Yanis Varoufakis "Ich wurde als gefährlicher Dummkopf dargestellt"

Wie ist das, wenn man ganz Europa gegen sich aufgebracht hat? Ein Gespräch mit dem ehemaligen griechischen Finanzminister Yanis Varoufakis Ein Interview von , und

ZEITmagazin Nr. 31/2015

Mittwoch vergangener Woche, es ist heiß in Athen, schrille Stimmen, durch Megafone verstärkt, hallen durch die Stadt. Die Griechen demonstrieren gegen neue Reformpakete, über die an diesem Tag im Parlament abgestimmt wird.

Verabredet ist ein Interview mit dem ehemaligen Finanzminister Yanis Varoufakis in dessen Wohnung. Er ist weiterhin Abgeordneter und muss im Parlament über die neuen Reformen in der griechischen Justiz und im Bankwesen mitentscheiden. Deshalb wird das Gespräch in das Hotel Titania verlegt. Varoufakis kommt dann direkt aus dem nahen Parlament, er fährt mit seinem Motorrad vor, wieder einmal.

Das Hotelrestaurant ist voll, es ist Mittagspause – Fotografieren ist hier schwierig, wir könnten ihn am nächsten Tag in seiner Wohnung fotografieren, sagt Varoufakis. Viele der Gäste begrüßen ihn, der Hotelmanager lädt ihn zum Kaffee ein. Es sind Szenen wie diese, die Varoufakis in der Welt bekannt gemacht haben. Als einen Mann, der nicht in die geordnete, streng hierarchische Welt der Finanzpolitik zu passen scheint. Ein Mann, der polarisiert.

In der ZEIT Nr. 29/15 vom 16. Juli hat der ehemalige Dozent für Wirtschaftswissenschaften seine von vielen stark kritisierten Thesen zu Griechenland und Europa ausgeführt – jetzt wollen wir wissen: Wie hat er als Außenseiter den Politikbetrieb erlebt? Wer ist der Mensch hinter den Thesen? Wie macht Varoufakis weiter nach seiner Niederlage als Finanzminister? Es ist sein erstes Gespräch mit einem deutschen Magazin nach seinem Rücktritt.

Varoufakis ist gut gelaunt, er trägt Jeans, ein schwarzes Hemd, er will sofort anfangen. Nachher muss er wieder ins Parlament zurück, zur Abstimmung. Er ist eigentlich ein Gegner der Hilfsprogramme, für die diese Reformen Grundlage sind. Später in der Nacht stimmt er dem Reformpaket aber zu. Eines ist Yanis Varoufakis auf jeden Fall: unberechenbar.

ZEITmagazin: Herr Varoufakis, haben Sie Spaß daran, zu provozieren?

Yanis Varoufakis: Nein, ich bin kein Provokateur. Aber ich liebe es, Diskussionen zu führen.

ZEITmagazin: Sie haben die europäische Sparpolitik gegenüber Griechenland als "finanzielles Waterboarding" und "Terrorismus" bezeichnet.

Varoufakis: Manche mögen das als provokativ empfinden. Das ist aber eine akkurate Beschreibung der Wirklichkeit. Die CIA hat Waterboarding bei Verhören angewendet, um ihre Opfer gefügig zu machen. Erst kurz vor dem Ersticken ließ man sie wieder Luft holen. Das ist eine nahezu perfekte Beschreibung für die Politik der Troika in meinem Land seit fünf Jahren. Man gibt uns gerade so viel Geld, dass wir nicht pleitegehen, aber nie genug, um wirklich überleben zu können. Die Wahrheit zu sagen ist keine Provokation.

ZEITmagazin: Das heißt, die anderen Politiker lügen, wenn sie sagen, dass Griechenland vor allem selbst schuld an seiner Lage sei?

Varoufakis: Das können Sie so sagen. Ich will das lieber nicht weiter kommentieren. Als ich in die Politik gegangen bin, habe ich mir geschworen: Wenn ich anfange, wie ein Politiker zu denken, trete ich zurück. Ich werde mich nicht um meiner politischen Karriere willen verbiegen. Wenn die Wahrheit zu sagen bedeutet, dass ich aus der Regierung fliege oder aus dem Parlament geworfen werde oder ins Gefängnis gehen muss, dann ist das so.

ZEITmagazin: Sie übertreiben. Außerdem gibt es in der Griechenlandkrise erstaunlich viele Wahrheiten.

Varoufakis: Ich sage auch nicht, dass ich in jedem Fall recht habe. Ich war immer bereit, in den Verhandlungen über nötige Reformen einerseits und nötige Hilfspakete andererseits Kompromisse zu schließen.

ZEITmagazin: Sie haben einmal gesagt, in Ihrer Zeit als Finanzminister seien Ihre schlimmsten Befürchtungen bestätigt worden. Wie haben Sie sich die Welt der Politik denn vorgestellt?

Varoufakis: Ich habe nicht erwartet, dass die Treffen mit den anderen europäischen Finanzministern freundlich verlaufen werden. Aber ich habe geglaubt, dass wir am Ende einen Kompromiss finden, den beide Seiten akzeptieren können. So war es aber nicht.

ZEITmagazin: Warum nicht?

Varoufakis: Europa verleugnet seit 2008 die wahren Ursachen der griechischen Krise. Es ist wie in dem Shakespeare-Drama Macbeth: Ein Verbrechen führt zum nächsten Verbrechen, eine Lüge führt zur nächsten Lüge. Wir haben jetzt schon viel zu hohe Schulden und sollen trotzdem neue Kredite aufnehmen. So etwas kann ich nicht unterstützen. Ich darf doch kein Geld annehmen, wenn ich weiß, dass ich es nie zurückzahlen kann.

ZEITmagazin: Warum, glauben Sie, hat man es Ihnen dann vorgeschlagen?

Varoufakis: Da müssen Sie die anderen europäischen Finanzminister fragen. Wir haben uns entschieden, unser Volk in einem Referendum darüber abstimmen zu lassen. Darüber haben sich die anderen Minister furchtbar aufgeregt. Einer von ihnen, einer von den Schlaueren, ich werde seinen Namen hier nicht nennen, sagte etwas Bemerkenswertes: Yanis, ich kann nicht glauben, dass du vorhast, über eine derart komplizierte Angelegenheit das griechische Volk entscheiden zu lassen. In diesem Moment dachte ich: Oh mein Gott! Jetzt wird die Demokratie abgeschafft. Das Recht auf politische Mitbestimmung gilt unabhängig davon, wie klug oder wie gut informiert jemand ist.

ZEITmagazin: Nach dieser Logik gäbe es in Europa eine Volksabstimmung nach der anderen, und alle würden sich gegenseitig blockieren.

Varoufakis: Das ist Wolfgang Schäubles Argumentation. Er sagt: Wahlen verändern nichts, weil sie einmal geschlossene Vereinbarungen nicht außer Kraft setzen können. Das ist kein schlechtes Argument, aber dann müssten wir sagen: Wenn ein Staat in Europa zu hohe Schulden hat, werden die Wahlen so lange ausgesetzt, bis die Schulden zurückgezahlt sind. Dann lasst die Technokraten aus Brüssel Europa regieren. Das wäre ehrlich. Die Frage ist nur, ob wir ein solches Europa wollen.

ZEITmagazin: Ihr Freund und Nachfolger als Finanzminister Euklid Tsakalotos hat aber gerade dem nächsten Hilfspaket zugestimmt.

Varoufakis: Ich bin immer noch sehr eng mit Euklid befreundet. Wir sind wie Brüder. Der Unterschied ist: Er ist Mitglied der Regierungspartei. Ich nicht. Die Parteiräson ist für ihn wichtiger als für mich. Aus diesem Grund bin ich auch kein Parteimitglied: Ich will meine Freiheit nicht aufgeben.

ZEITmagazin: Eignet sich denn ein Außenseiter als Politiker?

Varoufakis: Ja, ich bin ein Außenseiter. Ich habe lange in den USA und Australien gelebt. Aber manchmal können nur Außenseiter wirklich erkennen, was schiefläuft, weil sie den nötigen Abstand haben.

ZEITmagazin: Sie fahren Motorrad, tragen nie Krawatten und gelten als Sexsymbol. Das entspricht nicht gerade dem gängigen Bild eines Finanzministers.

Varoufakis: Das ist korrekt. Warum soll ich mich anpassen, mich an althergebrachten Konventionen orientieren? Mich interessiert das nicht. Wir können die Demokratie nur erneuern, wenn wir die herrschenden Regeln hinterfragen.

ZEITmagazin: Ihr Beharren darauf, anders zu sein, woher kommt das?

Varoufakis: Ich war schon immer so. Als ich Anfang der achtziger Jahre an der Universität von Essex in Großbritannien Wirtschaftsmathematik studierte, war ich zum Beispiel der Generalsekretär der Vereinigung der schwarzen Studenten. Ich wurde von ihnen selbst darum gebeten. Weil ich bei ihren Treffen stets aufgestanden bin und gesagt habe: "Wir Schwarzen ..." Alle haben gelacht. Und ich sagte: "Genossen, schwarz zu sein ist eine Frage der Einstellung, nicht der Hautfarbe." Wir Griechen sind die Schwarzen Europas.

ZEITmagazin: Wie haben die anderen europäischen Finanzminister auf jemanden wie Sie reagiert?

Varoufakis: Es war traurig. Wenn Sie dabei gewesen wären, hätten Sie es auch traurig gefunden. Es ist ein Desaster, was Europa in dieser Runde angetan wird.

ZEITmagazin: Inwiefern?

Varoufakis: Nur ein Beispiel: Einmal hat Jeroen Dijsselbloem, der Präsident der Euro-Gruppe, eine Abschlusserklärung herausgegeben, der ich nicht zugestimmt hatte. Danach beraumte er ein Treffen an, zu dem alle Finanzminister außer mir eingeladen waren. Ich habe ihn gefragt: "Jeroen, darfst du das? Wir Griechen sind immer noch Mitglied der Euro-Zone!" Ich wollte wissen, ob das rechtlich überhaupt möglich ist. Dann brach Panik aus. Die Sitzung wurde unterbrochen, es wurde hektisch telefoniert. Irgendwann tauchte ein sehr netter Beamter auf und sagte, die Euro-Gruppe existiere juristisch überhaupt nicht. Es handle sich um eine informelle Runde. Deshalb könne der Präsident eine solche Entscheidung treffen. Denken Sie einmal darüber nach! Die Währungsunion wird von einem undurchsichtigen Gremium regiert, das niemandem Rechenschaft schuldig ist und dessen Sitzungen nicht protokolliert werden. Meiner Ansicht nach ist das ein Anschlag auf die Demokratie.

ZEITmagazin: Jeroen Dijsselbloem hat öffentlich gesagt, Sie seien aus freien Stücken gegangen.

Varoufakis: Das stimmt nicht. Aber ich will Ihnen eine andere Geschichte erzählen: In einer meiner ersten Sitzungen in Brüssel als Finanzminister habe ich meinen Kollegen gesagt: Wir Griechen haben eine Lösung für unser Schuldenproblem gefunden und würden gern darüber diskutieren. Ich werde gleich eine E-Mail an alle in der Runde mit den Details schicken. Dann erklärten einige Brüsseler Technokraten, dass wir uns untereinander keine Unterlagen zuschicken können, weil in einigen Ländern – auch in Deutschland – diese Unterlagen sofort den Parlamenten vorgelegt werden müssen und damit an die Öffentlichkeit gelangen. Wie wollen Sie die richtigen Entscheidungen treffen, wenn Sie sich nicht einmal unter den Ministern offen austauschen können? Die Vertreter der kleinen Länder haben ohnehin immer nur auf Schäuble geschaut, um herauszufinden, wie sie reagieren, ob sie reden oder besser schweigen sollen.

ZEITmagazin: Dafür hat man Ihnen vorgeworfen, Sie würden in dieser Runde dozieren wie ein Professor in seinem Seminarraum. Sind Sie als Theoretiker zu weit von der Praxis entfernt gewesen?

Varoufakis: Einmal habe ich versucht, eine Diskussion über unsere Haushaltspolitik zu führen, und habe darauf hingewiesen, dass es schädlich für unsere Wirtschaft ist, wenn wir zu viel sparen, und dass das wiederum Folgen für unsere Schulden hat. Da gibt es ja einen Zusammenhang. Am nächsten Tag musste ich dann in den Zeitungen lesen, ich hätte die anderen Minister behandelt wie meine Studenten. Aber wo sollen wir denn über ökonomische Fragen diskutieren, wenn nicht im Kreis der Finanzminister? Ich habe dann meine Vorschläge der Troika vorgetragen, und die hat gesagt: Die Deutschen werden das nie akzeptieren. Damit war die Debatte beendet.

ZEITmagazin: Wie würden Sie Ihr Verhältnis zu Wolfgang Schäuble beschreiben?

Varoufakis: Es war exzellent.

ZEITmagazin: Das glauben wir Ihnen nicht.

Varoufakis: Die Stimmung bei unserem ersten Treffen in seinem Berliner Büro war frostig. Aber nach einiger Zeit taute er auf, und später hatten Wolfgang und ich dann auch viele sehr gute Gespräche.

ZEITmagazin: Sie haben einmal gesagt, dass Ihre Eltern in den sechziger und siebziger Jahren jeden Abend Deutsche Welle gehört haben. Wie hat das Ihr Verhältnis zu Deutschland beeinflusst?

Varoufakis: Meine Mutter war sehr germanophil. Sie verehrte die deutsche Literatur, die deutsche Philosophie. Sie hat sogar am Goethe-Institut in Athen eine Ausbildung zur Deutschlehrerin gemacht. Während der griechischen Militärdiktatur bin ich praktisch mit dem Radioprogramm der Deutschen Welle aufgewachsen. Das war eine Stimme der Freiheit. Unter Willy Brandt und Bruno Kreisky waren Deutschland und Österreich für meine Eltern so etwas wie eine spirituelle Heimat. Ein Ort, an dem ihre Vorstellungen von Demokratie und Gerechtigkeit verwirklicht zu werden schienen. In den siebziger Jahren verbrachten wir regelmäßig die Sommermonate in den deutschen und österreichischen Alpen. Es gibt noch einen Familienfilm, in dem ich mit Freunden fließend deutsch spreche. Inzwischen habe ich es leider fast verlernt. Ich habe auch versucht, meine enge Verbundenheit mit Deutschland der deutschen Bevölkerung zu vermitteln.

ZEITmagazin: Das scheint Ihnen wohl nicht gelungen zu sein.

Varoufakis: Das fürchte ich auch. Die Medien haben mich von Anfang an als diesen Verrückten hingestellt, der den Deutschen ans Geld will. Meine Worte haben die deutsche Öffentlichkeit nie erreicht.

ZEITmagazin: Schmerzt Sie das?

Varoufakis: Sehr. Das ist für mich eine der größten Enttäuschungen meiner Amtszeit.

ZEITmagazin: In Erinnerung geblieben ist hierzulande vor allem die Talkshow von Günther Jauch, in der ein Video zu sehen war, in dem Sie den Deutschen Ihren ausgestreckten Mittelfinger gezeigt haben sollen. Es gab große Aufregung darüber, ob das Video echt ist. Ganz ehrlich: Haben Sie es getan?

Varoufakis: Ich weiß es nicht mehr genau, aber ich kann es mir nicht vorstellen. Jemandem den Mittelfinger zu zeigen ist nicht meine Art.

ZEITmagazin: Wie kann es sein, dass Sie sich nicht mehr daran erinnern?

Varoufakis: Ich habe drei Leute gefragt, die damals dabei waren. Einer hat gesagt, ich habe den Finger gezeigt, die beiden anderen meinten, ich habe es nicht getan. Außerdem war es die Aufzeichnung eines Vortrags, den ich 2010 gehalten habe. Und meine Kritik galt damals nicht der deutschen Bevölkerung, sondern der deutschen Regierung. Sie hat uns den größten Kredit der Menschheitsgeschichte aufgezwungen, obwohl schon damals klar war, dass wir ihn niemals zurückzahlen können.

ZEITmagazin: Sie stammen aus einer Familie, die sich stets politisch eingemischt hat. Hat Sie das geprägt?

Varoufakis: Sehr. Ich weiß noch, wie ich als Kind meinen Onkel im Gefängnis besuchte. Ich war der Einzige aus der Familie, der ihn sehen durfte, weil ich noch so jung war. Er war fast zwanzig Jahre lang der Chef von Siemens in Griechenland. Nach dem Militärputsch im Jahr 1967, da war er noch Siemens-Chef, schloss er sich einer bürgerlichen Widerstandsgruppe an und baute Bomben – keine wirklich gefährlichen Bomben, aber er wurde festgenommen und 1971 zum Tode verurteilt. In der Haft hat er Modellflugzeuge gebaut und darin Nachrichten für meine Tante versteckt. Meine Aufgabe war es, sie nach draußen zu schmuggeln. Eines dieser Modellflugzeuge besitze ich noch immer.

ZEITmagazin: Und Ihr Vater war wegen seiner Überzeugungen in einem Lager inhaftiert.

Varoufakis: Mein Vater wurde in Kairo geboren, aber mein Großvater war Grieche. Mein Vater kam erst nach dem Zweiten Weltkrieg nach Griechenland. Es war die Zeit des Bürgerkriegs, Linke und Rechte bekämpften sich bis aufs Blut. Mein Vater studierte Chemie und wurde zum Studentenführer gewählt, auf ihn konnten sich die linken und rechten Studenten einigen. Mein Vater kam von außen und gehörte keiner Seite an.

ZEITmagazin: Ein Außenseiter wie Sie.

Varoufakis: Genau. Während dieser Zeit gab es eine große Hungersnot in Griechenland, und trotzdem wollte die Universitätsverwaltung die Studiengebühren erhöhen. Mein Vater ging zum Rektor und protestierte höflich dagegen. Als er das Büro verließ, wurde er von der Geheimpolizei festgenommen. Im Gefängnis schlug man ihn zusammen. Er sollte eine Erklärung unterschreiben, dass er dem Kommunismus abschwöre. Dann könne er gehen. Er schaute sich diese Erklärung an und sagte: Ich bin kein Kommunist, aber werde diese Erklärung trotzdem nicht unterschreiben. Er war der Meinung, die Überzeugungen eines Menschen gehen niemanden etwas an. Daraufhin kam er für dreieinhalb Jahre in das Lager. Mein Vater hört gern klassische Musik. Mit einer Ausnahme: Johann Strauss. Zu dessen Musik wurde er gefoltert. Erst in jenen Jahren ist mein Vater Kommunist geworden. Er hat immer zu mir gesagt: Ich bin kein Held! Aber er hat Widerstand geleistet. Auch jetzt erleben wir wieder eine Form des politischen Terrorismus. Man hat unsere Banken geschlossen, um uns dazu zu bringen, weiteren Sparmaßnahmen zuzustimmen. Obwohl bereits mehr als ein Viertel der Bevölkerung arbeitslos ist. Aber das hat nicht funktioniert. Die Mehrheit der Griechen hat beim Referendum gegen diese Politik gestimmt. Weil wir nicht alles mit uns machen lassen. Es gibt eine Kultur des Widerstands in Griechenland.

ZEITmagazin: Trotzdem konnten die griechischen Reichen über Jahrzehnte das Land ausplündern. Warum haben Sie dann als Finanzminister nichts dagegen unternommen?

Varoufakis: Weil ich dazu in der kurzen Zeit überhaupt nicht in der Lage war. Das Geld der Reichen ist nicht mehr in Griechenland. Es liegt in Frankfurt, in London, in Lausanne, in New York. Um da heranzukommen, brauchen Sie detaillierte Kontoinformationen. Aber die habe ich von unseren Partnern in den anderen Ländern nicht bekommen. Zugleich musste ich rund um die Uhr verhandeln, um die Staatspleite zu verhindern.

ZEITmagazin: Wir haben uns gewundert, dass Sie als Minister dennoch Zeit dafür hatten, Ihre Mails persönlich zu beantworten.

Varoufakis: So habe ich es immer gemacht. Ich lehne es ab, mich zu verändern, nur weil ich jetzt Politiker bin.

ZEITmagazin: Das müssen doch etwa 500 E-Mails am Tag gewesen sein?

Varoufakis: Es waren sehr viele. Ich schlafe wenig. Ich habe bis vier Uhr morgens gearbeitet und bin um sechs wieder aufgestanden.

ZEITmagazin: Haben Sie nie daran gedacht, einen Presseberater zu engagieren?

Varoufakis: Doch, habe ich. Aber ich hatte kein Geld.

ZEITmagazin: Sie waren der Finanzminister.

Varoufakis: Ist das Ihr Ernst? Griechenland ist bankrott. Wir hatten noch nicht einmal Geld für Toilettenpapier. Als ich Minister wurde, bin ich in ein praktisch leeres Ministerium gezogen. In meinem Stockwerk – da waren nur ich und mein Laptop.

ZEITmagazin: Es gab keine Computer?

Varoufakis: Nein, nichts. Null.

ZEITmagazin: Hatten Ihre Vorgänger die Computer mitgenommen?

Varoufakis: Offensichtlich. Oder sie hatten nie welche. Im Ministerium war keine Menschenseele. Die Vorgängerregierung hatte die Beamten rausgeworfen und sich stattdessen mit Beratern umgeben. Als die Regierung gehen musste, gingen auch ihre Berater. Es hat mich eine halbe Stunde gekostet, eine Internetverbindung in meinem Büro zu installieren. Ich brauchte auch dringend Mitarbeiter. Wenn ich vorher in der Politik oder im Parlament gewesen wäre, dann hätte ich schon Leute gehabt. Aber ich kam direkt aus Texas nach Athen.

ZEITmagazin: In den USA waren Sie seit 2013 Wirtschaftsprofessor. Wie haben Sie Ihre ersten Tage in der Politik erlebt?

Varoufakis: Ich hatte überhaupt keine Zeit zum Nachdenken. Ich bin dauernd umhergeflogen. Griechenland war dabei zu kollabieren. Am Tag meines Amtsantritts wollte ich mir einen Überblick über die Staatsfinanzen verschaffen. Wir haben dafür Excel-Tabellen, die zeigen, wie viel Geld noch da ist. Eine Zahl für jeden Tag, die zwölfte Zahl war rot. Das bedeutete, in zwölf Tagen wäre Griechenland bankrott gewesen.

ZEITmagazin: Sie mussten schnell Geld auftreiben.

Varoufakis: Ja. Und ich musste herausfinden, wer in meinem Ministerium korrupt ist und wer nicht, wem ich vertrauen kann und wem nicht. Aber der Troika hat mein politischer Kurs sowieso nicht gepasst. Sie sollten die Mails lesen, die ich bekommen habe. Man hat mir gedroht ...

ZEITmagazin: Womit?

Varoufakis: Dass sie das Hilfsprogramm beenden und die Banken schließen werden. Ich habe gesagt: Das ist ein Notfall, Griechenland ist kein normales Land. Wollt ihr einen gescheiterten Staat in Europa? Aber darauf wurde nicht eingegangen.

ZEITmagazin: Wollen Sie sagen, Ihrer linken Regierung wird in Europa keine Chance gegeben?

Varoufakis: Auf dem letzten Rettungsgipfel in Brüssel wurde mein Premierminister vor die Wahl gestellt, die Sparauflagen zu akzeptieren oder aus der Währungsunion auszutreten. Er hatte im übertragenen Sinn nur noch die Wahl, sich umzubringen oder umgebracht zu werden. Das wird in die europäische Geschichte als ein sehr trostloser Moment eingehen.

ZEITmagazin: Seit Wochen kommen die Griechen nicht mehr an ihr Geld, dürfen auf der Bank nur noch 60 Euro pro Tag abheben. Waren Sie zu stur?

Varoufakis: Ich habe die Banken nicht geschlossen. Das waren andere.

ZEITmagazin: Und die Fotoserie in der französischen Zeitschrift Paris Match, wo Sie und Ihre Frau wie ein High-Society-Paar posieren? War das der Lage angemessen oder einfach Eitelkeit?

Varoufakis: Ich war damals in Paris, und der Verlag, in dem meine Bücher erscheinen, schlug mir zwei Interviews vor: eines für ein Philosophiemagazin und eines für Paris Match. Ich wusste nicht, was Paris Match ist. Deshalb wollte ich auf jeden Fall den Text autorisieren. Die Journalistin schickte mir den Text, und er war sehr gut. Dann hat die Redaktion angerufen und gesagt, dass sie bei mir zu Hause Fotos machen wollen. Sie hatten dafür drei Stunden eingeplant. Meine Frau hat noch gesagt, das sei keine gute Idee. Ich hatte überhaupt keine Zeit, mich damit zu beschäftigen. Ich bin bei den Fotoaufnahmen nur 15 Minuten dabei gewesen, weil ich einen Termin mit dem Premierminister hatte. Die haben ihre Fotos gemacht, und ich habe nicht weiter darauf geachtet. Das war ein Fehler.

ZEITmagazin: Wenn Sie bescheidener aufgetreten wären, hätten Sie politisch mehr erreicht?

Varoufakis: Als ich im Ministerium ankam, standen da zwei gepanzerte BMW. Ich habe die Anweisung gegeben, sie zu verkaufen. Ich bin immer zweite Klasse geflogen. Aber darüber hat niemand geschrieben. Die Leute haben über die Fotos in Paris Match geschrieben. Ein sehr hochrangiger amerikanischer Politiker hat mir einmal gesagt: Machen Sie sich darauf gefasst, dass man Sie als Person diskreditieren wird.

ZEITmagazin: Mit welchem Ziel?

Varoufakis: Man wollte nicht, dass ich gehört werde. Ich wurde als gefährlicher Dummkopf dargestellt. Zum Beispiel gab es nach dem Finanzministergipfel in Riga Medienberichte, ich sei von meinen Kollegen als Spieler und Amateur bezeichnet worden. Erst hinterher wurde das richtiggestellt. Aber da hat es niemanden mehr interessiert. Dagegen können Sie als kleiner Grieche nichts tun.

ZEITmagazin: Sind Sie auch deshalb zurückgetreten?

Varoufakis: Nein. Nach dem Referendum ist mir klar geworden, dass meine Regierung ein neues Hilfsprogramm mit neuen Sparauflagen verabschieden will. Und ich war dagegen.

ZEITmagazin: Sind Sie gegangen, oder mussten Sie gehen?

Varoufakis: Ich bin gegangen. Aber Alexis Tsipras war darüber erleichtert, weil ich einer Einigung mit der Troika im Weg stand.

ZEITmagazin: Tsipras und Sie standen sich auch persönlich nahe. Er hat Sie in die Regierung geholt. Sind Sie noch immer befreundet?

Varoufakis: Es ist keine gute Zeit für Freundschaften in unserem Land. Viele Beziehungen gehen gerade in die Brüche wegen politischer Differenzen.

ZEITmagazin: Sind Sie gescheitert?

Varoufakis: Das würde ich nicht sagen. Ich glaube, dass wir heute der Wahrheit näher sind als bei meinem Amtsantritt im Februar. Wir haben die Krise Griechenlands auf die internationale Bühne gehoben. In ganz Europa wird die Situation unseres Landes nun viel besser verstanden. Wir haben gezeigt, dass Politiker einfach die Wahrheit aussprechen können, ohne auf die Konsequenzen zu achten. Das ist nicht nichts.

ZEITmagazin: Aber Griechenland geht es heute schlechter als noch vor fünf Monaten, dafür sind auch Sie verantwortlich ...

Varoufakis: Auf der einen Seite haben Sie vollkommen recht, auf der anderen Seite liegen Sie vollkommen falsch. Wissen Sie, was die Menschen auf der Straße zu mir sagen? Sie klopfen mir auf die Schulter und rufen mir zu: Du hast uns unseren Stolz und unsere Würde zurückgegeben. Das kann man nicht in Euro und Cent aufrechnen. Nicht ich habe die Banken geschlossen. Und warum das alles? Weil wir es gewagt haben, unser Volk über einen Vorschlag der Troika abstimmen zu lassen. Dafür wurden wir bestraft.

ZEITmagazin: Was machen Sie jetzt, scheiden Sie aus der Politik aus?

Varoufakis: Wie können Sie so etwas sagen? Ich bin Mitglied des Parlaments. Ich wurde als Abgeordneter mit den meisten Stimmen in Griechenland gewählt. Ich bin ein Politiker. Man muss keinen Ministerposten haben, um Politiker zu sein. Ich werde als Abgeordneter bessere politische Arbeit leisten als als Minister. Und ich schreibe, veröffentliche Bücher, höre Musik, deutsche Musik – Nina Hagen war die Heldin meiner Jugend. Ich verehre Nina Hagen.

ZEITmagazin: Nina Hagen?

Varoufakis: Sie war in Griechenland ein großer Star, als ich jung war.

ZEITmagazin: Sie ist jetzt ziemlich abgedreht.

Varoufakis: Das ist doch gut so!

Yanis Varoufakis, 54, geboren in Athen, war bis Anfang Juli 2015 griechischer Finanzminister. Der Ökonomieprofessor lehrte in Athen und in Austin, Texas, bevor er im Januar in der linken Regierung des Ministerpräsidenten Alexis Tsipras Minister wurde. Nach dem griechischen Referendum über die Reformpolitik Anfang Juli trat er von seinem Posten zurück. Varoufakis lebt in Athen mit seiner zweiten Frau, der Künstlerin Danae Stratou

Dieses Interview wurde am 22.07.2015 in Athen geführt.

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