© Petra Collins

Jugend "Die Kamera war meine Rettung"

Die kanadische Fotografin Petra Collins ärgert sich über die kitschige Darstellung junger Mädchen, die heute üblich ist – und hält mit ihren Bildern dagegen Von
ZEITmagazin Nr. 39/2015

Tränen, verlaufene Mascara, abgekaute Fingernägel mit Glitzerlack, Kugelschreibergekritzel auf dem Handrücken und immer wieder Smartphones – das sehen wir auf den Fotos von Petra Collins. Die Künstlerin zeigt Mädchen in alltäglichen, oft auch intimen Situationen – alleine oder mit ihren Freundinnen, manchmal melancholisch, manchmal kichernd.

Ihre Fotos haben Petra Collins sehr schnell berühmt gemacht. Wer ist diese junge Frau, und was will sie mit ihren Bildern sagen? Wir treffen sie in New York, der Stadt, in der die Kanadierin seit einiger Zeit lebt. Sie strahlt eine enorme Energie aus. Ihre Antwort kommt so prompt, als hätte sie auf diese Frage nur gewartet.

"Ich will die Wirklichkeit aus Sicht von Mädchen zeigen, nicht die geschönte Projektion auf sie. Wir leben nun mal in einer visuellen Welt. Deshalb sind solche Bilder wichtig. Denn wenn du dich selbst in der öffentlichen Welt nicht wiederfindest, dann fühlst du dich, als ob du nicht existierst."

Petra Collins ist gerade mal 22 und hat schon an einem Dutzend Ausstellungen teilgenommen, als Künstlerin sowie als Kuratorin. Sie fotografiert für große amerikanische Magazine wie den Rolling Stone und Vice. Sie hat eine T-Shirt-Kollektion entworfen, einen Dokumentarfilm gedreht und in diesem Sommer ihren ersten Bildband veröffentlicht. Die New York Times zählt sie zu den "Cultural Influencers" unserer Zeit, die Website Buzzfeed feiert sie als "Liebling der Kunstwelt". Sie hat mit ihren Bildern bereits zwei Skandale ausgelöst und überstanden, was ihr, wie das britische Magazin Dazed schrieb, den Ruf einer "Instagram-Provokateurin" beschert hat. In dem Sozialen Netzwerk folgen ihr rund 175.000 Menschen.

Sie zählt zur ersten Generation, die die Welt nicht ohne das Internet kennt, und sie sagt, dass sie der Digitalisierung auch ihren frühen Erfolg verdankt, "ohne das Internet wäre ich heute nicht da, wo ich bin". Doch an diesem heißen Augusttag in Brooklyn hat die digitale Künstlerin Petra Collins ein analoges Problem: Ihre Knie tun weh. Sie ist in das Studio einer befreundeten Fotografin gekommen, um sich von ihr porträtieren zu lassen. Plötzlich fasst sie sich an die Knie. "Ich muss immer aufpassen", sagt sie und erzählt, dass es ihr großer Traum war, Balletttänzerin zu werden, bis sie im Alter von 16 einen Sportunfall hatte. Die Kniescheiben sind seitdem wackelig. "Damals musste ich aufhören zu tanzen", sagt sie. Wie ist sie damit umgegangen? "Die Kamera war meine Rettung." Sie fing an, ihre Umgebung zu fotografieren, ihre Freundinnen, sich selbst – den Alltag von Mädchen in der Pubertät. Deren Gefühle, deren Hoffnungen, deren Ängste sind bis heute ihr Thema.

Den Blick auf all das, erzählt sie, hatte sie schon ein paar Jahre vorher entwickelt, unfreiwillig. "Ich war auf einer strengen russischen Ballettschule in Toronto. Als ich elf war, sagte meine Ballettlehrerin eines Tages über mich: ›Ihre Hüften sind zu breit, aus ihr wird nie eine Primaballerina.‹" Ein Schock. "Ist das nicht verrückt? Dabei war ich so ein dünnes Mädchen." Dieser Moment, sagt sie, habe dazu geführt, dass sie ihren Körper ständig mit dem anderer Mädchen verglichen habe. "Gesund war das nicht. Beim Ballett ist der Körper das Werkzeug, und wenn du nicht gut genug bist, schiebst du es auf deinen Körper."

Wie kommt es dann, dass sie heute für unsere Fotoaufnahmen ein rosafarbenes Ballett-Top mitgebracht hat, das sie auch gleich anzieht? Sie erzählt von Dreharbeiten ihres Dokumentarfilms, den sie gemeinsam mit ihrer zwei Jahre jüngeren Schwester Anna gedreht hat. Anna war auch im Ballettunterricht, ihre Kniescheiben haben gehalten, heute unterrichtet sie Tanz in Kanada. Gemeinsam mit einigen Freundinnen sind die Schwestern in den Süden der USA gefahren, um Mädchen zu porträtieren, denen eines gemeinsam ist: Sie tanzen, mal als Cheerleader in einer Big Band, mal auf Hip-Hop-Partys. "Wir hatten erwartet, dass es ihnen so geht wie uns damals", sagt Petra Collins. "Aber sie waren ganz anders, viel positiver und glücklicher mit sich selbst und ihrem Körper." Woran, glaubt sie, liegt das? "Die Teenager von heute wachsen mit anderen Rollenvorbildern auf als wir." Was ist jetzt anders? "Heute singt Beyoncé in ihren Hits ganz selbstverständlich ›Ich bin eine Feministin‹. Wir hatten damals die Pussycat Dolls. Und eine dämliche Blondine namens Jessica Simpson wurde uns Mädchen als Vorbild präsentiert."

Petra Collins mit ihrer Schwester Anna. Die beiden sind in Toronto, Kanada, aufgewachsen. © John Sciulli/Getty Images

Warum dann das Ballett-Top? "Nach der Arbeit an dem Dokumentarfilm habe ich darüber nachgedacht, was mir das Tanzen bedeutet hat, zum ersten Mal seit vielen Jahren. Tanzen war die erste Sprache, die ich beherrscht habe. Das Kostüm hilft mir, mich daran zu erinnern. Tanzen war mein Leben."

Ihr Leben. Aufgewachsen ist Petra Collins in Toronto, vor zwei Jahren ist sie nach New York gezogen. Ihr Vater war Anwalt für Strafrecht, später hatte er eine kleine Firma, aber viel Geld hatte die Familie nie, "meine Schwester und ich mussten früh unser eigenes Geld verdienen". War das ein Antrieb für sie, für ihren frühen Erfolg? "Vielleicht", sagt sie und überlegt einen Moment lang, bevor sie weiterspricht. Später, beim Abhören des Interviews, ist im Hintergrund das Rauschen der Klimaanlage zu hören. Es dauert eine ganze Weile, bis sie weiterredet. "Sie müssen wissen", sagt sie dann, "dass meine Mutter aus Ungarn kommt. Sie ist von dort geflohen, weil sie in den Westen wollte."

In den achtziger Jahren, Petra und ihre Schwester Anna sind noch nicht geboren, beschließt die Mutter, ihr altes Leben hinter sich zu lassen. Sie bucht einen Flug von Budapest in das sozialistische Bruderland Kuba, weil sie weiß, dass das Flugzeug in Kanada einen Zwischenstopp einlegt. Statt den Anschlussflug zu nehmen, stellt sie einen Einreiseantrag. "Sie konnte kein Wort Englisch, sie hat alles aufgegeben", sagt Petra Collins. "Ich bin ihr so dankbar dafür, dass ich alles daransetze, ihr zu zeigen, dass ihre Entscheidung damals richtig war."

Collins’ Mutter hat eine jüngere Schwester, der sie sich sehr nahe fühlt, obwohl zehn Jahre zwischen ihnen liegen. "Sie war für meine Tante mehr als nur eine Schwester, eher eine Art Mutter. Die Trennung war unglaublich hart für meine Mutter. Sie musste ja damals annehmen, dass sie ihre Schwester nie wiedersehen würde." Der Kalte Krieg war noch nicht zu Ende. "Deshalb hat sie mir später den Vornamen ihrer Schwester gegeben: Petra."

In Kanada lernt die Mutter ihren Mann kennen, sie heiraten, bekommen die beiden Töchter. Während Anna eine exzellente Schülerin ist, hat Petra Schwierigkeiten in der Schule. "Ich war der Problemfall. Ich konnte weder richtig schreiben noch lesen, ich war Legasthenikerin." Sie bekommt erst Sonderunterricht, dann wird sie in eine Klasse mit Kindern versetzt, die auch Lernschwierigkeiten oder Behinderungen haben. Das geht einige Jahre so, "ich weiß noch, dass ich mich die ganze Zeit gefragt habe: Was bin ich eigentlich wert?"

Nur im Tanzen ist sie gut, aber vielleicht ahnen ihre Eltern, dass man sich darauf allein nicht verlassen sollte. Petra Collins ist zehn Jahre alt, als sie eine Videokamera für Kinder geschenkt bekommt, mit der sie 30-sekündige Clips filmen kann. Sogar ein Programm zum Schneiden hat die Kamera. Sie filmt und filmt und filmt, und als sie nach dem Unfall nicht mehr zum Ballett gehen kann, kauft sie bei der Heilsarmee einen gebrauchten Fotoapparat und fängt an, ihre Umgebung zu porträtieren. Es ist nach dem Tanzen die zweite Sprache, die sie beherrscht.

Petra Collins ist digital aufgewachsen, aber sie fotografiert bis heute analog, auf Film. Wie kommt das? "Am Anfang hatte das einen einfachen Grund: Eine Digitalkamera hat 200, 300 Dollar gekostet, und das Geld hatte ich nicht. Einen Film entwickeln zu lassen kostete damals nur drei Dollar, das konnte ich mir leisten." Und heute? "Analog zu fotografieren ist wie Malen mit Licht. Ich liebe das."

Es ist eine interessante Entwicklung in der Welt der Fotografie, dass in den vergangenen Jahren viele ältere Fotografen von analog auf digital umgestiegen sind. Und jetzt kommt eine 22-Jährige und fotografiert ganz bewusst wie früher? "Man sehnt sich doch nach dem, was man nicht hat", sagt Petra Collins. "Klar, alles ist heute im Internet, gerade deshalb sehnen wir uns nach echten Dingen, die man fühlen und anfassen kann."

Die Schülerin Petra merkt, dass sie mit der Kamera ihr Werkzeug gefunden hat. Sie bewirbt sich bei einer Schule mit Kunstschwerpunkt – und wird wegen ihrer schlechten Noten abgelehnt. "Das war das einzige Mal, dass ich wirklich neidisch auf meine Schwester war", sagt sie heute. Als Anna sich etwas später auf derselben Schule bewirbt, wird sie sofort genommen.

Aber Petra Collins gibt nicht auf, später schafft sie es doch noch auf ein College, das auf Kunst spezialisiert ist. Sie fotografiert weiter, ihre Bilder schaffen es in erste, kleinere Ausstellungen, sie arbeitet als Assistentin für andere Fotografen. Und dann kommt der Moment, in dem ihr das Tanzen hilft, auf eine Art und Weise, mit der sie selbst nie gerechnet hat.

Eines Abends in Toronto geht sie mit Freunden aus. Wie so oft, wenn sie in Clubs ist, ist Collins die meiste Zeit auf der Tanzfläche – und dort tanzt plötzlich neben ihr der amerikanische Fotograf Ryan McGinley. Sie erkennt ihn sofort, McGinley, Jahrgang 1977, ist bereits ein Star in ihrer Welt, wurde in den USA zum "Fotografen des Jahres" gekürt, stellt weltweit in Museen aus, arbeitet für die Magazine, die sie liest. Auch Ryan McGinley liebt es zu tanzen, die beide kommen miteinander ins Gespräch. Sie stellt fest, dass er mit einem Bekannten von ihr liiert ist.

Am nächsten Tag besucht McGinley eine Gruppenausstellung, in der zufällig auch ein Foto von Collins zu sehen ist. Er macht ein Selfie mit ihrem Bild im Hintergrund und schickt es ihr. "Es endete damit, dass Ryan mich einlud, ihn auf einen Sommertrip durch Amerika zu begleiten", sagt sie. "Und diese Reise hat mein Leben verändert." Das war vor zwei Jahren.

Was Petra Collins an der Fotografie von Ryan McGinley besonders mag, ist sein Umgang mit dem Körper. "Durch Ryans Bilder ist mir klar geworden, dass man nackte Körper als etwas Selbstverständliches, Natürliches darstellen kann, ohne die Nacktheit auszustellen."

McGinley reist oft mit einer Gruppen von Freunden im Sommer durch Amerika, diesmal ist Petra Collins mit dabei. Die meiste Zeit sind sie in der Natur. "Zum ersten Mal ging es in meinem Leben nicht darum, wie man aussieht. Es ging vor allem darum, in der Natur zurechtzukommen. Auf der Reise habe ich Freiheit neu kennengelernt. Ich habe Dinge gemacht, vor denen ich immer Angst hatte, wie zum Beispiel aus großen Höhen ins Wasser zu springen. Es war herrlich. Es war wie Tanzen." Nebenbei beobachtet sie ihr Vorbild Ryan McGinley bei der Arbeit, "es war eine wichtige Erfahrung, ihm dabei zuzusehen, wie er sein Team geführt hat". Schließlich denkt sie: Ich kann das auch.

Nach der Reise trifft Petra Collins einige Entscheidungen. Sie beendet ihre Beziehung, in der sie sich schon lange nicht mehr frei gefühlt hat, wie sie sagt. Sie zieht nach New York, kuratiert Ausstellungen mit Bildern anderer junger Fotografen. Schon länger fotografiert sie für Rookie, ein Onlinemagazin für Teenager.

Die Gründerin Tavi Gevinson ist selbst als Teenager berühmt geworden, weil sie von ihrem Kinderzimmer in einem Vorort von Chicago aus so klug über Mode schrieb, dass Karl Lagerfeld sie nach Paris einlud. Heute lebt die 19-jährige Gevinson in New York. "Als ich Tavi Fotos von mir geschickt habe, um zu fragen, ob ich für Rookie arbeiten kann, war ich unsicher", erzählt Petra Collins. "Aber sie mailte mir sofort zurück, dass sie ein Fan meines Tumblr-Blogs ist." Seitdem sind die beiden Freundinnen, arbeiten zusammen und verstehen sich so gut, dass sie eine Weile sogar zusammen gewohnt haben.

Tavi Gevinson, Petra Collins und einige andere Frauen in ihrem Alter, unter ihnen die Schauspielerin Emma Watson, bekannt aus Harry Potter und heute UN-Sonderbotschafterin für Frauenrechte, gelten in den USA als Begründerinnen einer "New Feminism Wave". "Ich glaube, dass der Feminismus das Leben von allen verbessern kann", hat Tavi Gevinson der New York Times dazu gesagt, "Uns geht es darum, dass Mädchen besser mit sich selbst zurechtkommen, dass sie sich in einer Gemeinschaft aufgehoben fühlen."

Petra Collins möchte Facetten des Alltags und der Gefühlswelt junger Frauen zeigen, die, wie sie sagt, "normalerweise verdrängt und versteckt werden, die in der Öffentlichkeit einfach nicht stattfinden".

Ihr ist beispielsweise aufgefallen, dass in der Werbung für Haarentferner keine Haare gezeigt werden: "Ist das nicht absurd?" Wie reagiert sie darauf? Eines Tages postet sie ein Foto von sich selbst auf Instagram. Ihr Unterleib ist in einem Bikiniunterteil zu sehen, um die Hose herum ragt etwas Schamhaar hervor. Collins setzt den Hashtag #Bikini darunter – und löst eine Welle von Protesten aus, die schließlich so groß wird, dass Instagram ihren gesamten Account löscht.

Sie wird Thema in den Medien, in Talkshows wird kontrovers über sie diskutiert. "Ich habe diese Wirkung nicht erwartet, aber ich habe mich darüber gefreut", sagt sie. "Es ist doch gut, dass darüber endlich öffentlich gesprochen wird."

Petra Collins weiß, dass sie als Akteurin in dieser Welt nicht ganz ohne Widersprüche handelt. Vor dem Instagram-Skandal hat sie eine T-Shirt-Kollektion entworfen mit Bildern von masturbierenden und von menstruierenden Frauen. Auch mit dieser Arbeit will sie Bilder von Frauen zeigen, die normalerweise nicht gezeigt werden, "weil sie als eklig gelten". Die T-Shirt-Kollektion hat sie aber ausgerechnet für American Apparel entworfen, eine Modefirma, gegen deren Gründer Dov Charney wegen sexueller Belästigung ermittelt wurde und der daraufhin entlassen wurde. War das für sie kein Problem? "Ja, ich weiß, die Probleme mit Dov ...", sagt sie, "ich kann nur sagen, dass die Zusammenarbeit mit den Leuten, mit denen ich zu tun hatte, immer problemlos war und sie mich haben machen lassen."

Warum macht Petra Collins Werbung? "Ich kann mir damit mein Leben finanzieren. Aber es geht mir auch darum, möglichst viele Leute zu erreichen. Mir reicht es nicht, meine Bilder nur in einer Galerie zu zeigen, im Zweifel erreiche ich da ein Publikum, das ohnehin meiner Meinung ist. Das ist übrigens auch einer der Gründe, warum ich jetzt zum Film möchte, und ich meine nicht einen Indie-Film, ich meine Blockbuster!" Sie lacht.

Wenn man Petra Collins gegenübersitzt und ihr zuhört, auf der Couch des Fotostudios in Brooklyn, aschblonde Locken, grünblaue Augen, fällt einem nach einer Weile auf, dass sie oft "yeah!" sagt und gleich noch ein "yeah!" hinterherschickt. Es klingt wie ein Anfeuern, ein "weiter, weiter!", so als ob sie dann schneller zum nächsten Ziel kommt. Und das nächste Ziel ist Hollywood.

"Ich möchte einen Horrorfilm drehen", sagt sie. Einen Horrorfilm? "Das Genre fasziniert mich, weil die Regeln so klar definiert sind. Man kann sie benutzen, um sie zu brechen, um etwas Eigenes zu erzählen." Zwei Filme haben sie in letzter Zeit besonders fasziniert, It Follows, ein Horrorfilm, der von einem Fluch handelt, der sich beim Sex überträgt, und White God aus Ungarn, dem Heimatland ihrer Mutter. In White God wird ein Mädchen von ihrem Hund getrennt, woraufhin sich alle Hunde Budapests zusammenschließen und gegen die Stadt rebellieren. "Ich liebe diese Art Kino, es ist nicht wirklich ein Horrorfilm, aber ziemlich durchgeknallt."

Woher kommt ihre Liebe zum Kino? "Ich war 14, als ich Die Reifeprüfung zum ersten Mal gesehen habe, und wenn Dustin Hoffman unter Wasser taucht und du als Zuschauer das Gefühl hast, ganz nahe bei ihm zu sein: Das hat mich umgehauen. Ich dachte: Wow, in einem Film kann man Gefühle so darstellen." Zwei Jahre später, mit 16, sieht sie Paris, Texas von Wim Wenders. "In einer Szene fährt Harry Dean Stanton Auto, man hat ihn in einer Nahaufnahme durch den Rückspiegel gefilmt, und er weint. Das ist unglaublich gut." Sie fährt sich einmal durchs Haar, wischt die Locken beiseite. "Wenn ich jetzt an diese Szene denke, glaube ich, dass ich mich bei meinen Fotos der weinenden Mädchen davon habe beeinflussen lassen, unbewusst."

Petra Collins will es nicht beim Bewundern anderer Filme belassen. Sie hat einen Agenten in Los Angeles, sie überlegt, mit wem sie einen Stoff entwickeln möchte, und Schauspielerin ist sie seit Kurzem auch. Sie dreht derzeit die zweite Staffel der von der Kritik gefeierten amerikanischen Serie Transparent. Sie spielt Agnes, die Bassistin einer Band. "Wir sind etwas durchgedrehte Partygirls, also so ziemlich das Gegenteil von meinem Leben heute. Ich liege zurzeit abends lieber im Bett und sehe fern." Petra Collins bewundert die Regisseurin der Serie, Jill Soloway. "Ich beobachte sie während der Dreharbeiten, ich will genau wissen, wie sie das macht." Es ist dasselbe Prinzip wie bei Ryan McGinley und der Fotografie: Sie will von ihren Idolen lernen, um anschließend ihren eigenen Weg gehen zu können.

Dann klingelt ihr Handy. Ein Anruf? Eine Nachricht? Sie lacht etwas verlegen. Eine Nachricht von Etsy, der digitalen Kaufplattform für selbst gemachte oder Second-Hand-Produkte. "Ich habe mir ein Kissen bestellt, das wird gerade ausgeliefert", sagt sie und zeigt das Foto dazu: Das Kissen hat einen Smiley und einen Regenbogen. "Ich sollte nicht so viel Zeugs bei Etsy kaufen."

Kurz darauf wieder ein Klingelton, etwas tiefer als der erste. Diesmal ist es ihr Taxi, das sie bestellt hat. Sie muss gleich zum Flughafen, um nach Los Angeles zu fliegen. Sie wird die Sängerin Selena Gomez fotografieren. Eine Frage noch zum Schluss: Auf ihrem Instagram-Account dokumentiert sie viele sehr persönliche Momente ihres Lebens, mit Freundinnen oder allein, selbst wenn sie mit einem großen Pickel auf der Stirn aufwacht, retuschiert sie ihn nicht weg, sondern kommentiert ihn auch noch. Man sieht also sehr viel, nur eines nicht: Jungs. "Ich glaube, dass auch viele junge Männer heute mit großen Problemen aufwachsen", sagt sie, "weil sie sich fragen, was heute eigentlich männlich ist, und ob sie diese Frage überhaupt weiterbringt. Aber ich kenne mich damit nicht aus, deshalb kommt es in meinen Bildern auch nicht vor." Auch ihr Freund, sagt sie, ist nie zu sehen. "Ich liebe ihn, aber wir machen auch nie Pärchenfotos, die will doch in Wahrheit niemand sehen außer dem Paar selbst." Dann springt sie auf, die nächste Station, Hollywood, ruft. Freut sie sich auf die Tage in Los Angeles? "Yeah! Yeah!", sagt sie, fasst sich kurz an die Knie und prüft, ob alles okay ist .

Kommentare

7 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

merkwürdige aussagen der künstlerin!
nicht nur dass es fraglich ist ob anstatt der pussycat dolls eine gewisse jessica simpson (wer ist das?) als vorbild präsentiert wurde, ein satz wie "Ich will die Wirklichkeit aus Sicht von Mädchen zeigen, nicht die geschönte Projektion auf sie." baut einen gegensatz auf den es in wirklichkeit nicht gibt.
darüber hinaus fragt man sich beim betrachten der bilder ohnehin ob die politische bedeutung die ihre photos haben sollen nicht doch nur anbiederei an ein spezielles publikum bzw. eine aufwertung der eigentlich recht trivialen photos ist....

Warum ist diese junge Dame ein "Hype", eine "Ikone"? Wohl kaum wegen ihrer Fotos, welche nicht schlecht sind, aber bei weitem auch nicht sensationell. Die Antwort geben vielmehr all die Autoren, die mit solchen Attributen um sich werfen. Denn ohne "Hype", "Ikone" fällst du in der Welt des bunten Getöses kaum auf. Und ohne dieses Getue bekommst du auch keinen Platz für deine Zeilen - vor allem nicht auf den Seiten, wo jeden Tag eine neues Geschöpf durchs Dorf getrieben wird.

Petra Collins und das 'Malen mit Licht'. Es herrscht Ratlosigkeit in der Feminismusdebatte. Es wird gesucht und gesucht und nicht gefunden. Sie lebt in einer Metropole in der der Begriff der Schönheit anders gelebt, vermittelt, erfahren und verstanden wird als beispielsweise in der ostasiatischen Kultur. Verschiedene Ästhetikkonzepte sind wichtig. Sie zu nutzen und über sie Bescheid zu wissen noch mehr um sich einem Dialog auf passende Weise zu widmen.

“Die tägliche Erfahrung lehrt, daß diejenigen, welche viel reisen, an Urteilskraft gewinnen; daß die Gewohnheit - fremde Völker, Sitten und Gebräuche zu beobachten, den Kreis ihrer Ideen erweitert und sie von manchen Vorurteilen befreit.”

— François Piere Guillaume Guizot

..dann klappt's auch mit dem Selbstwertgefühl.