Alter Herr W. sucht die Liebe

ZEITmagazin Nr. 37/2015
Kann man zu alt sein für die Sehnsucht und für Erotik? Ein 71-Jähriger sagt: Nein. Und trifft sich täglich mit Frauen. Von

Ohne seinen Kalender wäre Herr W. verloren, und das liegt nicht daran, dass er 71 ist. Jeder verlöre in seiner Lage den Überblick. Er zieht das kleine Heftchen aus der Tasche, schmal und braun, eine einzige Zeile für jeden Tag. Am 21. November 2014 hat alles angefangen. Marianne war die Erste, dann kam Vera, dann Gisela, später Hannelore, schließlich Evelyn. Herr W. fährt mit dem Finger über das Papier, zählt, Karin war schon die Nummer 15. Mit mehr als 20 Frauen hat er sich in den letzten Wochen getroffen, meist auf einen Kaffee, das ist das Beste, wenn man sich noch gar nicht kennt. Heute Nachmittag ist Beate dran, allerdings schon zum dritten oder vierten Mal. Er lächelt betreten, ein bisschen peinlich ist ihm das alles schon auch.

Im Januar 2015 sitzt Herr W. in einem Café in Berlin-Charlottenburg und erzählt davon, wie es ist, sich mit 71 noch einmal auf die Suche nach der Liebe zu machen. Auf Verabredungen zu gehen, neu aufzubrechen ins Leben, wenn man sich für vieles andere schon zu alt fühlt, etwa um zu arbeiten – Herr W. war mal Architekturprofessor – oder auch nur, um in einer Bar herumzustehen. Er hat eine Kontaktanzeige in einer Zeitung aufgegeben, denn Datingportale im Internet sind ihm nicht geheuer, selbst Seiten wie seniorbook, die für Leute wie ihn geschaffen wurden. Alleinstehende Ältere gibt es viele, die Zahl der Spätscheidungen – Trennungen nach der Silberhochzeit – hat sich in den letzten 20 Jahren verdoppelt. Nun trifft sich Herr W. fast täglich mit einer Frau. Manche Leute glauben, im Alter sei es irgendwann vorbei mit der Sehnsucht und der Erotik, Herr W. führt den Gegenbeweis. In seinem Bekanntenkreis ist er allerdings der einzige Single, der sich das traut.

Beim ersten Telefonat mit ihm ist es schwer gewesen, sich Herrn W. als alten Mann vorzustellen, denn seine Stimme ist hell und kräftig. "Ich fühle mich jugendlich", hat er gesagt. "Wenn ich zum Bus renne, ist das noch genauso wie früher." Vor dem Café am Adenauerplatz, das er als Treffpunkt vorgeschlagen hat, steht ein großer, schlanker Mann mit weißem Haarkranz. Er trägt ein gestreiftes Hemd, dazu einen grauen Pulli. Das Hemd ist perfekt gebügelt, Herr W. sieht gutsituiert aus und so alt, wie er ist. Aber wenn er lacht, hat er etwas von einem Jungen, so sehr lachen seine Augen mit.

Die meisten seiner Freunde sind verheiratet, erzählt er, und er teilt sie in zwei Gruppen ein: in die glücklich und die unglücklich Verheirateten. Die glücklich verheirateten Männer klopfen ihm anerkennend auf die Schulter, sie sagen: Mach ma weiter! Die unglücklich verheirateten gucken neidisch. Unter seinen männlichen Freunden sind auch einige Singles, aber die scheinen mit den Frauen mehr oder weniger abgeschlossen zu haben. Da ist zum Beispiel der ehemalige Zahnarzt. Wenn der auf der Straße ein altes Pärchen sieht, das Hand in Hand geht, wird er traurig. "Ja, dann mach doch was!", hat Herr W. ihn aufzumuntern versucht. "Ach, da müsste ich erst mal abnehmen!", antwortete der Freund. "Ja, das musst du!" Herr W. lacht und schüttelt den Kopf, er ist sich im Klaren darüber, dass es ohne einen gewissen Einsatz nicht geht.

Im Café hat er einen Tisch in der Ecke gewählt, als wolle er sicherstellen, dass niemand zufällig mithört. Er möchte, dass sein Name hier verschwiegen wird. Nicht etwa, weil er Angst hätte, die Frauen zu verärgern, die er trifft, weil ihnen dann vielleicht klar würde, dass sie so viele Konkurrentinnen haben. Nein, er möchte nur seiner letzten Freundin nicht wehtun. Vor vier Jahren haben sie sich getrennt, sie hatten acht Jahre lang zusammengewohnt.

Woran ist die Beziehung gescheitert? "Ach, wie es üblich ist", antwortet er, als könne er sich keine Gründe vorstellen, die mit ihm selbst zu tun haben. "Es wird langweilig. Man hat sich irgendwann nichts mehr zu sagen." Er gibt sich abgeklärt, als sei Ernüchterung in Liebesdingen eine zwingende Folge, wenn die Jahre fortschreiten.

Er hat dann eine gewisse Zeit alleine verbracht und geglaubt, er habe vielleicht endgültig genug von den Frauen. Ihm geht es ja auch so gut. Einmal die Woche spielt er mit Freunden Skat, und er besitzt ein Bauernhaus, das er selbst renoviert hat, er verbringt die Hälfte des Jahres auf dem Land. Er werkelt dann im Garten und genießt die Ruhe.

Die Phase, in der er sich selbst ganz genügte, ist aber doch wieder zu Ende gegangen. Ein Freund, der Pianist ist, spielte in einer Bar und lud Herrn W. ein. Der lernte dort eine Frau kennen, von der er bis heute schwärmt, sie sei "klein und zart, wirklich hübsch" gewesen. Leider redete sie bei ihren Treffen vor allem über ihre Bindungsangst. Da war nichts zu machen, doch Herr W. dachte: "Verdammt noch mal, ich will wieder eine Frau."

Er setzt daraufhin einen Text für die Anzeige in der Zeitung auf, es dauert gar nicht lange. "Mild ist der Herbst, bunt das Leben", beginnt Herr W. Damit, so hofft er, setzt er sich von den anderen, manchmal etwas traurig klingenden Anzeigen ab. "Pensionär im besten Alter wünscht sich ein weibliches, feinsinniges, kulturinteressiertes und humorvolles Pendant + /–60 für gemeinsame Lebenserfahrungen." Er hat eine Frau um die 60 im Sinn, schlank, "eine, die lachen kann". Dass er einen Professorentitel hat, verschweigt er, "da erwarten die Frauen nur was Besonderes".

25 Antworten treffen ein, sorgfältig an seine Chiffrenummer adressierte Briefe. Er legt ein paar davon auf den Tisch im Café und zieht seine schwarz gerahmte Lesebrille hervor. Jeder Umschlag ist mit bunten Zeichen bekritzelt. In roter Farbe steht auf manchen + +, auf anderen + –, auf wieder anderen – –. Er hat die Zeichen selbst daraufgemalt, sie sind sein Bewertungssystem. Ein doppeltes Plus heißt: Die Frau hat ihm sehr gefallen. + – ist ein Unentschieden, – – ein Nein. Herr W. nähert sich der Liebe wie ein Buchhalter, und ihm ist klar, dass das nicht sehr sympathisch wirkt, aber er möchte offen sein: Ohne die Zeichen auf den Briefen und die Notizen im Kalender würde er einfach zu oft durcheinanderkommen. Auch die Orte der Treffen hat er sich akribisch notiert. Nur die Frauen mit einem + + hat er wiedergetroffen.

Was ist anders bei so einer Begegnung mit erotischen Absichten, wenn man 71 ist?

"Alles dauert länger, auch die Frauen sind zögerlicher. Es ist nicht mehr dieses Aufeinanderzustürmen. Aber natürlich geht es auch heute noch ums Vögeln." Wenn man nachfragt, was er sich wünsche, sagt er: "Zärtlichkeit, Sexualität, Gespräche, in dieser Reihenfolge."

Der Großteil der Frauen sind Lehrerinnen. Warum ausgerechnet die sich von seiner Anzeige angesprochen fühlen, versteht Herr W. nicht ganz. Jedes Treffen dauert ein bis zwei Stunden, man hat sich ja viel zu berichten nach einem langen Leben. Die Kinder, der Job, Herr W. erzählt gerne von seinen zwei erwachsenen Töchtern und von seinem erfüllten Berufsleben an der Universität. Denkt er darüber nach, was den Frauen an ihm nicht gefallen könnte? Nein, sagt er, das interessiere ihn nicht. Er erzählt von den Treffen wie von einer wunderbaren Freizeitbeschäftigung. Kein junger Mann könnte sich dieser Sache so akribisch widmen, aber Herr W. hat ja Zeit.

Wenn er und die Frau sich wiedersehen wollen, verabredet er sich meist zum Abendessen. Dann können sie Alkohol trinken, alles wird entspannter. Herr W. hat allerdings feststellen müssen, dass die Frauen gar nicht mehr trinken – das heißt, höchstens ein Glas Wein. Als er noch jung genug war, um in Kneipen zu gehen, hat er, das fällt ihm jetzt ein, mit den Frauen natürlich Schnaps getrunken. Man lernte sich am Tresen kennen, er lud sie ein. Und wenn man sich sympathisch war, so formuliert er das, ist man dann oft gemeinsam nach Hause gegangen. Allerdings war die gegenseitige Faszination meist schon beim Frühstück wieder verflogen, daran erinnert sich Herr W. mit einem bedauernden Lächeln.

Er habe viele Erfahrungen gemacht, sagt Herr W. stolz, er ist jetzt in Gedanken in den sechziger und siebziger Jahren. Sehr gern ist er in Kneipen unterwegs gewesen, im Oblomov, im Khan, im Tolstefanz, in einem der vielen Lokale in der Nähe des Olivaer Platzes. Herr W. hat damals an der Freien Universität studiert, es war die Zeit der Studentenunruhen. Für einen richtigen Achtundsechziger sei er mit Mitte 20 zwar schon zu alt gewesen, "auf den Demos waren die 20-Jährigen". Aber er hat dann in WGs gelebt, die sich als fortschrittliches Lebensmodell verstanden, und hat nächtelang über Anarchismus diskutiert. In den "linken Kneipen" sei es relativ einfach gewesen, Frauen abzuschleppen. Man wollte die Welt befreien – Herr W. fand damals, man brauche den Staat eigentlich gar nicht –, und in diesem Freiheitsdrang hat man vor dem Privaten natürlich nicht haltgemacht. Erst Mitte der achtziger Jahre hat er geheiratet, da war er 40. Aus dieser Ehe, die acht Jahre hielt, stammen seine zwei Töchter. Heute findet Herr W. es schade, dass es in Berlin keine Lokale gibt, in denen er Frauen begegnen könnte, die sich für einen Mann seines Alters interessieren. Leider könne er nicht tanzen, daher die Kontaktanzeige. Es klingt ein bisschen, als versuche er sich dafür zu entschuldigen, aber bei einem Tanztee mit Rentnerinnen kann man ihn sich auch nur schwer vorstellen.

Gerade sind seine Töchter bei ihm zu Besuch gewesen. Sie sind Ende 20 und studieren, sie leben ebenfalls in Berlin. "Die haben Programm!", sagt Herr W., obwohl er weiß, dass man heute als Student nicht mehr so viel Zeit für Partys hat. Die Töchter freut es, dass er sich mit Frauen trifft, aber sie erwarten zu viel.

"Und, hast du denn jetzt schon mal geknutscht?", fragten sie.

"Ich will mir doch Zeit lassen", antwortete er, "ich gucke erst mal." Vielleicht traut er sich aber auch nur nicht so recht.

Im Januar 2015 ist die Auswahl auf drei Frauen geschrumpft: auf Beate, Evelyn und Brigitte, alle drei Lehrerinnen. "Die nächsten Wochen, das wird die entscheidende Phase", verkündet Herr W. optimistisch.

Am häufigsten hat er sich mit Evelyn getroffen. Sie ist Anfang 60, wie die beiden anderen. Zweimal waren Herr W. und sie in einem Konzert. Dann waren sie essen, dann spazieren, Evelyn ist ihm schon sehr vertraut. Sie kommt aus der linken Szene und lebt bis heute in dem Haus, das sie als junge Frau mit besetzt hat. Ihre politische Haltung ist ein Pluspunkt, mit einer CDU-Anhängerin würde es schwierig. Herr W. findet es wichtig, dass beide einen ähnlichen Blick auf die Welt haben.

Spätestens beim zweiten Date versucht er herauszufinden, ob die Frauen unter gesundheitlichen Problemen leiden. Das klingt nicht gerade romantisch, aber Herr W. sagt, noch keine Frau habe die Frage als aufdringlich empfunden. Man ist eben alt, und die Gesundheit ist ein wichtiges Thema. Herr W. erwartet Ehrlichkeit. Er ist fit, und er möchte, dass seine neue Freundin mitkommen kann, wenn er wie jeden Herbst zwei Wochen lang wandern geht. So hat er herausgefunden, dass Evelyn es an der Hüfte hat, und Beate war offen genug, ihm zu sagen, dass sie einen Stent am Herzen trägt. Wenn sie eine Treppe hochgeht, schnauft sie ziemlich. Das gefällt Herrn W. nicht so. Überhaupt scheint es für ihn doch eine Grenze zu geben, an der die Attraktivität aufhört – obwohl er versichert, dass praktisch all diese Frauen um die 60 etwas Jugendliches an sich hätten. Es gab eine Begegnung, die fand er unangenehm: "Eine alte Frau", weißhaarig, sie ging schon gebeugt. Er schüttelt sich, als habe er dem eigenen Tod ins Auge gesehen.

Schwerer als kleinere Gebrechen wiegt für ihn, dass er Evelyn ein bisschen spröde findet. Von Beate dagegen schwärmt er: Sie sei fröhlich und locker und habe sich schon beim zweiten Spaziergang bei ihm eingehakt. Gefunkt hat es trotzdem noch nicht, weder sie noch er hat sich bisher aus der Deckung gewagt. Fragt man ihn, wie Beate eigentlich aussehe, sagt er erst, sie sei dunkelblond. Dann fällt ihm ein: Ach, Beate ist blond – dunkelblond ist ja Evelyn. Herr W. ist durch seinen Erfolg auch ein bisschen überfordert. Wenn man wissen will, wer denn von den dreien nun die Attraktivste sei, antwortet er: Brigitte. Herr W. klingt wie ein Teenager, der gerade nicht so richtig weiß, wo ihm der Kopf steht.

Im Café verabschiedet er sich mit einem festen Händedruck. Er muss dann mal los, am späten Nachmittag wird er mit Beate essen gehen. Zwei Tage später ist dann Brigitte dran und am Wochenende vielleicht Evelyn. Herr W. genießt die Situation, dabei wirkt er völlig unentschieden. Er ist wie einer, der an einem reich gedeckten Tisch sitzt und keine Speise auslassen will. Ob er nervös sei wegen des Treffens heute? "Ach, überhaupt nicht!" Herzklopfen habe er schon lange nicht mehr, und das sei gut so.

Ein paar Wochen vergehen, bis man wieder von ihm hört. Er ist kurz angebunden am Telefon, vielleicht hat er das Gefühl, zu viel von sich preisgegeben zu haben. Nur Beate sei übrig geblieben, sagt er. Die anderen? "Hat keinen Sinn."

Er klingt erleichtert, aber doch nicht so, wie man es erwartet hat. "Beate und ich halten uns immer noch ein bisschen bedeckt. Wir haben aber darüber gesprochen, dass wir es beide schön fänden, wenn es enger werden würde." Beiläufig erwähnt Herr W., er habe auf eine Kontaktanzeige geantwortet, und in ein paar Tagen treffe er auch diese Frau wieder.

Unter jüngeren Berlinern hört man oft, in dieser Stadt seien Beziehungen schwierig, weil es ja immer jemand noch Besseres gebe. Kann sich Herr W. einfach nicht entscheiden, oder mag er nur der nächsten Verlockung nicht widerstehen?

Mehrere Wochen vergehen. Es wird Frühling, die Stadt wirft ihre Winterstarre ab. Die kalte Jahreszeit ist in Berlin dunkler und frostiger als anderswo, und wenn sie zu Ende geht, bringt die neue Wärme alles durcheinander, und die Luft füllt sich mit Leichtigkeit. Herr W. ist gut gelaunt am Telefon, er sagt: "Ich bin jetzt mit einer Dame zusammen." Mit Beate? Nein. Da war noch eine Kontaktanzeige. "Nur wenn Frauen selbst inserieren, wollen sie wirklich einen Mann." Er sagt das, als habe er etwas Entscheidendes gelernt. "Gleich beim ersten Treffen vor drei oder vier Wochen hat es gefunkt."

Mit einem breiten Lächeln steht Herr W. dann im Türrahmen seiner Altbauwohnung, er trägt wieder ein perfekt gebügeltes Hemd. Er führt durch die großen, hellen Räume, auf beiden Seiten geht der Blick ins Grüne. Er hat eine Vorliebe für alte, dunkle Möbel, nur das schmale Bett ist neu. Er hat es selbst gebaut, in jener einsiedlerischen Phase, als er dachte, er bleibe vielleicht für immer allein. Im Wohnzimmer fällt das gerahmte Schwarz-Weiß-Foto einer jungen Frau mit dunklem Lidstrich auf. Das Bild ist von Anfang der sechziger Jahre. Seine erste Freundin, Herr W. war um die 20. "Da hatte ich noch Herzklopfen", sagt er, als vermisse er die Aufregung doch.

In der unbenutzt wirkenden Küche setzt Herr W. Tee auf. Er isst nur in Restaurants. Seine Hemden kommen aus der Reinigung. Es ist schwer vorstellbar, dass eine Frau sein Junggesellenleben auf den Kopf stellen und in dieser Wohnung auf Dauer Platz finden könnte.

Die Frau, mit der er jetzt zusammen ist, heißt Sabine, eine ehemalige Journalistin. Wie alt sie genau ist, kann er nicht sagen, er hat sie aus Höflichkeit noch nicht gefragt. Er schätzt aber, dass sie ungefähr so alt ist wie er. Was in ihrer Anzeige stand, weiß er nicht mehr genau. Beate hat sich ja nicht richtig einlassen wollen, also traf er Sabine, wie immer in einem Café – und dann war alles anders. "Der erste Eindruck war: Ja!"

Er holt ein Foto, er hat es mit einer Analogkamera geknipst. Eine Frau mit kastanienbraunen Haaren, sie hat die Augen geschlossen, weil sie lacht. Sie fahre Fahrrad wie der Teufel, sagt Herr W. Fit ist sie also auch noch. Eigentlich erfüllt Sabine alles, was er sich so vorgestellt hat.

Er zückt seinen Kalender, um nachzusehen, wann ihr erstes Date gewesen ist, er hat natürlich mit seiner Buchführung einfach weitergemacht. Er blättert und blättert, dann guckt er ratlos. Zum ersten Mal wird Herr W. aus seinen eigenen Notizen nicht schlau. Sein System ist durcheinandergeraten, und vielleicht ist das ganz gut so. Beim ersten Treffen haben sie bereits Händchen gehalten. Nach dem zweiten, sie waren lange spazieren gewesen, brachte er sie bis vor ihre Haustür. Dort haben sie sich lange geküsst. Beim dritten Treffen blieb er über Nacht.

Er hat Sabine sogar schon in sein Bauernhaus eingeladen und war schließlich doch ein bisschen nervös. Er sorgte sich, ob ihr all das, was ihm so wichtig ist, gefallen würde: das schlichte Haus, die Natur, die Ruhe. Sie fand es dann sehr schön. Das Foto, auf dem sie lacht, ist vor dem Haus entstanden. Es war ein bisschen, als sage sie nicht nur zu dem Haus Ja, sondern auch zu ihm.

Am Wochenende will er wieder aufs Land fahren. Diesmal allein, er muss die Pflanzen gießen. Gerade ist ihm eingefallen, dass er Sabine vorher noch sehen möchte. Er muss sie jetzt schnell anrufen. Es würde ihn schmerzen, fällt ihm plötzlich auf, hätte sie aus irgendeinem Grund vor dem Wochenende keine Zeit mehr für ihn.

Video: "Young Hearts" – ein Kurzfilm von Nadine Schrader und Julia Wilczok Abspielen
“Liebe ist ein Geschwür unterm Herzen, woran man nicht kitzeln kann”, sagt der 79-jährige Hans. Er hat seine Edith erst vor drei Jahren kennengelernt. Die beiden Verliebten und zwei andere Paare zeigt der Kurzfilm.

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Alt sind immer nur die anderen – ein interessantes Beispiel für die Kluft zwischen Selbsteinschätzung und Fremdwahrnehmung: Ein Siebzigjähriger mit „weißem Haarkranz“ trifft eine etwa gleichaltrige „weißhaarige alte Frau“ und schrickt zurück. Klar, im Alter individualisieren sich Menschen wie nie zuvor im Leben und es gibt objektiv große Unterschiede zwischen kalendarischem Alter und subjektivem Zustand. Aber es ist immer dasselbe, auch auf Klassentreffen – die meisten sehen bzw. fühlen sich selbst jünger als die anderen. Das geht weiter bis in Alten- und Pflegeheime, wo sich sehr viele darüber beschweren, dort seien sie unter lauter alten Leuten.