© JP Yim / Getty Images

Diane von Furstenberg Alles wagen!

Diane von Furstenberg war das It-Girl der sechziger Jahre, sie hat das Wickelkleid erfunden, eine Ikone der Mode wie sie selbst. Jetzt hat sie ihre Autobiografie geschrieben. Ein Besuch in New York bei einer Legende Von
DIE ZEIT Nr. 42/2015

Damit keine Missverständnisse aufkommen – Diane, wir dürfen Diane sagen? –, Diane ist eine Frau, die im Leben nichts, gar nichts ausgelassen hat. Schon die Ouvertüre ist dramatisch – die Tochter einer Auschwitz-Überlebenden! Eine junge Belgierin wird in Brüssel als Résistance-Verdächtige von den Nazis verhaftet und bekennt sich als Jüdin, um der Folterung zu entgehen, Lily wankt, abgemagert bis auf die Knochen, 1945 mit der Nummer 5199 aus dem KZ um, nur ein Jahr später, die schönste Mama aller Mamas werden. Die Mama von Diane. Jedes Jahr bis zu ihrem Tod, so notiert es Diane von Furstenberg in ihrer Autobiografie, die jetzt auf Deutsch erscheint, wird ihr Mama ein Kärtchen zum Geburtstag schicken mit den Worten: "Gott hat mein Leben gerettet, damit ich Dir Dein Leben geben konnte" – voilà, die göttliche Empfängnis!

Eine unendlich behütete Kindheit. Beste Brüssler Society. Papa Leon, ein aschkenasischer Jude aus Moldawien, kutschierte das Töchterchen im nachtblauen Chevrolet Impala durch die Stadt. Internat in der Schweiz, Boarding-School in England, Sommer an der Côte d’Azur, dort natürlich: Party, Party, Party! Auf der Tanzfläche drehten sich Gunter Sachs und Brigitte Bardot und eben Diane, es waren die herrlichen sechziger Jahre, viel Sex und noch kein bisschen Aids. Ein bisschen Modelling in Paris, Skilaufen in Cortina d’Ampezzo, und da hatte sich Diane auch schon Egon geangelt, einen Prinzen, Egon von Fürstenberg, deutscher Hochadel. Haus aus dem 13. Jahrhundert. Schloss in Donaueschingen. Hochzeit 1969. Sie tingeln um die Welt, Angkor Wat, Bangkog etc., endlich Park Avenue, New York. Zwei Kinder. Dann Scheidung. Und irgendwo zwischendurch, etwa zwischen dem wahnsinnigen Ball von Cecil Beaton und dem Dinner für Stanley Kubrick, oder war es Diana Vreeland, jedenfalls 1974 hat Diane das Wrap Dress erfunden, das Wickelkleid aus kühlem italienischem Seidenjersey, das zur Ikone einer Epoche wurde, was heißt Epoche, eines halben Jahrhunderts.

Millionenfach verkauft, in nur zwei Jahren. Millionen verdient, und sie nur 29 Jahre jung. Dann, vier Jahre später, Pleite. Alles aus. Und viele Eskapaden und Lover und Jachten und ein wenig Krebs, später, mit 50 Jahren, hat sich Diane von Furstenberg neu erfunden, und wenn sie jetzt, in dieser Autobiografie, auf ihr Leben zurückblickt, auf sich, auf die Kinder, die Lover (Charlie, Vanni, Sohrab, Lucio, Vlady, Jas. Warren wie Warren, Ryan. Richard wie Gere, Barry wie der Medientycoon Barry Diller. Paulo. Alain. Arrow and Ranger, hupps, das waren jetzt die Collies), zurückblickt auf ihr Landhaus Cloudwalk, auf die Welt-Firma DvF – da kann sie von sich sagen – nichts hat sie ausgelassen. Bis natürlich auf die beiden Pünktchen auf dem u in Fürstenberg, weshalb es jetzt Furstenberg heißt, ohne Pünktchen. Schien praktischer, in New York, wo ja man Üs gar nicht kennt. Und sich sowieso beim Vornamen nennt, wie in: "Hi, I’m Diane."

Sie ist ihrem Gast bis zum Ende der Treppe entgegengekommen. Die breite weiße Treppe schwingt sich in einem Bogen vom ersten Stock des New Yorker DvF-Headquarters hoch, man geht zwischen glitzernden Metalldrähten, an denen glitzerndes Glas hängt, vorbei an einer ganzen Flotte von Dianas, Diana in Gelb, in Rot, in Blau, in Pink, alles Andy Warhol und natürlich die Diane von Julian Opie. Es ist wie der Aufstieg in ein Raumschiff. Und da ist sie, herausgetreten aus dem riesigen, als Glaswürfel konzipiertem Salon, und steht in der doppelflügeligen Tür, auf diesem getigerten Teppich, wie eine kleine Skulptur, an einer antik wirkenden Kommode abgestützt. Sie hat die Patina einer Lady von 68 Jahren und trägt ein Kleid aus der Kollektion Rebel Princess ("weiblich mit einem Hauch von Boheme" ). Sie gibt die Prinzessin und ist doch absolute Herrscherin dieses sechsstöckigen New Yorker Headquarters: Location 440 West 14th Street. Das ist im angesagten Meatpacking District, wo vermutlich jeden Morgen ein Hauch von Verwesungs-Parfüm über dem Kopfsteinpflaster versprüht wird, damit zwischen den Flagship-Stores der Modeszene etwas Echtes in der Nase liegt, etwas Bluttriefendes, Rohes, Schweißiges, Männliches. Oben in Dianes Glaswürfel ist natürlich alles super fresh und weiblich.

DvF, wie sie auch genannt wird, Jahr 2001 vor einem Siebdruck, den Andy Warhol in den Siebzigern von ihr gemacht hat. © Gabe Palacio

Rechts an der Wand schürzt ein Sofa lasziv seine roten Satin-Lippen, darüber ein Bild, natürlich Diane. Links ein zweites tiefes, weiches Sofa, darüber – wieder Diane. Entlang der umlaufenden Fensterfront des Glaswürfels sind Bilder aufgestellt, Fotos stehen neben und vor und hinter Fotos, Stapel von Fotos, sehr viele Fotos von Diane. Ich weise auf ein Bild, das ein junges Mädchen mit Korkenzieherlocken zeigt, und sage: "Aber das ist jetzt Ihre Tochter, oder?" Und Diane ruft: "Das? Nein! Das bin ich!", und wir zanken ein bisschen herum, bis die Pressefrau nachdrücklich sagt: "Diane, es ist Ihre Tochter!"

Wir nehmen Platz auf dem tiefen Sofa, was heißt Platz nehmen. Ich sitze, Diane setzt sich neben mich, sie fläzt sich in die Kissen, sie wird sich so weit zu mir herüberbeugen, dass sich unsere Köpfe fast berühren, als wären wir Girlies aus derselben Klasse ("Ziehe ich mich gerne an? Na ja, Egon hat mich ermutigt, mich rauszuputzen, ich war nicht sooo leidenschaftlich modebewusst ..."), den Kopf auf die schönen Hände gestützt, während die Beine sich aus dem Kleid herausstrecken, es sind sehr lange, braune, sorgsam mit Hunderten von Sommersprösslein betupfte Beine, ihre Augen streichen über die Beine, an deren Ende die rot lackierten Nägel klimpern, als wollten sie der Chefin bei der Wortsuche behilflich sein. Diane zieht die Beine unter sich, sie sagt: "Die Wahrheit ist, ich hätte in tausend Jahren nicht gedacht, dass ausgerechnet ich ein Fashion-Statement machen würde. Aber jetzt, wo ich zurückschaue, kann ich sehen, dass ich es tat. Und mehr. Das Wickelkleid ist 40 Jahre alt, und noch immer lebt es!" Wieso eigentlich? Sie sagt: "Weil es sexy ist und gleichzeitig angezogen und Kraft ausstrahlt. Die Sorte Kleid, mit dem du den Mann verführst und seine Mama nichts dagegen hat."

Diane zauselt mit der Hand ihre Mähne. Den letzten Satz sagt sie immer gerne. Auf dem Tonband wird man später, wie ein Glöckchen, das helle Klirren ihrer breiten silbernen Armbänder hören, wie Kichern unter der rauchigen Stimme. Sie ist die verführerischste Spätsechzigjährige, die man je gesehen hat, mit Ausnahme von Helen Mirren vielleicht. Sie sagt: "Stellen Sie sich vor, der Regisseur Almodóvar hat dieses Kleid benutzt, als seine Hauptfigur, die ein Mann war und ihr Geschlecht umwandeln lässt, ihren ersten Auftritt als Frau hat. Im Wickelkleid!"

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 42 vom 15.10.2015.

Michelle Obama trug ein Wrap Dress für das erste offizielle Weihnachtsfoto vor dem Weißen Haus. Ingrid Betancourt kaufte sich, nachdem sie aus der Geiselhaft im sumpfigen brasilianischen Urwald befreit war, erst mal ein Wrap Dress. Amy Winehouse trägt ein Wrap Dress auf dem berühmten Foto, das sie wenige Tage vor ihrem Tod zeigt. Kate Middleton ist Wrap-Dress-Trägerin, Wrap-Dress-Trägerinnen sind die Tochter von Mick Jagger und Gloria Steinem, die große amerikanische Feministin. Michelle wählte übrigens das klassische Kettenmuster in Weiß, Ingrid entschied sich listig für Camouflage in Pink. Amy trug ein sirrendes Streifenmuster in Blau-Schwarz.

Eine Form, in Abertausenden von Mustern. Böse Zungen sagen: Diane von Furstenberg sei gar keine Designerin. Nun, sie ist keine Intellektuelle wie Miuccia Prada. Sie ist auch nicht, wie Phoebe Philo von Celine, Avantgarde. Nicht experimentell wie Dries Van Noten. Furstenberg ist vor allem sinnlich. Ihr Wrap Dress, noch immer das Herz aller Kollektionen, schmiegt sich an, es bewegt sich mit jeder Bewegung. Das Wrap Dress wirkt edel, selbst wenn es die Brüste freigibt. Man kann es offen bis zum Bauchnabel tragen, so wie Jerry Hall, und so tun, als habe man das gar nicht bemerkt. Diane trägt auf alten Bildern ihr Söhnchen auf der Hüfte, zu einem Wrap Dress aus Schlangenimitat, mit tief hängender Perlenkette. Mit einem Wickelkleid kann man im Schneidersitz meditieren oder in den Armen eines Latin Lovers Tango tanzen, ein Ruck, und wusch, weg ist es. Das Wrap Dress ist das unzüchtigste society-taugliche Kleid der Fashion-Welt, seit Coco Chanel das kleine Schwarze erfunden hat, das auch elegant aussieht, aber nie so liederlich wie das Wrap Dress. Das Wickelkleid ist the missing link zwischen der guten Gesellschaft der Fünfziger und der Libertinage der Sechziger, ein Traum von Unabhängigkeit, ist vorweggenommener Pragmatismus der eiligen CEO-Lady.

Die verführerischste Endsechzigerin seit Helen Mirren. Hier macht Diane von Furstenberg ein Selfie mit Instagram-Gründer Kevin Systrom. © Larry Busacca / Getty Images

Fragt man Diane, die natürlich seit den sechziger Jahren sehr viele Kollektionen hinter sich gebracht hat, wie viele Wickelkleider in ihrem Schrank hängen, winkt sie ab. Sind umgezogen ins Archiv. Man müsse für ein Wrap Dress eine winzige Taille haben. Sie selbst sei in der dritten Lebensphase angekommen, weshalb sie zurückschaue und auch dieses Buch geschrieben habe und darin ein Muster in ihrem Leben erkenne. Sie sagt: "Ich bin besessen von der Idee der Kohärenz. Irgendwie, obwohl ich es selbst nicht wusste, konnte ich die Frau werden, die ich werden wollte. Es ist wunderbar, das zu erkennen, in meiner Arbeit, als Mentorin, in meinen philantropischen Projekten. Ich habe ein solches Glück, dass es alles einen Sinn ergibt." Welchen? Sie sagt: "Wenn Sie Erfolg haben, und ich hatte sehr früh Erfolg, dann bekommen Sie zwei Dinge: finanzielle Unabhängigkeit und innere Unabhängigkeit." Ich sage, das habe auch schon Virginia Woolf in Drei Guineen geschrieben, und sie sagt: "Sie sehen ein bisschen aus wie Virginia Woolf", und ich sage, vielleicht vor 20 Jahren. Wir lachen.

Sie sagt: "Unabhängigkeit ist so wichtig. Und wenn Sie die haben und eine Stimme, dann ist es Ihre Pflicht und Ihr Privileg, Ihre Stimme für Menschen einzusetzen, die keine Stimme haben." Ist das jetzt missionarisch? "Ja! Ich werde mich in Zukunft mehr und mehr für Frauen einsetzen." Es stehe nicht gut um die Frauen. Es gebe einen schwunghaften Handel mit Frauen. Sie würden in Käfigen verkauft, an vielen Orten hätten Frauen keinerlei Rechte. "Wer, wenn nicht ich, die alles geschafft hat, könnte Frauen ein Vorbild sein?"

Es wirkt ein wenig so, als starte sie durch in dieser ur-amerikanischen Sport-Disziplin der Weltverbesserung. Erst die Selbsterfindung, nach dem bewährten Muster from rags to riches, und dann den Rest der Menschheit auf Vordermann bringen. Aber Furstenberg beschreibt in ihrer Autobiografie über viele Seiten, und immer wieder darauf zurückkommend, wie sie dieses Muster von ihrer Mutter übernommen hat, was heißt übernommen, wie Lily es ihr einbläute, bis zur Schmerzgrenze, wie man das Leben meistert, gerade angesichts von großem Schrecken. Alles wagen! Nie nachgeben! Oder zittern! Ob sie nicht auch ein wenig glaubt, dass sie diese Fertigkeit, das Selbstvertrauen, mit den Genen bekam? "Nein! Es ist ein Lernprozess. Man muss nur eine gute Beziehung zu sich selbst herstellen. Es geht nur, wenn Sie mit sich selbst streng umgehen. Man muss sich herausfordern. Man muss sich selbst gegenüber ehrlich sein, sich der Wahrheit über sich stellen." Ich wende ein, dass das die meisten überfordert. Legt nicht der typische New Yorker deshalb wöchentlich Besuche beim Therapeuten ein? Protest! "Ich habe nie eine Frau getroffen, die nicht stark gewesen wäre." Aber doch viele, die sich als Opfer erleben? Papperlapapp! "Wenn eine Tragödie passiert, sind es wundersamerweise immer die Frauen, die es wieder hinkriegen."

Wohl wahr. Jedenfalls, was sie selbst betrifft. Nach der Pleite die Firma wie ein Phönix wieder aufgestiegen. Jahresumsatz: so 200 Millionen Dollar oder mehr. Ein Gesicht, das eine Ikone ist, in seiner Jugend vervielfältigt in den Bildern von Horst P. Horst, den Aufnahmen von Helmut Newton, von Peter Lindbergh verewigt und nun, in Aufnahmen von François-Marie Banier, von Zhang Huan, abertausendfach vervielfältigt – die intensiven Augen, die Mähne, die Skulptur des Gesichtes, die man in Amerika auch die berühmtesten Wangenknochen nach Mount Rushmore nennt. Wie fühlt es sich an, überall seiner jüngeren Imago zu begegnen, wie erlebt sie das Alter? Sie sagt: "Es dahin gebracht zu haben, älter zu sein, ist ein Triumph. Die einzige Art, seine Jahre zu tragen, ist es, sie mit Stolz zu tragen. Junge Leute können nicht so sicher sein, dass sie es schaffen. Aber Sie, Sie wissen genau, dass Sie es geschafft haben. Es ist, wie es ist."

Auch die Duchess von Cambridge, Kate, trägt bevorzugt Diane von Furstenbergs modische Ikone: das Wickelkleid. © Brendon Thorne / Getty Images

Wie es so ist, hat sie ihre Firma in diesem Frühjahr an einen jungen Mann übergeben, Paolo Riva. Sie ist oft in Cloudwalk, dem Landhaus, wo sie ihre Kinder großgezogen hat, sie liebt es, alleine zu sein. Alles da, Archiv, die Fotos, Erinnerungen, mehr als alles. Sie sagt, sie habe, seit sie 29 wurde und diesen Erfolg hatte, darüber nachgedacht, wo sie begraben sein wolle, und vor einigen Jahren eine Erlaubnis beantragt, in Cloudwalk einen Friedhof anzulegen. O je, schnell ein kleines Brainstorming, bevor sich der Himmel verfinstert.

Sinnlichkeit? Sie sagt: "Körpersprache."

Schwäche? "Furcht?"

Furcht? "Furcht ist inakzeptabel!"

Kontrolle? (Lange Pause.) "Kontrolle. Also Kontrolle ist ein trickreiches Wort. Man ist ja nie sicher, ob man alles unter Kontrolle hat. Weil, wissen Sie, man könnte ja jeden Moment sterben. Also, ich mag das Wort nicht. Ich meine, ich liebe es, die Kontrolle zu haben. Aber ich mag das Wort wirklich nicht, ich meine, man kann sein Bestes geben, aber am Ende kann man doch nie sicher sein, ob man alles unter Kontrolle hat."

Am Ende gucken wir noch ein Bild an. Es ist ein gerahmter Ausriss aus einem alten Magazin, es zeigt Dianes ersten öffentlichen Auftritt in einer Zeitung, man sieht die Fünfjährige mit Maman, wie sie in Basel auf den Orientexpress warten, an einem kalten, nebeligen Novembertag im Jahr 1952. Ein Mädchen im Schutz des zum Zelt aufgeschlagenen Mantels der Mutter. Man sieht nicht, dass die Mutter schwanger ist. Man sieht nicht, was vorgeht in Lily, die erst sieben Jahre zuvor den Nazis entkam. "Stellen Sie sich vor, was die rangierenden Züge auf diesem Bahnhof, die gerufenen deutschen Worte und Befehle in ihr auslösen", sagt Diane von Furstenberg. "Sie weiß, dass sie fotografiert wird, aber sie sieht nicht hin. Sie weiß, sie sieht toll aus, mit ihrem Mantel, der Krokodiltasche. Sie hat ein Kind bei sich und in sich ein Baby. Nie würde sie Furcht zeigen." Eleganz und Haltung. So fing wohl alles an.

Kommentare

6 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren