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Das war meine Rettung "Man sitzt in einem Zug, der vor über 30 Jahren losgefahren ist"

Ulrich Tukur zog sich zum Schreiben in die Einsamkeit zurück – und fand dort das Glück Ein Interview von
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 37/2015

ZEITmagazin: Herr Tukur, meine Muttersprache ist Französisch, für mich klingt Ihr Nachname wie eine Verballhornung von "tout court" ...

Ulrich Tukur: Der Name entspringt einer kuriosen Geschichte. Ein Teil meiner Familie hat während der napoleonischen Herrschaft im Rheinland gelebt. Ein Vorfahre von mir, ein Verehrer des Franzosenkaisers, wollte seinen neugeborenen Sohn mit dem Vornamen Napoleon anmelden. Der Beamte, ein französischer Offizier, fragte ihn: Napoleon, seulement? Nur Napoleon? Keinen anderen Vornamen? Und mein Vorfahre antwortete, Napoleon, tout court, tout court – ganz kurz, ganz kurz. So wurde es eingedeutscht aufgeschrieben: Napoleon Tukur. Dieser Name fand dann Platz zwischen Vor- und Familienname.

ZEITmagazin: Und wie kamen Sie zu dem Namen?

Tukur: 1981 drehte ich meinen ersten Kinofilm, Die Weiße Rose, mit dem Regisseur Michael Verhoeven. Mein eigentlicher Nachname ist kaum auszusprechen und wird immer falsch geschrieben. Verhoeven sagte: Du kannst dich nennen, wie du willst, aber dieser Name kommt mir nicht auf die Leinwand. Mein Vater hatte die Idee, auf den alten, inzwischen verschwundenen Familiennamen zurückzugreifen. Ich bin dann zu Verhoeven und habe ihm mitgeteilt, dass ich von nun an Napoleon Tukur heißen wolle. Da lachte er und fragte mich, ob ich noch ganz dicht sei, Napoleon komme überhaupt nicht in die Tüte: Behalt deinen Vornamen und nenn dich Ulrich Tukur.

ZEITmagazin: Wie fühlt es sich an, wenn man plötzlich einen anderen Nachnamen hat?

Tukur: Ich habe mich am Anfang unglaublich geniert. Ich war ja nichts, Schauspielschüler im zweiten Jahr, ein Künstlername erschien mir wie eine Hochstapelei. Dann ging die Karriere los, und ich bekam Flugtickets, Überweisungen und alles Mögliche auf den Namen Tukur ausgestellt, und der stand nicht im Pass. Irgendwann ging ich voller Verzweiflung auf die Behörde und sagte: Ich habe ein Problem – ich habe zwei Namen, und der eine, ein Künstlername, steht nicht im Pass, und ich kann nicht beweisen, dass ich das bin. Der Beamte sagte: Das können Sie nur eintragen lassen, wenn Sie von überregionaler Bedeutung sind. Da habe ich die Arschbacken zusammengekniffen und erwidert: Entschuldigen Sie, aber ich bin von überregionaler Bedeutung! – Wie heißen Sie denn? – Ulrich Tukur. – Ah, Sie sind ja der aus dem Theaterstück Ghetto . ..! Damit war das erledigt.

ZEITmagazin: Sie haben sich durch die Wahl Ihrer Rollen mit den Abgründen der deutschen Geschichte befasst. Was bedeutet es, sich in die Psyche von Erwin Rommel oder dem SS-Mann Kurt Gerstein hineinzubegeben?

Tukur: Ich versuche manchmal, über meinen eigenen Schatten zu springen. Man muss Ja zu einer Rolle sagen, wenn man sie gut verkörpern will. Für die Länge des Films bin ich der Anwalt meiner Figur und verteidige sie vor der Geschichte. Das heißt nicht, dass ich rechtfertige, was dieser Mensch getan hat. Das betrifft Rommel ebenso wie Gerstein.

ZEITmagazin: Sie spielen Theater, drehen Filme, sind Musiker. Bleibt da Zeit für Sie?

Tukur: Nein, zu wenig, das ist ein Riesenproblem. Ich bin Ende 50 und spüre den Abrieb der Jahre und dass ich mehr Zeit haben müsste, um wieder aufzuladen. Man sitzt in einem Zug, der vor über 30 Jahren losgefahren ist; am Anfang war das noch eine muntere, angenehme Reise, aber irgendwann fährt der Zug immer schneller. Und dann schaut man verblüfft um sich und merkt, dass man nicht mehr in der Lage ist, eine Wolke oder einen Baum als ein herrliches Wunder der Natur wahrzunehmen.

ZEITmagazin: Haben Sie es nie geschafft, sich eine Auszeit zu nehmen?

Tukur: Ich hatte in all den Jahren nur zwei Mal wirkliche Ruhe: als ich mein Buch über Venedig geschrieben habe und später meine surreale Novelle. Ich habe mich in die Natureinsamkeit begeben, nördlich von Florenz, auf einen Bauernhof in tausend Meter Höhe. Dort habe ich zwei Monate gesessen und geschrieben. Das war eine meiner glücklichsten Zeiten. Ich hatte das Gefühl, dass ich eine eigene Welt erschaffe und nicht fremde Projektionen erfülle und Dinge tue, die von mir erwartet werden. Es war ein Gang in die eigene Fantasie und in meine Vergangenheit, auf einmal habe ich mich an viele Dinge erinnert, die bis dahin wesenlos an mir vorüberglitten. Plötzlich ergab das alles einen Sinn, und ich fühlte, wie sehr die Dinge zusammenhängen. Das war wirklich eine tiefe Zeit, in der ich glücklich und bei mir war.

Das Gespräch führte Louis Lewitan. Er ist Psychologe und gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, Evelyn Finger und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

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Wie jetzt -- "Ich versuche manchmal, über meinen eigenen Schatten zu springen ... Das heißt nicht, dass ich rechtfertige, was dieser Mensch getan hat."? Und ich dachte immer, Christopher Lee hätte auch in seiner Freizeit gerne Blut gesaugt ... Natürlich müssen Schauspieler immer etwas verkörpern, das sie tatsächlich (moralisch, emotional, intellektuell) nicht sind. Darum geht es doch in dem Beruf, oder nicht?

Ich mag Ulrich Tukur sehr. Zuerst habe ich ihn im "Amen" von Costa-Gavras erlebt, später im Tatort, dann in den Werken "Rommel", "Solaris", "Der weiße Band". Er überzeugte mich immer, auch wenn das Drehbuch nicht ganz gut war oder der Film im Allgemeinen schwächer. Er hat irgendwie so eine Ausstrahlung, die einen in der Erinnerung bleibt. Eine angenehme Persönlichkeit.