Die trinkende Frau Über die Gier nach Bier

ZEITmagazin Nr. 35/2015

In der einen Hand hielt ich ein Lammrippchen, in der anderen eine Flasche Bier, da fiel mein Blick auf die Frau am Nebentisch. Sie trug eine weiße Seidenbluse, ihr Yoga-Rücken war sehr gerade. Vor ihr stand ein Teller Wassermelonenwürfel, die sie einzeln auf eine winzige Gabel spießte, um sie langsam zum Mund zu führen. Dunkel schimmerte ihr Haar, das ihr in beneidenswerten Wellen auf die Schulter fiel. Eine Kate Middleton von Kreuzberg.

Mir hat niemand beigebracht, wie man es schafft, in einem Restaurant statt eines knusprigen Lamms Wassermelone zu bestellen. Und leider kommt mir noch nicht mal die Idee, dass man statt Bier auch stilles Wasser trinken kann.

Gier ist keine Eigenschaft, auf die man stolz sein kann. Vor allem nicht als Frau. Wobei: Machthunger ist heute bei Frauen total okay. Frauen sollen ihn sogar spüren. Wenn du noch mehr Kohle verdienst, ist das ein Fortschritt für die Gesellschaft!, sagt Sheryl Sandberg, Autorin von Lean in. Frauen und der Wille zum Erfolg. Das ist ein echtes Privileg für Frauen: Man muss sich nicht die Mühe machen, den dem Menschen angeborenen Egoismus in den Griff zu bekommen. Man nennt ihn einfach Frauenpower.

Ich bedaure, dass die Gier nach Lammrippchen und der Wille zum Bier noch nicht so anerkannt sind. Im Umgang mit Essen und Trinken orientieren Frauen sich an Scarlett O’Hara, Südstaaten, USA, 19. Jahrhundert. Das heißt: wenig zu sich nehmen, wenn möglich heimlich. Darin liegt eine gemeine Ironie der Geschichte. Jetzt, da Frauen so mächtig sind wie nie zuvor, ist das Schönheitsideal so unerbittlich wie nie zuvor. Jede Frau, die ich kenne, kann aus dem Stand eine Mängelliste über sich selbst erstellen. Sie blickt auf ihre eigene Erscheinung wie ein pedantischer Hausmeister auf ein Mietobjekt. Ich weiß nicht, ob Männer jemals davon gehört haben, dass man einen Handspiegel dafür missbrauchen kann, sich in Unterhose vor einen zweiten Spiegel zu stellen, um kritisch seine Rückseite zu betrachten.

In einem Magazin habe ich gelesen, man solle zur Vorbereitung für den Strandurlaub vier Wochen zuvor immer um 21 Uhr ins Bett gehen und sich einer Cellulite-Therapie unterziehen, die darin besteht, dass man sich von einer Fachkraft fest in den Hintern kneifen lässt, was, wie das Magazin einräumte, schmerzhaft sei. Ich nehme an, dass diese Therapie eine Fiktion ist. Aber das Bild werde ich nicht mehr los: eine Frau, die wie ein Kind vor Einbruch der Dunkelheit ins Bett geht, mit brennendem Hinterteil, nur weil sie mal einen Bikini anziehen will. Ein Korsett zu tragen war ein Spaziergang dagegen.

Vielleicht steht die Frau vor einer ähnlichen Problematik wie die Orang-Utans in Auswilderungsprojekten. Der Dschungel wartet. Doch die Sehnsucht nach Vertrautem ist zu groß. Einer seiner Orang-Utans, berichtete ein Wissenschaftler, brach nach der Auswilderung nachts in das Camp ein, schnappte sich einen Schlafsack und weichte ihn in Wasser ein, um damit sorgfältig den Fußboden sauber zu wischen.

Kommentare

17 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Seit wann stehen Frauen auf Bierbäuche bei Männern? Steckt hinter der Mängelliste nicht eher das streben nach jemanden wie David Beckham. Also der eigene Wunsch nach Perfektion ist eigentlich nur der Ausdruck selbst jemanden haben zu wollen der Perfekt ist. Und sind Männer deshalb unbekümmerter weil sie zwar die Perfektion mögen aber nicht umbedingt haben wollen?
Ist der Unterschied vielleicht das Männer eher einen Kompromis machen bei der Partnerwahl weil es ihnen weniger wichtig ist und Frauen sich lediglich dazu herablassen weil ihre Mängellist keinen besseren zulässt? Und daher eine ständige Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper herrührt? Ist die Frau vielleicht einfach sexistischer?

Aber das wäre ja unmöglich den wir wissen Männer sind an allem Schuld...

1. Ja, Frauen können tatsächlich auf kleine "Unzulänglichkeiten" stehen. KEINE meiner Freundinnen mag stark trainierte Waschbrettbräuche und Arme, ein paar bevorzugen sogar kleine Waschbärbäuche. Die einzigen Frauen, die ich mal als Stripper-Anschmacht-Tanten kennenlernen durfte, kamen vom Dorf und besaßen einen einfachen Bildungshintergrund. Zufall? Meine Vermutung ist da ja eher: Durchtrainierte Muckimänner und aufgepolsterte Jungblondinen finden eher wenige Menschen wirklich attraktiv - wer aber schlichter gestrickt ist und meint, dies wäre das heutige Schönheitsideal, der versucht eventuell durch einen entsprechenden Partner seinen eigenen Status aufzubessern.
2. Es gibt nicht "die Männer" oder "die Frauen". Was Sie verbreiten ist "sexistischer" Unsinn (um bei Ihrer Stoßrichtung zu bleiben), denn alles, was Sie schreiben (eigene Mängelliste, die einen unter Druck setzt, daraus resultierende Unzufriedenheit bei der Partnerwahl etc.) gilt eben sowohl für manche Frauen als auch für manche Männer - und für andere Frauen und Männer halt (glücklicherweise!) nicht.