Marlene Dumas Von Männern und Musen

ZEITmagazin Nr. 35/2015
Die Kunst und das Künstlersein: Die Malerin Marlene Dumas zeigt, wer sie geprägt hat. Ein Interview von

ZEITmagazin: Frau Dumas, Sie wollen mit dieser Serie für das ZEITmagazin vermitteln, woher Sie kommen. Was fasziniert Sie an den Personen, die Sie gezeichnet haben?

Marlene Dumas: Sie sind alle große Künstler und haben mich auf die eine oder andere Art etwas gelehrt. Den Schädel habe ich speziell für das ZEITmagazin gezeichnet, ebenso Roland Barthes, weil er alles über Bilder wusste. Eines meiner Bilder, die ich am liebsten mag, heißt The Death of the Author, der Titel war inspiriert von seinem Essay über die Beziehung des Lesers, in meinem Fall des Betrachters, und des Autors, in meinem Fall des Künstlers.

ZEITmagazin: Was haben die anderen Sie gelehrt?

Dumas: Pasolini hat die Mehrdeutigkeit von Bildern verstanden – und das ist ein großes Thema für die meisten Künstler, auch für mich. Fassbinder hat sich immer wieder in seiner Arbeit zum Material gemacht – und behandelte sich selbst genauso hart wie die anderen, das mag ich an ihm. Und Almodóvar benutzt aus den Werken anderer alles, was er gebrauchen kann, um seine eigenen Geschichten zu erzählen.

ZEITmagazin: Die Männer in Ihrer Serie sind homo- oder bisexuell – Zufall?

Dumas: Nein, viele Künstler, die ich besonders mag, sind schwul. Ich wollte immer zeigen, dass es mehr Wege gibt, zusammen zu sein, als die bürgerliche Kleinfamilie.

ZEITmagazin: Auf unserem ersten Cover ist Charlotte Rampling zu sehen. Zu ihr haben Sie uns folgendes Zitat geschickt: "Trauer ist etwas extrem Schwieriges, wir wissen noch nicht einmal, wie wir damit anfangen sollen. Und ich weiß nicht, wie einem gezeigt werden kann, wie man trauert."

Dumas: Viele Bilder in meiner Retrospektive handeln von der Trauer. Nicht nur vom Betrauern persönlicher Verluste, auch auf einer politischen Ebene finden gerade so viele traurige, reaktionäre Entwicklungen statt. Nehmen Sie nur die Entführung der Schulmädchen in Nigeria. Oder die Tatsache, dass Cartoonisten ermordet werden. Auf jeden Fall finde ich Ramplings Satz über Trauer sehr wahr. Außerdem ist sie für mich eine faszinierende, schöne Frau. Ich mag starke Frauen, die zugleich sensibel sind und einen Sinn für Humor haben.

ZEITmagazin: Die Frau auf dem zweiten Cover weint – dazu haben Sie geschrieben: "Eine heulende Frau ist erbärmlich." Dürfen wir nicht mehr trauern?

Dumas: Es ist nicht so, dass ich trauernde Frauen abstoßend finde – aber in der westlichen Kultur, in der Hollywood-Kultur, kann man offensichtlich nur noch mit Sonnenbrille zu Beerdigungen gehen.

ZEITmagazin: Das letzte Bild ist Ihr Selbstporträt als Schädel. Darunter kritisieren Sie einen Vorschlag des EU-Parlaments zur sogenannten Panoramafreiheit: Wer Gebäude, an öffentlichen Orten aufgestellte Skulpturen oder Kunst am Bau fotografieren will, müsste die Urheber in manchen Fällen um Genehmigung bitten. Fürchten Sie um die Kunst, wenn die Freiheit, Bilder zu machen, eingeschränkt wird?

Dumas: Ich glaube, dass Kunst immer voll ist von den Bildern der anderen, und es ist gut, dass wir uns gegenseitig reflektieren. Sobald ein Bild öffentlich wird, gehört es allen. Niemand kann ein Bild besitzen. Man ist verantwortlich dafür, was man damit macht, aber es "gehört" einem nicht. Es ist wie ein Geist, der niemandem gehört.

MARLENE DUMAS Wie ist es, eine Frau zu sein, die malt? Auf diese Frage hat sie mal geantwortet: "Ich male, weil ich eine Frau mit blondiertem Haar bin (für Brünette gibt es keine Entschuldigung)." 1953 in Südafrika geboren, lebt Dumas seit ihrem Studium in Amsterdam. Zurzeit ist unter dem Titel "The Image as Burden" (Das Bild als Bürde) eine Retrospektive ihres Werks in der Fondation Beyeler in Basel zu sehen

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