Das war meine Rettung "Man weint ein bisschen und macht weiter"

Sven-Eric Bechtolf musste oft harsche Kritiken wegstecken, die ihn aber auch weiterbrachten. Ein Interview von
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 32/2015

ZEITmagazin: Herr Bechtolf, die Premiere Ihrer Inszenierung von Mozarts Le nozze di Figaro bei den Salzburger Festspielen liegt hinter Ihnen. Die Kritiken sind nicht nur positiv. Geht Ihnen das nahe?

Sven-Eric Bechtolf: Das Publikum hat gejubelt. Die Kritiker sind der Meinung der Hexen in Macbeth: "Fair is foul, and foul is fair." Das ist ein wiederkehrendes Phänomen in seltsamen Zeiten.

ZEITmagazin: Herrscht in Theater und Oper eine Art Geschmacksdiktatur?

Bechtolf: Ich fürchte, ja. Es gibt vielleicht zwei wesentliche Perspektiven des Theaters auf sich selbst. Die eine ist erst 250 Jahre alt. Sie begreift das Theater als Instrument eines didaktischen Unternehmens namens Aufklärung. Die andere ist etwa 2.500 Jahre alt, warnt vor der Selbstermächtigung des Menschen gegenüber den Göttern und ist ziemlich düster. Wir leben aber in einer positivistischen, durch und durch säkularisierten Zeit. Die allgemeine Weltwahrnehmung scheint davon auszugehen, dass es sich bei den Zuständen um selbst verschuldete Sauereien handelt. Wenn man die geißelt, beruhigt dies das Gewissen ungemein. Viel weniger populär ist eine Weltsicht, die tragisch ist und von der unauflösbaren Verhängnishaftigkeit unserer Existenz Zeugnis ablegt. Solcherart Skeptizismus wird abgelehnt.

ZEITmagazin: Wie würden Sie das Bild beschreiben, das Kritiker von Ihnen zeichnen?

Bechtolf: Ich werde verdächtigt, ein romantischer Obskurant zu sein. Der Ton ist dabei seltsam persönlich. Inzwischen reagiere ich darauf stoisch. Ich habe arbeiten dürfen, und darum ging es mir. Die Kritiker haben nicht verhindern können, dass ich meinen Beruf intensiv ausübe, in wenigen Jahren erreiche ich, vermutlich ohne arbeitslos geworden zu sein, das Pensionsalter, insofern haben sie relativ wenig Schaden angerichtet. Man weint ein bisschen und macht weiter.

ZEITmagazin: Sie wirken auf mich trotzdem gekränkt.

Bechtolf: Ich bin kein Heiliger. Natürlich würde ich lieber ganz unabhängig von Lob und Tadel sein. Aber unfaire, persönliche Angriffe sind beschämend. Man lernt nur langsam und schmerzhaft, Stück für Stück, diese Außenwahrnehmung nicht mehr zu einer Richtlinie für sich selber zu machen. Und im Grunde sind meine Arbeit und die der Kritiker ja beide nicht von so großer Wichtigkeit. Es handelt sich nicht um Kriege und Hungersnöte, es handelt sich um Theater und um die Äußerung eines Einzelnen und die Meinung von anderen. Im Übrigen ist der Souverän des Theaters das Publikum – und von ihm habe ich fast immer beglückende Bestätigung erfahren.

ZEITmagazin: Über frühere Inszenierungen von Ihnen wurde geschrieben, sie seien "derb-peinlicher Klamauk" oder "frei von jeglicher Tiefendimension", Sie selbst seien "von dramatischer Fantasie nicht übermäßig geplagt". Fällt es Ihnen schwer, trotz dieser Angriffe Ihre Arbeit weiterzumachen?

Bechtolf: Sie fragen ja hier nach irgendeinem Ereignis im Leben, das einen gerettet hat. Ich fühle mich zwar noch nicht im Gnadenzustand der Rettung, aber einer Rettung ähnlich waren diese schlechten Kritiken schon. Sie haben mich gezwungen, über mein Bedürfnis nach Anerkennung nachzudenken und mich selbst zu erziehen. Das belohnungssüchtige Kind in mir wurde anspruchsloser. Bald ist es, glaube ich, erwachsen. Ich habe deutlicher formuliert, was ich mit meinen Arbeiten wollte, es wurde mir klar, dass ich das Pech habe, wider den Zeitgeist zu denken und zu fühlen, und ich wurde gezwungen, zu dieser Andersartigkeit zu stehen. Insgesamt ist Ablehnung eine charakterbildende Erfahrung. Erfolg und Misserfolg sind zwei Seiten derselben Medaille. Sie haben ihre Gefährdungen und ihre Chancen. Die Wucht und auch der relativ persönliche Furor der Kritik waren mir aber auch ein Indiz dafür, dass ich etwas Wesentliches in den Rezensenten angerührt habe. Etwas derart Neuralgisches, dass die Reaktionen nicht sehr differenziert ausfielen. Auch das war, wenngleich auf verzichtbare Art, eine Bestätigung.

ZEITmagazin: Stehen Sie eigentlich gerne in der Öffentlichkeit?

Bechtolf: Ich habe unserer Pressechefin gesagt, sie müsse mich vertreten, als wäre ich Greta Garbo in ihren späten Jahren, nämlich am besten gar nicht, weil keine Besserung mehr zu erhoffen ist. Man lässt lieber die Fronten so, wie sie sind. Hinter der Front kann man ganz wunderbar spazieren gehen, und genau das habe ich vor. Die Kritiker spähen schwer bewaffnet aus dem Schützengraben, während ich fünfzehn Meter weiter Blumen pflücke.

Sven-Eric Bechtolf, 57, ist ursprünglich Schauspieler, er trat auf allen großen deutschsprachigen Bühnen auf sowie in vielen Filmen. Er arbeitet aber auch als Regisseur für Oper und Theater und hat die künstlerische Gesamtplanung der Salzburger Festspiele inne

Das Gespräch führte Louis Lewitan. Er ist Psychologe und gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, Evelyn Finger und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

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