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Das war meine Rettung "Selbstsichere Menschen sind wahrscheinlich nicht sehr kreativ"

John Cleese verzweifelte fast an der Liebe. Bis er ein befreiendes Gefühl entdeckte: Traurigkeit Ein Interview von
ZEITmagazin Nr. 35/2015

ZEITmagazin: Herr Cleese, ich hoffe, es macht Ihnen nichts aus, von einem Psychologen interviewt zu werden?

John Cleese: Keineswegs. Wenn ich mir noch mal einen Beruf aussuchen dürfte, würde ich mich für den des Psychologen entscheiden. Mich hat es schon immer interessiert, wie Menschen ticken. Unser Leben ist sehr von Angst bestimmt und vom Versuch, die Angst in den Griff zu kriegen.

ZEITmagazin: Welche Rolle spielt die Angst in Ihrem Leben?

Cleese: Meine Mutter war eine extrem ängstliche Person. Deshalb versuchte sie, alles zu kontrollieren. Viele Dinge regten sie auf, und ich stand immer unter Hochspannung, weil ich stets absolut sicher sein musste, dass es ihr gut ging, bevor ich mich um mein eigenes Leben kümmern konnte.

ZEITmagazin: In welchen Situationen haben Sie selbst Angst empfunden?

Cleese: Ich kenne die Angst, zu versagen, Menschen nicht zum Lachen bringen zu können. Wenn du versuchst, lustig zu sein, und scheiterst, ist das demütigend. Als ich in den sechziger Jahren in New York wohnte, lud mich der bekannte Moderator David Frost nach England in seine Sendung ein. Ich sollte live vor 14 Millionen Menschen auftreten, und ich war total entsetzt angesichts der Vorstellung, dabei womöglich zu scheitern.

ZEITmagazin: Können Sie diese Angst beschreiben?

Cleese: Es fühlt sich wie Panik an. Heute ist das nicht mehr so schlimm, aber wenn ich früher auf die Bühne ging und ein paar Witze machte, die nicht ankamen, dann konnte ich fühlen, wie sich mein Magen zusammenzog. Natürlich habe ich weitergemacht, weil man nicht einfach aufhören kann, aber es war überhaupt kein Spaß, sondern beschämend. Ein gewisses Maß an Lampenfieber ist normal, aber ich hatte viel zu viel davon. Es gibt Menschen, die sehr selbstsicher sind, doch sie sind wahrscheinlich nicht sehr kreativ. Wer Künstler ist, der wagt es, Neuland zu betreten. Die Möglichkeit des Scheiterns ist immer da. Deshalb glaube ich, dass viele der besten Künstler unsicher sind, weil sie nicht wissen, ob sie auch morgen noch den höchsten Anforderungen gerecht werden können. Wer nach den Sternen greifen will, kann sich auch vorstellen, diese nicht zu erreichen.

ZEITmagazin: Haben Sie eine solche Enttäuschung schon einmal erlebt?

Cleese: Es gab Momente, in denen meine Arbeit nicht so gut war, und ich habe eine Weile gebraucht, um dieses Gefühl der Scham zu vergessen. Aber auf lange Sicht hat mich das nie belastet. Worunter ich viel mehr gelitten habe, war mein Verhältnis zu Frauen. Als meine erste Ehe scheiterte, ging es mir sehr schlecht. Ich glaube, ich war jahrelang depressiv, ohne zu wissen, wie ich da wieder rausfinden konnte. Zum Glück bin ich heute mit meiner vierten Frau sehr glücklich. Wir sind seit sechs Jahren zusammen, und ich fühle mit ihr eine Liebe, die ich so noch nicht kannte. Es ist nicht nur das Gefühl, geliebt zu werden, sondern diese Liebe auch für immer erwidern zu können. Das alleine zählt. Ich glaube, in meinem ganzen Leben ging es letztlich nur darum. Vielleicht ist es tief im Inneren eine Wiedergutmachung für die belastende Beziehung, die ich zu meiner Mutter hatte.

ZEITmagazin: Wie haben Sie damals Ihre Krise in den Griff bekommen?

Cleese: Durch eine Gruppentherapie für Paare Mitte der siebziger Jahre. Es klingt wie ein Klischee, aber so habe ich Zugang zu meinen Gefühlen gefunden. Unser Therapeut Robin Skynner, mit dem ich später ein Buch über Familien geschrieben habe, hat mir erklärt, dass es sich bei der Depression um eine eingefrorene Traurigkeit handelt. Mir wurde klar, dass ich diese Traurigkeit zulassen muss, um im Leben voranzukommen.

ZEITmagazin: Gibt es etwas, was Sie in den letzten Jahren über sich gelernt haben?

Cleese: Ich klammere mich nicht mehr an Zeitpläne. Wenn mir früher etwas dazwischenkam, war ich verärgert. Heute bin ich gelassener, weil ich weiß, dass Dinge nicht immer wie geplant verlaufen. Ich bin bereit dafür, dass es mal schiefgehen kann. Jahrelang dachte ich auch, es sei wichtig, Wissen anzuhäufen. Jetzt ist mein Motto, das Leben so weit wie möglich zu vereinfachen. Während meines Urlaubs im Januar saß ich mal einfach so da, vollkommen entspannt, und dachte: Das gefällt mir richtig gut. Ich habe mich daraufhin entschlossen, mich von der modernen Technologie zu befreien. Ich will in meiner Hosentasche kein Smartphone mehr mit ständigen Piepgeräuschen herumtragen, auf die ich reagieren muss.

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