Katja Riemann "In meinem Albtraum kommen mir zwei Menschen entgegen: Es sind meine Eltern."

ZEITmagazin Nr. 33/2015

Es gibt einen meiner vielen Albträume, an den ich mich gut erinnere. In diesem Traum wandere ich durch das apokalyptische Berlin, schwarz-weiß ist es und zerbombt, dennoch erkenne ich den Verlauf der Straßen. Ich gehe die Bismarckstraße entlang, Richtung Ernst-Reuter-Platz, der Himmel steht direkt über den noch übrig gebliebenen Dachfirsten, er ist verquollen und gelb, obwohl es ja eigentlich ein Schwarz-Weiß-Traum ist. Aus einem Erdloch kommen mir aufrechten Ganges zwei Menschen entgegen, Kinder, ein Junge und ein Mädchen, an den Händen sich haltend, mit Tornistern auf dem Rücken. Es sind meine Eltern. Erstaunlich, dass man das immer so genau weiß, wer wer ist in den Träumen, obwohl die Personen völlig anders aussehen. Ich bleibe stehen, sie gehen an mir vorbei, den Umständen zum Trotz recht gut gelaunt. Wo geht ihr hin?, frage ich. Zur Schule, sagen sie. Und lassen mich stehen. Dass ich mein Lebtag meine Eltern nicht in derlei Harmonie im Miteinander habe erleben dürfen, lasse ich mal beiseite.

Im Wachen träume ich, man mag es naiv nennen, tatsächlich immer noch davon, dass es nicht nur die Schulpflicht gäbe überall auf der Welt, sondern dass Schule eine Einrichtung sein könnte der Inspiration, Motivation und Kreation, des Miteinanders, Füreinanders, Wissens und Erfahrens; mit Personen, die Vorbilder sein und Initialzündungen auslösen können.

Zehn oder zwölf Jahre an einen Ort zu gehen, für den man nichts bezahlt, zu dem man erwartungsfroh hingeht und von dem man erfüllter wieder zurückkehrt – was für ein bescheuerter Traum ist das denn?

Das Wort Schule geht zurück auf den lateinischen Begriff für Muße, eine freie Zeit zum Studieren. In Bujumbura, der Hauptstadt von Burundi, gibt es beispielsweise eine child friendly school, was mich, als ich sie im Rahmen einer Unicef-Projektreise durch Burundi besuchte, irritierte, da ich unsinnigerweise angenommen hatte, dass eine Schule Kinderfreundlichkeit bereits impliziert. Das sei ein neues Modell, sagten mir die Lehrer dort, das kennt ihr längst in Europa: Die Kinder dürfen in den Unterricht hineinrufen, eine Meinung haben, die man auch wissen will, sie sitzen in Gruppen an Tischen, statt zu dritt in aufgereihte Bänke gequetscht, und der Lehrer bewegt sich frei durch das Klassenzimmer und kommuniziert mit den Kindern.

In Deutschland, wo es längst kinderfreundliche Schulen gibt, ist Bildung bekanntlich Ländersache, ein, wie ich finde, unverständlicher Blödsinn. Denn in jenen Bundesländern, die nicht so finanzstark sind, bedeutet das mittelfristig den Weg in eine Zwei-Klassen-Gesellschaft, wie man sie in den USA und Großbritannien bereits vorfinden kann, nämlich im Spagat zwischen fantastischen Privatschulen und desaströsen Public Schools. Genau, ich lebe in Berlin.

Ach, dieser Traum. Er hängt da in der Luft wie eine Sprechblase über dem Kopf und ist unberührt vom Leben; die Frage ist doch: Was machen wir aus dem Leben im Warten auf den Tod? Und bin ich in der Lage, Träume ins Leben zu integrieren? Ich habe ein Leben. Das könnte der Traum sein.

Katja Riemann, 51, wurde durch Filme wie "Abgeschminkt" (1993) und "Der bewegte Mann" (1994) zu einer der bekanntesten Schauspielerinnen Deutschlands. Im Kino ist sie derzeit zu hören als Sprecherin in dem Animationsfilm "Ooops! Die Arche ist weg ...". Zu sehen sein wird sie im September in dem Film "Fack ju Göthe 2" und im Oktober in "Er ist wieder da"

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Kommentare

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Liebe Frau Riemann,

wie recht Sie haben, leider. Richard David Precht hat die vom Geiste Preußens inspirierte deutsche Schule ein reines Aufbewahrungssystem genannt. Wo Disziplinierung und Übungen des Ruhigseins obersten Rang haben.
Jeder sollte sich mal 5 Minuten Zeit nehmen und überlegen, was er in seiner Schulzeit wirklich gelernt hat. Bei mir ist die Bilanz jedenfalls desaströs - 13 Jahre im lernfähigsten Alter eines Menschen und ich konnte keine Fremdsprache wirklich, hatte kaum Geografie-Kenntnisse und Mathe war für mich irgendwas mit Zahlen. Ich habe mir als Autodidakt später alles selber beibringen müssen. Der Grund warum ich damit begonnen hatte, war ein ganz banaler. Plötzlich bemerkte ich, wie unglaublich neugierig ich eigentlich war. War das Weltall wirklich unendlich und gab es ein kleinstes Teilen - ich studierte Physik. Wie funktioniert eigentlich das menschliche Gehirn - ich studierte Neurowissenschaften. Und: wie funktionieren Träume - ich studierte Psychologie....

....Ihr Traum von Ihren Eltern ist übrigens auf ganz herzliche Weise wunderbar!