Harald Martenstein Über einen neuen Friseur und ein moralisches Dilemma

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ZEITmagazin Nr. 37/2015

Ich traf einen Freund. Er erzählte, dass er mit seinen Kindern seit Jahren zu einem bestimmten Friseur gegangen ist, einem kleinen Laden mit zwei, drei Angestellten. Der Friseur nahm 10 Euro. Jetzt habe er auf 15 Euro erhöht, wegen des Mindestlohns.

"Ist doch okay", sagte ich.

"Ein paar Meter weiter hat allerdings ein neuer Friseur aufgemacht. Er ist ein Flüchtling aus Syrien. Er hat keine Angestellten, schneidet alle selbst und nimmt 10 Euro. Der Syrer ist nett und auch sehr gut. Also gehen wir jetzt zu ihm."

Es sei ein komisches Gefühl, wenn er an dem anderen Salon vorbeigehe, in dem weniger los sei als früher. Der deutsche Friseur sei ja auch nett und gut gewesen. Er frage sich, sagte der Freund, ob der deutsche Friseur jetzt ausländerfeindliche Gedanken hege. "Verstehen könnte ich es", sagte der Freund. "Es wäre falsch, es ist abzulehnen, aber es wäre menschlich nachvollziehbar. Möglicherweise muss er den Laden zumachen, wenn noch mehr Konkurrenz kommt. Ihn zu fragen, was er denkt, traue ich mich nicht."

Wir erschraken vor der Erkenntnis, dass es vermutlich tatsächlich Leute gibt, die aufgrund des Flüchtlingsstroms etwas verlieren. Es wird wohl so sein. Arbeitet dieser Gedanke nicht den Rechtsradikalen in die Hände? In der DDR hieß es: Bestimmte Gedanken darfst du nicht gar nicht erst denken, weil diese Gedanken dem Feind nützen.

Dann unterhielten wir uns über die Kulturszene und die Medienszene, unser Milieu. Es ist ja eine Tatsache, dass auch in unserem Milieu auf den Verlust von Geld, von Privilegien oder von Stellen in der Regel mit Verärgerung reagiert wird, auch in diesem Fall: verständlicherweise. Wenn irgendwo ein Theater dichtgemacht wird, verbreitet die Theaterszene sogar manchmal eine regelrechte Weltuntergangsstimmung. Dann tobt sie vor Wut. Was würde passieren, wenn in Berlin eine Oper geschlossen wird oder die Akademie der Künste, mit der Begründung, wir verwenden das Geld lieber für Flüchtlinge, die haben es nötiger? "Das werden sie nicht machen", sagte ich.

"Nein", sagte er. "Das machen sie nicht. Die Flüchtlinge sind nur eine Bedrohung für die kleinen Leute, die keine so tolle Ausbildung haben. Da findet ein Konkurrenzkampf zwischen zwei Gruppen statt, die beide, auf unterschiedliche Weise, die Arschkarte gezogen haben. Die Artikel und die Fernsehsendungen werden allerdings ausschließlich von Leuten gemacht, für die es vorerst keinerlei Bedrohung ihres Lebensstandards durch die Flüchtlinge gibt. Wenn morgen der kleine Friseur auf einer Demo auftaucht und rechte Parolen ruft, ist er in den Medien der Satan, aber in Wirklichkeit ist er eher ein armer Teufel. Oder er ist beides gleichzeitig. Kein Wunder, dass solche Leute oft einen Hass auf die Medien haben."

"Dann geh doch wieder zu dem deutschen Friseur. Tu was gegen Ausländerfeindlichkeit, indem du deinen Kindern für 15 Euro von einem Deutschen die Haare schneiden lässt."

"Und was wird dann aus dem Syrer?"

"Du könntest ein Kind zu dem Deutschen schicken und ein Kind zu dem Syrer." Der Freund schüttelte den Kopf. Stimmt, er hat fünf Kinder. Da gibt es keine einfache Lösung. Aber immer, wenn ich Reportagen lese oder sehe, in denen die einen nur Opfer sind und die anderen nur Täter, denke ich, so ist das Leben doch meistens nicht, in Wirklichkeit ist es doch meistens komplizierter.

"Vielleicht irre ich mich", sagte der Freund. "Vielleicht hängt der deutsche Friseur morgen ein Schild mit der Aufschrift ›Refugees welcome‹ ins Fenster."

Dann wäre er natürlich ein viel größerer Held als jeder Fernsehmoderator, dem bei Flüchtlingsbildern vor der Kamera die Tränen kommen. Es ist einfacher, ein guter Mensch zu sein, wenn man dabei nichts zu verlieren hat.

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels.

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Kommentare

23 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren

Stimmt nachdenklich, ich denke Sie haben hier sehr gut ein ziemlich heikles Thema beschrieben. Ich glaube zwar, dass bei sehr vielen Menschen unbegründete Angst vor dem Fremden herrscht, aber tatsächlich wird häufig die Situation vieler Menschen ausgeblendet, und wenn sie auch nur subjektiv als Bedrohung der Existenz wahrgenommen wird. Viele Zeitungen täten gut daran, in Artikeln wirklich zu hinterfragen, wieso viele Menschen Angst haben. Aber vielleicht gehen diese Menschen durch die alles übertönende Polemik und einige, Journalisten verprügelnde, Gewalttätige unter.
Danke für einen sehr guten Artikel (und eine auch sonst gelungene Kolumne).

" Es ist einfacher, ein guter Mensch zu sein, wenn man dabei nichts zu verlieren hat. "
Na klar - und noch einfacher ist es, Geringverdiener gegen Flüchtlinge auszuspielen - da hat man auch nichts zu verlieren, wenn man zu diesen Gruppen nicht gehört, was?
Da wehren sich die Wirtschaft und die Politik jahrelang gegen den Mindestlohn, sie gehen sogar her und bauen den Niedriglohnsektor aus, befeuern und unterstützen prekäre Beschäftigungsverhältnisse, dann wird ein halbherziger Mindestlohn eingeführt mit diversen Ausnahmen und jetzt kommt der Flüchtling und was wird gemacht? Der Kampf wird auf deren Rücken ausgetragen - heute war zu lesen, CDU stellt Mindestlohn für Flüchtlinge in Frage.
Mich widert es einfach nur noch an.
Und Sie, Herr Martenstein, machen da auch noch mit. Pegida, afd und npd freuen sich über diese Art der Diskussion.

Rein ökonomisch bedeutet Zuwanderung nicht nur mehr Angebot an billiger Arbeit ("mehr Frisöre"), sondern auch mehr Nachfrage nach billigen Gütern und Dienstleistungen ("mehr Haare schneiden"). Da arme Menschen mehr konsumieren als reiche Menschen, ist die Zuwanderung auf mittlere Sicht sogar ein Stimulus für die Wirtschaft und nicht nur eine Bedrohung. Dahingehend ist der Artikel recht einseitig.