Das war meine Rettung "In Israel konsumiert man Antidepressiva wie Süßigkeiten"

Die Theaterregisseurin Yael Ronen macht in einem alten Indianer-Ritual mystische Erfahrungen Ein Interview von

ZEITmagazin Nr. 41/2015

ZEITmagazin: Frau Ronen, Ihr neues Stück erzählt von Flüchtlingsschicksalen in Berlin. Wann sind Sie selber nach Berlin gekommen?

Yael Ronen: Ich lebe seit zwei Jahren hier, aber eigentlich bin ich gar nicht mit der Absicht gekommen, zu bleiben. Ich dachte, ich mache zwei Produktionen pro Jahr und pendle zwischen Israel und Berlin. Doch ziemlich schnell habe ich gemerkt, dass Berlin dabei ist, mein neues Zuhause zu werden.

ZEITmagazin: Wie kam es dazu?

Ronen: Es gibt verschiedene Gründe, einer davon ist mein Sohn. Er ging hier in Neukölln in die Kita, er lernte Deutsch, und ich merkte, dass meine Pläne, zwischen Israel und Deutschland zu pendeln, damit nicht zusammenpassten.

ZEITmagazin: Wie alt ist Ihr Sohn jetzt?

Ronen: Er wurde gerade eingeschult. Damit ist völlig klar: Er wächst als deutsches Kind auf.

ZEITmagazin: Als deutsches Kind, sagen Sie?

Ronen: Ja. Es ist nicht nur die Sprache. Er wird andere Sachen im Geschichtsunterricht lernen. Die Lieder, die er vor sich hinsummt im Badezimmer, sind deutsche Lieder. Er kennt die Namen deutscher Fußballspieler, nicht die israelischer.

ZEITmagazin: Und Sie bedauern es nicht, dass er damit auch von israelischen Traditionen abgeschnitten ist?

Ronen: Vielleicht bin ich sogar erleichtert, denn er ist halb israelisch, halb palästinensisch, da war es ohnehin immer die Frage, was man ihm vermitteln sollte. In religiöser Hinsicht bin ich geradezu erleichtert, seinen Kopf nicht mit diesem ganzen Bullshit belasten zu müssen. Mein Sohn ging in Neukölln in eine sehr internationale Kita, da spielten all diese Identitätsfragen keine Rolle.

ZEITmagazin: Wo haben Sie Ihren palästinensischen Ehemann kennengelernt?

Ronen: Bei einer Produktion in Israel, in der es natürlich um das israelisch-palästinensische Verhältnis ging. Auf dieses Thema komme ich alle paar Jahre wieder zurück.

ZEITmagazin: Ist es einfacher, ein israelisch-palästinensisches Paar in Berlin zu sein als in Israel?

Ronen: Es ist definitiv viel leichter. In Israel ist es ein Riesenproblem, wenn eine Israelin mit einem Araber zusammen ist. In Deutschland gibt es viel mehr Indifferenz. Das gilt auch für meine Theaterarbeit. Es wäre rechtlich, physisch und psychisch einfach nicht möglich, mit syrischen Flüchtlingen zusammen Theater in Israel zu machen.

ZEITmagazin: Und wie sind Ihre Gefühle gegenüber Israel?

Ronen: Ich bin immer noch ungefähr dreimal im Jahr dort, und es wird immer mehr ein Land, in dem ich nicht leben möchte. Es wird immer undemokratischer, immer rassistischer, immer schamloser und immer rechtsextremer. Wenn du nur noch dreimal im Jahr zu Besuch kommst, springen dir diese negativen Veränderungen stark ins Auge. Mein Leben in Israel war gut, aber es ist nicht mehr das Land, das ich verlassen habe.

ZEITmagazin: Ist Deutschland Ihre Rettung?

Ronen: Nein, das gewiss nicht. Meine Rettung war etwas ganz anderes. Mir ist es ein bisschen peinlich, darüber zu reden, denn es klingt sehr nach New Age und Spiritualität. Aber es hatte eine große Auswirkung auf mein Leben. Mitte der neunziger Jahre bin ich durch Peru gereist, und da stieß ich auf eine brasilianische Religionswissenschaftlerin, die an der Uni von Lima über Ayahuasca-Zeremonien forschte. Ayahuasca ist ja mittlerweile auch im Westen sehr trendy. Es ist ein halluzinogener Sud, um den sich vor allem im Amazonas-Gebiet ein religiöses Ritual aufbaute. Eine tranceartige Gruppenerfahrung mit Musik und einem Schamanen. Sie kann eine ganze Nacht dauern, ist sehr emotional und öffnet auf erstaunliche Weise dein Unterbewusstsein. Meine Erfahrung ist: Eine Ayahuasca-Nacht bringt mehr als zehn Jahre Psychoanalyse ...

ZEITmagazin: Schwer zu glauben. Redet man dabei mit den anderen Teilnehmern?

Ronen: Nein, aber man hat auf magische Weise einen Zugang zu ihnen. Du bist mit ihnen verbunden, du spürst ihre Visionen. Das Gute an der Sache ist: Du musst nicht daran glauben, es passiert einfach. Und dann spürst du, dass die Welt ein viel mystischerer Ort ist, als du je gedacht hast.

ZEITmagazin: Haben Sie dadurch noch andere Einsichten gewonnen?

Ronen: Ein Gefühl von Einheit, das Gefühl, dass die ganze Welt ein organischer Körper ist. Früher habe ich Tabletten genommen, Antidepressiva sind sehr verbreitet in Israel, man konsumiert sie wie Süßigkeiten. Da ist Ayahuasca viel besser, weil es an die Wurzeln deiner Ängste und Schmerzen geht.

Das Gespräch führte Ijoma Mangold. Er gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, dem Psychologen Louis Lewitan und Evelyn Finger zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe

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