Geld "Die mächtigste Erfindung der Menschheit"

Wenige können die Welt der Wirtschaft so gut erklären wie John Lanchester. Wir haben mit ihm über Geld gesprochen. Ein Interview von und

ZEITmagazin Nr. 37/2015

ZEITmagazin: Herr Lanchester, diese Woche erscheint Ihr neues Buch, Die Sprache des Geldes. Warum schreibt ein Schriftsteller ein Sachbuch über Wirtschaft?

John Lanchester: Ich will allen helfen, die zu wenig über Wirtschaft wissen, ihre eigenen Schlüsse zu ziehen.

ZEITmagazin: Warum sollten wir das tun?

Lanchester: Unsere Neigung, die ökonomische Debatte den Experten zu überlassen, ist gefährlich für unsere Demokratien. Für die Insider ist es fast eine religiöse Überzeugung, dass der Markt alle seine Probleme selber regelt. Das ist einfach nicht wahr. Es gibt zehn populäre Bücher, die Quantenmechanik erklären, aber praktisch keines, das aufzeigt, wie der Kapitalismus funktioniert. Das ist doch merkwürdig. Das entscheidende Hindernis ist die Sprache, die nichts mit der Alltagssprache zu tun hat. Man muss sie entschlüsseln.

ZEITmagazin: Was bringt das?

Lanchester: Nehmen Sie "Quantitative Easing", die Anleihekäufe der Europäischen Zentralbank. Damit will die EZB den europäischen Krisenstaaten helfen. Ich glaube ja nie an Verschwörungstheorien, aber der Begriff ist doch schon verdächtig. Er klingt so harmlos: "quantitative Lockerung". Als ginge es um Verdauungsstörungen. Eigentlich hätte EZB-Chef Mario Draghi sagen müssen: Wir haben gerade eine radikale neue Methode entwickelt, Geld zu drucken, ohne zugeben zu müssen, dass wir Geld drucken. Wir probieren das mal aus mit ein paar Hundert Milliarden Euro. Aber so hat er das eben nicht gesagt. Es ist harte Arbeit, herauszufinden, was die Finanzsprache wirklich meint.

ZEITmagazin: In Ihrem Buch schreiben Sie: "Die Leute hassen Ökonomie." Warum ist das so?

Lanchester: Ich glaube, sie haben Angst. Wir überlassen es lieber anderen, sich Gedanken über Geld zu machen: den Ökonomen, den Bankern. Wir wollen nicht wissen, wie das System funktioniert. Das liegt in der menschlichen Natur.

ZEITmagazin: Ist das schlimm? Wir wissen auch nicht, wie ein Auto funktioniert, und fahren es trotzdem.

Lanchester: In einer idealen Welt wäre es vielleicht nicht schlimm. Und bis zum Ausbruch der Finanzkrise hat auch kaum jemand Fragen gestellt. Aber dann haben wir die Erfahrung gemacht, dass wir diese Dinge nicht den Experten überlassen dürfen, weil die nur auf ihren eigenen Vorteil aus sind. Um die Welt der Wirtschaft zu durchschauen, braucht es nur gesunden Menschenverstand.

ZEITmagazin: Wie lange hat es gedauert, bis Sie die Sprache des Geldes beherrschten?

Lanchester: Ungefähr acht Jahre.

ZEITmagazin: Wie lernt man sie?

Lanchester: Indem man jeden Tag die Financial Times liest.

ZEITmagazin: Eine anspruchsvolle Wirtschaftszeitung voller Fachbegriffe.

Lanchester: Die Begriffe, die ich nicht kannte, habe ich im Internet nachgeschlagen. Das Wissen im Netz ist aber zu flach für komplexe Zusammenhänge. Man muss auch ein paar Fachbücher lesen.

ZEITmagazin: Wie ist das dann, wenn man auf einmal etwas von Wirtschaft versteht?

John Lanchester

53, ist in Hamburg geboren, sein Vater arbeitete dort kurzzeitig als Banker. Bevor Lanchester Schriftsteller wurde, war er Journalist. Sein Buch Warum jeder jedem etwas schuldet und keiner jemals etwas zurückzahlt von 2013 ist eines der verständlichsten Werke über die Finanzkrise. In Die Sprache des Geldes erklärt er die wichtigsten Finanzbegriffe, das Buch erscheint jetzt bei Klett-Cotta. Lanchester lebt mit seiner Frau im Londoner Stadtteil Clapham
 

Lanchester: Es ist, als hätte ich eine neue Brille: Die Welt sieht auf einmal anders aus. Wirtschaft ist nämlich gar nicht so kompliziert. Es geht um ganz normale Dinge. Zum Beispiel die Frage, wer deine Nachbarn sind. Meine Frau und ich leben im Süden Londons in einem ehemaligen Migrantenviertel. Als wir in den neunziger Jahren dorthin zogen, hat man diese Historie noch gespürt. Die Bevölkerung war ziemlich gemischt. Es gab sogar jemanden, der sein Geld verdiente, indem er über Bridge schrieb. Dann aber zogen immer mehr Banker dorthin. Alles wurde immer teurer. Geld entscheidet also darüber, wer im Haus nebenan wohnt. Das einfache Gesetz von Angebot und Nachfrage: Der Preis einer Ware steigt, wenn sie knapp ist. Wenn man sich lange mit Wirtschaft beschäftigt und dann glaubt, endlich etwas Wesentliches verstanden zu haben, stellt man allerdings fest: Ganz so einfach ist es meistens doch nicht. So viele angebliche Gewissheiten sind selbst unter Experten umstritten.

ZEITmagazin: Was haben Ihnen diese Erkenntnisse gebracht?

Lanchester: Ich kann heute viel besser dumme Fragen stellen. Und ich weiß jetzt, dass es in der Wirtschaft viele Mysterien gibt.

ZEITmagazin: Worüber haben Sie am meisten gestaunt?

Lanchester: Über die mathematischen Modelle, die vorhersagten, all die armen Leute, denen man in den USA vor der Finanzkrise Kredite für ihre Häuser gegeben hatte, würden diese ganz sicher zurückzahlen. Wie viel Geld diese Leute verdienten und ob sie vorher schon jemals einen Kredit zurückgezahlt hatten – das alles wurde gar nicht in die Rechnung einbezogen. Rein theoretisch wäre demnach das Risiko, dass die Kredite platzen, so klein gewesen, dass dies selbst in der zehnfachen Lebenszeit des Universums nicht eintreten würde. Sehr kluge Leute haben an so was geglaubt. Aber manches, was in Banken vorgeht, ist eben einfach verrückt.

ZEITmagazin: Was sollten wir alle unbedingt über Wirtschaft wissen?

Lanchester: Mein Lieblingsbeispiel: Fast jeder unterschätzt die Macht der Zinsen. Dass im Lauf der Zeit sehr große Summen herauskommen, weil man auf die gezahlten Zinsen ja wieder Zinsen kriegt. Das gilt für jede Art von Rendite, auch die von Aktien. Intuitiv können die meisten Menschen nicht richtig erfassen, was das bedeutet. Es gibt die Anekdote, dass amerikanische Ureinwohner den niederländischen Siedlern im 17. Jahrhundert die Halbinsel Manhattan für Waren im Wert von 24 Dollar verkauft haben – scheinbar lächerlich billig. Aber hätten sie das Geld mit sechs Prozent Zinsen angelegt, dann hätten sie heute genug Geld, um Manhattan zurückzukaufen. Außerdem sollte jeder verstehen, dass ein Staatshaushalt anders funktioniert als ein privater Haushalt. Viele denken, das müsste eigentlich das Gleiche sein.

ZEITmagazin: Was ist der Unterschied?

Lanchester: Wenn die Einnahmen eines Privathaushalts sinken, muss er seine Ausgaben kürzen. Beim Staat ist das nicht unbedingt so. Der berühmte Ökonom John Maynard Keynes hat das schön erklärt: Wenn ich einem Bauarbeiter Geld gebe, um eine Straße zu bauen, gibt er dieses Geld wieder aus, und davon profitieren andere. Das Geld zirkuliert in der Wirtschaft. Es verschwindet nicht einfach in der Grube, die der Bauarbeiter gräbt.

ZEITmagazin: Angela Merkel hat also nicht recht, wenn sie uns in der Krise immer wieder an die Vernunft der schwäbischen Hausfrau erinnert hat?

Lanchester: Angela Merkel ist eine sehr intelligente Person, die nicht an Ökonomie glaubt. Solchen Leuten begegnet man oft. Merkel denkt, es sei alles großer Mist, was Ökonomen behaupten. Ich glaube, das kommt daher, dass sie Naturwissenschaftlerin ist. In der Ökonomie gibt es eben nicht die eine Theorie, die alles erklärt.

ZEITmagazin: Merkel würde wahrscheinlich einwenden, dass sie sich auf die Ratschläge der Ökonomen nicht verlassen kann, weil die sich nie einig sind.

Lanchester: In der Londoner City erzählt man sich den Witz, dass die Ökonomen sieben der letzten drei Rezessionen erfolgreich vorhergesagt haben. Oder den, dass man fünf unterschiedliche Antworten bekommt, wenn man drei Ökonomen fragt. Es gibt unter Ökonomen keinen Mangel an Ansichten, die sich wild voneinander unterscheiden. Trotzdem hat man in vielen wichtigen Fragen der Wirtschaftspolitik einen Konsens. Etwa, wenn es um den Begriff Austerität geht, also das Sparen in schlechten Zeiten. Die große Mehrheit der Ökonomen argumentiert, dass es schädlich sei, in einer Krise die Ausgaben des Staates zu kürzen.

ZEITmagazin: Deutsche Ökonomen würden widersprechen.

Lanchester: Das ist richtig. Sie sehen viele Dinge anders als ihre Kollegen in den angelsächsischen Ländern.

ZEITmagazin: Haben Sie sich auch mit Ökonomen selbst auseinandergesetzt?

Lanchester: Ich kenne ein paar. Ein Freund von mir lehrt an der London School of Economics, er interessiert sich aber nur für die Lebensbedingungen indischer Kinder unter fünf Jahren – er forscht über die Ärmsten der Welt. Viele Ökonomen haben wie er einen ganz engen Blickwinkel. Die Wirtschaftswissenschaften sind wie das Orakel von Delphi, sie beantworten deine Frage, aber sie sagen dir nicht, was du tun sollst. Sie zeigen dir einen Rückspiegel, aber nach vorn siehst du nichts.

ZEITmagazin: Das alles hat Sie nicht verwirrt?

Lanchester: Ich versuche die vielen Meinungen zu reflektieren. Mein Buch ist der Baukasten mit den richtigen Werkzeugen dafür. Es kann dabei helfen, zu erkennen, wo man vorsichtig sein muss. Mir ist zum Beispiel klar geworden, dass in den theoretischen Modellen der Ökonomen Geld gar nicht vorkommt. Das ist ein Fehler.

ZEITmagazin: Warum?

Lanchester: Wir haben keine Ahnung, was Geld eigentlich ist. In der Literaturwissenschaft weiß man, dass jemand anfängt durchzudrehen, wenn er der Frage nachgeht, ob die Dramen von Shakespeare auch wirklich von Shakespeare verfasst worden sind. Genau so verhält es sich in der Welt der Wirtschaft mit der Frage nach dem Wesen des Geldes. Das ist ein Schwarzes Loch, man kann darin verschwinden und nie wieder auftauchen.

ZEITmagazin: Wenn man auf der Straße eine Umfrage machen würde, bekäme man aber wohl eine einfache Antwort: Geld ist das, womit ich meine Rechnungen bezahle.

Lanchester: Das ist die Funktion des Geldes. Es ist eben ein Zahlungsmittel und dient auch dazu, Wert aufzubewahren. Was Geld aber eigentlich ist, bekommen Sie nicht zu greifen. Es ist eine Fiktion, mit deren Hilfe wir unsere Gesellschaften organisieren. Es existiert nur, weil wir an seine Existenz glauben.

ZEITmagazin: Wie meinen Sie das?

Lanchester: Sehen Sie her (Lanchester zieht eine 20-Pfund-Note aus seinem Portemonnaie). Hier auf der Banknote steht: "Ich verspreche, dem Inhaber auf sein Verlangen hin die Summe von 20 Pfund auszubezahlen." Was soll das bedeuten? Ich halte die 20 Pfund doch bereits in der Hand. Die britische Währung ist wie die meisten anderen Währungen nicht mehr an Gold gekoppelt. Es gibt nur diese 20-Pfund-Note hier, nichts anderes. Der Rest ist Fiktion.

ZEITmagazin: Aber eine sehr wirkungsvolle.

Lanchester: Geld ist wahrscheinlich die mächtigste Erfindung der Menschheit. Es ermöglicht erst den Austausch von Gütern, der die Grundlage unseres Wohlstands ist. Aber es ist eine Fiktion, die auf Vertrauen beruht. In der Finanzkrise waren wir kurz davor, dass die Menschen das Vertrauen ins Geld verlieren.

ZEITmagazin: Was würde passieren, wenn das einträte?

Lanchester: Es würde sehr schwer werden. Aber ich glaube, wir würden am Ende an die Stelle des alten Gelds einfach neues Geld setzen. Es geht nicht ohne Geld.

ZEITmagazin: Das meiste Geld ist unsichtbar, es zirkuliert in unvorstellbar großen Strömen um die Welt. In Ihrem Buch erklären Sie, dass allein die Summe aller Derivate – also der von Aktien oder Rohstoffen abgeleiteten Finanzprodukte – die Leistung der Weltwirtschaft um das 66-Fache übertrifft. Das geht über die Vorstellungskraft hinaus.

Lanchester: Ja, es ist bizarr. Und obwohl Wissenschaftler immer wieder versucht haben, nachzuweisen, dass diese riesigen Märkte für die Gesellschaften von Nutzen sind, ist es ihnen nicht gelungen. Ich kann mich auch nicht daran erinnern, bei einer Wahl dafür gestimmt zu haben.

ZEITmagazin: Wäre das denn sinnvoll? Wir werden als Wähler in Deutschland auch nicht gefragt, ob Mercedes eine neue Limousine oder einen neuen Geländewagen bauen soll.

Lanchester: Es geht um den rechtlichen Rahmen für die Unternehmen. Man kann nicht von einem Tag auf den anderen eine erfolgreiche Automobilindustrie aufbauen. In der Finanzbranche funktioniert das. Das Kapital ist immer auf der Suche nach einem Ort, an dem es ungestört ist. Wenn man die staatlichen Vorschriften nur genug lockert, werden die Banken immer größer. Genau das haben wir in London in den achtziger Jahren getan.

ZEITmagazin: Es wurde auch einiges getan, um solche Auswüchse zu bekämpfen.

Lanchester: Aber nicht genug. Ich bin darüber enttäuscht. Es ist noch nicht so lange her, da musste die britische Großbank Barclays eine hohe Strafe bezahlen, weil sie die Märkte manipuliert hatte. Einen Tag nach Verkündung der Strafzahlung wurde ein Händler der Bank dabei erwischt, wie er die Märkte manipulierte. Das muss man sich einmal vorstellen: Das wäre so, als würde gegen Ihr Magazin ermittelt, weil Sie ein Zitat verfälschen – und einen Tag später verfälschen Sie wieder ein Zitat.

ZEITmagazin: Diese Vorgänge in der Finanzwelt sind so weit weg von unserem Alltag, dass sich bis heute viele Leute fragen: Was habe ich eigentlich mit der Finanzkrise zu tun?

Lanchester: Das ist ein Gefühl, das viele teilen. Ich habe mal im Radio ein Interview mit der Frau eines Feuerwehrmannes gehört, der auf dem Höhepunkt der Krise seinen Job verloren hatte. Sie sagte: Was haben wir falsch gemacht? Die Leute verstehen immer noch nicht, was eigentlich passiert ist. Sie sind sehr verwirrt.

ZEITmagazin: Sehen Sie die Lage jetzt anders, im Gegensatz zu früher?

Lanchester: Ich halte es für viel kritischer, dass die Banken und die Staaten sich so nahe sind und dass die Banken ihre Regeln selbst schreiben. Das hat mich schockiert und überrascht. Und die Euro-Zone hatte in diesem Jahrhundert praktisch noch kein Wachstum. Das mittlere Einkommen in den USA ist seit 40 Jahren gleich geblieben. Ich dachte, wir würden uns einmal größere Fragen stellen: Wie soll unsere Gesellschaft aussehen? Diese Diskussion gibt es nicht. Es wäre auch schön, wenn wir Geld irgendwann einmal wie Elektrizität betrachten könnten: als etwas, das sehr nützlich ist, aber nicht der Sinn des Lebens.

ZEITmagazin: Ihr Vater war Banker. Welche Rolle spielte Geld in Ihrer Familie?

Lanchester: Mein Vater war sehr altmodisch und hatte eine große Abneigung dagegen, über Geld zu reden. Er arbeitete für die Hongkong and Shanghai Banking Corporation. In den siebziger Jahren war das noch eine schläfrige Bank, nicht das internationale Unternehmen HSBC von heute. Sie funktionierte nach der 3-6-6-Regel: Man gibt 3 Prozent Zinsen, verleiht Geld für 6 Prozent und ist um 6 auf dem Golfplatz.

ZEITmagazin: War Ihre Familie wohlhabend?

Lanchester: Wir gehörten zur oberen Mittelschicht. Mein Vater ist wie ich in Hongkong aufgewachsen, seine Eltern emigrierten dorthin in den dreißiger Jahren. Nicht wegen des Wetters, sondern einfach weil es dort bessere Jobs gab. Alles sieht anders aus, wenn du es aus ökonomischer Perspektive betrachtest.

ZEITmagazin: Investieren Sie Ihr Geld jetzt geschickter?

Lanchester: Dafür habe ich leider nicht genug. Ich kann von meiner Arbeit leben. Das ist alles, worauf Sie als Autor hoffen können.

ZEITmagazin: Immerhin besitzen Sie seit 20 Jahren ein Haus in London, das für seine hohen Immobilienpreise berüchtigt ist. Um wie viel ist der Wert Ihres Hauses gestiegen?

Lanchester: Wahrscheinlich ... also, es hat sich versiebenfacht.

ZEITmagazin: Trotzdem wettern Sie in Ihrem Buch über den Immobilienmarkt.

Lanchester: Der Immobilienmarkt in London ist verrückt. Die Leute kaufen Häuser wie Kasino-Chips. Mein Vater sagte immer: Alles, was du brauchst, um ein Investment-Genie zu sein, ist ein kurzes Gedächtnis und ein steigender Markt. Viele Leute in London denken, sie sind Genies, weil ihre Häuser im Wert gestiegen sind. Aber irgendwann fällt er halt wieder. Wenn man die Inflation abzieht, sehen die Gewinne ohnehin nicht so großartig aus.

ZEITmagazin: Über Immobilien haben Sie Ihr bekanntestes Buch geschrieben: den Roman Kapital. Haben Sie dafür die Geschichte Ihrer eigenen Straße benutzt?

Lanchester: Ja, sie brachte mich 2005 auf die Idee, den Roman zu schreiben. Erst deshalb begann ich, über das Finanzsystem zu recherchieren.

ZEITmagazin: Das Buch erschien 2012 und war ein Bestseller. Die Ökonomie hat sich für Sie als Thema ökonomisch ausgezahlt.

Lanchester: Ironischerweise ja. Mein erstes Buch hat sich allerdings auch schon sehr gut verkauft, darin ging es um Essen. Wenn Sie mir vor zehn Jahren gesagt hätten, ich würde mal Sachbücher über Wirtschaft schreiben, hätte ich geantwortet: Sie sind verrückt. Als ich mit dem Roman anfing, habe ich dann darauf gewettet, dass es irgendeine Art von systemischer ökonomischer Krise geben würde. Das Buch hätte sonst keinen Sinn gemacht. Ich dachte aber nur an einen Crash des Londoner Immobilienmarkts. Dass eine weltweite Krise kommen könnte, hatte ich mir nicht vorstellen können.

ZEITmagazin: Sind Sie bei Ihrer Recherche zu den Finanzmärkten eigentlich auch auf etwas gestoßen, worüber Sie lachen konnten?

Lanchester: Als McDonald’s in den achtziger Jahren die Chicken McNuggets auf den Markt bringen wollte, gab es keine Futures für Hühnerfleisch – also keine Finanzprodukte, mit denen man die Preise langfristig absichern konnte. So wie bei Schweinen, Rindern oder Olivenöl. Also wusste die Firma nicht, wie sie planen sollte. Der Hedgefonds Bridgewater kam dann auf die Idee, Bauern Futures auf Mais und Sojamehl zu verkaufen, womit sie ihre Hühner fütterten. Dafür garantierten die Bauern den Preis der Hühner. Ohne die umstrittenen Hedgefonds gäbe es also keine Chicken McNuggets. Das ist eine Geschichte, die ich sehr gern mag.

ZEITmagazin: Wird Ihr nächstes Buch wieder von Finanzen handeln?

Lanchester: Nein, ich habe mir vorgenommen, nicht mehr über Geld zu schreiben. Außer, es fragt mich jemand. Und das tun ständig Leute. Ich soll dann immer etwas erklären. Worum es beim Libor-Skandal geht. Oder was aus Griechenland wird. All die Dinge, die nicht jeder versteht.

ZEITmagazin: Noch ein paar Jahre, und aus Ihnen würde ein richtiger Ökonom.

Lanchester: Ja, dann würde ich auf die dunkle Seite wechseln.

7 Kommentare

Geld ist eine soziale Innovation.
Es hat eine ganze Menge von Funktionen, die die Spezies Mensch zum Dominator auf diesem Globus gemacht hat. Produktion, Handel, friedlicher Austausch wären ohne Geld nicht möglich.
In der Gesellschaft hat es immer wieder Betriebsunfälle gegeben, wenn Geld - das Instrument - mißbraucht wird, wenn es seine positiven Funktionen in der Gesellschaft verliert - durch Missbrauch oder systemische Fehlentwicklungen.
Das englische Parlament hat hundert Jahre über ein Gesetz beraten, das englischen Grundbesitzern Hypotheken erlauben sollte, um die gesellschaftliche Stabilität nicht zu gefährden.
Ackermann hat in seiner Promotion Gedanken niedergelegt, wie Geld die Dominanz gegenüber dem Staat durchsetzt.
Geld ohne Kontrolle treibt die Menschheit in viele und auch in die ökologische Katastrophe.
Die Kontrolle über das Instrument ist längst verloren und die Spielfelder der Macht sind längst in Regie genommen.
Der Markt, den Geld möglich macht, hat sich auch vom Instrument zu einem Glauben entwickelt, bei dem Gesellschaft und die Politische Macht aus dem Blickfeld geraten sind.
Geld und Markt müssen endlich in den Kontext Macht, Herrschaft und Gesellschaft zurück gebracht werden.
Ökonomie - gleich welcher Richtung - als Leitfaden ist einfach zu wenig, um die Menschheit nicht weiter zur Plage für den Globus und sich selbst werden zu lassen.

Und es ist ein mächtiges Instrument

Ich denke ich werde in das Buch von Herren Lanchester mal reinschauen, man muss ja nicht allem zustimmen was er so sagt. Die Mechanismen und Zustände in der Wirtschafts- und Finanzmarktwelt allgemeinverständlich aufzubereiten ist wichtig und richtig, zu vielschichtig und undurchsichtig ist das alles geworden, selbst die verantwortlichen Politiker scheinen oftmals überfordert. Wir selbst produzieren kurze Erklärvideos zu solchen Themen, den Hedge-Fond Mechanismus der auch im Artikel hier angesprochen wird wird auch in unserem Filmchen über Nahrungsmittelspekulation erklärt, zusammen mit dem Punkt an dem der Vorteil von Hedgern (engl.: 'Absicherer') sich ins Gegenteil verkehrt: https://www.youtube.com/w...
Wir haben auch Erklärvideos über Ratingagenturen https://www.youtube.com/w...
und algorithmischen bzw. hochfrequenten Handel: https://www.youtube.com/w...

[Teil 2]
Zweitens die meisten Keynesianer wollen einen anti-zyklisch handelnden Staat, sprich während Rezessionen oder Wirtschaftlichen Schwächephasen übernimmt dieser einen Teil der Konsum und Investitionstätigkeit, dafür spart der Staat in den wirtschaftlich guten Phasen oder erhöht die Steuern.

Nur kann man bei Schulden die die Europäischen Staaten haben nicht davon ausgehen dass diese kurzfristig in wirtschaftlich guten Phasen zurückgezahlt werden können. Manche Ökonomen sind der Meinung dass dies irrelevante ist und trotzdem nach dem Keynesschen Modell vorgehen soll, während andere der Überzeugung sind dass dies nichts bewirken würde da man sonst nur Geld verbrennen würde ohne signifikante langfristige Verbesserungen.
Drittens ein großes Problem der Finanzmärkte ist die zunehmende Intransparenz der beteiligten sowie Zunahme von unregulierten Marktteilnehmern.

An sich gefällt mir der Artikel wobei er zwei größere Schwächen hat. [Teil 1]

Bei der Supprimekrise in den USA wurde durchaus damit kalkuliert dass die Schuldner ihre Tilgungen nicht mehr bezahlen können, nur war das lange Zeit nicht relevant da die Immobilie als Sicherheit gedient hat. Diese im Wert aber auch andauernd gestiegen ist, weswegen es für die Banken selbst, lange Zeit nur semi-relevant war in wie weit der Schuldner kreditwürdig war, weil Gewinne haben sie trotzdem gemacht.

Damit kommt man dazu dass diese Forderungen an andere Banken verkauft wurde und da sich das in kleinen Fällen nicht lohnt hat man diese zusammengefasst mit anderen Krediten, anfangs hat man noch darauf geachtet dass die Ausfallrisiken nicht zu hoch werden. Später hat man dies dann ignoriert trotzdem wurde das Ausfallrisiko dieser Papiere als viel zu niedrig eingeschätzt.
Irgendwann kam es aber dazu dass zu viele Häuser für die vorhandene Nachfrage auf dem Markt, war was zu massiv einbrechenden Preisen geführt hat, wodurch die Banken massive Abschreibungen vornehmen mussten und dass war dann der Anfang der Finanzkrise.

Wobei man dazu sagen sollte dass ich Banken in diesem Zusammenhang für alle unterschiedlichen Finanzdienstleister als Synonym verwendet habe, oft waren Teile des „Systems“ keine Banken (die bestimmten Regulierungen unterworfen währen) sondern Schattenbanken, Fonds oder Hypotheken-Gesellschaften.

Schade...

Schade, dass auch Herr Lanchester anscheinend unser Wirtschaftssystem nicht verstanden hat.

Sonst würde er nicht so unbedarft den begriff "Kapitalismus" verwenden.

(Und dass er Herrn Keynes noch für einen empfehlenswerten Ökonomen hält, lässt auch tief blicken; man lese nur: "Das Fiasko der Keynes'schen Wirtschaftslehre" von Hazlitt, 1960.)

Herr Lanchester redet vom "Kapitalismus".
Meint er damit die Marktwirtschaft - wie es die Linken tun?
Oder meint er den Korporatismus - wie es die Marktwirtschaftler tun?

Über unser heutiges Wirtschaftssystem, den Korporatismus, gibt es allerdings einige "populäre" Bücher:

Professor Murray N. Rothbards „Das Schein-Geld-System. Wie der Staat unser Geld zerstört“,
Roland Baaders „Geldsozialismus: Die wirklichen Ursachen der neuen globalen Depression“,
Thomas Woods “Meltdown: A Free-Market Look at Why the Stock Market Collapsed, the Economy Tanked, and Government Bailouts Will Make Things Worse”
oder Thorsten Polleits “Geldreform: Vom schlechten Staatsgeld zum guten Marktgeld“.

Wer diese Kritik am "Kapitalismus" - als Korporatismus(!) - kennt, kann mitreden.

Seit dem von der Finanzindustrie gesprochen wird, höre ich nicht mehr richtig hin.

Banken stellen nichts her und produzieren auch nichts. Dafür greifen sie aber im ganz großen Stil bei denjenigen ab, die tatsächlich produzieren, die tatsächlich eine Industrie sind.
Die ganze Sprache der Banker dient nur dem Verschleiern, Verstecken und Betrügen. Wer zum Beispiel würde auf solche Wörter wie negative Zinsgewinne kommen?

Das ärgert mich enorm.

Das mit den vielen Meinungen bei Ökonomen hat Lanchester ja bereits erwähnt. Wie soll man da die Ökonomen wirklich ernst nehmen, wenn sie meistens damit beschäftigt sind, zu erklären, warum es anders kam, als sie vorhergesehen haben.

Wir brauchen auf jeden Fall weniger von denen und mehr von Leuten, die tatsächlich anpacken. Wo man sehen kann, was geleistet wird.

Unsere Neigung, die ökonomische Debatte den Experten zu überlassen, ist gefährlich für unsere Demokratien.

Manchmal wünscht man sich fast es wäre so. Das Problem ist des öfteren, dass Hinz und Kunz über Ökonomie diskutieren wollen (im Prinzip gut) sich dabei aber von Fakten und Daten absolut nicht beirren lassen möchten (schlecht!).

Für viele handelt es sich scheinbar eher um eine säkulare Form der Religionskriege. Lanchesters Bemühungen lobe ich mir daher. Meine Hoffnung bleibt allerdings begrenzt.

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