Teenager Stärker, als du glaubst

Ein junger Rumäne will als Erster in seiner Familie das Abitur schaffen. Eine Engländerin übernimmt mit 17 die Farm ihrer Familie. Ein Junge in Hannover entdeckt, dass er ein hochbegabter Klavierspieler ist. Drei Teenager in Europa und eine Frage: Bestehen sie die Prüfung, die das Leben ihnen auferlegt? Ein Portrait von , und

ZEITmagazin Nr. 33/2015

Am Morgen der ersten Prüfung kniet Petri sich vor sein Bett und betet: Gott, gib mir Weisheit. Hilf mir, die richtigen Antworten zu finden. Sei mit mir. Er flüstert, er will seinen Bruder, mit dem er sich ein Bett teilt, und die beiden anderen Geschwister im zweiten Bett nicht wecken. Sein Vater ist schon aus dem Haus, sein Dienst als Müllfahrer hat mitten in der Nacht begonnen. Seine Mutter umarmt ihn zum Abschied. Du bist ein kluger Junge, du kannst es schaffen!, sagt sie. Petri nimmt die drei Stifte, die er extra für die Prüfung gekauft hat, und verlässt das Haus. Wenn alles gut geht, wird er am Ende der Woche sein Abitur bestanden haben.

Petri ist 17 Jahre alt, er gehört zu den Roma und lebt in Budila, einem Dorf in Rumänien, am Rand der Karpaten. Die meisten der kleinen Häuser hier sind mehr als hundert Jahre alt, über die Hauptstraße fahren Pferdewagen, der kleine Bach ist verstopft mit Plastikmüll. Jeder dritte Einwohner ist unter 18. Nur wenige schließen die Schule ab, noch weniger besuchen das Gymnasium in der nahen Stadt Braşov. In diesem Sommer ist Petri der Einzige aus Budila, der die Abiturprüfungen machen wird. In den letzten Jahren hat nur eine Jugendliche aus dem Dorf das Abitur bestanden. Sie ist da, wo Petri hinwill: an der Universität.

Seine Mutter war immer überzeugt, dass Petri etwas Besonderes ist. Schon im Kindergarten war er so lernbegierig, dass seine Eltern ihn ein Jahr früher einschulten. Petri soll sein Geld später nicht wie andere mit Holzschlagen im Wald verdienen, dachte die Mutter. Als er in der Grundschule Klassenbester war, empfahl sein Lehrer, ihn in Braşov zur Schule zu schicken. Seine Mutter erinnert sich genau an den Tag, als Petri sich zum ersten Mal zur Schule in die Stadt aufmachte: ein kleiner Junge mit einem viel zu großen Spiderman-Rucksack. Sie hatte ihm schöne Hosen angezogen und ein Hemd gebügelt. Er musste jetzt morgens immer schon um fünf aufstehen, aber seine Eltern mussten ihn nie wecken. Wenn die Jungs im Dorf ihn fragten, ob er mit ihnen Fußball spielt, blieb er oft zu Hause, um zu lernen.

Als er aufs Gymnasium kommt, ist er dort der einzige Rom. Wenn seine Mutter die Treppen von Mietshäusern putzt, in Restaurants Geschirr spült oder dort 16 Stunden am Herd steht, sagt sie sich immer wieder: Meine Kinder sollen es einmal besser haben als ich. Auch Petris Geschwister, zwei Jungen und ein Mädchen, eifern ihm nach.

Es ist ein Aufstieg, der gerade Roma selten gelingt. Keine andere Minderheit in Europa wird so systematisch diskriminiert. In Rumänien leben 90 Prozent der Roma in Armut, ein Viertel sind Analphabeten, von den Kindern besucht ein Viertel keine Schule. Oft werden sie in separaten Klassen unterrichtet, was zu schlechteren Ergebnissen führt. Nur zehn Prozent haben wie Petri eine weiterführende Schule besucht, und nur ein Prozent schafft es an die Universität.

Petris Eltern wollen, dass ihre Kinder diesen Armutskreislauf durchbrechen, in dem auch ihre Familie gefangen ist. Die Schwester von Petris Mutter, die in dem ärmeren Teil von Budila wohnt, wo nur Roma leben, schickt ihre drei kleinen Mädchen nicht immer in den Kindergarten oder die Schule. Der Bruder kann nicht mal seinen Namen schreiben. Petri geht nicht mehr gern in das Viertel, wo seine Verwandten leben. Er mag nicht, wie die Jungs dort sprechen, dass sie den Mädchen hinterherrufen und sich ständig messen, wer der Stärkere ist.

Petri will Betriebswirtschaft studieren und später Manager werden. Seine Schule hat eine wirtschaftliche Ausrichtung, bei einem Planspiel musste seine Klasse eine imaginäre Firma aufbauen. Petri war eine Zeit lang Geschäftsführer, danach bekam er ein Lob von seinem Lehrer.

Um BWL zu studieren, braucht Petri das Abitur, und um das zu schaffen, geht er zweimal in der Woche nachmittags zu einer Hausaufgabenhilfe in Budila. Zu Hause, wo er sich Zimmer und Schreibtisch teilt, hat er nicht genug Ruhe zum Lernen. Sein Problem ist Mathematik. Vor allem bei der Integralrechnung weiß er oft nach den ersten Schritten schon nicht mehr weiter. Juliana, eine Sozialarbeiterin, hilft ihm. Sie arbeitet für FFR, eine amerikanische Hilfsorganisation, Firm Foundations Romania, die sich um die Kinder aus dem Dorf kümmert. FFR bezahlt Petri auch die Monatskarte für den Zug von Budila nach Braşov, damit er dort die Schule besuchen kann. Es ist eine christliche Organisation, deshalb wird in den Unterrichtsräumen auch gebetet und in der Bibel gelesen. Petri mag die Bibelstunden, seine Eltern haben ihn christlich erzogen. Seine Lieblingsgeschichte ist die von Hiob, dem alles genommen wird und der trotzdem nicht von seinem Glauben an Gott abrückt. "Wenn Gott uns liebt, prüft er uns, um unseren Glauben zu testen", sagt Petri. "Und danach belohnt er uns umso mehr."

In seinem vorletzten Schuljahr besteht Petri alle Prüfungen. Nur in Rechnungswesen fällt er durch. Er lernt den ganzen Sommer, wiederholt die Prüfung und bekommt die beste Note seiner Klasse. Es ist August 2014. Das letzte Jahr vor dem Abitur beginnt.

Petri ist jetzt 16 Jahre alt, ein junger Mann mit schwarzem Haar, dunkler Haut und langen Wimpern über den bernsteinfarbenen Augen. Er trainiert oft an der Hantelbank, die ein Nachbar ihm aus einem Brett, einer Eisenstange und zwei Betonklötzen gebaut hat. Er ist hilfsbereit, das Wort, das er am häufigsten benutzt, ist sigur, sicher, im Sinne von: klar, gern. Viele Mädchen im Dorf sind verliebt in ihn. Petri macht es anfangs Spaß, mit ihnen zu flirten. Aber als ihm klar wird, dass sie sich Hoffnungen machen und enttäuscht sind, wenn er sie nicht erfüllt, lässt er es bleiben. Die meisten aus seiner Grundschulklasse gehen nicht mehr zur Schule, sie reden nur noch davon, eine Familie zu gründen. "Das ist alles, was sie vom Leben wollen", denkt Petri. Er merkt, dass er seine Freunde jetzt manchmal korrigiert, wenn sie beim Sprechen Grammatikfehler machen.

Im letzten Schuljahr erwischt es Petri doch. Sie ist 16 Jahre alt, aus Budila und gehört nicht zur Roma-Gruppe im Dorf. Im September kommen sie zusammen. Petri mag vor allem ihre dunklen Augen.

Common Farm, Westengland

Später, als die Schafe verkauft sind, steht Georgina mit ihrem Bruder Rob in der niedrigen Küche des Farmhauses. Ein 18-jähriges Mädchen mit langem, rotblondem Haar und ein 16-jähriger Junge in Jeans und T-Shirt. Hinter dem Fenster breitet sich das Land in grünen Wellen aus, treibt der Wind Schäfchenwolken in Richtung walisische Grenze.

Sonntagmorgen in Shropshire.

Rob legt den Frühstücksspeck auf einem Backblech aus, während seine Schwester das Teewasser aufsetzt, ein paar Tassen abspült.

Sie sind aufeinander eingespielt wie ein Paar.

"Rob ist ein ziemlich guter Koch, oder, Rob?", sagt Georgie.

Rob unterdrückt ein Lächeln.

"Es wird dir noch zugutekommen, wenn du eine Frau suchst."

Rob sagt immer noch nichts.

"Man lernt, miteinander auszukommen, wenn die Mutter plötzlich krank wird", sagt seine Schwester.

Rob, ironisch: "Es bleibt einem auch nichts anderes übrig."

Am einem regnerischen Tag vor zwei Jahren sind Georgina und ihr Bruder Rob plötzlich ganz auf sich gestellt: Ihre Mutter soll an diesem Morgen im Krankenhaus von Stoke-on-Trent an einem Gehirntumor operiert werden. Der Tumor sei gutartig und liege am Rand des Gehirns, hatte der Arzt sie beruhigt, als sie im Besprechungszimmer saßen, über sich Röntgenbilder des Schädels der Mutter. In den zwanzig Jahren, in denen er die Operation jetzt ausführe, sei noch nie etwas schiefgegangen.

Der Vater war nicht dabei: Nach einem langen Prozess um die Familienfarm mit ihren zwei Quadratkilometern Weideland ist die Scheidung gerade rechtskräftig geworden.

In den Stunden nach der Operation bleibt das Telefon, das im Flur des Farmhauses an der Wand hängt, still. Kommen Sie ins Krankenhaus, heißt es nur, als Georgina die Sekretärin des Arztes erreicht. Wir können Ihnen am Telefon nichts sagen.

Georginas Patentante fährt sie in die hundert Kilometer entfernte Stadt. Zwei Stunden quälen sie sich durch den Feierabendverkehr der Landstraßen, drei Menschen auf engem Raum, die in diesem Moment meilenweit voneinander entfernt sind. Georgina, die alle Katastrophenszenarien im Kopf durchgeht. Ihr Bruder, der schweigend auf der Rückbank sitzt. Die Patentante, die ihnen sagt, sie sollten nicht jetzt schon an das Schlimmste denken.

Zur Mutter führt ein endloser Gang im Keller des Krankenhauses, wo die Intensivstation liegt. Bei der Operation sei eine Arterie verletzt worden, sagt der Arzt, durch die Blutung sei das Gehirn angeschwollen, ein Teil des Schädelknochens sei entfernt worden. Ihre Mutter werde überleben, aber keiner könne sagen, in welchem Zustand.

Georgina ist verzweifelt. Niemand auf der Welt ist ihr näher als ihre Mutter. Ihre sanfte, zarte, kluge Mutter. Jetzt tut es ihr leid, dass sie sie früher so oft angeschrien hat.

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Lange hat mich kein Text mehr so berührt; der kurze Ausschnitt aus dem Lebensweg der drei so verschiedenen Jugendlichen wird mir sicher lange in Erinnerung bleiben!

Wäre ich an ihrer Seite, würde ich jedem von ihnen sagen wollen: Es ist wundervoll, wie du gegenüber den Zwängen und Chancen deiner Herkunft, auch im Angesicht von schweren Schicksalsschlägen, mit all deinen Stärken und Schwächen dein Leben in die Hand nimmst! Das unterscheidet dich von vielen, die doppelt und dreimal so alt sind wie du!

Meine beiden Teenager haben einen Link zum Text bekommen, damit sie (vielleicht) erkennen können, dass Herkunft und Schicksal immer nur der Ausgangspunkt sind, aus dem man - wenn man Verantwortung für sein Leben übernimmt - seine ganz persönliche Form von Freiheit finden kann...