Harald Martenstein Über erlaubte und unerlaubte Beleidigungen

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ZEITmagazin Nr. 40/2015

Vor ein paar Wochen hat der bayerische Innenminister in einer Talkshow die Formulierung "ein wunderbarer Neger" verwendet, er erntete dafür viel Kritik. Das Wort mit N wird heute als rassistisch empfunden, jedenfalls von den meisten. Der Sänger Roberto Blanco, den Herrmann mit diesem Wort belegte, findet es nicht rassistisch. Er war folglich auch nicht beleidigt. Der Minister hätte es sich einfacher machen können, wenn er Roberto Blanco einfach als einen Hund bezeichnet hätte. Die Formulierung "A Hund is er scho" gilt im bayerischen Sprachraum eindeutig als Lob, der Satz bedeutet, jemand sei ein liebenswertes Schlitzohr.

Ähnlich ist es in Schwaben mit dem derben Wort "Arschloch". Dazu hat vor vielen Jahren ein baden-württembergisches Gericht ein Grundsatzurteil gefällt: In Schwaben gilt dieses Wort nicht als Beschimpfung, vor allem nicht, wenn es mit dem Adjektiv "alt" versehen wird. Daraufhin eröffnete der Staatsrechtler Theodor Eschenburg das Wintersemester 1958 an der Tübinger Universität unter dem Jubel der Studenten mit dem Satz: "Ich sage nur: Arschloch."

Juristisch bestens abgesichert ist auch das schwäbische Wort "Seggl", das man vielleicht mit "Drecksack" übersetzen könnte und ähnlich verstanden werden muss wie der bayerische "Hund". Der Ulmer Oberbürgermeister Ivo Gönner hat einen Bürger als "Seggl" bezeichnet, die Staatsanwaltschaft stellte das Verfahren ein. "Drecksack" sei auf baden-württembergischen Gebiet kein beleidigendes Wort. Falls also demnächst ein Politiker im Remstal oder auf der Alb neu ankommende Migranten dunkler Hautfarbe mit dem Satz begrüßt: "Ihr sen alde Arschlöcher ond Seggl, ond mir hoisset eich willkomma", dann handelt es sich nicht um eine rassistische Beleidigung, sondern um typisch schwäbische Herzlichkeit.

Von einiger Zeit habe ich mich in Heidelberg mit einem Professor unterhalten. Der Professor erzählte, dass er mit Kollegen über den US-Präsidenten Obama diskutiert habe. In dem Gespräch habe er sagen wollen, dass Barack Obama ja eigentlich kein Schwarzer sei, denn er sei als Kind einer weißen Mutter in einer weißen Familie aufgewachsen, irgendwie spielte dieses Faktum in dem Gespräch eine Rolle. Der Professor habe aber nicht gewusst, wie er es ausdrücken sollte, das Wort "Mulatte" gelte ja als rassistisch. Das Wort "Mischling" komme ihm ebenfalls problematisch vor, weil es ja auch für Hunde verwendet werde – in Bayern geht "Mischling" vielleicht. A Mischling is er scho. Es gebe für Menschen mit einem hell- und einem dunkelhäutigen Elternteil kein über jeden Zweifel erhabenes Wort, man müsse es langatmig umschreiben, seufzte der Professor. Sprache solle doch, im Idealfall, knapp und präzise sein.

Dies ist ein wachsendes Problem bei der politischen Korrektheit, wenn nämlich Wörter schneller abgeholzt werden, als vonseiten der politisch Korrekten neue Wörter nachwachsen. Bei einem Wald würde man sagen, da wird nicht nachhaltig gewirtschaftet. Das Mindeste, was man verlangen kann, ist ein Wörterbuch, in dem gutwillige, aber in sprachlichen Nuancierungen nicht so bewanderte Menschen nachschlagen können, wie sie sich beleidigungsfrei ausdrücken – eine schöne Aufgabe für den Dudenverlag. Könnte das nicht eine der vielen Genderprofessorinnen machen? Da würden die Kritiker gleich eine viel bessere Meinung von der Nützlichkeit dieses Fachs haben.

Der ideale Mensch wäre natürlich ein Mensch, der über unabsichtliche Beleidigungen großzügig hinwegsieht und generell nicht allzu schnell eingeschnappt ist.

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels.

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29 Kommentare

Für alle Fälle Fitz ...
Kennen Sie den Halbbruder des berühmtesten Toren der "abendländischen" Kultur? Er hat den gleichen gesellschaftlichen Rang wie jener Parzifal, ist Sohn des Königs Gahmuret und der schwarz-muslimischen Königin Barbecane - und heißt "Feirefiz" (Buntsohn). In Wolfram von Eschenbachs Gralsepos ist die Abstammung deutlich beschrieben: Auf der Haut gescheckt tritt Feirefiz entgegen, halb schwarz, halb weiß - später Ehemann einer Gralshüterin, somit allen rassistisch Deutschdümmelnden (angeblich blutsmäßig "reines" Mittelalter) verhaßt und deshalb - weggelassen. Dabei wimmelte es von "natürlichen" Kindern, im England der Fitzroys, Fitzgeralds, Fitzsimmons schon am Namen erkennbar (Frankreich: Beaufils, Monfil). Wie - Rittermärchen für literarische Eliten sollten uns was bieten?! Potz Fitz, unsere Kultur ist ein riesengroßer Mischmasch von Begegnungen (und nicht Martern aller Arten) - und hat uns ein Reservoir an "unbelasteten" Wörtern hinterlassen. Selbst Karle (triebgesteuerte Kerle, wortwörtlich) und Frauken (kleine Hausdrachen) könnten daraus lernen, daß "Deutsche" immer integrierendes Volk sind (darum keine "Deutschinnen") - sofern die geltenden Rechtsordnungen eingehalten sind und darüber volkssprachig verhandelt werden kann. Halfdan, Halbthuring, "Halbblut" (K.May), "half-blood" (J.K.Rowling) - diskriminierende Bezeichnungen für "halbe" Personen, einseitig, ohne Akzeptanz der Mischung. Unseren Herkünften nach sind wir jedoch alle "Fitz".

Sehr geehrter Herr Martenstein,
Ihre Forderung nach einem Wörterbuch der politisch korrekten Sprache für Unbedarfte ist gut gemeint aber auch naiv. Denn das Ziel ist ja die Sprachlosigkeit , das Schweigen oder um bei ihrem Bild zu bleiben, wenn kein Wald mehr da ist, so kann auch keiner mehr holzen. Doch auch das ist ein Trugschluss, denn was bleibt, ist das Unterholz, und dort tummeln sich –wie wir wissen - vor allem an Montag Abenden die Unterholzer sowie in den asozialen Netzwerken. Die Forderung nach politisch korrektem Ausdruck gilt nicht dem Unterholz, denn das ist eh verloren, sie gilt auch nicht den Unbedarften; sie gilt Leuten wie Ihnen, die sich unbedarft geben und als Waldschützer aufführen. Es sehen sich aber andere in der Rolle der Förster, denen die Entscheidung obliegt, ob nun ein Baum krank ist oder nicht. Das ist das Dilemma.

Das Wort "Seggl" wurde mir aber anders erklärt: Die schwäbischen Uhrmacher, Gold- und Silberschmiede hatten an jeder Werkbankkante ein Säckel angebracht, in das sie ihre Metallreste hineinschoben, damit sie nicht in den Abfall gelangten (schwäbische Sparsamkeit). Eine Person, wahrscheinlich ein Lehrling, hatte die Aufgabe, die (teilweise wertvollen) Metallreste auseinander zu sortieren, damit man sie evtl. einschmelzen und wieder verwenden kann. Wenn er dabei Fehler machte, hatten die Schwaben sicher genügend Schimpfwörter, um ihn zu tadeln, darunter eben auch "Seggl".

Gemeint war damit also, dass er nicht dem wertvollen Metall entspricht, sondern dem wertlosen Säckel. Sehr bös klingt das trotzdem nicht.

Hach, da kann ich dem Herrn Martenstein ja mal ein Kompliment machen - der alte Spacko. ... Also bei uns ist das überhaupt nicht beleidigend. Wovon reden sie nur?

Das Problem des Profs ist übrigens relativ leicht zu lösen. Zunächst person of color, gefolgt von of caucasian and african descent, für letzteres ist die deutsche Übersetzung gut brauchbar. Zu lang? Lachhaft. Es ging ihm doch um Präzision.

....und wenn ich was gegen Anglizismen habe?
"Afrikanische Abstammung" lautet die Übersetzung von "african descent", also müsste ich sprach-politisch korrekt von einer "Personen afrikanischer Abstammung" sprechen oder schreiben?
Ich müssten sprach- und genderpolitisch z.B. schreiben: "Unter den Migrantinnen und Migranten waren viele Personen afrikanischer Abstammung, die von den Bürgerinnen und Bürgern und Politikerinnen und Politikern herzlich empfangen wurden. "

"person of color"

Das Karussell dreht sich weiter.
Der Mohr wird zum Neger, dieser zum Schwarzen, zum Farbigen, zum Afro-Irgendwas und jetzt zur Person of Colour.

Vielleicht ist nicht der gerade als politisch unkorrekt erklärte Ausdruck das jeweilige Problem, sondern die Denkweise. Wenn ich jemanden als Person ernstnehme und als gleichwertig betrachte, ist es völlig egal, ob ich ihn als Neger bezeichne. So wie es mir egal ist, ob ich als Deutscher, German, Saksa, Allemand oder Niemcy genannt werde. Oder von mir aus Hun, Kraut oder Boche. Alles schon gehört. Nix davon hat mir irgendwie berührt.

Wenn jemand dunkelhäutig, mutmaßlich subsaharisch-afrikanischer Abstammung ist, und unangemessen behandelt wird, und wenn dieser Jemand Grund hat anzunehmen, dass diese Behandlung mit seiner Hautfarbe zu tun hat, dann nützt es ihm absolut nichts, wenn diejenigen, die ihn nicht so achten, wie man das mit seinem Mitmenschen tut, ihn auf einmal poc nennen.

Und deshalb wird sich das absurde Namenkarussell immer weiter drehen.

Meines Wissens nach ist poc der zur Zeit weithin akzeptierte und selbsterwählte Ausdruck. Natürlich ist die Denkweise und die daraus resultierende Handlung das Problem. Bezeichnungen wie diese sind aber weiterhin notwendig, allein um über z.B. Rassismus sprechen zu können - um somit Denk- und Handlungsweisen sichtbar zu machen und zu ändern.

Schön, dass die Bezeichnungen Hun oder Kraut Ihnen egal waren. Sie wissen das Folgende vermutlich schon, ich schreib's zur Sicherheit für den Rest: Dies hat aber nicht zwingend eine Bedeutung für das Reden über Rassismus, denn Rassismus am eigenen Leib zu erfahren ist mehr als eine Bezeichnung. Die Kombination aus der Bezeichnung (die eine nicht ignorierbare Geschichte haben kann) und der Erfahrung der Benachteiligung und/oder Unterdrückung durch die "Mehrheit" ist, was Rassismus ausmacht. Ich unterstelle, dass Sie nicht eine Erfahrung, etwa, der ständigen Mikroaggressionen aufgrund Ihres Deutsch-Seins gemacht haben. Daher hat Ihr Bericht keine Bedeutung für das Reden über Rassismus.

Die nächste Spirale der political correctness oder vermeintlicher Diskriminierungen, die es zu bekämpfen gilt, schwappt schon - natürlich - aus den USA herüber (zeigt sich auch in Ihrer Stellungnahme): Da ist dann von Microaggressionen die Rede, es müssen "safe space" geschaffen werden. Und um ja kein ungutes Gefühl aufkommen zu lassen, müssen allenthalben "vorher" Triggerwarnungen ausgesprochen werden. Und über allem schwebt natürlich "das Böse" an sich, der WHM, der weiße heterosexuelle Mann, d a s Feindbild des Gender-Feminismus.

Ihr Kommentar ist geradezu lachhaft und nur ein Aspekt soll hier richtiggestellt werden, denn der Rest ist Aluhut. Triggerwarnungen dienen nicht der Vermeidung von schlechten Gefühlen. Denn unkontrollierte Flashbacks, die dafür sorgen, das für die betroffene Person der Tag oder die Woche gelaufen ist, sind keine "schlechten Gefühle" sondern vermeidbares Symptom einer Krankheit, also PTBS oder verwandte. Daher ist es einfach höflich, seine Inhalte entsprechend zu kennzeichnen.

Zumeist geht es bei der hiesigen "Diskussion" um Seminare/Vorlesungen und die Tatsache, dass die Lehrenden keine Lust haben, sich mal 10 min mit einer Liste von Triggern hinzuhocken und ihre Seminarinhalte entsprechend zu kennzeichnen. Stattdessen ist dann von "provozierenden Inhalten" die Rede. Alles bla, geistige Faulheit und Ego. Im Fall von Wahlpflichtveranstaltungen könnten dann die Betroffenen entsprechend wählen, bei Pflichtseminaren ist das ein Fall für Alternativinhalte. Betroffenen abzusprechen, ein Studium o.ä. aufzunehmen, ist im Übrigen keinesfalls eine Lösung: Erst haben sie ein Trauma erlitten, dann sollen sie in der Rush-Hour ihres Lebens ausschließlich eine Therapie machen?

Aus dem von Ihnen verlinkten Artikel:
"Shield them from unfamiliar ideas, and they’ll never learn the discipline of seeing the world as other people see it."
Erstens: Author, heal thyself.
Zweitens: Ich behaupte, dass Betroffene die Ideen sehr gut kennen ... in der deutschen Diskussion ging es im Übrigen um im Studienverlaufsplan genannte Lehrveranstaltungen, nicht Vorträge von Externen.

Mehr möchte ich nicht konkret zu externen Quellen schreiben - ist ja schließlich die ZON Kommentarspalte hier.

"Ich unterstelle, dass Sie nicht eine Erfahrung, etwa, der ständigen Mikroaggressionen aufgrund Ihres Deutsch-Seins gemacht haben."

Erstens: Doch, habe ich, allerdings dauerte das nur etwa vier Monate.

Zweitens: Naja, wenn wir jetzt alle brav person of colour statt Neger sagen, wird die Mikroaggression bestimmt aufhören.

Drittens: Wie lange wird's wohl dauern, bis poc durch etwas anderes ersetzt wird?

Ad 1: Sie wussten dabei, das und wann Sie aus dieser Situation wieder heraus kommen? Das macht einen gewaltigen Unterschied. Waren Sie auf den ersten Blick als Deutscher/"Fremder" zu erkennen? Oder "passing for"? Auch ein Unterschied.

Ad 2: Schon im ersten Absatz des ersten Kommentars, der sich auf Ihren Kommentar bezog, behandelt.

Ad 3: Keine Ahnung, ist mir auch egal. Sprache ändert sich halt, dadurch ist unsere Kultur schon immer und noch nie untergegangen.

Ein sehr schöner Artikel. Ich habe in den USA das Wort 'coloured people' benutzt, wirklich in dem Glauben, dass es unverfänglich ist, ist es aber nicht. Es wird als rassistisch wahrgenommen. Ein Grammatikfehler wird bei einer Fremdsprache selbstverständlich toleriert, ein unbewusster Griff in die falsche Wortkiste nicht. Es geißt black, was bei mir wiederum schief klingt. Tja, und die 'Mischlinge'- da git trotz aller sprachlichen Übervorsicht in den USA wohl noch die one drop Theorie- hast du einen Tropfen schwarzes Blut in dir, dann bist du schwarz.

Wörter können, auch ohne bewusst als Beleidigung formuliert worden zu sein, den Verwender entlarven, beispielsweise als ignorant oder rassistisch - so wie im Fall des wunderbaren Negers. Und als jemand mit Interesse an Sprache kann ich mich über solche Worte aufregen oder lustig machen. Warum gilt ausgerechnet das jetzt als politische Korrektheit, wenn ich über die Dummheit und Unreflektertheit dummer und unrflektierter Menschen lache oder den Kopf schüttle? Am besten nicht immer gleich eingeschnappt sein!

Wenn Sie sich mit der Sprache befassen würden, würden Sie auch erkennen, dass Wörter eigentlich total sinnlos im Anfangsstadium sind und man ihnen nur einen Sinn gibt. Es kommt viel mehr darauf an, wie man etwas sagt, und weniger darauf, was man eigentlich sagt.

Unter dem Deckmantel der PC sind schon viele gute Argumente verschwunden. In Ihrem Kommentar scheinen Sie sich eher als geistige Elite profilieren zu wollen und dass Sie sich immer politisch korrekt unterhalten.

Sprache sollte meines Erachtens präzise formuliert sein und ja man darf auch mal Ausdrücke verwenden die so nicht politisch korrekt sind. Für mich ist es eher wichtig wie man etwas sagt und was man mit der Aussage meint und das durchaus ersichtlich aus der Aussage des Herrn Herrmann, auch wenn andere mal wieder ihre Fackeln rausgeholt haben.

Roberto Blanco ist schon oft (und zu recht, wie ich finde) der Vorwurf gemacht worden, er würde den wunderbaren Neger, den Jim Crow, für´s konservative Klatschpublikum geben. Wenn sich dann einer wie Hermann hinstellt, und genau das artikuliert, ist das halt einfach Realsatire und unglaublich witzig. Versteht nur nicht jeder.

Na wenigsten können Sie drüber lachen. Viele andere Menschen haben diese Aussage unreflektiert aufgenommen und unter dem Deckmantel der Political Correctnes aufs schlimmste verurteilt.

Übrigens verurteilen Sie genauso eine Person, dumm und unreflektiert zu sein. Sollten Sie sich mal Gedanken darüber machen.

Das mit der Realsatire kenne ich, jedesmal, wenn ich den Grünen im Bundestag zuhöre. DAS ist wirkliche Realsatire.

Wie das Ganze nun zu dem eigentlichen Thema passt, kann mir sicher auch keiner beantworten.

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