Athen Das neue Berlin

Mitten in der Krise macht sich in Athen die nächste Generation auf, ihre Stadt neu zu erfinden. Von und

ZEITmagazin Nr. 38/2015

Wenn in den vergangenen Monaten von Athen die Rede war, ging es immer um die griechische Krise. Aber es gibt in dieser Stadt noch etwas anderes als schlechte Nachrichten.

Nicht zufällig erinnert Athen an Berlin, eine Stadt, die ebenfalls große Umbrüche hinter sich hat. In den Jahren nach dem Mauerfall genoss man dort große Freiräume, die junge Leute aus der ganzen Welt nutzten. Athen bietet ein ähnliches Bild – auch hier findet man mitten in der Stadt neben Hochhäusern etliche Brachflächen, in denen man Symbole einer möglichen Erneuerung sehen kann.

Wir wollten wissen: Wer sind die Kreativen und Abenteuerlustigen, die versuchen, in den Zeiten des Umbruchs neue Wege zu gehen? Deshalb sind wir in die griechische Hauptstadt gereist und haben junge Athener getroffen, die gerade dabei sind, ihre Stadt neu zu erfinden.

Wie zum Beispiel den Maler Panos Papadopoulos. Er hatte die Idee, leer stehende Hotels und Galerien von Künstlern bespielen zu lassen. Zusammen mit seinem österreichischen Kollegen Stefan Bidner hat er Ausstellungen von renommierten Künstlern wie Albert Mayer, Elisabeth Penker und Helmut Mark organisiert. Andere taten es Papadopoulos gleich, und mittlerweile erlebt Athen einen kleinen Kunstboom. 2017 wird die 14. Documenta nicht nur an ihrem traditionellen Austragungsort Kassel, sondern auch in Athen stattfinden.

In anderen Bereichen gibt es ebenfalls viele neue Ideen. Der Koch Kleomenis Zournatzis will die griechische Küche modernisieren, die Produktdesigner Thanos Karampatsos und Christina Kotsilelou spielen mit griechischen Traditionen. Der Architekt Zachos Varfis errichtet einen Skatepark für die Kinder aus seiner Nachbarschaft, außerdem einen Stadtgarten und ein Teehaus – alles auf einem verwahrlosten Anwesen im Herzen von Athen. So wird aus der Krise eine Chance.

Die für den 20. September angesetzten Neuwahlen beschäftigen die Athener, mit denen wir gesprochen haben, eher wenig. Die junge Generation scheint nicht mehr viele Hoffnungen in die Politik zu setzen. Das heißt nicht, dass unsere Protagonisten keine Zuversicht verspürten, doch speist sie sich eher aus dem Vertrauen in Nachbarn, Kollegen und Bekannte. In all jene, die sich, wie sie selbst, nicht aufgegeben haben.


PANOS PAPADOPOULOS, 39, Maler und Mitbegründer des Künstlerforums DaDa Da Academy

"Ich habe eine Zeit lang in Wien gelebt, aber bei meinen Besuchen in Athen spürte ich eine gereizte Energie in der Stadt, die mich zurück in die alte Heimat trieb. Ich finde, in so einer Stimmung ist es notwendig, dass Kunst stattfindet. Seit ich zurückgekehrt bin, habe ich auch als Kurator gearbeitet und über 50 Künstler aus Europa und den USA nach Athen eingeladen, um hier mit ihnen einen der vielen unbewirtschafteten Räume in der Innenstadt zu nutzen. Fast alle sind gekommen!"


NICHOLAS GEORGIOU, 45, Berater in der Modeindustrie und Stylist, und Vassilis Karidis, 40, Fotograf, haben das Modemagazin "Dapper Dan" gegründet

"Mitten in der Krise haben wir uns überlegt, der düsteren Stimmung etwas Positives entgegenzusetzen. Also haben wir ›Dapper Dan‹ ins Leben gerufen: das erste griechische 0M3agazin für Mode und Philosophie, das ganz in englischer Sprache veröffentlicht wird. Mittlerweile vertreiben wir es in 25 Ländern und haben ein Netzwerk aufgebaut, das es uns ermöglicht, außerhalb Griechenlands vielen Projekten nachzugehen."


THANOS KARAMPATSOS, 42, und CHRISTINA KOTSILELOU, 36, Produktdesigner und Gründer von Greece is for Lovers

"Vor zehn Jahren haben wir beschlossen, eine Firma für Produktdesign zu gründen. Unsere Inspiration sind griechische Bräuche und Klischees. Ein Beispiel: ›Kamaki‹ heißt auf Griechisch Haken, beschreibt aber auch Fischer, die Touristinnen verführen. Deshalb haben wir ein Martiniglas mit einem Haken gestaltet. Wir haben kein Vertrauen in die griechische Regierung, aber wir glauben an Athen. Hier kann man das historische Verständnis für Ästhetik an vielen Orten sehen – auch wenn man den guten Geschmack manchmal erst ein wenig suchen muss."


LAURA WILMOTTE-KOUFOPANDELIS, 26, Expertin für griechische Kunst beim Auktionshaus Piasa in Paris

"Seit zehn Jahren bin ich nur noch ab und zu in Athen, doch ich verspüre kein Heimweh. Wir Griechen sind ein Volk der Reisenden – eine Haltung, die ein großes Thema in der hellenischen Kunst ist. Viele griechische Künstler leben über die ganze Welt verstreut und sind gut integriert in fremde Künstlerkreise, ohne ihre griechische Identität verloren zu haben. Einmal im Monat komme ich nach Athen, um die Herkunft bestimmter Kunstwerke zu erforschen. Auf den vergangenen Reisen fiel mir eine Sache auf: Die Kunst scheint hier immer mehr zu florieren."


DIMITRIS PAPADOPOULOS,  32, Mitbesitzer des Concept Store Number 3

"In den vergangenen sechs Jahren mussten viele Modeboutiquen in Athen schließen. Unser Geschäft hat dieser Entwicklung getrotzt und ist stets gewachsen. Ich weiß auch nicht, warum das so ist. Wir haben viel ausprobiert. Online-Werbung zum Beispiel. Die Hälfte unseres Umsatzes kommt mittlerweile aus dem Online-Geschäft. Und wir verkaufen Avantgarde-Mode wie Comme des Garçons oder Raf Simons. Das macht in Athen sonst keiner. Große Verkaufsveranstaltungen sind nicht unsere Sache – wir versuchen, unsere Stammkunden zu pflegen."


THODORIS DIMITROPOULOS, 37, und SPIROS PLIATSIKAS, 36, DJ-Duo Amateurboyz

"Früher waren wir ein Paar. Wir liebten die gleiche Art von Dance-Musik wie Proto-House, Disco und No-Wave und haben im Jahr 2004 eher zufällig auf Privatpartys mit dem Auflegen angefangen. Die Gäste mochten unseren Stil, deshalb begannen wir bald darauf, Club-Nächte in Athen zu organisieren. Wir haben uns mondäne, aber längst vergessene Veranstaltungsorte gesucht, von denen es in der Stadt so viele gibt, und internationale DJs eingeladen. Das hat uns bekannt gemacht. In den vergangenen Jahren haben wir häufig in anderen europäischen Städten aufgelegt."


EVANGELIA KOUTSOVOULOU, 35, Gründerin des Gewürzhandels Daphnis and Chloe

"Ich habe in Italien studiert und als Journalistin gearbeitet. Immer wenn ich in Griechenland war, brachte ich von dort Kräuter mit zurück. Meine italienischen Freunde liebten die Gewürze von den griechischen Inseln. Sie baten mich, ihnen welche zu besorgen. Ich dachte mir, wenn selbst Italiener die Kräuter toll finden, werden es Menschen in anderen Ländern erst recht tun. Ich recherchierte und fand heraus, dass niemand griechische Kräuter von hoher Qualität exportierte. Also zog ich zurück nach Athen und baute meine Firma auf."


DIMITRIS, 36, und KONSTANTINOS KARAMPATAKIS, 33, Gründer des Architekturbüros k-studio

"Unser Traum ist, dass Athen sich wie Berlin entwickelt – eine Stadt, die sich neu erfunden hat und ihre kulturelle Vielfalt zeigt. Athen hat die Geschichte und das Potenzial dafür. Vor zwölf Jahren eröffneten wir unser Büro, heute haben wir 18 Angestellte. In gewisser Hinsicht hat uns die Krise sogar geholfen: Unser motiviertes, junges Team konnte leichter mit großen Büros konkurrieren, die mit hohen Kosten zu kämpfen hatten. Aber die Krise hält schon zu lange an, und unsere Bauherren haben in jüngster Zeit mehrere Projekte auf Eis gelegt."


GENEVIEVE MAJARI, 40, Rektorin der Mode-Akademie Fashion Workshop

"Vor ein paar Wochen ging ich mit meiner kleinen Tochter in einen Supermarkt. Dort sahen wir eine alte Frau, die zu weinen anfing. Sie sagte, sie weine um meine Tochter, die in einer finsteren Welt aufwachsen werde. So ein Drama! Bei Fashion Workshop begegnen wir der Krise pragmatisch: Normalerweise bieten wir auch Sommerkurse im Juni und Juli an. Doch diesmal bekamen wir viele besorgte Anrufe, die Eltern der Studenten befürchteten, die Kurse nicht bezahlen zu können. Jetzt haben wir den Unterricht erst mal auf September verschoben."


MARIAFLORA LEHEC, 35, Modedesignerin und Mitbegründerin des Labels SOMF

"Nach dem Modestudium am Central Saint Martins College in London wollte ich mein eigenes Label gründen. Deshalb sind mein Mann und ich zurück nach Athen gezogen. Meine Mode ist jugendlich und einfach zu tragen, und sie ist mit schwarzem Humor entworfen. Trotz der schweren Krise habe ich es nie bereut, wieder nach Athen gegangen zu sein. Denn ich liebe die Stadt – die Leidenschaft und den Wahnsinn, die langen Nächte, die immerwährende Party, die lauten Unterhaltungen und die tiefen Freundschaften, die ich geschlossen habe. All das ist für mich Heimat."


KLEOMENIS ZOURNATZIS,  39, Koch im Restaurant Cookoovaya

"Meine Eltern wollten, dass ich auf die Universität gehe, also studierte ich Politikwissenschaften. Doch ich empfand das Studium als zu abstrakt und zu weit entfernt von den wahren Problemen der Menschen. Also hörte ich auf und wurde Koch. Im Cookoovaya bereiten wir griechisches Essen auf moderne Weise zu. Uns ist wichtig, dass die Zutaten aus der Gegend kommen. Wir möchten unsere Interpretation der Küche unserer Großeltern international bekannt machen. Daher werden wir bald unser erstes Restaurant außerhalb Griechenlands eröffnen."


ARISTOMENIS THEODOROPOULOS, 27, Maler und Musiker

"Wer kauft heute schon Kunst? Viele meiner Freunde sind aus Griechenland weggezogen und haben auch mir dazu geraten. Aber ich möchte die Stadt nicht verlassen. Deshalb arbeite ich momentan in dem Bikerladen The Real Intellectuals und bemale Motorradhelme und Motorradtanks, um meine Kunst und meine Musikprojekte zu finanzieren. Ich male mehr als je zuvor, und nach einer schöpferischen Pause habe ich eine neue Band gegründet, Father Breath – wir spielen einen wütenden, aber zärtlichen Mix aus Elektro, Industrial und griechischer und osteuropäischer Volksmusik."


ZACHOS VARFIS, 37, Architekt und Initiator des Designprojektes Latraac

"Gemeinsam mit Freunden habe ich im ethnisch vielfältigen Viertel Kerameikos, das im historischen Stadtkern liegt, ein verwahrlostes Anwesen gemietet und gestalte es um: mit einer Skateboard-Rampe, die wir mithilfe digitaler 3-D-Technik geschaffen haben, und mit einem Stadtgartenprojekt. Auf dem Grundstück stehen noch Steinmauern, die Überreste eines Gebäudes aus dem 19. Jahrhundert. Innerhalb der Mauern bauen wir unsere Rampe. Wir möchten auch ein Teehaus im Garten eröffnen, um unser Projekt zu finanzieren und Workshops organisieren zu können."


IRENE KOSTAKI, 31, Reporterin bei der Nichtregierungsorganisation Vouliwatch

"Wir wollen dazu beitragen, dass politische Prozesse transparent sind. Mein Arbeitstag beginnt meistens damit, dass ich zuerst beim Büro des Premierministers vorbeischaue, um neue Geschichten aufzuspüren. Danach fahre ich zum Parlament. In den vergangenen Monaten gab es viele intensive Verhandlungen, da habe ich oft die Nächte durchgearbeitet. Ich hoffe, dass Athen die Krise überlebt – und dass sich bald etwas bessert. Es gibt einige historische Gebäude, die dringend saniert werden müssten, die in der Krise aber vergessen werden und verfallen."


ANTIGONE THEODOROU, 30, Performance-Künstlerin

"In den vergangenen zehn Jahren habe ich stets für wenig oder kein Geld als Künstlerin gearbeitet und nebenbei gejobbt – krankenversichert wurde ich von den Arbeitgebern schon gar nicht. Und das, obwohl ich immerhin zwei Universitätsabschlüsse habe. Das Fundament des Gebäudes, das wir Griechenland nennen, hat großen Schaden genommen. Doch die Sonne wird weiterbrennen. Wir brauchen keine Heizung in unseren Gebäuden. Der schöne Blick aufs Meer wird die Leere der hohlen, zusammenfallenden Mauern füllen, wenn kein Feuer ausbricht oder der Müll das Meer verdreckt."

5 Kommentare

Das ist natürlich ein "cooler" Ansatz.

Aber: Die Läden und Restaurants in denen die Hipster dann Geld verdienen und ausgeben müssen eben auch brav Ihre Steuern zahlen.

Athen hatte ja nie das Problem, dass dort zu wenig Geld ist, ich habe selten weniger Sportwagen in einer Stadt gesehen. Die Leute waren auch nie weg, Sie haben nur Ihr Vermögen ins Ausland gerettet und zahlen keine Steuern.

Gerade Kunst wird, so positiv dies auch gesellschaftlich besetzt ist, ein Anzeiger für Markt und Wirtschaft. Kunst und Geld gehören immer zusammen, da mögen die neuen Wilden noch so neu daherkommen.

Also es spricht nichts gegen ein neues Berlin des Südens, aber man kann in einer Stadt nur leben, wenn es halbwegs gerecht zugeht. Steuern sparen war ein Volkssport aller Bürger, nicht nur der Reichen, analog zu Deutschland. Nur habe ich, im Gegensatz zu Berlin, in Athen nie eine Quittung beim Essen etc. bekommen....

"Unser Traum ist, dass Athen sich wie Berlin entwickelt – eine Stadt, die sich neu erfunden hat und ihre kulturelle Vielfalt zeigt."

Relevante Kunst aus Berlin kann man inzwischen mit der Lupe suchen, der Ausverkauf städtischen Raums und auch der Kunstszene ist nach wie vor in vollem Gange. Ahnungslos derjenige, der sich das zum Vorbild nimmt.

Athen ist Klasse! Nachts ist die Stadt ein einziges Kunstwerk. Eine der wenigen Städte Europas in der ich mir vorstellen könnte zu leben. Die Athener übernehmen Eigenverantwortung und ziehen sich selbst aus dem Sumpf. Es ist immer wieder erstaunlich wie Krisen das Bessere aus den Menschen hervorbringen. Alles eine Frage der Einstellung. Eine Krise ist eben auch immer eine Chance.

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