Das war meine Rettung "Ich war bereit, ins Risiko zu gehen"

Barbara Hannigan fürchtete sich vor dem Studium in der Großstadt. Die zeitgenössische Musik half ihr. Ein Interview von
ZEITmagazin Nr. 34/2015

ZEITmagazin: Frau Hannigan, Sie sind als Sängerin und Dirigentin von zeitgenössischer Musik berühmt geworden. Dabei hat es die zeitgenössische Musik nicht leicht.

Barbara Hannigan: Ja, wer kennt schon Ligeti! Ich glaube, es begann mit Schönberg und der Zwölftonmusik. Das hat viele Menschen ausgeschlossen, weil das Gehirn auf atonale Musik nicht so leicht anspringt. Selbst ich finde sie schwierig. Aber es ist ein Missverständnis, wenn man immer so tut, als sei alle zeitgenössische Musik Zwölftonmusik. Es gibt viel unglaublich mitreißende tonale Musik, zum Beispiel eben auch bei Ligeti.

ZEITmagazin: Sie hatten nie die Sorge, kein Publikum zu finden?

Hannigan: Nein. Man muss sich gewissermaßen selber mit seiner ganzen Person in die Sache reinwerfen, dann überträgt sich die Faszination. George Benjamins Oper Written on Skin in London war so ein Hit, dass wir ständig verlängern mussten. Zeitgenössische Musik hat immer einen emotionalen Zugriff, es geht auch da um Sehnsucht und Verlangen, aber weil die Struktur oft kompliziert ist, musst du als Musiker härter dafür arbeiten. Wenn du Brahms oder Beethoven spielst, geht die Musik ganz leicht in deinen Körper über. Ich habe ein gutes Ohr für die Stimme eines Komponisten, und ich möchte das, was in der Partitur steht, durch meinen Körper zum Ausdruck bringen.

ZEITmagazin: Wie haben Sie denn die zeitgenössische Musik für sich entdeckt?

Hannigan: Ich komme vom Land, aus einem Städtchen in Kanada. Das war kein Ort des selbstverständlichen Umgangs mit Hochkultur. Was wir hatten – und das bedeutet mir heute noch viel –, waren Disziplin und gutes Training. Ich hatte als Kind Klavier- und Gesangsunterricht, meine Lehrer waren äußerst diszipliniert. Auch meine Familie war sehr strukturiert. Es gab bei uns einen klaren Tagesablauf. Aber es war eine provinzielle Welt. Als ich dann zum Studium nach Toronto ging, fühlte ich mich unsicher, denn ich hatte einen riesigen Respekt vor dem klassischen Kanon. Würde ich dem als Provinzlerin gerecht werden? Ich fürchtete mich vor der Tradition, ich war von ihr eingeschüchtert. In dieser Situation rettete mich die zeitgenössische Musik: Es gab nicht von jedem Stück 50 Einspielungen, die man kennen musste.

ZEITmagazin: Kannten Sie den klassischen Kanon?

Hannigan: Ja, aber es war die zeitgenössische Musik, die mir half, meine Stimme zu finden. Da fühlte ich mich frei, meine Stimme als mein Instrument zu erkunden, ohne dabei immer zu denken: Oh, so muss es sein, oder doch so? Die zeitgenössische Musik befreite mich von jedem Konformitätsdruck. Nur da war ich bereit, ins Risiko zu gehen – und ohne Risiko entdeckst du nichts Neues. Ich habe dann auch Tanz und Theater studiert, um den ganzen Körper für die Musik einbringen zu können.

ZEITmagazin: Und sind Sie weiterhin risikobereit?

Hannigan: Das Leben ist so spektakulär, und ich liebe seine Auf und Abs. Ich möchte seine Extreme erkunden. Aber das geht nur, wenn man immer wieder bei null anfängt. Wie ein weißes Blatt Papier. Vor manchen Aufführungen klebe ich tatsächlich ein weißes Blatt Papier an den Spiegel in meiner Garderobe. Das bedeutet: Du kannst nicht so gut sein wie bei der letzten Aufführung. Du kannst besser sein oder schlechter, aber du darfst dich nicht wiederholen. Das wäre das Desaster. Wenn man sich wiederholt, lebt man in der Vergangenheit. Ich möchte alles wie aus dem Nichts neu erschaffen. Denn in diesem Nichts, in dem man immer wieder beginnt, liegt die ganze Kraft der Kreativität.

ZEITmagazin: Was heißt das konkret?

Hannigan: Das ist wie bei einer Aufwärmübung. Wenn ich meine Stimme aufwärme, als wäre sie bereits großartig, dann hilft mir das nichts. Ich muss sie aufwärmen, als brauchte sie meine ganze Fürsprache und Unterstützung, langsam und Stück für Stück, wie eine liebende Mutter, die ihrem Kind sagt: Es ist alles okay. Nur so öffnet sich ein Raum der Zartheit und Verletzlichkeit, den man braucht, wenn man mit Kunst kommunizieren will. Denn am Ende geht es doch immer um Menschlichkeit.

ZEITmagazin: Besteht nicht die Gefahr, dass Erfolg genau diese Offenheit verhindert? Je mehr Anerkennung man bekommt, desto narzisstischer wird man.

Hannigan: Ja, das ist ein Problem. Die Leute machen dir Komplimente und hören auf, dich zu kritisieren, weil dein Ruf so gut ist. Das ist tödlich. Man muss die ständige Möglichkeit des Misslingens vor Augen haben, um an sich arbeiten zu können.

Barbara Hannigan, geboren 1971, war bereits eine erfolgreiche Sopranistin, als sie 2010 mit dem Dirigieren begann. György Ligetis "Le Grand Macabre" sang und dirigierte sie gleichzeitig in Paris. Am 10. September tritt sie beim Musikfest Berlin auf

Das Gespräch führte Ijoma Mangold. Er gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, dem Psychologen Louis Lewitan und Evelyn Finger zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

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