl, wir folgen dir!" bzw. der Leithammel (Schäuble) geht voran, der Rest folgt blindlings.
Denn Demokratie bedeutet nun mal, dass sich jeder zu Wort melden darf (nicht muß!) und damit Zeit kostet.
Ihre Einlassung in Bezug auf die Eurogruppe, degradiert die Bürger zu Stimm-Vieh, die alle paar Jahre ihre Stimme abzugeben haben und danach wie die Schafe, alles über sich ergehen lassen sollen, was diese Herren beschließen. Das ist Untertanen-Denken !
MfG

Im englischsprachigen Raum ist Varoufakis allgemein anerkannt, wie ich es der britischen und amerikanischen Presse und Blogs entnehme. Natürlich polarisiert er in Deutschland, aber liegt das wirklich an seinen Aussagen?
Das ist doch alles gut nachvollziehbar. Leider ! Und Schäuble stellt er immer positiv dar, allerdings nicht seine politischen Ziele, die sind vielleicht auch für Deutschland langfristig nicht förderlich.

No chance. Es stimmt keineswegs, dass V. im Englischsprachigen Raum "allgemein anerkannt" wäre. Selbst im linken Guardian ist die Mehrheit der Kommentare voll von mehr oder weniger witziger Kritik. "Varoufakis must continue to make statements to deflect any questions about his time as Finance Minister and his lack of tackling the difficult financial issues Greece has. He spent too much time in Brussels, making himself despised, to actually work on Greece's issues" - das ist der Tenor der Mehrheit - auch wenn er, wie hier auch, durchaus Bewunderer hat.
Die politischen Kommentatoren haben praktisch durchgehend sein Auftreten, aber meist auch seine Theorien zu den Ursachen der Krise, die notorisch Griechenland selbst ausnehmen und dafür dem Rest Europas Schuld zuschieben, auseinandergenommen...

Es geht nicht darum, Varoufakis zu bewundern. Natürlich hat er als politischer Akteur nicht überzeugt, aber seine ökonomischen Aussagen werden anderswo verstanden. Er wollte eine ökonomische Diskussion führen, die keiner wollte. Das Problem im Euro ist, dass nach einem gewissen politischen Procedere ein wirtschaftlich fragwürdiger Kurs verfolgt wird. Sehen Sie sich mal die Arbeitslosenquoten 2008 und 2014 an, nur in Deutschland liegt sie niedriger. Auch die Niederlanden und Finnland schneiden schlecht ab, von Italien, Spanien etc. ganz zu schweigen. Der politische Prozess läuft in seinen Bahnen, die Ergebnisse sind nicht nur in Griechenland desaströs.

Worüber V. nie spricht:
"Griechenland hatte in den Jahren vor der Krise einige Steuern gesenkt, was zu einer Verringerung der Staatseinnahmen führte. 2007 lagen die Steuern auf Einkommen aus Gewinnen und Vermögen in Griechenland bei 15,9 %, in Deutschland bei 24,4 %; den Höchstwert in der EU gibt es im Vereinigten Königreich mit 42,7 %."
"Griechenland lässt eine überdurchschnittlich große Schattenwirtschaft von geschätzten 25 bis 40 % des BIP (Schätzung für Deutschland: 15 %) zu und verliert damit jedes Jahr Steuereinnahmen zwischen (geschätzt) 12 und 30 Milliarden Euro. Obwohl alleine die Eindämmung der Steuerhinterziehung einen Haushaltsüberschuss erzeugen würde und damit die griechische Finanzkrise möglicherweise hätte verhindern können, wurden die steuerpflichtigen Bürger von den Finanzbehörden nicht intensiver kontrolliert" Quelle wiki mit den Angaben

Weiter: "Im Dezember 2011 organisierte die griechische Denkfabrik Hellenic Foundation for European and Foreign Policy eine Konferenz zum Thema Steuerhinterziehung. Dort wurde der Schaden bzw. Einnahmeausfall durch Steuerhinterziehung auf 13 Mrd. Euro jährlich geschätzt. Nach Diomidis Spinellis bekomme der Staat zudem nur einen geringen Anteil der Steuern, die für dieses Steuerdelikt eigentlich bezahlt werden sollten.[112]
Was sagt V. dazu - ist das links?

fraglich ist doch, ob Politik nicht immer auch etwas mit Verantwortung zu tun haben sollte.
Hier stilisiert sich ein Akteur zum Außenseiter, denn seiner Auffassung nach kann ja nur ein Außenseiter das richtige sagen oder etwas bewegen.

Nun würde sachliche und wissenschaftliche Meinung sicherlich im Betrieb der Politik des Öfteren sehr gut tun, oftmals scheitern natürlich Professoren, ich denke z.B an Kirchhof. Aber muss man dem griechischen Minister nicht unterstellen, dass er die Verhandlungen durch persönliches Gebaren ja erschwert hat? Das mitunter auch wertvolle Zeit verstrich? Auch in der Politik ist der persönliche Kontakt, bei allen Differenzen, wichtig.

Nun macht er sich es einfach: während die aktiven Politiker Programme verteidigen müssen, kann er sich, ganz lässig und modern in Szene gesetzt, wir es immer tat, ins Spiel bringen ohne weiterhin Verantwortung tragen zu müssen.
Hätte viel mehr Programme und Aktion verabschieden müssen, die auf eine Belebung der Wirtschaft ziehen, die echte Produktivität bilden und dem Bürger in Griechenland nachhaltig nutzen.

Vielleicht sollten Sie mal die Finanzminister der baltischen Länder zum Interview einladen…

ZON: Sie haben die europäische Sparpolitik gegenüber Griechenland als "finanzielles Waterboarding" und "Terrorismus" bezeichnet.

Varoufakis: Manche mögen das als provokativ empfinden. Das ist aber eine akkurate Beschreibung der Wirklichkeit.

Man kann das eine Metapher nennen, aber eine "akkurate Beschreibung der Wirklichkeit" ist das nicht!

Was mich an diesem Interview ärgert, sind die widersprüchlichen Äusserungen des Herrn Varoufakis. Ist das der Süden, liegt das an der Hitze? -

Wieso bietet die Zeit diesem Egomanen immer wieder ein Forum für seine hanebüchenen Verschwörungstheorien und Anschuldigungen. Er hat alle Möglichkeiten gehabt positiv gestaltend Einfluss zu nehmen. Er hat es leider gründlich vermasselt, indem er immerzu das Spiel überreizt hat und jegliches Vertrauen verspielte. Jetzt einfach mal den Mund halten und die Medienpräsenz gegen Null fahren. Danke.

Es ist doch so, dass Brüssel mit Schäuble die Probleme die der Euro bringt nicht gelöst bekommt. Aber offensichtlich darf das Finanzestablishment in Brüssel keine Fehler gemacht haben. Auch jetzt sind die Verhandlungen mit Griechenland wieder in die falsche Richtung. Die angekündigten 86 Milliarden werden wieder für die Zinszahlungen und Tilgungsraten vewendet. Für Investitionen oder den Konsum bleibt nichts übrig.
Wenn man sich die Zahlen in der Eurozone ansieht, fragt man sich sofort, wie kommen z.Bsp. Finnland und die Niederlande in die Verschuldungsecke, und zwar ganz heftig. Wie Varoufakis richtig erkannt hat, Fragen sind nicht erwünscht.
Machen das wieder die Deutschen, diese Antidemokratische Stimmung?

Was ist ein Provokatuer?
Gehört zu einem Provokatuer nicht auch die überhebliche, gekränkte, Eitelkeit des porvozierten dazu?
Ist es im Diskussionen, die festgefahren sind und auf de Suche nach dem Bestmöglichen nicht manchmal notwendig, das einer provoziert, d.h. einfach mal alle Standpunkte in Frage stellt?

Für mich als mathematiker hat Herr Varoufakis nicht einmal zu unrecht provoziert! Das die Diskussionen so lange und hart liefen, war die Bewegungsunfähigkeit und Verborrtheit, der Diskusionspartner, denn wenn sie wie nach dem Rücktirtt anfangen, den eigenen Kurs zu hinterfragen (IWF-Schuldenschnitt), wäre deutlich geworden, wer Profiteur auf Wessen Kosten ist!

Der IWF ist in dieser Situation der Scheinheiligste Akteur. Ein guter Teil des Geldes im dritten Paket geht an den IWF um dessen Geld zurückzuzahlen. Und den Schuldenschnitt fordert der IWF ausschliesslich auf die Schulden der EU - obwohl auf diese bis 2020 weder Zins noch Tilgung fällig warden. Die eigenen Schulden - bei denen Griechenland bereits in Verzug war - und für dessen Zinsen sich Griechenland Geld bei der EU leihen muss - diese sollen komplett bezahlt warden.

Sieht so die Argumentation von jemandem aus der ehrlich ist und klar denken kann? Wohl kaum. Der IWF mag mit der generellen Idee des Schuldenschnitts schon recht haben - agiert aber nach dem St. Florian's Prinzip.

Auch sonst ist die Handlung des IWF unverständlich. Der IWF vergibt nur kurz laufenden Kredit (bis zu 5 Jahren) und Zinsen und Tilgung fangen quasi sofort an. Glaubt der IWF also dass Griechenland jetzt schon in der Lage ist dies zu tun - oder vertraut der IWF eher darauf dass im Notfall die Eurogruppe schon einspringt und das Geld irgendwie auftreibt? Wenn der IWF tatsächlich ehrlich wäre würden sie Griechenland Kredite auf 20 Jahre mit später Tilgung und ohne Zinsen anbieten. Tun sie aber nicht...

Also dass AUSGERECHNET die ZEIT Herrn Varoufakis jetzt diesen Raum für die Darstellung seiner selbst und den dringendsten Klarstellungen einräumt tendiert ja schon Richtung Hintertriebenheit. Eine Chuzpe! Pfui, sag ich da nur. Man ist fast dazu geneigt zu sagen, jetzt könnt ihr es euch auch sonstwohin ...

Ein Mann wie Varoufakis wäre das Beste, was der deutschen Finanzpolitik passieren könnte. Die verkappten Neoliberalen in der Bundesregierung machen Deutschland und Europa kaputt; opfern beides unterwürfig auf dem Altar der niederträchtigen Interessen des Großkapitals.

Mann kann nur hoffen, dass solche widerwärtigen Polemiken und Anwürfe gegen Andersdenkende, wie sie auch in der ZEIT zuhauf zum Thema stattfanden, ein für alle Mal verschwinden werden.

Und die dafür Verantwortlichen gleich mit – ansonsten ist es nämlich für die Katz'!

Wenn die ZEIT- und verwandten Redaktionen das gleiche Engagement an den Tag legten, den achtzehn anderen Finanzministern der Eurozone eine Stimme zu geben, damit sie ihre, wahrscheinlich abweichende, Sicht der Ereignisse schildern können … Es ist mittlerweile auffällig, wie oft Sie sich in die Medienoffensive von Varoufakis einspannen lassen. Und dann dreht sich das Interview auch noch nur um persönliche Befindlichkeiten und Eitelkeiten.

Apropos: Wenn man sich einerseits seiner Bescheidenheit und Unangepasstheit rühmt und seiner Maxime, sich als Politiker bloß nicht wie ein Politiker zu benehmen, auch die Zukunft seines Landes unterordnet, andererseits aber in allen namhaften und weniger namhaften Zeitungen und Magazinen Europas ein Interview und einen Gastbeitrag nach dem anderen schreibt und darin offen mit seinem öffentlichen Bild als Außenseiter (im Gegensatz zu all den vermeintlich schlimmen routinierten Politikern) kokettiert, hat das natürlich eitle, selbstdarstellerische Züge, darüber muss man doch nicht diskutieren.

Für mich klingen die Antworten von Herrn Varoufakis authentisch und glaubwürdig. Er ist ein intellektueller, freu denkender Wirtschaftswissenschaftler, der mit seinen Ecken und Kanten im Kreise vieler europäischer Politiker nicht gern gesehen ist, da er kein Blatt vor den Mund nimmt. Ich wäre froh wenn es mehr Politiker mit solch einem Schneid geben würde!

„Ich bin kein Provokateur“

Nein, das hat auch niemand von Ihnen, dem feschen Yanis, gedacht – eher hielte man Sie einfach für einen der zahllosen eitlen akademischen Honorabilitäten und Spektabilitäten, die sich, überbezahlt und finanziell von Steuermitteln dick gepampert, wohlig in ihrer filter bubble tummelnd, gerne selber blubbern hören und keinem Mikro, keiner Kamera und keiner homestory mit blonder Ehefrau aus dem Weg gehen; mit anderen Worten - in Ihnen, dem feschen Yanis, schlummert ein guter Deutscher kat exochen...

Es ist befremdlich wie reflexartig gewisse deutsche Michel auf den Namen Varoufakis reagieren, als hätten sie die Tollwut. Ich denke, dies ist den "Leitmedien" zu verdanken, die gerne Varoufakis als Vollirren dargestellt haben. Letztendlich klingt alles sehr vernünftig, was er sagt. Aber damit verkauft man ja auch keine Zeitungen.

Aus meiner Sicht hat der griechische Ex-Finanzminister durch seine permanente Verweigerungshaltung in den Verhandlungen sein Land in einer bereits schlimmen Situation vollends an die Wand gefahren. Um nicht einseitig zu werden sollte die "Zeit" daher bitte auch Interviews mit den anderen Fianzministern und deren Sicht veroeffentlichen , wie z.B. Finnland, Slowenien, Portugal etc? Die wurden schliesslich von Varoufakis als "Terroristen" bezeichnet (sicher nur ein kleiner Scherz -haha). Das waere fuer eine ausgewogene Sicht noetig. So finde ich die "Zeit" mittlerweile ziemlich einseitig.

Korrektes zitieren...
Es ist interessant wie Varoufakis -auch in den Medien-nur mit dem Wort "Terrorismus" zitiert wurde.

Der von ihm tatsächlich" verwendete Begriff "Finanz-Terrorismus " ist aber durchaus gängig-
darunter verstehen verschiedene Aktivisten aus dem Bereich Globalisierungskritik bestimmte Einflussnahmen der Finanzwirtschaft auf politische Entscheidungen.
Gefunden auf http://szenesprachenwiki....

Zum Interview: diese privaten Bilder und Einlassungen über sein Aussehen etc, sind nicht gerade förderlich für eine objektive Beurteilung:
"Varoufakis kommt dann direkt aus dem nahen Parlament, er fährt mit seinem Motorrad vor, wieder einmal. "

Wenn Frau Merkel interviewt wird, liest man eigentlich nie: "und fährt mit Chauffeur in Ober-Klasse Limousine vor..wieder mal"
Und wahrscheinlich würde Sie es sich auch verbitten auf Ihre 1000 Hosenanzüge angesprochen zu werden.
Nun scheint es Herrn Varoufakis nicht groß zu stören, aber diese gehässige Reduzierung auf Oberflächlichkeiten, ist genau das, was man in den Kommentaren überwiegend liest- und wirklich inhaltlich mit dem auseinander setzen,was er zu sagen hatte- das ist doch gar nicht mehr möglich.

Gute Beobachtung. Übrigens fällt das auch oft bei Obama und Hillary Clinton auf - sie werden sehr an Aussehen und Auftreten gemessen. Bei Herrn Schäuble und Frau Merkel macht man das nicht. Deutsche Politik und Teile der Medien stellen Deutsche Politik als nur-sachorientiert hin. Auch das ist Marketing.Ihr Kommentar

Mir ist egal, ob "Finanzterrorismus" ein "gaengiger" Begriff in der Aktivistenszene ist. In der Politik, der Veroufakis angehoeren wollte, sollte man solche aufgeladenen Begriffen nicht in Bezug auf seine Partner verwenden mit denen man zusammenarbeiten will. Ich mag auch den Begriff der "kriminellen" Organisation nicht den Tsipras gegenueber dem IWF gebraucht hat - besonders wenn er nun wieder dessen Geld braucht. Ich gebe nichts darauf, wie Politiker sich anziehen oder wie sie sich fortbewegen, aber die Wortwahl gegenueber den Verhandlungspartnern in der Oeffentlichkeit sind keine Oberflaechlichkeiten!

Da stellt sich die Frage: Ist ein solches Interview authentisch im Sinne von: Ist der Interviewte tatsächlich so, wie er sich hier präsentiert oder aber ist er so, wie andere ihn darstellen bzw. ihn gerne haben möchten. Wenn so gesehen nur die Hälfte von dem hier zu Lesenden in diesem Sinne authentisch ist, sollte uns das mit Blick auf Politik und Medien sehr sehr nachdenklich machen.

Wäre es jetzt nicht mal an der Zeit das aufzugreifen, was er anspricht?
Was ist mit der Geschichte mit der Eurogruppe? Wie kann sowas sein?
Was für ein undemokratisches Europa wird da von der EU geplant?
Das sind jetzt die wichtigen Fragen. Nicht irgendwelche blöden Pressefotos von Varoufakis.

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