Männer! Master masculinus

© Scott Harrison/Getty Images
DIE ZEIT Nr. 38/2015

Versprochen, keine Scherze über Frisuren oder Namen. Aber man muss Ausnahmen machen können. Die Vorstellung, dass ein kleiner Michael in einer Schule, sagen wir, in Rosenheim, beim Appell seinen Namen rausblökt und ruft: Kimmel! – und dann dieses kinderstimmige Kimmel-Pimmel-Hähä ... Süß. Natürlich nicht für Michael. Weshalb wir uns für ihn freuen, dass er nicht in Rosenheim, sondern in Amerika aufwuchs, wo er aber doch, einen Ozean von kindischen deutschen Sprachsauereien entfernt, sehr merkwürdig auf Fragen der Männlichkeit fokussiert wurde – Kimmel ist, entnehmen wir der New York Times, ein Soziologe, der seit über 40 Jahren versucht, die Merkmale der Männlichkeit zu erforschen.

Schwierige Sache. Was ist ein Mann? Was will er? Was will die Welt von ihm? Muckis? Powergestik? Glatze? Wuschel an ausgewählten Körperstellen? Tja, seit über 40 Jahren versucht Kimmel auf solche Fragen Antworten zu finden, und es ist tröstlich, aus der Perspektive einer Hamburger Zeitungskolumnistin, dass auch der 64-jährige Kimmel aus seinen Feldstudien eher verwirrt als erleuchtet aufgetaucht ist. Professor Kimmel ist ratlos, weshalb er jetzt einen Studiengang zu diesen Themen an seiner Stony Brook University in Long Island, New York, aufgemacht hat, ein Center for the Study of Men and Masculinities, an dem man in Zukunft einen MA wird erwerben können – Master masculinus.

Heikel natürlich. Nicht nur im Hinblick auf spätere Visitenkarten. Fragen nach Männlichkeit sind totales Tabu. Wie oft wurde an dieser Stelle die Fähigkeit des Mannes bewundert, einer Thematisierung von Männlichkeit auszuweichen. Männer beißen sich ja lieber die Zunge ab, als Genderfragen in Form von Männerfragen aufzuwerfen. Gelegentlich machen sie den Eindruck, als würden sie bei Leuten, die solche Fragen aufwerfen, auch gerne irgendwo reinbeißen. Genderfragen sind aus Männersicht eigentlich Empfindlichkeiten von Frauen über das, was Frauen machen oder können oder fühlen. Eine Political Correctness lässt Nachfragen nach dem Geschlecht von rasenden Piloten, besoffenen Fans, um sich schlagenden Ehepartnern wie an einem Neoprenanzug abflutschen, gar nicht zu reden von Nachfragen danach, wer sich öfter umbringt oder schweigt und dazu Bier aus der Flasche trinkt. Solche Fragen stellen im Prinzip nur Feministinnen, überhaupt leider immer mehr Frauen, was einige Männer in Verzweiflung stürzt. "Alles Scheiße bis auf Mutti" steht auf einer Postkarte, die mir geschickt wurde, sie zeigt einen mit Muskeln nach Power-Ranger-Art durchgerippten Body, nackt bis auf einen Tanga, auf einem Sofa, verquält am Daumen kauend, neben ihm, im Sesselchen, kleine Mutti in Puschen, strickend.

Männer wie Kimmel laufen Gefahr, gefragt zu werden, warum erst jetzt Maskulinitätsstudien und nicht früher. Sie werden schon vorsorglich in Schutz genommen. Es sei folgerichtig, dass Männlichkeit bislang kein Thema war. War nicht lange die ganze Welt einfach – Mann? Literatur ein Gebiet, auf dem die literarischen Werke von Männern betrachtet wurden? Kunstgeschichte im Wesentlichen die Geschichte von Kunstwerken, die Männer gemalt haben? Es kann Dr. Kimmel nicht freuen, wer ihm so zur Seite springt – Dr. Barbara Berg, Historikerin, auf ihrer Website präsentiert sie sich so: "Barbara Berg ist eine hochdekorierte Lehrerin, Autorin, Aktivistin, Beraterin und arbeitende Mutter."

Männer! Scheint so, als hätten sich Frauen mal wieder das Genderthema gekrallt, jetzt sogar das der Männer.

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Kommentare

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Wir reden bei den ganzen Gender-Diskussion von Anfang an in einem problematischen Graubereich. Wir sagen einerseits:
1. Männer und Frauen sind tatsächlich biologisch und daraus resultierend psychologisch als Gruppe unterschiedlich.
2. Sollten aber rechtlich, vor allem was ihre Grundrechte betrifft, gleichberechtigt sein, trotz dieser Unterschiede,
3. Wobei die Unterschiede - und jetzt kommt der rechtlich problematische Haken - individuell NICHT zu verallgemeinern sind. Also plumpes Beispiel, ein Mann kann total weinerlich sein und der andere hart wie Kruppstahl. Unser Recht ist dann vor Gericht immer ein Individualrecht, bzw. Urteile erfolgen im Einzelfall und nie generalisierend.

Zurück zum Artikel - keine Sorge, ich habe ihn gelesen - was nützen uns Gender-Studienfachrichtungen, außerhalb dessen, was durch die Biologie und Psychologie als harte Naturwissenschaften, gruppenübergreifend ausgesagt werden kann? Einzelfall-Gender-Studien, wie es Herrn Kimmel so geht als Mann?

Das sollte bitte mal jemand von den Gender-Studien-Vertretern sauber erklären können, bevor millionenschere Hochschulfakultäten hochgezogen werden.

"Männer beißen sich ja lieber die Zunge ab, als Genderfragen in Form von Männerfragen aufzuwerfen."

Diese Bemerkung ist nicht nur hochgradig stereotypisch (alle Männer werden über einen Kamm geschert) und wahrscheinlich auch sexistisch, sondern inhaltlich sehr fragwürdig:

Meiner Erfahrung nach äußern sich gerade manche Feministinnen sehr negativ über die Versuche, Genderthemen für Männer fruchtbar zu machen, und sehen darin gleich eine neue Form der Unterdrückung der Frau.

Eine weniger politisch motivierte Kritik an den Men's Studies ist, dass diese als eigenständiges Fachgebiet unabhängig von (breit verstandenen) Gender Studies wiederum die alte Frau-Mann-Unterscheidung zementieren.

Netter Witz....Gender ist noch immer ganz klar eine reine "Frauenforschung", oder können Sie mir auch nur eine Erkenntnis erläutern, welche klar ein Produkt der deutschen Gender studies ist?
Sicher nicht, denn es gibt bislang absolut keinerlei wissenschaftliche Erkenntnisse der deutschen Gender"wissenschaften". Genau null, nix. Just nada, absolute Leere.
Und "Genderforschung" ist heute eine reine "Frauenforschung".
Es gibt nicht einmal den Ansatz einer Forschung über Männer, ebenfalls absolut NICHTS!!
Die Gender studies können nicht einmal den Inhalt dieser "Studien" darlegen, weil da einfach nichts ist. Die sitzen während des "Studiums" einfach nur herum und fabulieren über Intersektionalität, und das ist auch schon der Höhepunkt...
Und nun einen Kimmel als Forscher über Manneranliegen darzustellen...einfach nur noch absurd. Da ist ja selbst eine Schwarzer Hardcore-Maskulist gegen...
Es wird immer heftiger und absurder in den Versuchen, Gender einen seriösen Anstrich zu geben..und dieser Artikel bewirkt das genaue Gegenteil der beabsichtigten Intention...
Die Kaiserin ist nackt, und sie wird es auch bleiben, denn die Kleiderkammer hat dicht gemacht....