Die großen Fragen der Liebe Muss er sich die Vergangenheit schlechtreden lassen?

Aus der Serie: Liebeskolumne ZEITmagazin Nr. 41/2015

Die Frage: Eine Ehe kann auch dann gut gewesen sein, wenn die Partner nicht zusammenbleiben – das war bisher das Credo von Thomas und Frida, die sich nach zwölf Jahren Ehe und zwei Kindern scheiden ließen, weil sexuell nichts mehr zwischen ihnen lief – so die bisherige Interpretation ihrer Trennung. Beide sind berufstätig, sodass es keinen Streit um Unterhalt gibt. Thomas hat sich eine Wohnung in der Nähe seiner Ex-Frau gemietet; die Kinder übernachten mal bei ihm, mal bei Frida. Seit der Sohn mit Haschisch erwischt worden ist und in der Schule versagt, behauptet Frida plötzlich, ihre Ehe sei schon immer miserabel gewesen. Thomas habe sich nie richtig engagiert. "Ich war die ganze Zeit depressiv, kein Wunder, dass unser Kind krank geworden ist!"

Wolfgang Schmidbauer: Was wir erinnern, soll uns das Leben erleichtern und nicht beschweren. Im Fall eines Widerspruchs zwischen dem Bedürfnis nach Entlastung und der klaren Sicht auf die Vergangenheit gibt meist das Gedächtnis nach. Vielleicht zahlen Frida und Thomas den Preis für ihre Eitelkeit – sie wollten glücklich geschieden sein und den Schmerz verleugnen, der zu jeder tieferen Beziehung genauso gehört wie Freude. Frida sucht einen Sündenbock und findet ihn, indem sie eine Beziehung schlechtredet, die sie bisher gelungen fand. Aber Thomas ist so wenig verantwortlich für das Schulversagen und den Drogenkonsum des Sohnes wie Frida. Der Junge braucht eine Therapie und Eltern, die seine Selbstverantwortung fordern. Schuldzuweisungen stehen dieser Aufgabe im Weg.

Wolfgang Schmidbauer ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten. Was er in seiner täglichen Praxis erfährt, lesen Sie im Interview mit ZEIT ONLINE. Sein aktuelles Buch "Die deutsche Ehe" ist bei Orell-Füssli erschienen.

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