Ich habe einen Traum Wotan Wilke Möhring

"Die Überzeugung, fliegen zu können, hat mich lange begleitet"
Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 41/2015

Als Kind konnte ich fliegen. Davon war ich fest überzeugt. Ich erinnere mich an eine ganz konkrete Situation, in der ich geflogen bin: Ich war auf einem Kindergeburtstag, unter der Zimmerdecke schwebten Heliumballons. Ich bin dann hochgeflogen und habe die Ballons heruntergeholt – für mich war das in dem Moment total normal. Die Überzeugung, fliegen zu können, hat mich lange begleitet. Erst Jahre später ist mir klar geworden, dass es sich um einen Traum gehandelt haben muss. Gerade in der Kindheit verschwimmen ja die Grenzen zwischen Traum, Fantasie und realem Erleben. Für kleine Kinder ist die Traumwelt fester Bestandteil ihrer Realität, das erlebe ich zurzeit auch bei meinen drei Kindern.

Ähnliche Erfahrungen habe ich als Jugendlicher gemacht. Ich habe Bilder gesehen und Begegnungen gehabt, die mir wie Träume oder auch Rauscherfahrungen vorkamen. Manchmal wurden mir diese Vorstellungen auch zu viel, zum Beispiel in einer voll besetzten U-Bahn – diese ganzen Menschen mit ihren vielfältigen Geschichten haben mich regelrecht erschlagen.

Manchmal habe ich Kinder, denen ich begegnete, ganz deutlich als Erwachsene vor mir gesehen: Ich sah, was für Menschen aus ihnen werden würden, welche Wege und Irrwege sie einschlagen würden. Die Membran, die das, was wir Realität nennen, vom Irrealen trennt, ist sehr dünn. Gerade in meinem Beruf, in dem wir häufig Teile der Realität ausblenden oder sie ganz durch eine neue ersetzen.

Eine Zeit lang habe ich mich intensiv mit Träumen und deren Verarbeitung beschäftigt. Im Traum betreten wir eine andere Ebene der Wirklichkeit. Träume helfen uns nicht nur, die Ereignisse des Tages zu verarbeiten, sie beeinflussen auch unsere Stimmungen und Entscheidungen. Leider erinnere ich mich derzeit nur sehr selten an meine Träume. Wenn man drei kleine Kinder hat, sind die nächtlichen Traumphasen ziemlich kurz. Allerdings habe ich in den letzten Jahren immer wieder davon geträumt, dass meinen Kindern etwas zustößt. Dass ich sie nicht halten kann, sie auf die Straße laufen und von einem Auto erfasst werden. Solche Albträume kennt wohl jeder, der Kinder hat.

Man muss unterscheiden zwischen Träumen und Hoffnungen. Der Traum ist eine Idee aus einer anderen Ebene der Realität. Er kann mich motivieren, muss aber auch ein Traum bleiben dürfen.

Einer meiner konkreten Träume – eine Hoffnung also – ist, dass meine älteste Tochter sich in der Schule wohlfühlen wird. Ein anderer, dass Borussia Dortmund wieder Meister wird. Als Fan kann es sehr beglückend sein, Teil so eines großen Traums zu sein. Es ist pure Leidenschaft. Auch wenn man sich, wie in der vergangenen Saison, nach schlechten Spielen oft fragt, warum man sich das eigentlich antut. Der einzige Trost ist dann, dass man nicht der einzige Idiot ist, der sich Woche für Woche wieder großen Träumen und Hoffnungen hingibt.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

Kommentare

9 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

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Mal auf Ihre Anregung hin (Danke)"Ganz sachlich"!.
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Ich zitierte aus dem Steppenwolf (H.Hessen Weltliteratur) " Leichte Opiumpfeife hilft gegen Weltschmerz und Weltblähungen!
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Ich zitiere aus Carlos Castaneda( wie o.a.): Eine andere Wirklichkeit. "Drogen (Übersetzung, Zusammenfassung mehrerer Seiten) und Glauben sind Grundlage für das SEIN des Kriegers
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Ich zitiere aus Tontafeln > 3.000J. v.Ch. "Junge Leute sind übereifrig, kennen ihre Geschichte nicht und glauben alles, was ihnen geschieht, wäre zum ersten mal auf der Welt!
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Ich kann das auch in Keilschrift (es gibt einen Font dafür) aber ich will die Moderation. nicht über fordern.
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Nicht für ungut, olla arka (in meiner Muttersprache) und ein wenig mehr Offenheit und Spass an Sprache!
Sikasuu
(die akademischen Grade und Ehrenzeichen spare ich mir, in der Sauna sehen wir uns alle sehr (bis auf die kl. Unterschiede zw. XX-XY) ähnlich.)
GrinseGruesse
Sikasuu

Gekürzt. Kehren Sie zum Artikelthema zurück. Die Redaktion/ncg