Ich habe einen Traum Kamasi Washington

"Ich träume davon, dass meine Musik die Menschen aufgeschlossener macht"
Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 37/2015

Auch mein Vater war früher Saxofonist. Ein Jahr vor meiner Geburt war er auf Tournee in Ghana. Die letzte Station war Kumasi. Am Abend vor ihrem Abflug zogen mein Vater und ein Freund los, um die Stadt zu erkunden. Nach einer Weile verloren sie die Orientierung und irrten stundenlang herum. Es wurde dunkel. Allmählich wurden sie unruhig. Da kam ein Mann auf sie zu und sagte: "Habt ihr euch verlaufen? Ihr könnt hier bei uns bleiben. Morgen früh bringe ich euch zu eurem Hotel." Er gab ihnen zu essen und überließ ihnen das Schlafzimmer. Gastfreundschaft hat in den USA, besonders in meiner Heimatstadt Los Angeles, nicht unbedingt den höchsten Stellenwert. Mein Vater war so beeindruckt, dass er mich nach der Stadt nannte, in der er solche Menschlichkeit erfahren hatte. Damals gab es noch kein Google, deshalb heiße ich nicht genauso wie die Stadt.

Heute sind Informationen leichter zugänglich als je zuvor, alles wird global kommuniziert. Trotzdem verschließen die Menschen ihre Augen vor dem, was in der Welt geschieht. Das Licht ist an, aber wir stehen in der Dunkelheit. Ich träume davon, dass wir endlich unsere Augen öffnen und sehen, was wirklich los ist – als bewusste, selbst denkende Menschen. Das würde viele Probleme der Menschheit lösen, zum Beispiel das Problem des Rassismus in den USA.

Mich nennt vielleicht jemand schwarz. Andere bezeichnen sich selbst als weiß. Aber es gibt so etwas wie schwarz oder weiß nicht mehr. Wir werden mit Fehlinformationen gefüttert, die uns vorgaukeln sollen, dass wir ganz verschieden sind. Durch diese Ausgrenzung kann ich alles von mir schieben, die Konflikte anderer Menschen betreffen mich ja nicht. In einem Land verhungern die Menschen, aber es ist ja nicht mein Land. Ich sehe nicht hin, ich bleibe dumm.

Mein Großvater hat mir noch erzählt, wie ältere schwarze Damen die Straßenseite wechseln mussten, wenn ihnen ein weißes Kind entgegenkam. Wenn du es gewohnt bist, dass man dich "Nigger" nennt und dir ins Gesicht spuckt, zerstört das deine Seele – so sehr, dass manche Afroamerikaner sich selbst hassen.

Auch in meiner Wohngegend gab es starken Druck und viel Hass auf die eigenen Leute. Ich bin im Süden von Los Angeles aufgewachsen, einer rauen Gegend. Aber mit meinem Instrumentenkoffer war ich nahezu unantastbar, er bahnte mir einen sicheren Weg.

Die Musik hat mich beschützt. Und sie war immer meine Art, mich von den Verletzungen des Lebens zu erholen. Heute träume ich davon, dass meine Musik die Menschen offener, aufgeschlossener macht. Es gibt Musik, die man nicht hören kann, ohne ihre Botschaft zu empfangen. Du kannst die Botschaft ablehnen, aber du erhältst sie trotzdem. Wenn ich meiner Musik einen Zweck zuschreiben sollte, dann diesen. Es geht darum, die Menschen zu verändern. Denn Menschen verändern die Welt. Wenn mein Vater heute meine Musik hört, findet er darin den Geist von Kumasi.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

Kommentare

3 Kommentare Kommentieren